selektion von flüchtlingen ist zynisch

wir sehen flüchtlingen zu, als wäre europa ein gigantisches dschungelcamp mit geilem reality-faktor. warum nicht gleich webcams an den küsten?

unruhe ist in den vergangenen tagen entstanden. besonders durch die wiedereinführung von grenzkontrollen, die aussetzung von zügen und busverbindungen hat deutschland jenen menschen, die sich über ungarn und österreich durchgeschlagen hatten neuerlichen stress verursacht. und die zwischenstationen sind seither an die kapazitätsgrenzen gestoßen, so sagen das die verantwortlichen. haben die europäischen außenministerien, innenministerien, flüchtlingsbeauftragten und sonstige informationsdienste keine kenntnis über die bewegungen aus den krisengebieten?

genauer betrachtet ist die situation allerdings nicht nur künstlich heraufbeschworen, weil aufgrund der über wochen über den balkan ziehenden menschen durchaus absehbar gewesen wäre, wohin diese flüchtenden menschen wollen und entsprechende vorkehrungen längst getroffen sein könnten. sie ist auch eine sehr zynische, denn die gefährdung von menschenleben müsste nicht sein: flüchtenden menschen wird sehenden auges zugemutet, dass sie in ihrer verzweiflung durchs meer schwimmen, in ungeeignete bootsbehelfe steigen, dann elendslange gewaltmärsche durchstehen und sich durch unwegsames gelände oft hungernd und durstend durchschlagen müssen, um letztlich vor stacheldrahtzäunen zu stehen, durch minengefährdetes gebiet zu gehen und oft wie verbrecher gejagt zu werden. auf diesen langen wegen brechen krankheiten aus, werden kinder geboren, müssen die menschen unglaubliche strapazen ertragen, um dann vielleicht auf einer brücke nach freilassing zurückgewiesen zu werden? bitte warten.

refugee-tv?

wir wissen also seit monaten, dass diese menschen entschlossen ihr leben retten wollen und sehen ihnen zu, als wäre europa ein gigantisches dschungelcamp mit geilem reality-faktor? warum nicht gleich webcams an den küsten und wanderrouten aufbauen, für werbefinanzierte live-übertragungen im refugee-tv?

europa versündigt sich an den menschen, die um ihr überleben laufen. schon geil, zu wievielen marschkilometern verzweifelte fähig sind, was? schau, dort drüben kommt wieder einer!

kein hindernislauf

flüchtende menschen haben jeden anspruch auf schutz. wer glaubt, die menschen per wassergraben und hindernislauf aussieben zu dürfen, macht sich schuldig. selektion von flüchtlingen ist zynisch. (bernhard jenny, der standard, 18.9.2015)

„grenzmanagement“ der EU: kein pakt mit diktatoren und despoten

die menschenrechte sind das testament jener millionen, die schon einmal in europa aussortiert wurden

das selektieren von menschen nach hautfarbe, das transportieren solcher herausgefilterter in geschlossenen waggons, das verbieten des betretens von bahnhöfen – wer hätte sich das noch vor zehn jahren mitten in europa vorstellen können? dennoch ist es laut medienberichten in der eu – in ungarn – geschehen. menschen werden wieder sortiert, in solche und solche. klassenunterschiede reichen zur beschreibung des unterschieds wohl nicht aus. da ist viel mehr unterschied. so einer wie zwischen „herrenmenschen“ und „untermenschen“.

aber das ist längst noch nicht alles: die eu plant offensichtlich die ernsthafte kooperation mit afrikanischen diktaturen, damit diese flüchtende menschen erst gar nicht aus ihren ländern lassen. eritrea und sudan sind plötzlich ernsthafte ansprechpartner in sachen „migrationsmanagement“ beziehungsweise „grenzmanagement“. laut einem bericht des ard-magazins „monitor“ soll in kairo eine polizeiakademie eingerichtet werden, die die exekutiveinheiten der diktaturen „entsprechend“ ausbilden.

paktfähige partner?

die eu-verantwortlichen machen dabei die augen zu. sind die grausamsten despoten und korruptesten diktatoren plötzlich paktfähige partner für die europäische union? „wir sind uns der tatsache bewusst, dass wir es dabei mit autoritären regimen zu tun haben, mit diktaturen. aber sie bekommen von uns keine politische oder demokratische legitimation. wir konfrontieren sie nur mit ihrer verantwortung“, sagt eu-migrationskommissar dimitris avramopoulos dem ard-magazin.

