obszönität mitten in mauthausen

was sich heute in mauthausen abgespielt hat, ist unfassbar.

wer sich mit wem ins persönliche bett legt, geht wirklich niemanden was an.
wer sich aber mit wem in ein politisches bett legt, das geht uns alle an.

schlimm genug, dass es rechtsextreme überhaupt ins parlament schaffen.
aber unverzeihlich, wenn wieder einmal die konservativen den rechtsextremen die räuberleiter machen. zu verlockend sind anscheinend die beutestücke, die sich alle erhoffen.

„niemals nummer. immer mensch.“
so die ehrenhaft klingende headline für das diesjährige gedenken.

wenn dann aber genau jene politisch unverantwortlichen auftreten,
scheinheilig ein gedenken unter obigem motto abfeiern,
aber gleichzeitig mit den rechtsextremen im bett liegen,
das ist obszön.

einmal ist es nur der unlandesrat, der ein neues lager errichten will.
einmal ist es ein unminister, der nur mehr ausreiselager betreiben will.
einmal ist es ein liederbuch, dann ist es ein rattengedicht.
distanzierungen gehören inzwischen zur folklore.
sie sind quasi das feigenblatt für eine nicht mehr übersehbare geistige nacktheit.

wer mit einem rechtsextremen vizeunkanzler eine unregierung bildet,
dann aber glaubt, er könne durch sein auftreten in mauthausen punkte sammeln,
ist obszön.

das gedenken an die opfer der shoa wurde heute entehrt.
kein einziges unregierungsmitglied kann rechtsextremismus an die macht heben und gleichzeitig „niemals nummer. immer mensch.“ vertreten.

wer diese unvereinbarkeit dennoch schafft,
sorgt für einen moralischen – erschütternden – skandal.
das jahr 2019 geht in die geschichte unseres landes ein.
als das jahr der unfassbaren
obszönität mitten in mauthausen

 

bild: kremlin.ru cc by remixed by bernhard jenny cc by

jom haschoa: gedenken muss auch handeln heissen.

 foto: corsi michele creative commons CC BY-NC-ND 2.0

ich bekenne naiv gewesen zu sein. in meinen jungen jahren dachte ich ernsthaft, dass das schreckliche, das unvorstellbare, das “gerade eben” vor meiner zeit passiert war, uns dauerhaft verpflichtet. ein “nie wieder” schien mir selbstverständlich. ja, da und dort waren ein paar “ewiggestrige” über, aber die mehrheit, die ganz grosse, die – so dachte ich – hat verstanden, was das erbe der überlebenden und nachfolgenden generationen ist.

und ich dachte, dass die erklärung der menschenrechte so etwas wie der verbindliche standard einer verantwortlichen welt wäre. wir engagierten uns in amnesty gruppen um den fernen diktatoren mal so richtig per brief unsere meinung zu sagen, sie von ihrem wahnsinn abzuhalten. und ich dachte, dass in unseren gesellschaften ein weg in eine bessere gesellschaft beinahe zwingend logisch vorgezeichnet ist.

ja ich war naiv. sehr naiv. und ich bin vermutlich nicht der einzige. wenn wir heute sehen, was da und dort aufbricht, wer da und dort tabus als solche nicht mehr akzeptiert und welche aussagen manche unverhüllt treffen, dann muss uns so ein gedenktag wie jom haschoa anlass sein, endgültig jede alle naivität abzulegen.

vieles war nie wirklich weg, so manche haltungen wurden nur nicht laut gesagt und heute tauchen sie als brandaktuelle politpositionen wieder auf. unsere gesellschaft ist eben nicht auf einem gesicherten weg, sondern wieder in gefahr. mit krise, xenophobie, rassismus und gegenseitiges ausspielen der schwachen und armen erleben wir ein spannungsfeld, das selbst das “nie wieder” nicht mehr als selbstverständlich erkennen lässt.

wenn gedenken sinn haben soll, muss schluss mit jeder naivität sein. und wir müssen hinsehen, benennen und dagegen aufstehen. das „wieder“ beginnt jeden tag. überall. das „nie wieder“ ist angesichts der lage in der welt beinahe wunschdenken. dennoch dürfen wir nie aufgeben, der neoliberalen, kapitalistischen fratze unserer systeme entgegenzutreten und gesellschaften zu entwerfen, die wirklich den menschen in den mittelpunkt stellen. zum gleichen vorteil für alle.

wieviel wert ein gedenktag ist, darüber entscheiden wir mit unserem tun.

gedenken muss auch handeln heissen.

