treibgut im spülsand der salzach

dieser text ist ein fb-posting vom 21.7. nachts. zahlreiche reaktionen zeigen mir, dass das thema viele bewegt. deshalb hier nochmals in meinem blog.

wunderschön – die stimmung an einem lauen sommerabend – in der menschenrechtsstadt salzburg. idyllisch der blick vom franz-josef-kai nahe der eisenbahnbrücke in mülln richtung innenstadt. wer dort stehen bleibt hört romantische abendgespräche wie „des sans, de bettla, vastinkn de gaunze stod“ oder „egal ob in italien, spanien oder hier, wons kane schwoazn san, dann sans zigaina“ oder „organisierte banden deafn do schlofn, frechheit“.

wie es sich für eine menschenrechtsstadt gehört, werden die armutsreisenden in dieser stadt… nein. eben nicht. anderer text:

es passt gelinde gesagt ganz und gar nicht zu einer menschenrechtsstadt, dass menschen tatsächlich unter freiem himmel nächtigen müssen, dort ihre wäsche waschen und trocknen, dort essen und sich schlafen legen. für manche passanten ist es ein befremdlcihes schauspiel, für andere anlass zu obigen kommentaren. beschimpfungen und beleidigungen inklusive. nicht jede nacht ist lau und mild. es gibt auch kalte, eiskalte und nasse nächte.

es passt ganz und gar nicht zu einer menschenrechtsstadt, dass menschen menschenunwürdig behandelt bzw. in stich gelassen werden. aber in einer unsolidarischen gesellschaft braucht es das bild von „gescheiterten“, um das narrativ jener gerechtigkeit aufrecht zu halten, in der es um belohnung für leistung geht. wer nichts im sinne einer kommerzialisierten welt „leistet“, wird treibgut im spülsand der salzach.

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foto: bernhard jenny lic cc by

2 jahre einer unglaublichen geschichte

am 31.5.2018, es war feiertag, erreicht mich eine nachricht. ali wajid war gerade auf befehl des ponyzeiministers verhaftet worden, er schickte hilferufe per sms aus dem fahrenden polizeiauto. ali wajid war für den geschmack des unministers mit abriegelungsphantasien zu positiv aufgefallen: aus den koalitionsverhandlungen im land salzburg zwischen der haslauer-övp, den grünen und den neos war durchgesickert, dass sich die neue landesregierung gegen die abschiebung von lehrlingen aussprechen will.

die wohlwollende presse hatte ein ideales illustrationsbild gefunden: ali wajid als lehrling im argebeisl, also in der argekultur. dieses positive bild gefiel im innenministerium nicht. der oberste ponyzist nahm ali wajid in sein fadenkreuz und verlangte dessen umgehende abschiebung. noch am gleichen tag gelang es, ali wajid aus der schubhaft herauszuverhandeln. das war der anfang einer langen erfahrung, die niemand ahnen konnte, wie lange sie dauern würde, was sie mit sich bringen würde und wie sie enden würde.

es würde den rahmen dieses blogs sprengen, alles aufzuzählen. die unglaublichen irrsinnigkeiten der behördlichen schikanen des innenministeriums, des BFA und vieler anderer, die noch viel beeindruckendere solidarität von menschen, die sich mit ali wajid solidarisch erklärten und sich für eine lösung einsetzten. die unendliche zahl von gesprächen, von offiziellen, von inoffizielle und geheimen gesprächen, das wiederholte erleben von interventionen und drohungen, von beschattung und überwachung, von unterstützung und tatkräftiger hilfe.

erzbischof franz lackner, erzabt korbinian birnbacher, alois dürlinger und die klostergemeinschaft in der erzabtei st.peter ermöglichten die entscheidende sicherheit für ali wajid, die ihn vor mehreren versuchen der abschiebung durch den ponyzisten schützte.

die solidarität mit ali wajid aus der bevölkerung war beeindruckend. da protestierten menschen für ali, da spendeten zahlreiche menschen für ihn, da versuchten viele in gesprächen und emails nach lösungen zu suchen.

auch der bundespräsident alexander van der bellen war laufend vom stand der dinge informiert und wünschte sich bereits im juli 2018, dass die sache für ali wajid gut ausgehen möge. (hier gemeinsam mit martina berthold auf dem gaisberg, bild:bernhard jenny)

schliesslich wurden daraus: ein monat alle 48 stunden bei der polizei melden, sieben monate kirchenasyl, acht monate exil in kenia und dann im oktober 2019 die rückkehr als studierender an die universität salzburg.

es war am ende ein unglaublicher kraftakt, die lösung für ali wajid – trotz aller vorhandenen voraussetzungen – auch wirklich in die konkrete tat umzusetzen. ohne den einsatz von doraja eberle, die bereit war, stunden und tage gemeinsam mit uns in unzählige gespräche mit ansprechpartner*innen in den behörden zu investieren und ali bei der ermöglichung der einreiseauflagen zu unterstützen, wäre dieses positive ende nicht möglich gewesen.

was wissen wir nun nach zwei jahren?

