deus ex machina

jede inszenierung braucht einen spannungsbogen. je dramatischer die verwirrung, je unübersichtlicher die lage, je verzweifelter die situation, umso grösser die wirkung der lösung: was dramatiker*innen mit „deus ex machina“ bezeichnen, ist die überraschende wendung durch ein unerwartetes auftauchen einer göttlichen figur, die lösung, erlösung, erleichterung bringt. endlich wieder alles in ordnung.

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wenn diversität keinen platz hat, hat der terror gewonnen

„pray for paris“, „don’t pray“, das blau-weiß-rote profilbild: in social media wird gestritten, wie man trauern soll

die social-media-community beschimpft sich gegenseitig. posten die einen in betroffenheit „pray for paris“, antworten die anderen „don’t pray“ mit verweis darauf, dass anscheinend die religionen die wurzel allen übels, daher auch des terrors seien. andere wiederum färben ihr profilbild blau-weiß-rot in solidarität mit den opfern der anschläge, schon kommen jene, die darin eine falsche solidarisierung mit der kriegführenden nation frankreich und überhaupt mit nationalismen sehen.

trauer um die toten ist auch nicht so einfach. „wenn ihr um die toten von freitag trauert, warum trauert ihr nicht um jene vom donnerstag in beirut, um jene vor monaten in kenia, um jene in syrien, palästina, israel oder sonst noch wo?“

moralische keulen

manche scheinen sich also das recht herauszunehmen, anderen menschen ihre betroffenheit vorzuschreiben. dass anschläge in unmittelbarer gefühlter nähe schneller betroffen machen als anschläge in vermeintlich sicherer entfernung, ist wohl verständlich, wird aber zum ziel moralischer keulen der selbstdefinierten politischen korrektheit.

kann es also wirklich sein, dass sich manche das recht herausnehmen, das trauern, das beten, das weinen zu verbieten, solange es nicht auf absolute weltgerechtigkeit durchdekliniert ist? muss ich also das nächste mal, wenn ich zu einem tödlichen verkehrsunfall komme, meine betroffenheit zurückhalten angesichts der tausenden toten, die es sonst wo auf der welt gibt?

darf ich mein profilbild bearbeiten, wie es mir gerade passt, oder soll ich vorher hundert reflexionsschleifen durchlaufen, damit mir klar wird, dass eigentlich jedes symbol, jede reaktion ob ihrer individuellen verkürzung auch genauso falsch sein kann? ist meine spontanität also immer verdächtig?

social media sind schnell – und voller emotionalität

die social-media-community ist schnell. sehr schnell. und sie verbreitet sowohl wichtiges wie banales. wenn aber die plattformen einigermaßen sinnvolle kommunikation ermöglichen sollen, dann müssen wir uns emotionalität zumuten. da haben angst und sorge ebenso platz wie humor und satire.

wenn aber manche glauben, anderen vorschreiben zu können, wie gefälligst richtig getrauert und korrekt protestiert wird, dann wird jene diversität verloren gehen, die soziale medien brauchen. es muss meine höchstpersönliche entscheidung bleiben, in welcher form ich betroffenheit und trauer ausdrücke. das können weder religionsgemeinschaften noch säkularisierte meinungsvertretungen diktieren. wenn diversität keinen platz hat, hat der terror gewonnen. (bernhard jenny, derstandard.at, 17.11.2015)

die evolution ist abgesagt.

bild: t. michael keesey creative commons by-sa

verwirrende tage. absurde bilder. rechnungen hin oder her. mit sturmgewehren bewaffnete krieger sortieren schon mal die trümmer, die spielsachen, die leichenteile. alles irgendwie ein wahnsinn, aber aufhören ist nicht. andernorts werden unschuldige menschen zu opfern unheimlicher militärischer gewalt. da sollen schon mal 50.000 flüchtlinge ihr lager verlassen, in ein nirgendwo, weil da jetzt mal der antiterroreinsatz durch muss. darf die eine zahl an getöteten menschen gegen die andere gerechnet werden? darf die notwehr auch unschuldige töten, oder ist das ganze längst ein geschäft der scharfmacher auf beiden – oder besser auf allen – seiten?

verwirrende tage. absurde bilder. wie immer in solchen tagen flammt bei manchen die hoffnung auf. jetzt wäre doch endlich klar, dass das gegenseitig bekriegen niemanden weiterbringt. jetzt wäre doch eine chance, endlich aufzuhören und endlich miteinander zu verhandeln. es scheint die sternstunde der pazifistisch gesinnten gekommen, um eine grundsätzliche umkehr herbeizusehnen. wann, wenn nicht jetzt, sollten wir umkehren? jetzt, wo es für so viele ohnehin schon zu spät ist.

verwirrende tage. absurde bilder. schnell wird klar, die kriege gehen weiter. da wie dort. auch wenn keine_r mehr die schuldzuweisungen hören kann, auch wenn vielen längst klar ist, dass auch propagandakriege nichts weiterbringen und nur ein wirkliches – bedingungsloses – aufhören die lösung wäre. selbst wenn vielen dämmert, dass wir mit gewalt, morden und abschiessen niemals weiterkommen, es geht trotzdem immer wieder weiter.

die evolution ist abgesagt.

