aus den augen aus dem sinn

ein jahr nach dem tod von marko m. feingold hatte es die stadt salzburg sehr eilig. zu heiss scheint die schon jahrzehnte währende diskussion um strassennamen zu sein. da sollen nazis und antisemiten weiter ihre strassen in der mozartstadt haben, aber der mit grosser strahlkraft aufgrund seines unglaublichen engagements wirkende marko feingold bekommt keine postadresse, sondern einen steg.

dass die witwe andere wünsche hatte und mit dieser lösung alles andere als zufrieden ist, das war den eiligen einfach egal. hauptsache, es ist vorbei. juden werden gerne auf plätze ohne postadresse verwiesen, mehr geht nicht. drüberfahren und durch.

die eile war ohne jegliche not die erfindung des bürgermeisters. süffisant kommentiert er dann sinngemäss, dass die witwe – im übrigen die präsidentin der israelitischen kultusgemeinde – schon noch irgendwann einsehen wird, dass das so passt, wie jetzt beschlossen. beschämend.

vielleicht finden sich noch andere, die feingold wirklich würdigen, mit nachhaltiger wirkung. salzburg kann das nicht. salzburg bleibt salzburg.

aus den augen aus dem sinn

wir haben kein recht zu resignieren.

das, was der im september verstorbene marko m. feingold über so viele jahrzehnte unermüdlich und mit empathischer leidenschaft getan hat, immer und immer wieder als holocaust-überlebender den nachkriegsgenerationen von den unfassbaren schrecklichkeiten zu berichten, hat hagen rether als einen „riesigen liebesdienst an der gesellschaft“ bezeichnet. und er sagt mit blick auf die holocaust-überlebenden wie marko feingold: „wenn die den glauben an diese gesellschaft nicht verloren haben, wer bin ich, dass ich resigniere.“

ja, es liegt sehr vieles im argen in unserer welt, in unserem kontinent, in unserem land, in unserer gesellschaft. aber wir werden angesichts des vorbilds von marko feingold nicht resignieren. das wollen wir uns gerade heute bewusst machen. heute hätte marko m. feingold den 107. geburtstag.

wir verneigen uns in dankbarer verbundenheit.
wir haben kein recht zu resignieren.

cristina colombo und bernhard jenny

karoline edtstadler verwirrt?

der job in der politik ist für manche sehr anstrengend, manche sind deutlich überfordert. ein erschütterndes beispiel lieferte die europaabgeordnete karoline edtstadler heute nachmittag. sie hat offensichtlich das begräbnis von marko m. feingold mit einem wahlkampfauftritt verwechselt. da dürfte ihr etwas durcheinander geraten sein.

nicht nur, dass sie den eindruck erwecken wollte, sie habe die glorreiche idee gehabt, schüler des borromäums an marko feingold zu vermitteln, damit dieser (endlich mal?) mit ihnen über die demokratie und das erinnern referierte – nein, sie brachte es auch zusammen, einen eitlen exkanzler namentlich zu erwähnen und in einer grabrede zu plazieren.

es kann nur überforderung oder verwirrtheit gewesen sein, denn wenn sie wirklich bei sinnen war, dann wäre es eine extreme entgleisung. wahlwerbung am offenen grab eines friedensmenschen wäre obszön und moralisch verwerflich. aber das kann nicht sein.

karoline edtstadler verwirrt?

notabene: jede sekunde des lebens von marko m. feingold ist uns auftrag.

 

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foto: Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres cc by
remixed by bernhard jenny cc by

der wunsch auf ein wiedersehen

„zigmal hätte es mit mir vorbei sein können, aber immer ist irgendwie eine wende eingetreten.“ das sagte mir marko feingold einmal in einem gespräch, voller staunen und verwunderung, wie das leben spielt.

darüber, wie das leben spielt, kann wohl niemand so gut erzählen, wie es marko feingold konnte. einer, der die verfolgung als jude in vier konzentrationslagern mit allen vorstellbaren und unvorstellbaren leiden erleben musste und dennoch durch kaum fassbare umstände immer wieder überleben konnte, hat sich der aufklärung und der vermittlung verschrieben.

alle, die seinen ausführungen gehör schenken wollten, konnten nicht nur erahnen, was sich damals in der shoa ereignet hatte. diese schilderungen waren immer auch mit der ernsthaften mahnung verbunden, dass es wohl unser aller aufgabe und verpflichtung sein muss, dafür aufzustehen und wenn nötig auch zu kämpfen, dass derartiges nie mehr wieder passieren darf.