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foto: corsi michele creative commons CC BY-NC-ND 2.0

marko m. feingold feiert seinen 100.geburtstag

Marko M. Feingold (Foto: privat)

morgen feiert hofrat marko m. feingold, präsident der israelitischen kultusgemeinde salzburg, seinen 100. geburtstag. präsident feingold beeindruckt alle, die ihm begegnen durch seine unermüdlichkeit und kraft, mit der er sich aktiv in schulen, vorträgen, pressegesprächen, interviews und diversen veranstaltungen für eine bessere welt engagiert.

marko m. feingold überlebte auschwitz, neuengamme, dachau und schliesslich buchenwald. dies war nur durch eine unglaubliche serie von “zufällen” möglich, wie feingold immer wieder ehrfürchtig berichtet. ebenso zufällig kam der wiener, der 1945 nicht mehr in seine heimatstadt zurück durfte, nach salzburg und wurde dort nur wenige tage nach der befreiung zum entscheidenden helfer, zum menschenschmuggler für eine viertelmillion “displaced persons”, jüdischen überlebenden, die im nachkriegseuropa keinen platz hatten.

kein dokumentarfilm oder geschichtsbuch kann so authentisch und lebendig erlebtes berichten und mit genau jenem mass an menschlichkeit verbinden, das aus fakten erfahrungen, aus erzähltem lebendiges werden lässt. marko feingold engagiert sich für eine welt, in der alle menschen platz haben. nach all dem, was er erlebt hat und überleben musste, ist ihm eine besondere souveränität geschenkt, die jedes kleinkarierte denken von vornherein relativiert oder zumindest mit einem verschmitzten witz aushebeln lässt.

es ist sicher kein zufall, dass viele der feingoldschen anekdoten von regeln und regelwerken erzählen, die aufgrund einer nur allzu menschlichen lebenspraxis mal hie und mal dort entweder garnicht oder eben auf individuelle weise eingehalten werden. das leben ist eben stärker und bunter, ja auch weniger perfekt, als jede noch so ausgeklügelte bestimmung.

hofrat marko feingold ist der erste träger des “kurt-schubert-gedächtnispreises” für interreligiöse verständigung. sein unaufhörlicher einsatz für eine welt, die aus der geschichte lernt, für menschen, die sich bewusst für eine offene gesellschaft einsetzen muss allen politisch bewussten menschen ermunterung und auftrag sein!

in diesen tagen werden zahlreiche gelegenheiten genutzt werden, marko m. feingold zu gratulieren und ihm für sein engagement zu danken. es wäre erfreulich, wenn alle gratulantInnen feingolds beispiel ernsthaft auch für ein engagement zum anlass nehmen würden, das jene lehren berücksichtigt, die der überlebensmensch marko m. feingold aus seinen erfahrungen zieht.

in diesem sinne wünschen wir präsident marko feingold möglichst viele menschen in seiner umgebung, die seinen erfahrungen mit offenem herzen begegnen, diese weiter hinaustragen und das „nie wieder“ mit in die zukunft unserer gesellschaft nehmen.

es gibt immer noch viel zu tun.

hier das gespräch, das ich 2011 mit marko m. feingold führen durfte:

homepage der israelitischen kultusgemeinde salzburg

alpinecrossing

gedenktag sinnlos.

foto: reynard (creative commons flickr)

gestern war gedenktag
gestern wäre es wichtig gewesen
einkehr zu halten

nachzudenken
wievielen menschenleben
wir verpflichtet wären
den gewesenen
den seienden
den kommenden

nachzudenken
was ein
nie wieder
so zu bedeuten hätte
in unserer gesellschaft
in unserer politik
in unserem tun

nachzudenken
warum es immer
normaler
alltäglicher
kaum jemand mehr aufregend
wird
wenn wieder
gehetzt
diffamiert
diskriminiert
wird

nicht nur an
stammtischen
nicht nur in
klassenzimmern
nicht nur im
öffentlichen raum

auch von
offiziellen stellen
von
ministerien
von
behörden

solange
wiederbetätigung
normaler ist
als
das nie wieder
ist jeder
gedenktag sinnlos.

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foto: reynard (creative commons flickr)

unermüdlicher einsatz für eine offene welt

heute feiert hofrat marko m. feingold, präsident der israelitischen kultusgemeinde salzburg, geburtstag. mit seinen 99 jahren ist präsident feingold unermüdlich aktiv, in schulen, vorträgen, pressegesprächen, interviews und diversen veranstaltungen.

marko m. feingold überlebte auschwitz, neuengamme, dachau und schliesslich buchenwald. dies war nur durch eine unglaubliche serie von “zufällen” möglich, wie feingold immer wieder ehrfürchtig berichtet. ebenso zufällig kam der wiener, der 1945 nicht mehr in seine heimatstadt zurück durfte, nach salzburg und wurde dort nur wenige tage nach der befreiung zum entscheidenden helfer, zum menschenschmuggler für eine viertelmillion “displaced persons”, jüdischen überlebenden, die im nachkriegseuropa keinen platz hatten.