  • wir wissen, dass es sehr gut ist, dass der ponyzist nicht mehr im amt ist.
  • wir wissen, dass es eine sehr breite und durch alle gesellschaftlichen bereiche gehende solidarität mit menschen gibt, die wie ali wajid einen beitrag in unserer gesellschaft leisten.
  • wir wissen, dass es dennoch sehr viele gibt, die genau das stört und alles tun, um xenophobie und rassismus ungehindert auszuleben.
  • wir wissen aber auch, dass mit sehr viel einsatz und vernetzung vieles zu überwinden ist.

ali wajid ist zu einem symbol geworden, dass es auch gut gehen kann. das gibt vielen menschen hoffnung.
aber wir dürfen nicht vergessen, dass es für viele nicht gut gegangen ist. viele wurden und werden abgeschoben. viele haben aufgegeben, viele mussten in anderen ländern untertauchen. und vielen werden die menschenrechte einfach verwehrt. sei es an den aussengrenzen europas, sei es innerhalb europas in lagern wie moria, sei es durch unerfüllbare auflagen für die praktisch nicht realistische einreise von asylsuchenden menschen.

hinter uns liegen 2 jahre der besonderen erfahrungen.
2 jahre der anstrengungen und der wertvollen momente.

2 jahre einer unglaublichen geschichte

 

ps. ali hat im februar sein studium antreten können und hätte auch bereits einen guten arbeitsplatz gefunden, der auch vom AMS bereits genehmigt war. nur ist das genau zu jenem zeitpunkt gewesen, als corona auch den arbeitsplatz wieder vernichtet hat.

 

 

 

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bild: orf screenshots (3), privat (5), michael hudelist (1)

so viel kultur muss sein. hoffentlich.

der tätigkeitsbericht der ARGEkultur für 2019 ist fertig. vermutlich hat nicht einmal harald welzer geahnt, wie sehr die headline „bye bye welt wie wir sie kannten“ nun in diesen tagen aktuell sein würde. jedenfalls tut es gut, sich die veranstaltungen des vergangenen jahres nochmal vor augen zu halten! hier das vorwort des vorstands zum rückblick und viel spass beim blättern (download unten)

von albert einstein gibt es viele zitate – ein kaum bekanntes ist dieses: „wenn eine idee am anfang nicht absurd klingt, dann gibt es keine hoffnung für sie.“

was das mit der ARGEkultur zu tun hat? wir sehen einsteins gedanken als inspiration für unseren programmatischen, humanistischen und interdisziplinären auftrag, kulturen aller art wertzuschätzen, zuzulassen und zu pflegen. von der eigentlich selbstverständlichen förderung des demokratischen verständnisses eben ganz und gar nicht zu schweigen.

von dieser hohen latte inspiriert, haben wir mit einem phantastischen team unter der leitung von daniela gmachl und sebastian linz 2019 dementsprechend auf neue, aber natürlich auch bewährte art unsere bühnen und räume bespielt und vielen ambitionierten und interessierten menschen tag für tag möglichkeiten geboten, sich musikalisch, tänzerisch, dramaturgisch, satirisch, literarisch, grenzübergreifend und zukunftsorientiert zu präsentieren, beziehungsweise diese ideen und darbietungen zu genießen.

ein highlight der veranstaltungsreihe fempowa rund um den weltfrauentag (8.3.) war auf einladung des vorstands der abend (netz-)gewalt und widerstand. drei frauen – neben der nationalratsabgeordneten sigrid maurer die aktivistinnen jolanda spiess-hegglin (schweiz) und anne roth (deutschland) – berichteten von ihren digitalen wie analogen erfahrungen mit gewalt und sexismus und stellten praktische beispiele des widerstands und des empowerments vor.

