das halbherzige gedenken an marko feingold

dass die präsidentin der israelitischen kultusgemeinde hanna feingold sich für ihren mann marko feingold eine strasse mit postadressen gewünscht hat, ist bekannt. dennoch hat die stadt salzburg das anders gesehen und den ehemaligen makartsteg in marko-feingold-steg umbenannt.

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13 chancen für politische aufrichtigkeit.

die aktuellen entwicklungen rund um einen von der stadt salzburg in auftrag gegebenen historiker*innen-bericht zu salzburger strassennamen sind ernüchternd. so wird trotz sehr deutlich erwiesener NS-verstrickung so mancher proponenten laut darüber nachgedacht, ob es nicht ausreichend sei, wenn der umstand der nationalsozialistischen umtriebe vielleicht doch nur verschämt in einer fussnote auf dem digitalen stadtplan der stadt oder mit einer eventuellen erläuterungstafel dokumentiert würde.

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die seltsame jubiläumsfeier „40 jahre ARGEkultur“

gestern, am 21.4.2021 fand die veranstaltung DON´T TELL ME – SHOW in der ARGEkultur statt. es war dies die jubiläumsveranstaltung „40 jahre ARGEkultur“. eine etwas ungewöhnliche situation, in der wir da gefeiert haben…

hier meine begrüssungsworte im namen des gesamten vorstands der ARGEkultur

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aus den augen aus dem sinn

ein jahr nach dem tod von marko m. feingold hatte es die stadt salzburg sehr eilig. zu heiss scheint die schon jahrzehnte währende diskussion um strassennamen zu sein. da sollen nazis und antisemiten weiter ihre strassen in der mozartstadt haben, aber der mit grosser strahlkraft aufgrund seines unglaublichen engagements wirkende marko feingold bekommt keine postadresse, sondern einen steg.

dass die witwe andere wünsche hatte und mit dieser lösung alles andere als zufrieden ist, das war den eiligen einfach egal. hauptsache, es ist vorbei. juden werden gerne auf plätze ohne postadresse verwiesen, mehr geht nicht. drüberfahren und durch.

die eile war ohne jegliche not die erfindung des bürgermeisters. süffisant kommentiert er dann sinngemäss, dass die witwe – im übrigen die präsidentin der israelitischen kultusgemeinde – schon noch irgendwann einsehen wird, dass das so passt, wie jetzt beschlossen. beschämend.

vielleicht finden sich noch andere, die feingold wirklich würdigen, mit nachhaltiger wirkung. salzburg kann das nicht. salzburg bleibt salzburg.

aus den augen aus dem sinn

was ist eigentlich passiert?

heute vor 5 jahren sind wir erst nach 6 uhr in der früh erschöpft ins bett gefallen, ein unglaublicher nachmittag des 31.8. und eine noch unglaublichere nacht auf dem salzburger hauptbahnhof war hinter uns.

wir fühlten uns übermüdet, aber zufrieden. diesen nachmittag und diese nacht hatten sich unglaublich viele menschen der sogenannten „zivilgesellschaft“ eingefunden, um spontan und mit aktivistischer unterstützung von seiten der öbb jene menschen zu begrüssen und zu versorgen, die den weg über land und meer und wieder land bis hier her geschafft hatten, alt und jung, gross und klein, ja sogar babies, die auf dem weg der flucht zur welt gekommen waren.

wir waren dankbar, gemeinsam mit vielen menschen einfach gehandelt zu haben. die selbstorganisation und die koordination im chaosmodus war faszinierend, eine positive stimmung erfüllte uns mit kraft, die später als „willkommensklatschen“ diffamiert werden sollte.

a propos diffamierung: dass die öbb uns helfer*innen anbot, auf rechnung der öbb im sparmarkt am bahnhof jede menge wasser und brot einkaufen zu dürfen wurde später sogar vom landeshauptmann als plünderung zumindest „fehlinterpretiert“.

damals, am 1.9.2015 waren wir zufrieden über die spürbare energie, die von menschen ausging, die sich spontan einig waren: diesen menschen auf der flucht müssen und wollen wir zeigen, dass sie willkommen sind und sie unterstützen.

wir glaubten an diesem einen tag, dass sich dieses willkommen durchsetzen wird, dass wir dadurch nur gewinnen und niemals verlieren können.

in den letzten fünf jahren ist uns vieles abhanden gekommen. gutmensch und willkommenskultur sind zu schimpfwörtern eines scheinbaren trends geworden. und das ertrinken lassen, das dahinsiechen lassen und sterben lassen ist eine politisches erfolgsrezept.

was haben wir verloren? was haben wir gewonnen? was ist nur los mit unserer kultur?
was ist eigentlich passiert?