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bild: t. michael keesey creative commons by-sa,
überarbeitung bernhard jenny creative commons by-sa

blogpost – ratlos und hilflos.

screenshot bernhard jenny

während ein verzweifelter vater die leiche seine kleinen sohnes hilflos durch die trümmer nach dem bombenangriff trägt, schreiben viele blogger_innen und facebooker_innen ihre proteste gegen den wahnsinn krieg. journalist_innen tippen verzweifelte berichte, es bleiben stets mehr fragen offen, als beantwortet werden können.

leichen zählen. tote gegeneinander aufrechnen. das alte spiel „wenn du mir meine tochter erschiesst, bringe ich bei euch fünf kinder um“. die fanatismen, die fundamentalismen, die machtstrukturen.

es gibt tage, wo es geradezu absurd anmutet, überhaupt noch etwas zu schreiben.

frieden? was war das für ein wort! inzwischen auf dem flohmarkt der naiven verstaubt. kaum mehr was wert. ja, auf allen seiten gibt es menschen, die das alles nicht haben wollen, die keinen krieg wollen, die niemanden umbringen wollen, die sich ein zusammenleben vorstellen können. sie schreiben sich, sie gründen facebook-gruppen und ermuntern sich gegenseitig.

doch mal ehrlich. was hat sich verändert?

gemessen an den realitäten erscheint das, was wir so tun, anklicken, unterschreiben, petitionieren und teilen geradezu absurd. dem vater, der die leiche seines kleinen sohnes aus den trümmern holt, kann kein „like“ auf facebook und auch kein blogartikel helfen. das bild von ihm und seinem toten sohn wird eher die stimmung aufheizen, weiter an rache zu denken. und es kann uns nicht wundern.

blogpost – ratlos und hilflos.

tod eines milchmädchens

foto: bernhard jenny

bringst du mir eine um
bring ich dir drei um

bringst du mir drei um
bring ich dir neun um

bringst du mir neun um
bringst ich dir siebenundzwanzig um

bringst du mir siebenundzwanzig um
bring ich dir einundachtzig um

bringst du mir einundachtzig um
bring ich dir zweihundertdreiundvierzig um

bringst du mir zweihundertdreiundvierzig um
bring ich dir siebenhundertneunundzwanzig um

bringst du mir siebenhundertneunundzwanzig um
bring ich dir zweitausendeinhundertsiebenundachtzig um

oder

bringst du mir niemanden um
bring ich dir niemanden um

leben oder
tod eines milchmädchens

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günter grass zeigt wie es nicht geht

Copyright: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann. (creative commons flickr)

die wogen gehen hoch. günter grass hat ein gedicht geschrieben. selten sind so schnell brandreden und nicht weniger brennende statements zu hören und nachzulesen. von „man müsste ihn auch noch für den friedensnobelpreis vorschlagen“ einerseits bis zur quasi sichtbaren „ss-uniform“ samt einreiseverbot israels andererseits – die extreme könnten weiter auseinander nicht liegen.

viele fragen haben mich seit der lektüre jenes gedichtes „was gesagt werden muss“ beschäftigt. etwa die, ob jede zeile, wenn sie eben ein literaturnobelpreisträger schreibt, per se dann auch schon ein gedicht ist. oder die andere, ob es legitim ist, an jemandes „vermächtnis“ gleich anstoss zu nehmen, ist es doch „mit letzter tinte“ geschrieben.

und es war und ist angenehm, dass fast stündlich neue reaktionen zu finden sind. eine angeregte, hitzige, engagierte, beherzte diskussion unter menschen aus verschiedensten lagern lässt zumindest darüber aufatmen, dass es im deutschen sprachraum auch noch politische auseinandersetzungen geben kann, die sich nicht auf „angela sagt, joachim meint auch“ reduzieren lassen.

ich war irritiert. zunächst versuchte ich den text nicht einfach nur einmal zu lesen, sondern ihm die, der literarischen gattung zugesprochene dichte abzuringen: im wieder und überprüfenden lesen, aufnehmen, innerlich antworten und fragen, um dann diese antworten und fragen wieder dem text entgegenzuspülen.

inzwischen ist meine irritation einem klaren bild gewichen:

schriftstellerInnen darf zugemutet werden, dass sie aus ihrer beruflichen haltung heraus wort für wort und satz für satz abwägen und deren wirkung, deren potential, deren kraft in der rezeption antizipieren können. dies gilt gerade bei der gedichtform noch viel mehr als bei eher freieren formen, die auch von schnell dahingeschriebenem ihre dynamik erhalten.

dass günter grass seinen kurzen gedichttext innerhalb weniger tage lieber anders formuliert haben wollte, hätte er nur gewusst, wie die worte wirken, kann ich einem vollprofi so nicht abnehmen.