neben vielen anderen institutionen und initiativen hat die ARGEkultur die erklärung die vielen unterzeichnet, eine kampagne mit dem ziel gemeinsam mit zahlreichen weiteren kulturinstitutionen, kulturakteur*innen und verbände klare zeichen gegen rassismus und diskriminierung und für eine gerechte, offene und solidarische gesellschaft zu setzen. (die vollständige liste der unterzeichner*innen auf dievielen.at)

inhaltliche positionierung und strategische planung sind für die ARGEkultur ein unverzichtbares dauerthema: eine sich laufend wandelnde gesellschaftliche gemengelage braucht stets eine aktuelle und bewusste standortbestimmung, sowie gemeinsame zielvorstellungen. dabei wollen wir auch die gemeinschaft der hausnutzer*innen fördern und sichtbar machen.

in diesem und im kommenden jahr gibt es gelegenheit, mit blick auf die herkunft und wurzeln der ARGEkultur visionen für die nächsten jahrzehnte zu entwickeln: 2020 feiern wir 15 jahre ARGEkultur im neuen haus, 2021 werden wir 40 jahre ARGEkultur entsprechend begehen. wie sieht eine ARGEkultur in 15 oder in 40 jahren aus?

es sind sehr viele menschen, die täglich zum gelingen der ARGEkultur beitragen. das ist nicht selbstverständlich, sondern ergebnis engagierter arbeit. manchmal sichtbar, sehr oft aber auch im hintergrund und kaum beachtet, leistet ein großes team täglich sehr viel, damit unser haus ‚funktioniert‘. dadurch kann die ARGEkultur reibungslose veranstaltungen bieten und sich immer wieder neuen ideen und projekten widmen und dabei eine spürbare – vertraute? – atmosphäre entwickeln. danke!

der vorstand sieht sich gemeinsam mit der kaufmännischen geschäftsführerin, dem künstlerischen geschäftsführer und dem gesamten team gefordert, auch für die zukunft die ARGEkultur als ort der begegnung, des kritischen diskurses und der beheimatung einer offenen gesellschaft zu begreifen. im sinne albert einsteins: wir suchen immer wieder die absurdesten ideen! viel spaß also beim blättern, lesen und staunen.

der vorstand
alice krenn, bernhard jenny, claudia seiser, mark schneider, sabine stadler

ARGEkultur_Jahresbericht_2019_web-1

hier gehts zum direkten download des tätigkeitsberichts 2019

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bild: joe amersdorfer / ARGEkultur

auf die nahversorger nicht vergessen! (#corona #09)

in zeiten wie diesen wissen wir wieder genauer, was wirklich wichtig ist. dazu gehört die versorgung mit lebensmitteln. und gerade dabei kommt es auch auf die qualität an. UND nicht zuletzt: auf die regionalität, auf die sorgfältige auswahl von produkten aus betrieben der umgebung.

die nahversorger*innen spielen dabei eine unglaublich wichtige rolle. exemplarisch sei hier das muspelhaus.at in salzburg riedenburg erwähnt. heinz odehnal versteht es, die palette der bioprodukte meisterhaft zu „kuratieren“: da wird spürbar, dass hinter jedem ausgewählten produkt eine überlegung steckt bzw. eine beziehung von herkunft und händler. es ist eben nicht egal, woher und wie die produkte kommen. und wie sie in summe ein spürbares ganzes ergeben.

solche nahversorger kamen heute in der rede des bundeskanzlers nicht vor. die ausgerufene pflicht einer mund-nasen-maske im lebensmittelhandel wurde fast selbstredend mit den üblichen supermarkt-ketten in verbindung kommuniziert. ja, so wird vielleicht eine breite masse erreicht. und klar, konzernzentralen mit der distribution der masken zu beauftragen, ist einfach.

auch das fernsehen greift dann schnell das wording der regierung auf und plötzlich denken alle nur mehr an die supermärkte. supermärkte. supermärkte. da wurden aber viele vergessen, oder?

heinz odehnal vom muspelhaus versucht seit heute mittag verzweifelt herauszufinden, wie er an entsprechende masken kommen kann. es kann nicht sein, dass der erlass automatisch nur die ketten berücksichtigt und die kleinen nahversorgungsbetriebe überfährt.

natürlich beliefert muspelhaus.at auch kund*innen auf bestellung direkt. aber vielen ist der direkte gang in den laden immer noch lieber. und das ist auch eine qualität.