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Bild von Anja #helpinghands #solidarity#stays healthy🙏 auf Pixabay

die vergewaltigung des shoa-gedenkens.

die verlegung von 28 stolpersteinen war gerade mal ein paar stunden her. eine gedenkstunde war abgehalten worden, vor dem haus für mozart auf dem max-reinhardt-platz, ein gedenken an opfer der nationalsozialistischen diktatur.

nur wenige stunden also nach der erinnerung an vertriebene und ermordete künstler*innen setzt sich hedwig kainberger von den salzburger nachrichten an ihren computer und schreibt folgenden satz:

„Wenn wir das Erbe Max Reinhardts und Arturo Toscaninis annehmen, müssen wir auch jenes der vielen annehmen, die in der NS-Zeit weder heldenhaft waren noch emigriert sind. Daher sollen Logo und Keramiken ebenso bleiben wie die Namen Karl-Böhm-Saal, Furtwängler-Park, Karajan-Platz, Heinrich-Damisch-Straße, Clemens-Krauss-Straße.“

sie schreibt auch:

„Zum Imperativ, nur der Schuldfreie werfe den ersten Stein, zu einigen mutigen Taten – wie Furtwänglers Einsatz für Paul Hindemith – kommt noch etwas: Karl Böhm war einer der zartesten und luftigsten Mozart- und Strauss-Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Wilhelm Furtwängler wird als einer der größten Dirigenten überhaupt gepriesen. Ihre Verdienste um die Musik sind so unermesslich wie jene Herbert von Karajans, ja auch wie jene Bruno Walters und Arturo Toscaninis. Allein dafür soll und darf ihr Andenken nicht getilgt werden.“

Salzburger Festspiele 2020 · Gedenkstunde zur Verlegung von 28 Stolpersteinen vorm Haus für Mozart auf dem Max-Reinhardt-Platz für Opfer der nationalsozialistischen Diktatur, in Erinnerung an vertriebene und ermordete Künstlerinnen und Künstler, die die Gründung der Festspiele bis 1938 entscheidend mitgeprägt haben: Hanna Feingold, Martin Engelberg, Hella Pick, Gert Kerschbaumer, Mordechai Rodgold, Danielle Spera, Daniel Froschauer, Bernhard Hedenborg Foto: SF/Lukas Pilz

die verlegung von 28 stolpersteinen hat anscheinend das bürgerliche lager aus dem tritt gebracht. da muss schnell gerettet werden, da müssen bilder zurechtgerückt werden, da muss das berühmte „es war nicht alles schlecht“-argument selbst in der kulturredaktion wieder und wieder formuliert werden. die festspiele haben sich zu viel getraut?

aus der geschichte lernen können nur jene, die das auch wollen. bei der lektüre der „analyse“ von hedwig kainberger stellt sich die frage: wie genial hätte adolf hitler dirigieren oder klavierspielen müssen, um die shoa dagegen aufrechnen zu können?

hedwig kainberger schreibt im titel „Musik lässt sich vergewaltigen“. – „nicht nur!“, möchte ich ergänzen.
wer anlässlich der 100 jahre salzburger festspiele verzweifelt versucht, die „genies“ unter den nationalsozial getrimmten künstler*innen auf die stolpersteine zu kippen, vergeht sich am aufrichtigen gedenken der shoa.

„Die Opfer des Nationalsozialismus können nicht oft genug gewürdigt werden. Doch dies allein wäre so falsch wie der Rückfall in die hehre österreichische Opfertheorie.“

was heisst hier „doch dies allein“? was muss denn da unbedingt dazu? die beweihräucherung von nazi-künstler*innen als „ausgleich“???

das ist untragbar.
die vergewaltigung des shoa-gedenkens.

 

 

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Quelle der Textstellen: https://www.sn.at/salzburger-festspiele/analyse-ns-vergangenheit-der-salzburger-festspiele-musik-laesst-sich-vergewaltigen-91660912 © Salzburger Nachrichten VerlagsgesmbH & Co KG 2020

 

Fotocredits. © SF / Lukas Pilz und © SF / Neumayr/Leo

treibgut im spülsand der salzach

dieser text ist ein fb-posting vom 21.7. nachts. zahlreiche reaktionen zeigen mir, dass das thema viele bewegt. deshalb hier nochmals in meinem blog.

wunderschön – die stimmung an einem lauen sommerabend – in der menschenrechtsstadt salzburg. idyllisch der blick vom franz-josef-kai nahe der eisenbahnbrücke in mülln richtung innenstadt. wer dort stehen bleibt hört romantische abendgespräche wie „des sans, de bettla, vastinkn de gaunze stod“ oder „egal ob in italien, spanien oder hier, wons kane schwoazn san, dann sans zigaina“ oder „organisierte banden deafn do schlofn, frechheit“.

wie es sich für eine menschenrechtsstadt gehört, werden die armutsreisenden in dieser stadt… nein. eben nicht. anderer text:

es passt gelinde gesagt ganz und gar nicht zu einer menschenrechtsstadt, dass menschen tatsächlich unter freiem himmel nächtigen müssen, dort ihre wäsche waschen und trocknen, dort essen und sich schlafen legen. für manche passanten ist es ein befremdlcihes schauspiel, für andere anlass zu obigen kommentaren. beschimpfungen und beleidigungen inklusive. nicht jede nacht ist lau und mild. es gibt auch kalte, eiskalte und nasse nächte.

es passt ganz und gar nicht zu einer menschenrechtsstadt, dass menschen menschenunwürdig behandelt bzw. in stich gelassen werden. aber in einer unsolidarischen gesellschaft braucht es das bild von „gescheiterten“, um das narrativ jener gerechtigkeit aufrecht zu halten, in der es um belohnung für leistung geht. wer nichts im sinne einer kommerzialisierten welt „leistet“, wird treibgut im spülsand der salzach.

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foto: bernhard jenny lic cc by