als intellektueller seines kulturkreises muss grass wissen, was mit einem stammtischtitel „was gesagt werden muss“, falschen rollenumkehrungen und schuldzuweisungen passiert. und: es stimmt einfach nicht, dass grass oder sonst jemand bis jetzt hätte schweigen müssen, aus welchen gründen auch immer. diejenigen, die sich seit 1945 aufregen, dass sie nicht alles laut sagen dürfen, sind jene, die das unrecht und verbrechen der nationalsozialisten nicht zugeben oder nicht einsehen wollen. will sich grass wirklich diesen ewiggestrigen anschliessen?

die friedenspolitische lage in israel und den benachbarten regionen und staaten ist eine riesige brennende wunde. jede einfache darstellung als konflikt zwischen zwei seiten, den einen und den anderen, würde der historischen, kulturellen, religiösen und politischen dimension der lage nicht gerecht. dennoch glaube ich, dass auch hier – wie in jeder anderen kriegsschwangeren lage der welt – es die verantwortung aller, also der ganzen welt sein muss, mit allen mitteln für den frieden zu wirken.

wer in einem sich zuspitzenden und mit vitalen interessen verbundenen konflikt die täter-opfer-optik einfach mal umdreht, spielt das konfliktspiel auf unverantwortliche weise nur weiter. nichts wird dadurch gewonnen. zuweisungen und vorwürfe, heftige unterstellungen und ganz und gar nicht harmlose relativierungen bringen weder die konfliktparteien noch uns weiter. friedensarbeit geht anders.

selbst wenn wir die (nicht unbedeutende) frage ausser acht lassen wollten, inwieweit ein deutscher schriftsteller in sachen israel eine besondere moralische verantwortung hat oder nicht, ungeachtet auch der frage, ob ein deutscher schriftsteller eine „stimme von aussen“ sein kann oder in diesem falle immer auch eine involviertheit zu berücksichtigen hat, die intervention des grass´schen gedichtes geht daneben, weil sie nicht heraushilft, weil sie keine vision eröffnet und keine hoffnung möglicher macht, sondern im alten konfliktsprech weiter macht. das ist rückwärts gewandt, ohne perspektive. und wasser auf die mühlen jener, die noch immer nichts aus der geschichte gelernt haben.

günter grass hat mit seinem absolut unadäquaten reiz vielleicht dennoch auch positives bewirkt. er hat vielleicht manche zum nachdenken gebracht und erkennen lassen, dass wir genau den fehler, den grass mit diesem text macht, nicht wiederholen dürfen.

konflikte bedürfen einer viel grundsätzlicheren perspektivenänderung. dort, wo grass sich dem deutschen waffenexport entgegenwirft, kann ich ihm auch zustimmen. waffen haben noch nie einen konflikt gelöst. jede bombe, jede rakete, jeder sprengsatz ist eine niederlage für die menschheit, ob erstschlag, vergeltungsschlag, kriegsfortführung, autobombe, sprenggürtel oder alltagsterror.

es geht immer und überall um menschen und deren leben, die unabhängig davon, welcher nation, welcher religion oder welchem politischen lager sie zugeordnet werden, immer gleich viel wert sein müssen und auch niemals quantifiziert gegengerechnet werden können.

es gibt zahlreiche menschen in israel und im iran, die gegen einen krieg aufstehen oder dies zumindest wollten.
friedenswillen stärken, vernetzen, unterstützen und verbreiten wäre daher wesentlich wichtiger.

es gibt – wie barenboim sagt – keine alternative zum frieden, die frage ist nur, wie lange wir bis dahin noch brauchen.

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foto: copyright: das blaue sofa / club bertelsmann

getötete menschen sind immer niederlage für die menschheit

wenn es noch eines vorfalls bedurft hätte, um aller welt vorzuführen, wieviel ausweglosigkeit das töten bedeutet und weitere ausweglosigkeit erzeugt, mit dem heutigen angriff der israelischen elitetruppen auf einen schiffskonvoi mit ziel gaza-streifen ist es schreckliche gewissheit, dass töten niemals weiterbringt.

an solchen tagen wie heute muss ich an daniel barenboim denken und seine aussage (die ich nur sinngemäss wiedergeben kann), dass es bereits sicher ist, dass die völker im raume israel / palästina friedlich zusammen leben werden (müssen), die frage ist nur, wie lange sie noch brauchen, zu erkennen, dass dies der einzige weg für alle beteiligten ist.

an solchen tagen wie heute fühlen wir uns unendlich zurückgeworfen. als würden wir es wohl nicht mehr erleben können, dass die vision barenboims wirklichkeit wird.

wir müssen die details des heutigen überfalls schiesswütiger milizen gar nicht wissen um zu erkennen, dass dies niemals eine lösung sein kann. es ist im gegenteil das unendliche schüren von hass und verzweiflung. seit meinen begegnungen mit menschen, die den krieg in bosnien erlebt haben, habe ich es mir abgewöhnt, als aussenstehender naive friedenswünsche zu formulieren.

dennoch muss uns aber im sinne von daniel barenboim klar sein, dass es eigentlich keine option gibt. nur eine welt ohne ausgrenzung und ohne morden ist eine lebenswerte. nur eine welt, in der wir alle mit gleichen rechten zusammenleben ist menschengerecht.

es ist nur eine frage der zeit, bis wir es endlich erkennen. in 77 generationen, in 7 oder morgen.