die seltsame jubiläumsfeier „40 jahre ARGEkultur“

gestern, am 21.4.2021 fand die veranstaltung DON´T TELL ME – SHOW in der ARGEkultur statt. es war dies die jubiläumsveranstaltung „40 jahre ARGEkultur“. eine etwas ungewöhnliche situation, in der wir da gefeiert haben…

hier meine begrüssungsworte im namen des gesamten vorstands der ARGEkultur

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eine unbedachte KZ-aussage mit potential?

die rektorin des mozarteum salzburg, elisabeth gutjahr, berichtet in einem gespräch mit reinhard kriechbaum von drehpunktkultur.at über die lage der studierenden und lehrenden in zeiten von corona und einer neuerlichen schliessung des präsenzunterrichts nach diversen clustern im hause.

vielleicht wollte sie nur die kraft beschreiben, die schöpferischem tun und kreativen prozessen innewohnt. vielleicht hat sie sich tatsächlich nichts dabei gedacht, einen zumindest unglücklichen kontext herzustellen. möglich.

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was ist eigentlich passiert?

heute vor 5 jahren sind wir erst nach 6 uhr in der früh erschöpft ins bett gefallen, ein unglaublicher nachmittag des 31.8. und eine noch unglaublichere nacht auf dem salzburger hauptbahnhof war hinter uns.

wir fühlten uns übermüdet, aber zufrieden. diesen nachmittag und diese nacht hatten sich unglaublich viele menschen der sogenannten „zivilgesellschaft“ eingefunden, um spontan und mit aktivistischer unterstützung von seiten der öbb jene menschen zu begrüssen und zu versorgen, die den weg über land und meer und wieder land bis hier her geschafft hatten, alt und jung, gross und klein, ja sogar babies, die auf dem weg der flucht zur welt gekommen waren.

wir waren dankbar, gemeinsam mit vielen menschen einfach gehandelt zu haben. die selbstorganisation und die koordination im chaosmodus war faszinierend, eine positive stimmung erfüllte uns mit kraft, die später als „willkommensklatschen“ diffamiert werden sollte.

a propos diffamierung: dass die öbb uns helfer*innen anbot, auf rechnung der öbb im sparmarkt am bahnhof jede menge wasser und brot einkaufen zu dürfen wurde später sogar vom landeshauptmann als plünderung zumindest „fehlinterpretiert“.

damals, am 1.9.2015 waren wir zufrieden über die spürbare energie, die von menschen ausging, die sich spontan einig waren: diesen menschen auf der flucht müssen und wollen wir zeigen, dass sie willkommen sind und sie unterstützen.

wir glaubten an diesem einen tag, dass sich dieses willkommen durchsetzen wird, dass wir dadurch nur gewinnen und niemals verlieren können.

in den letzten fünf jahren ist uns vieles abhanden gekommen. gutmensch und willkommenskultur sind zu schimpfwörtern eines scheinbaren trends geworden. und das ertrinken lassen, das dahinsiechen lassen und sterben lassen ist eine politisches erfolgsrezept.

was haben wir verloren? was haben wir gewonnen? was ist nur los mit unserer kultur?
was ist eigentlich passiert?

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Bild von Anja #helpinghands #solidarity#stays healthy🙏 auf Pixabay

treibgut im spülsand der salzach

dieser text ist ein fb-posting vom 21.7. nachts. zahlreiche reaktionen zeigen mir, dass das thema viele bewegt. deshalb hier nochmals in meinem blog.

wunderschön – die stimmung an einem lauen sommerabend – in der menschenrechtsstadt salzburg. idyllisch der blick vom franz-josef-kai nahe der eisenbahnbrücke in mülln richtung innenstadt. wer dort stehen bleibt hört romantische abendgespräche wie „des sans, de bettla, vastinkn de gaunze stod“ oder „egal ob in italien, spanien oder hier, wons kane schwoazn san, dann sans zigaina“ oder „organisierte banden deafn do schlofn, frechheit“.

