das sofa könnte bald brennen. und wir mit ihm.

heute jährt sich die befreiung des kz mauthausen im jahr 1945. ein ort, an dem die zivilisation nicht einfach scheiterte, sondern bewusst außer kraft gesetzt wurde. mauthausen ist kein fernes symbol – es ist die radikale konsequenz einer entwicklung, die lange zuvor begann: in gedanken, in worten, in der schleichenden entwertung des anderen.

gerade deshalb ist erinnerung kein blick zurück, sondern eine prüfung unserer gegenwart. denn die bedingungen, unter denen intoleranz wächst, sind keine relikte der geschichte. sie entstehen dort, wo komplexität zur zumutung wird und einfache antworten verführerisch erscheinen. wo politische sprache nicht mehr verbindet, sondern trennt. wo das „wir“ enger wird – und das „die anderen“ zur projektionsfläche.

in dieser dynamik zeigt sich, wie aktuell das „paradoxon der toleranz“ von sir karl popper ist. 

„Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“



eine gesellschaft, die sich vorbehaltlos tolerant versteht, gerät in einen widerspruch: sie öffnet sich auch jenen, die diese offenheit zerstören wollen. toleranz wird dann zur selbstaufgabe, wenn sie nicht mehr unterscheidet zwischen differenz und verachtung, zwischen kritik und entmenschlichung.

diese grenzverschiebung lässt sich in der gegenwart beobachten – nicht abstrakt, sondern konkret. figuren wie der „misleader“ der vereinigten staaten stehen exemplarisch für eine politische praxis, die gezielt an dieser schwelle operiert: sie reizt die grenzen des sagbaren aus, normalisiert das zuvor undenkbare und verschiebt damit das moralische koordinatensystem. das problem ist dabei nicht nur die provokation selbst, sondern ihre wirkung: die langsame gewöhnung.

hier liegt die gefahr der erosion. nicht der plötzliche bruch zerstört die offene gesellschaft, sondern das allmähliche abtragen ihrer voraussetzungen. vertrauen wird ersetzt durch misstrauen, argumente durch affekte, würde durch zugehörigkeit. und irgendwann erscheint das, was einst undenkbar war, als bloße option unter vielen.

die lehre aus mauthausen ist daher keine historische, sondern eine normative: eine offene gesellschaft muss sich verteidigen – nicht durch den verzicht auf toleranz, sondern durch ihre bewusste begrenzung. sie muss widersprechen, wo sprache entgleist. sie muss standhalten, wo vereinfachung verführt. und sie muss aushalten, dass diese haltung unbequem ist.

dazu ist es unabdingbar, dass wir uns bewusst machen, was diskutiert werden kann und was eben nicht zur disposition steht. das sollte seit der deklaration der menschenrechte zumindest in den grundzügen klar sein.

Von Cpl Donald R. Ornitz, US Army – [1], Gemeinfrei



der 5. mai ist kein tag der stillen erinnerung. er ist ein – wenn ernst genommen – ein poltischer imperativ: die bedingungen der menschlichkeit aktiv zu bewahren – gerade dort, wo sie infrage gestellt werden, gerade dann, wenn sie zur individuellen meinungsangelegenheit abgewertet werden.

es ist gemütlich auf dem schönen gedenksofa. toleranz erscheint uns so wichtig zu sein, dass wir trotz der geschichte die heutigen kriegsverbrechen zwar mit kopfschütteln, aber dennoch tolerieren.

das sofa könnte bald brennen. und wir mit ihm.

____
bild: ag svehla CC by

gedenken ist das fundament der demokratie

der 9. november ist kein tag wie jeder andere. es ist der tag, an dem synagogen brannten, jüdische geschäfte geplündert, menschen verfolgt, gedemütigt und ermordet wurden – der beginn der systematischen vernichtung jüdischen lebens in europa. dort und da tauchen in diesen tagen stimmen auf, die in erschreckender weise, dieses gedenken kritisieren oder negativ framen wollen. wer heute an diesem tag relativiert, ablenkt oder gar hass streut, tritt nicht nur die opfer mit füßen, sondern auch die grundlagen unserer demokratie.

das gedenken an die opfer der shoah ist unverrückbar. und zugleich gilt: auch die furchtbaren geschehnisse des 7. oktober 2023 – der terroristische angriff auf israel, das gezielte töten und entführen unschuldiger – sind aufs schärfste zu verurteilen. nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt solchen terror.

Weiterlesen „gedenken ist das fundament der demokratie“

ratten im camp – und europa schaut zu???

die engagierte helferin und menschenrechtskämpferin auf lesbos doro blancke schreibt:

„Es ist ein Skandal! Überall Ratten im Mavrovouni-Refugee Camp auf Lesbos. Die Ratten beißen nachts die Menschen. […] Menschen können nicht schlafen, aus Angst angebissen zu werden. Eltern bangen um ihre Kinder.“

was hier geschildert wird, ist kein einzelfall, kein tragisches detail. es ist die schande europas, mitten in unserer gemeinschaft, finanziert mit unseren steuergeldern.

ratten, die menschen im schlaf beißen – auf europäischem boden, im jahr 2025. und europa schaut zu.

blancke fragt zurecht:

„Noch vor einigen Jahren waren wir uns einig: #Moria, die Schande Europas, darf sich nicht wiederholen. […] Doch der Schein trügt.“

ja, der schein trügt. man hat die zelte weiß gestrichen, den schotter gebleicht, das meer in den hintergrund gerückt – und gehofft, dass das bild nach außen „ordentlich“ aussieht. doch hinter dieser fassade leben menschen in angst, abgeschnitten von öffentlichkeit und würde. journalist:innen sind ausgeschlossen, ngos dürfen bleiben, wenn sie schweigen. das ist zynisch, das ist untragbar.