der appell an die regierung daher:
auf die nahversorger nicht vergessen!

dank allein reicht nicht. (#corona #03)

hinsehen, wahrnehmen, lernen. das ist jetzt angesagt. unzählige beispiele in diesen krisentagen lassen uns erleben, wem wir das weiterfunktionieren trotz ausnahmezustands zu verdanken haben. schön, dass es applaus-aktionen gibt, schön dass es zahlreiche dankesbekundungen gibt.

wir haben eine hochbetagte freundin im herz-jesu-heim, salzburg riedenburg. die persönliche betreuung dort ist wirklich immer schon sehr gut und um echte zuwendung bemüht. seit der schliessung der senior*innen-heime herrscht natürlich auch dort ein entsprechender ausnahmezustand. in persönlichen telefonaten hat bereits am anfang der quarantänezeit die leitung des hauses alle angehörigen über die sachlage informiert.

nun aber macht sich das team des hauses auch noch die mühe, in ausgedehnten telefonaten nachzufragen, wie es nun denn mit der kommunikation zwischen uns und der freundin klappen würde, ob es probleme gäbe und welchen eindruck wir hätten. da nimmt sich ein team in krisenzeiten deutlich zeit für ein echtzeit-qualitätsmanagement, da wird überprüft und aktiv nachgegangen, damit kein problem übersehen wird.

das verdient beachtung! exemplarisch für viele andere landesweit sei hier der dank an das personal im herz-jesu senior*innen-heim öffentlich formuliert! doch dank allein reicht nicht.

too big to fail ist nun endgültig widerlegt. unsere gesellschaft zeigt in der krise, auf wen es im ernstfall wirklich ankommt. der begriff „held*innen des alltags“ trifft es meiner meinung nach nicht, denn es ist weder ein „alltag“, den wir jetzt zu meistern haben, noch kann ich mit „held*innen“ etwas anfangen, der begriff ist für mich zu belastet.

es kommt nun darauf an, aus diesen krisentagen – die so richtig noch gar nicht begonnen haben – die wirklichen learnings zu ziehen. wir dürfen in einem hoffentlich wieder eintretenden „danach“ nicht vergessen, wer wirklich entscheidend zum funktionieren der notwendigen strukturen beiträgt.

diese berufe – in diesem fall jene der pflege – müssen in der gesellschaftlichen bewertung einen neuen platz erhalten, ganz oben auf der prioritätenliste. da geht es um wertschätzung, um achtung und um attraktivierung – also auch um konkrete lohnerhöhungen.

dank allein reicht nicht.

ps. es wird sicher noch viele gelegenheiten geben, menschen, die uns in der krise entscheidend unterstützen zu benennen und ihnen zu danken. dieses beispiel ist der anfang.

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foto: pixabay licence

karoline edtstadler verwirrt?

der job in der politik ist für manche sehr anstrengend, manche sind deutlich überfordert. ein erschütterndes beispiel lieferte die europaabgeordnete karoline edtstadler heute nachmittag. sie hat offensichtlich das begräbnis von marko m. feingold mit einem wahlkampfauftritt verwechselt. da dürfte ihr etwas durcheinander geraten sein.

nicht nur, dass sie den eindruck erwecken wollte, sie habe die glorreiche idee gehabt, schüler des borromäums an marko feingold zu vermitteln, damit dieser (endlich mal?) mit ihnen über die demokratie und das erinnern referierte – nein, sie brachte es auch zusammen, einen eitlen exkanzler namentlich zu erwähnen und in einer grabrede zu plazieren.

es kann nur überforderung oder verwirrtheit gewesen sein, denn wenn sie wirklich bei sinnen war, dann wäre es eine extreme entgleisung. wahlwerbung am offenen grab eines friedensmenschen wäre obszön und moralisch verwerflich. aber das kann nicht sein.

karoline edtstadler verwirrt?

notabene: jede sekunde des lebens von marko m. feingold ist uns auftrag.

 

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foto: Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres cc by
remixed by bernhard jenny cc by

die botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der glaube.

peter sellars und alexander van der bellen sind sich gestern mit helga rabl-stadler einig: die welt kann so nicht weitertun, das system verlangt grundsätzliche veränderung.