kein dokumentarfilm oder geschichtsbuch kann so authentisch und lebendig erlebtes berichten und mit genau jenem mass an menschlichkeit verbinden, das aus fakten erfahrungen, aus erzähltem lebendiges werden lässt. marko feingold engagiert sich für eine welt, in der alle menschen platz haben. nach all dem, was er erlebt hat und überleben musste, ist ihm eine besondere souveränität geschenkt, die jedes kleinkarierte denken von vornherein relativiert oder zumindest mit einem verschmitzten witz aushebeln lässt.

es ist sicher kein zufall, dass viele der feingoldschen anekdoten von regeln und regelwerken erzählen, die aufgrund einer nur allzu menschlichen lebenspraxis mal hie und mal dort entweder garnicht oder eben auf individuelle weise eingehalten werden. das leben ist eben stärker und bunter, ja auch weniger perfekt, als jede noch so ausgeklügelte bestimmung.

hofrat marko feingold ist der erste träger des “kurt-schubert-gedächtnispreises” für interreligiöse verständigung. sein unaufhörlicher einsatz für eine welt, die aus der geschichte lernt, für menschen, die sich bewusst für eine offene gesellschaft einsetzen muss allen politisch bewussten menschen ermunterung und auftrag sein!

in diesem sinne wünschen wir präsident marko feingold möglichst viele menschen in seiner umgebung, die seinen erfahrungen mit offenem herzen begegnen, diese weiter hinaustragen und das „nie wieder“ mit in die zukunft unserer gesellschaft nehmen.

es gibt noch viel zu tun.

hier das gespräch, das ich vergangenes jahr mit marko m. feingold führen durfte:

marko feingold in wikipedia

marko feindgold im gespräch mit cornelius hell (pdf)

homepage der israelitischen kultusgemeinde salzburg

alpinecrossing

offener briefentwurf zum 1.11.2011

pionierewieimmer linz 31.10.2011 (foto: bernhard jenny)

sehr geehrter herr bürgermeister franz dobusch,

es freut mich sehr, dass sie und die gesamte stadtregierung von linz auf meinen hinweis zum 1.11.2011 so schnell reagiert haben, und mit mir einer meinung sind, dass ein denkmal mit dem erschreckend verherrlichenden spruch „pioniere wie immer“ nicht der historisch-politischen verantwortung einer modernen stadt wie linz entspricht.

ihr rascher entschluss, dass dieses denkmal am donauufer nahe dem brucknerhaus durch ein neues ersetzt werden soll, das uns alle dem „nie wieder“ verpflichtet, ist ein klares zeichen, eine eindeutigkeit in unserer politischen kultur herzustellen, die wir dringend brauchen.

pionierewieimmer detail linz 31.10.2011 (foto: bernhard jenny)

diesen brief wird es hoffentlich bald wirklich geben…

fragezeichen: marko. m feingold

mit seinen 98 jahren ist marko m. feingold, präsident der israelitischen kultusgemeinde salzburg unermüdlich aktiv, in schulen, vorträgen, pressegesprächen, interviews und diversen veranstaltungen. authentisch und lebendig berichtet er das erlebte mit genau jenem mass an menschlichkeit, das aus fakten erfahrungen, aus erzähltem lebendiges werden lässt.

marko m. feingold überlebte auschwitz, neuengamme, dachau und schliesslich buchenwald. dies war nur durch eine unglaubliche serie von „zufällen“ möglich, wie feingold immer wieder ehrfürchtig berichtet. ebenso zufällig kam der wiener, der 1945 nicht mehr in seine heimatstadt zurück durfte, nach salzburg und wurde dort nur wenige tage nach der befreiung zum entscheidenden helfer für eine viertelmillion „displaced persons“, jüdischen überlebenden, die im nachkriegseuropa keinen platz hatten.

„fragezeichen“ ist der titel einer losen serie von gesprächen, die ich mit menschen führen will, die durch ihr engagement wesentliche zeichen in unserer gesellschaft setzen.

so manche gesellschaftliche entwicklung in unserer näheren umgebung und in der gesamten welt lässt mich manchmal zweifeln, ob wir es schaffen werden, aus der geschichte zu lernen, verbindung statt trennung, gleichberechtigung statt diskriminierung, miteinander statt gegeneinander zu leben.

es gibt menschen, die sich nicht und nicht entmutigen lassen. mit diesen menschen möchte ich sprechen und von ihnen lernen. es ist mir eine grosse ehre und freude, dass marko m. feingold bereit ist, als erster gesprächspartner diese serie mit dem untertitel „menschen, die zeichen setzen, beantworten fragen“ zu eröffnen. danke!

der heutige tag des holocaustgedenkens, der „holocaust memorial day“ erschien mir ein geeigneter zeitpunkt, mit den „fragezeichen“ zu beginnen.

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israelitische kultusgemeinde salzburg

alpinepeacecrossing