„Ich bitte Euch dringend, Politik mit Mails und Telefonaten ausdrücklich aufzufordern, dieses Unrecht, diese massiven Rechtsbrüche zu beenden.“

und genau das müssen wir tun. betroffenheit allein reicht nicht.
wir müssen laut werden, unbequem, sichtbar. schreiben wir an abgeordnete, an die europäische kommission, an jene, die sich „wertegemeinschaft“ nennen und gleichzeitig wegsehen. fragen wir: wo sind die millionen euro, die für menschenwürdige unterbringung gedacht sind? wer trägt verantwortung für diese grausamkeit?

vor drei jahren hieß es: nie wieder moria.
heute heißt es: solange die zelte weiß sind, fällt es nicht auf.

aber wir sehen es. und wir dürfen nicht mehr wegsehen.
das elend auf lesbos ist ein spiegel – und er zeigt uns, wie weit wir uns von unseren eigenen idealen entfernt haben.
wenn wir dieses bild nicht länger ertragen wollen, dann müssen wir handeln. jetzt. denn schweigen macht mitschuldig.

ratten im camp – und europa schaut zu???

https://www.facebook.com/reel/845132684611174

bild: screenshot facebook
Weiterlesen „ratten im camp – und europa schaut zu???“

unsere großeltern haben noch die demokratie erlebt.

statement beim 20 jahre hausgeburtstag der ARGEkultur

ARGEkultur 20 jahre neues haus

liebe gäste,
liebe freund:innen der argekultur,
liebes team!
20 jahre hausgeburtstag – das ist ein guter grund zu feiern!

20 jahre, in denen hier unzählige menschen mit leidenschaft, mut und kreativität gearbeitet haben und die ARGEkultur zu dem gestaltet haben, was sie heute darstellt. ihnen allen gebührt heute unser erster dank. dabei sollte uns bewusst sein, dass nicht alle, die zum funktionieren des hauses beitragen auch für alle sichtbar sind.

Weiterlesen „unsere großeltern haben noch die demokratie erlebt.“

volle solidarität mit dunja hayali! lasst uns lauter sein als die hasser:innen!

es reicht. es reicht mit den drohungen, den mordfantasien, den orchestrierten hasskampagnen gegen journalist:innen, die nichts anderes tun, als ihren job – nämlich die realität abzubilden, einzuordnen und kritisch zu kommentieren. der fall dunja hayali ist nicht nur ein angriff auf eine einzelne frau, sondern ein angriff auf die pressefreiheit, auf unsere demokratie und auf jede:n, der oder die sich öffentlich äußert.

die taz berichtet, wie alles begann:

„wo soll das alles hinführen? im land der meinungsfreiheit, den usa, scheint es immer weniger möglich zu sein, andere meinungen auszuhalten oder dagegenzuhalten, ohne dass es eskaliert“, mit diesen worten hatte die journalistin und nachrichtenmoderatorin dunja hayali das zdf heute journal am vergangenen donnerstag eröffnet. (taz)

Weiterlesen „volle solidarität mit dunja hayali! lasst uns lauter sein als die hasser:innen!“

wer terroristen die tür öffnet, macht sich mitverantwortlich für ihr tun.

man muss sich die dreistigkeit dieses staates einmal auf der zunge zergehen lassen: am 11. september – ausgerechnet an jenem tag, an dem sich die mörderischen anschläge von new york jähren – empfängt das österreichische innenministerium vertreter der taliban in wien. ja, richtig gelesen: jene taliban, die frauen und mädchen entrechten, oppositionelle einsperren, journalist:innen verfolgen und jeden rest von menschenwürde brutal mit stiefeln niedertrampeln. ein regime, das von den vereinten nationen bis heute nicht anerkannt wird, das auf sämtlichen relevanten terrorlisten steht, das in afghanistan angst, schrecken und hunger herrschen lässt. genau diese truppe wurde von beamten des innenministeriums hofiert, um ihnen menschen vorzuführen: 19 afghanen, die für eine abschiebung vorgesehen sind.

das ist kein verwaltungsakt. das ist kein „pragmatischer schritt“. das ist ein politischer skandal von historischem ausmaß. hier wurden terroristen in ein europäisches innenministerium eingeladen, hier wurden menschen, die in österreich schutz gesucht haben, den häschern eines islamistischen gewaltregimes ausgeliefert, wenn auch zunächst „nur“ in form von identifizierungen. wer glaubt, dass damit nicht längst eine gefährliche grenze überschritten wurde, hat jeden moralischen kompass verloren.

Weiterlesen „wer terroristen die tür öffnet, macht sich mitverantwortlich für ihr tun.“

die influencerin für das leben. claudia braunstein (1962 – 2025)

liebe claudia!

du bist gegangen.

nicht zurückgezogen, sondern auf insta und fb, ganz öffentlich.

du bist gegangen.

in beeindruckender, enttabuisierender offenheit. 

du bist gegangen.

zeigtest uns deine sorgen und ängste. deinen lebenswillen. deine träume.

du bist gegangen.

suchtest immer wieder nach den wesentlichen momenten.

du bist gegangen.

selbst zum lebensende oder gerade da suchtest du unermüdlich schönes.

du bist gegangen.

und hast uns noch deine familie als deinen kraftquell vorgestellt. 

du bist gegangen. 

mit der botschaft, dass das sterben zum leben gehört.

du bist jetzt für immer.

die influencerin für das leben.

das bild zeigt claudia braunstein 2016 in der ARGEkultur bei ihrem zweiten auftritt im rahmen einer PECHA KUCHA NIGHT in salzburg. foto: cristina colombo