wie es sich für eine menschenrechtsstadt gehört, werden die armutsreisenden in dieser stadt… nein. eben nicht. anderer text:

es passt gelinde gesagt ganz und gar nicht zu einer menschenrechtsstadt, dass menschen tatsächlich unter freiem himmel nächtigen müssen, dort ihre wäsche waschen und trocknen, dort essen und sich schlafen legen. für manche passanten ist es ein befremdlcihes schauspiel, für andere anlass zu obigen kommentaren. beschimpfungen und beleidigungen inklusive. nicht jede nacht ist lau und mild. es gibt auch kalte, eiskalte und nasse nächte.

es passt ganz und gar nicht zu einer menschenrechtsstadt, dass menschen menschenunwürdig behandelt bzw. in stich gelassen werden. aber in einer unsolidarischen gesellschaft braucht es das bild von „gescheiterten“, um das narrativ jener gerechtigkeit aufrecht zu halten, in der es um belohnung für leistung geht. wer nichts im sinne einer kommerzialisierten welt „leistet“, wird treibgut im spülsand der salzach.

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foto: bernhard jenny lic cc by

wirtschaft oder menschenleben? (#corona #13)

im grossen und ganzen war die entwicklung in den letzten wochen durchaus erstaunlich. dass ausgerechnet die – ihrem selbstverständnis nach – „wirtschaftpartei“ den weitreichenden lockdown veranlasst, war bemerkenswert. der menschenverachtenden diskussion, was denn mehr wert sei, das leben von menschen oder der umsatz von betrieben, wären wir beinahe erhobenen hauptes entkommen. wären.

dass ausgerechnet ein leiter der abteilung für allgemein- und familienmedizin an der meduni wien nun medial in deutschland und österreich aktiv wird und die strikten anweisungen als „irre, was wir da machen“ bezeichnet, ist erschütternd.

einer, der – zumindest der form nach – dem hippokratischen eid verpflichtet sein sollte, fängt nun allen ernstes damit an, die „kollateralschäden für die wirtschaft“ ins treffen zu führen und fordert ein ende u.a. des schulstopps nach ostern. (zib 2 vom 2.4.2020)

dabei fehlt auch nicht der versteckte appell, dass schon darüber nachzudenken wäre, ob denn alte menschen nicht ohnehin abzutreten hätten. der allgemeinmediziner erwähnt dabei emotionsbefreit (im interview mit der presse) seine 90jährige mutter, die sich längst damit abgefunden hätte „ihr leben gelebt zu haben“.

ja, es stimmt, das leben geht für uns alle mal zu ende. und auch ja, es wird immer eine ethische frage sein, welche medizinischen massnahmen wann und in welcher form vertretbar, unverzichtbar oder eben auch nicht angebracht sind. natürlich gibt es diskussionen über aufwendigste operationen an eigentlich nicht mehr wirklich lebensfähigen krebskranken, über hubschraubereinsätze zu altenheimen bei herzstillstand oder tatsächlich eineinhalb stunden reanimation bei einem definitiv schwer herzgeschädigten menschen. doch für diese fälle gibt es eine unmissverständliche lösung: wer nicht mehr behandelt werden möchte, der kann auf das instrument der patientenverfügung zurückgreifen.

aber die gewissheit, dass ein*e ärztin / arzt alles menschenmögliche zu tun bereit ist, wenn es darum geht, menschenleben zu retten, diese gewissheit muss unbedingt die grundlage unserer medizinischen versorgung bleiben. sobald jedoch ein*e mediziner*in auch nur in den verdacht gerät, volkswirtschaftliche überlegungen könnten in die behandlungsplanung einfliessen, ist das einfach untragbar. eine ärztliche verfügung auf basis von wirtschaftsüberlegungen ist ein nogo und widerspricht einem humanistischen menschenbild.