Wir müssen dringend die Strukturen des Kapitalismus und des internationalen Bankensystems hinterfragen und eine breit aufgestellte politische und soziale Gerechtigkeit schaffen. (…) Einer der vielleicht wesentlichsten Schritte im Kampf gegen den Klimawandel ist weltweite Bildung und die Stärkung der Position der Frau. Frauen stellen die Mehrheit der Kleinbauern, und es sind Frauen, die weltweit Tag für Tag Entscheidungen über die Nutzung der natürlichen Ressourcen wie Wasser, Lebensmittel und Brennstoffe treffen und die durch verantwortungsvollen Umgang für Nachhaltigkeit sorgen. Frauen sollen gleichgestellt und als Partner auf Augenhöhe die Möglichkeit haben, selbstbestimmt zu entscheiden, ob und wann sie Kinder bekommen. (quelle)

es wäre (zu) einfach, nun die sponsorenliste entgegenzustellen und klingende markennamen wie audi, siemens, rolex, nestlé, swarovski, roche etc. aufzulisten, um die von sellars beschworene hinterfragung der strukturen des kapitalismus in den eigenen festspielgebahrungen – sagen wir – kritisch zu beleuchten.

die situation ist nicht neu: die upperclass hat sich schon immer darin gefallen, sich als „in wirklichkeit viel humaner“ feiern und darstellen zu lassen, als dies allzu kritische stimmen immer wieder auch anklingen lassen. und es mag sein, dass die kritischen stimmen mitunter auch nicht immer den richtigen weg gefunden haben, einen wirklich ernsthaften diskurs zu führen (zu erzwingen?) und damit eine gesamtgesellschaftliche veränderung anzudenken.

die „andere“ seite, also die des kapitals und der systemmacht, weiss sich sehr wohl zu wehren. der globalisierungskritiker jean ziegler wurde schon mal vor acht jahren ausgeladen, weil ihm schnell mal eine nähe zu einem diktator unterstellt wurde, damit den sponsoren keine allzu heftige rede entgegenschlägt.

ist das nun wirklich anders geworden? haben greta thunberg und andere den diskurs so nachhaltig verändert? ist es wirklich mehr als eine schicke attitüde der elite, wenn sie nun peter sellars frenetisch applaudiert?

nimmt die upperclass alexander van der bellen ernst, wenn er die abkehr von nationalismen und populismen fordert und ein offenes und solidarisches europa als einzig möglichen weg beschwört?

peter sellars ist gerade mal ein jahr jünger als ich, aber ich bin geneigt zu sagen: aufgrund meine alters und der zahlreichen lippenbekenntnisse, festtagsreden bis hin zu grabreden ist es leider meine erfahrung, dass sich von dem, was da immer wieder angehimmelt und gepriesen wird, nichts bis gar nichts einstellt. zu abgesichert, zu starr, zu betoniert ist der kapitalismus. die profiteure denken nicht im mindesten daran, sich ihr gewinnspiel abzuschaffen. warum denn. sie fahren bestens damit.

ich möchte peter sellars auch keinen naivling schimpfen, im gegenteil: ich glaube ihm nach seiner flammenden rede jedes wort, ich nehme ihm ab, dass er wirklich für eine neue ära auf dieser einen welt brennt. er wollte keine pseudorede halten, sondern meint das gesagte wirklich so.

mit wohligem schaudern oder vielleicht nicht einmal das werden die systemerhaltenden das spektakel geniessen. längst gehört es zum understatement, so zu tun, als wären wir alle in ein und der selben welt.

spaltung, entsolidarisierung, nationalismus, grenzen und mauern, bankenrettung statt menschenrettung, ertrinken und verhungern lassen statt augenhöhe für alle – das alles funktioniert als geschäftsmodell viel zu perfekt, als dass es sich hinterfragen lassen müsste.

peter sellars weiss genau, wer vor ihm in der felsenreitschule sitzt:

Unsere Generation war die Generation der Imperien und der Konsumgesellschaft. (quelle)

und er sagt weiter:

Jetzt ist es an der Zeit, eine neue Generation von engagierten, schöpferischen, fürsorgenden jungen Menschen willkommen zu heißen. (quelle)

möge er recht behalten.

vor einer woche standen wir noch mitten in den slums von nairobi. mit diesen bildern im kopf kann ich angesichts der festspielrede nur mit goethe antworten:

die botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der glaube.

 

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quelle der zitate © Salzburger Nachrichten VerlagsgesmbH & Co KG 2019

foto: @salzburger festspiele | anne zeuner

dieser beitrag ist in leicht abgeänderter form auch auf derstandard.at am 30.7.2019 erschienen.