dass es viel zu viele nicht wirklich ernst mit dem lernen aus der geschichte meinen und im gegenteil schnell wieder in derartige fahrwasser abtriften, musste marko feingold immer wieder zur kenntnis nehmen.

als mich die nachricht seines todes erlangte, war das erste bild, das in mir entstand: der junge mensch im konzentrationslager weiss nicht einmal, ob er die nächste stunde, den nächsten tag erleben wird. ob er irgendwann in den nächten damals sich erträumen konnte, dass er noch die erste generation von menschen des nächsten jahrhunderts sehen würde, wie sie erwachsen wird?

er hat so unvorstellbar weit gewirkt. er war so unvorstellbar viel unterwegs. und er war stets getrieben, die wahrheiten auszusprechen, die niemand wirklich hören wollten. von der fehlenden oder halbherzigen aufarbeitung der verbrechen des nationalsozialismus bis zur fehlenden bereitschaft, wirklich unsere gesellschaft ehrlich zu öffnen.

feingold konnte mit viel humor und gelassener grösse immer wieder darauf aufmerksam machen, dass so manches getue rund um holocaust und gedenken wohl nur eine art von folkloreveranstaltung wäre, wenn gleichzeitig die nackten folgen der verbrechen des nationalsozialismus oft bloss mit achselzucken kommentiert würden. geradestehen wollte wirklich niemand dafür,

mit dem tod von marko feingold (106) ist es nun endgültig an uns, sein vermächtnis zu ehren. damit meine ich keine lobhudeleien und keine festveranstaltungen. das vermächtnis feingolds ist viel grundsätzlicher: wir müssen für eine offene und ehrliche demokratische gesellschaft kämpfen, die sicher stellt, dass das oft schnell dahin gesagte „nie wieder“ auch wirklich ein echtes und konsequentes „nie wieder“ bleibt. gelegenheiten dazu ergeben sich täglich.

marko feingold, wir verneigen uns vor der unglaublichen lebensgeschichte und dem unermüdlichen engagement. was wir erfahren und hören durften, wird uns verpflichtung. mit tiefem dank verbunden ist eine sehnsucht,

der wunsch auf ein wiedersehen.

holocaustgedenken – eine moralische verpflichtung.

es gab zeiten, in denen gesichert schien, dass die „ewiggestrigen“ ohnehin nur mehr eine kleine minderheit wären, die langsam aber sicher einsehen müssten, dass der nationalsozialismus die menschheit in eine katastrophe stürzte, die „nie wieder“ passieren dürfe.

es gab zeiten, in denen zuversicht herrschte, dass die gesellschaft unseres landes in zunehmendem masse offenheit und vielfalt, wertschätzung und demokratie lebt, alte strukturen überwindet und den weg in eine aufgeklärte moderne findet.

heute sind wir schon einige tage im jahr 2018. und nichts ist mehr klar. nicht zum ersten mal, aber diesmal mit überraschender heftigkeit, melden sich die alten – überwunden geglaubten – geister wieder.

kindern und jugendlichen muss plötzlich wieder erklärt werden, was ein „wichs“ ist, eine „mensur“, ein „schmiss“ und kaum jemand kann erklären, warum diese „burschen“ wieder etwas in unserem land zu sagen haben.

österreich erlebt eine zeitreise in eine vergangenheit, die mit „konservativ“ wohl nicht mehr zu beschreiben ist. österreich leistet sich rechtsextremes gedankengut an staatstragenden und politisch höchst verantwortlichen stellen.

„ich glaub jetzt nicht, dass sie wieder die viehwagons herausholen, um menschen wegzubringen“, hörte ich kürzlich eine junge frau zu ihrer freundin sagen, die nicht glauben konnte, dass sie den türkisen karrierevogel gewählt hatte.

einer, dem nichts mehr heilig war, hat sich mit den extremrechten ins politische bett gelegt, um nur endlich zum schuss zu kommen. was das für die politische kultur in unserem land – und in europa – bedeutet, ist kaum abzusehen.

wie weit wurden wir nun wirklich zurückgeworfen? wir können es aus der gegenwart kaum beurteilen, wir werden es erst mit einigem abstand sehen können.