„es ist verantwortungslos, über menschenleben so zu sprechen“, entgegnet gesundheitsminister anschober den aussagen des mediziners. anschober hat wenig verständnis dafür, dass offensichtlich das bisher kaum in frage gestellte ziel der regierung „das leben von 10.000en menschen zu retten“ und einen kollaps des gesundheitssystems zu verhindern torpetiert wird. nicht von irgendwem, sondern einem leitenden mediziner der meduni wien.

tatsächlich ist es nicht hinnehmbar, dass ein arzt, der nicht nur leiter der abteilung für allgemein- und familienmedizin an der meduni wien und damit auch lehrender ist, sondern auch in salzburg ordiniert, offensichtlich interessen der wirtschaft gegen das individuelle menschenrecht des erhalts des lebens auszuspielen versucht.

ein*e ärztin/arzt, die/der leben erhalten will, solange es sich rechnet und nicht so lange es dem willen der patient*innen entspricht (und u.u. auch darüber hinaus), sollte keine ärztliche verantwortung mehr innehaben und auch nicht die neue generation der jungen ärzt*innen unterrichten.

corona macht offensichtlich vieles sichtbar, das wir in dieser deutlichkeit so noch nicht wahrgenommen haben: wer die bilder des verzweifelten medizinischen peronals in italien und spanien gesehen hat, das in tränen ausbricht, weil sie es für unmenschlich halten, entscheiden zu müssen, wen sie sterben lassen, wird an der dramatik der lage nicht zweifeln können und dankbar sein, dass in unserem und vielen anderen ländern heftige massnahmen ergriffen werden.

offensichtlich kämen andere nicht in diese emotionelle not, sondern würden sogar noch die eigene mutter abtreten lassen. sie hat ihr leben gelebt.

die entscheidungfrage, die niemals eine sein darf heisst daher:
wirtschaft oder menschenleben?

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bild: orf screenshot

dank allein reicht nicht. (#corona #03)

hinsehen, wahrnehmen, lernen. das ist jetzt angesagt. unzählige beispiele in diesen krisentagen lassen uns erleben, wem wir das weiterfunktionieren trotz ausnahmezustands zu verdanken haben. schön, dass es applaus-aktionen gibt, schön dass es zahlreiche dankesbekundungen gibt.

wir haben eine hochbetagte freundin im herz-jesu-heim, salzburg riedenburg. die persönliche betreuung dort ist wirklich immer schon sehr gut und um echte zuwendung bemüht. seit der schliessung der senior*innen-heime herrscht natürlich auch dort ein entsprechender ausnahmezustand. in persönlichen telefonaten hat bereits am anfang der quarantänezeit die leitung des hauses alle angehörigen über die sachlage informiert.

nun aber macht sich das team des hauses auch noch die mühe, in ausgedehnten telefonaten nachzufragen, wie es nun denn mit der kommunikation zwischen uns und der freundin klappen würde, ob es probleme gäbe und welchen eindruck wir hätten. da nimmt sich ein team in krisenzeiten deutlich zeit für ein echtzeit-qualitätsmanagement, da wird überprüft und aktiv nachgegangen, damit kein problem übersehen wird.

das verdient beachtung! exemplarisch für viele andere landesweit sei hier der dank an das personal im herz-jesu senior*innen-heim öffentlich formuliert! doch dank allein reicht nicht.

too big to fail ist nun endgültig widerlegt. unsere gesellschaft zeigt in der krise, auf wen es im ernstfall wirklich ankommt. der begriff „held*innen des alltags“ trifft es meiner meinung nach nicht, denn es ist weder ein „alltag“, den wir jetzt zu meistern haben, noch kann ich mit „held*innen“ etwas anfangen, der begriff ist für mich zu belastet.

es kommt nun darauf an, aus diesen krisentagen – die so richtig noch gar nicht begonnen haben – die wirklichen learnings zu ziehen. wir dürfen in einem hoffentlich wieder eintretenden „danach“ nicht vergessen, wer wirklich entscheidend zum funktionieren der notwendigen strukturen beiträgt.

diese berufe – in diesem fall jene der pflege – müssen in der gesellschaftlichen bewertung einen neuen platz erhalten, ganz oben auf der prioritätenliste. da geht es um wertschätzung, um achtung und um attraktivierung – also auch um konkrete lohnerhöhungen.

dank allein reicht nicht.

ps. es wird sicher noch viele gelegenheiten geben, menschen, die uns in der krise entscheidend unterstützen zu benennen und ihnen zu danken. dieses beispiel ist der anfang.