widerstand ist die pflicht der stunde. und aufrichtiges gedenken. keine alibiaktionen, keine presseaussendungen mit bekenntnissen, die angesichts der entwicklungen ohnehin niemand glaubt, sondern klares bewusstsein schaffen.

marco m. feingold hat heute vor 7 jahren in einem gespräch mit mir dinge gesagt, die aus heutiger sicht aktueller sind, als je zuvor. deshalb will ich ihn hier gerade heute zu wort kommen lassen:

immer wieder zuhören und reflektieren, was damals passiert ist.
damit es beim „nie wieder“ bleibt!

holocaustgedenken – eine moralische verpflichtung.

mahnwache vor salzburger synagoge

mahnwache_synagoge front

marko m. feingold, präsident der israelitischen kultusgemeinde salzburg, zeigte sich angenehm überrascht über die ungefähr 70 menschen, die dem aufruf zu einer mahnwache vor der salzburger synagoge gefolgt waren. „schön, dass ihr in eurer freizeit hierher gekommen seid!“

gert kerschbaumer vom personenkomitee stolpersteine betonte, dass den anwesenden wichtig war, anlässlich der fortgesetzten serie von vorkommnissen ein deutliches zeichen zu setzen und die solidarität mit der jüdischen gemeinde in salzburg zu bekunden.

mahnwache_synagoge

100xNIEWIEDER für marko m. feingold

Layout 1

im rahmen einer feierstunde wurden am dienstag, 28.1.2014 im literaturhaus salzburg 100 statements zum thema nie wieder für marko m. feingold gelesen und dann in form eines grossen bildbandes an den präsidenten der israelitischen kultusgemeinde überreicht.

für diesen abschluss der aktion 100xniewieder hat cristina colombo für jedes statement ein fotoicon gestaltet. alle 100 fotoicons zusammen ergeben dann das abschlussbild der aktion, welches im literaturhaus erstmals präsentiert wird.

wir durften marko feingold ein buch überreichen, das es nur einmal gibt, weil es in der auflage 1 von uns produziert wurde. für alle, die an dieser aktion beteiligt waren und alle anderen, die die statements nachlesen wollen, gibt es hier das buch zum download in der pdf version: 100xNIEWIEDER für marko m. feingold

100xniewieder war eine aktion, die bereits am 28. mai 2013, dem 100. geburtstag von marko m. feingold, begonnen hat. mehr als 100 menschen haben auf einladung von cristina colombo & bernhard jenny ihren persönlichen zugang zum nie wieder formuliert. die erste phase des projekts dauerte 100 tage, jeden tag wurde eine aussage veröffentlicht -> hier die original blogseite der aktion

die zweite phase fand nun mit der performativen lesung 100xniewieder ihren abschluss im literaturhaus salzburg.

100xniewieder will ein deutliches zeichen setzen, dass die überlebensgeschichte von marko m. feingold und seine unbändige energie, mit der er sich von der ersten nachkriegsstunde an bis heute für das nie wieder einsetzt, vielen menschen ein auftrag ist, dem sie sich verpflichtet fühlen. im rahmen der aktion wurden durch 100 tage hindurch täglich ein statement veröffentlicht, über twitter, facebook, google+ und linkedin verbreitet, wodurch 100 kleine wellen der aufmerksamkeit in den sozialen medien ausgelöst wurden.

wir danken allen, die zum gelingen des abends beigetragen haben,

  • allen, die ein statement beigesteuert haben aber auch allen, die uns unterstützt haben,
  • unseren freundInnen (ihr wisst schon, wer da gemeint ist), die uns bei der gestaltung beraten haben,
  • simon schlingplässer, der mit studentInnen der schauspielschule mozarteum über das projekt gesprochen hat
  • agnes kammerer, zeynep bozbay, tim-fabian hoffmann und alexander tröger, die ALLEN 100 statements ihre lebendigen stimmen geliehen haben,
  • martin baumgartner, der mit seinem kontrabass die atmosphäre einfühlsam verdichtet hat,
  • tomas friedmann und seinem team im literaturhaus mit brigitte promberger (ihr seid wunderbar gastfreundlich!)
  • und nicht zuletzt den lieben menschen in der bar, die uns bis spät freundlich versorgt haben und vorher viel vorbereitet haben.
  • foto: 100xniewieder – 10×10 fotoicons – cristina colombo

    bericht der salzburger nachrichten 29.1.2014

    karin portenkirchner (sn) über unsere aktion