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foto: pixabay licence

ali wajid: „was ich bekommen habe, will ich weiter- und zurückgeben“

„was ich bekommen habe, will ich weiter- und zurückgeben und mich damit bei allen bedanken!“ so beschreibt ali wajid seine stimmung in diesen wochen vor antritt des studiums. mit freiwilliger sozialer arbeit und engagement in sozialen projekten will er nicht nur als spendenempfänger dastehen. trotzdem wird er noch eine zeit lang unterstützung brauchen, weshalb wir um spenden bitten!

seit seiner rückkehr aus kenia im oktober ist ali wajid nun in salzburg damit befasst, sein studium, welches im februar beginnt, optimal vorzubereiten und sein neues leben in salzburg zu organisieren.

ali hat bereits zu seinen zukünftigen studienkolleg*innen kontakt aufgenommen, ist auf verschiedenste weise mit der studentischen welt der universität salzburg vernetzt und engagiert sich auch bereits ehrenamtlich in projekten der öh.

diese monate vor dem eigentlichen studienantritt im februar sind für ali sehr wichtig, er will die zeit optimal nutzen, denn lang genug musste er ausharren und abwarten, wie es weiter gehen kann. 7 monate kirchenasyl und fast 9 monate kenia waren eine lange zeit, in der ali sehr viel geduld und ruhe aufbringen musste, um an ein letztlich positives weiterkommen zu glauben.

seit seiner rückkehr will ali arbeiten, allerdings darf er das erst mit dem antritt des studiums, also ab märz 2020, maximal 20 wochenstunden. dadurch sind natürlich momentan die möglichkeiten sehr begrenzt und auch nach antritt des studiums viele herausforderungen zu meistern.

eine besondere herausforderung sind die unausweichlich rechtskräftig gewordene verwaltungsstrafe in der höhe von 6500 € sowie weiters 500 € kostenersatz für die schubhaft in wien. das bedeutet, dass ali wajid noch bevor er überhaupt zu studieren begonnen hat, nun mit einer grossen hypothek belastet ist.

ali möchte alle möglichkeiten ausschöpfen, möglichst viel selbst zu erarbeiten.
denn er will nicht auf dauer von spenden abhängig sein. dennoch haben wir beschlossen, einen aufruf um spenden zu starten, denn allein wird die summe – selbst bei ratenzahlung – nicht erwirtschaftet werden können. schliesslich sind lebenserhaltungskosten, studiengebühren und vieles andere auch noch zu bewerkstelligen.

deshalb bitten wir jetzt zu weihnachten um spenden für ali, jede spende hilft ihm konkret beim start in ein neues leben als student in salzburg. ali wird nichts unversucht lassen, selbst in freiwilliger sozialer arbeit und später in lohnarbeit möglichst viel mit eigener kraft zu bewältigen!

einmal mehr sehr hier zum jahreswechel sehr gross gedankt: den vielen spender*innen, die bisher schon so vieles ermöglicht haben, schliesslich ist es nicht selbstverständlich gewesen, ali über fast neun monate ein leben in kenia zu ermöglichen und zustätzlich die mittel für alle behördlichen schritte aufzubringen.

weiters sei hier nochmals bedankt: erzbischof franz lackner und flüchtlingspfarrer alois dürlinger, erzabt korbinian birnbacher und die gemeinschaft der brüder im kloster st.peter, die tragenden säulen des kirchenasyls. sowie doraja eberle, die mit sehr viel engagement in mehreren entscheidenden phasen alis weg nicht nur mit ausverhandelt, sondern auch massiv unterstützt hat.

und wesentlich: die vielen unterstützer*innen während der vielen phasen in diesen 505 tagen. menschen, die diese geschichte weitererzählt und im hintergrund begleitet haben, menschen, die mitgedacht und mitgezittert haben, menschen, die mit rat und tat zur seite gestanden sind und menschen, die bereit waren, auf abruf aktiv zu werden. eine beeindruckende zivilgesellschaft!

ali und wir alle werden wohl die 505 tage zwischen erster verhaftung am 31.5.2018 und seiner rückkehr nach salzburg im oktober 2019 niemals vergessen. wir nehmen als erfahrung und empfehlung in das nächste jahrzehnt: immer an ein gutes ende glauben, sich mit menschen guten willens verbinden und niemals aufgeben!

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frühere artikel über ali wajid
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