geschichte mahnt

vergleiche mit der zeit des holocausts wollen gut überlegt sein. aber stellen wir uns einmal vor, die vereinigten staaten hätten vor jahrzehnten angesichts der zahlreichen flüchtlinge aus europa mit hitler verhandelt, effizienter im „grenzmanagement“ des deutschen reiches zu werden, und dafür deutsche nazitruppen speziell geschult, wie sie den flüchtenden gar keine chance lassen.

menschenrechte sind unteilbar. und sie gelten für alle menschen dieser welt in gleichem maße. ob es uns gefällt oder nicht, ob es sich budgetverwaltungen leisten wollen oder nicht. menschen sind menschen – immer und überall. das ist für viele offensichtlich ganz schwer zu verstehen und noch weniger zu verkraften.

der letzte wille von millionen

die menschenrechte sind das testament jener millionen, die schon einmal in europa aussortiert wurden. europa tut gut daran, diesem millionenfachen letzten willen zu folgen. nur die unbedingte achtung der menschenrechte für alle kann leitfaden in der bewältigung der aktuellen herausforderungen sein.

niemand hat das recht, menschen zu sortieren, auszulagern oder allein wegen ihrer herkunft zu kriminalisieren. auch das auslagern von menschen, sei es in flüchtlingscamps innerhalb oder in solchen außerhalb europas, wird niemals näher zur lösung führen. der tod von menschen – ob in den herkunftsländern, den transitländern, im meer, an grenzzäunen oder innerhalb europas – darf niemals politisches kalkül und verhandlungspunkt werden. (bernhard jenny, derstandard, 7.8.2015)

spread it.

unchristlich by bernhard jenny (creative commons)

der wahlkampf verschlägt mir die sprache.
hier noch ein rekordverdächtig kurzer
blogeintrag.

meine beteiligung an der protestaktion von sos-mitmensch

aktion sos-mitmensch

nicht sehr geehrter herr staatssekretär kurz,

dass sie sich „integrationsstaatssekretär“ bezeichnen, ist allein schon blanker zynismus. „selektionssekretär“ käme der tätigkeit wohl schon näher, seien wir doch ehrlich.

sie hätten zwar die wichtige aufgabe, das zusammenleben in österreich zu verbessern und dafür zu sorgen, dass alle, die hier leben, zu ihrem recht kommen. dieser Aufgabe werden sie jedoch nicht gerecht, wenn sie menschen, wie mario keiber, die schon lange hier leben oder sogar hier aufgewachsen sind, demokratische grundrechte verwehren.

menschen nach einkommen oder besitz von geld zu sortieren ist zynisch. die teilhabe am sozial- und rechtsstaat darf nicht nur für manche gelten, sondern muss für alle gleich gesichert sein.

ich fordere sie – trotz heftigstem pessimismus – auf, den ausschluss von menschen aufgrund ihres einkommens zu beenden. ebnen sie den weg zu einer fairen und gerechten einbürgerung.

mit eigentlich nicht so freundlichen grüssen,

bernhard jenny

meine beteiligung an der protestaktion von sos-mitmensch

universität? die bildung ist verraten.

universität salzburg foto: bernhard jenny

kaum einen tag alt. dieses semester. für manche das erste. studienbeginn. mit all den erwartungen, den naiven, den realeren und da und dort auch vielleicht befürchtungen. dennoch. so ein anfang ist immer etwas besonderes. viele studentInnen nennen sich gerade mal ein paar stunden so. und müssen das gefühl dabei erst erspüren. sich als studentInnen wahrnehmen.

gestern noch eine spannende erste vorlesung. hat gepasst. war ausblick eröffnend. war interessant. machte lust auf mehr. heute dann die andere veranstaltung. mit der ganz anderen botschaft. es wird nicht genug platz geben für alle. die prüfungen in den einführungen sind zum aussieben da. selektion. es wird nicht leicht sein. bedaure. ja da können eben nur die besten.

so ist das eben. bildung? was dich interessiert, interessiert hier niemanden. universitäten sind längst nicht für alle da, da muss selektiert und ausgesondert werden. ganz wenig platz ist da, eng und nochmal enger. ihr seid zuviele. zuviele für bildung.

also. die einführung ins studium ist mit einer überschrift versehen: ihr seid hier fehl am platz. reduziert euch, werdet weniger, fangt lieber gar nicht erst an. der stoff ist ohnehin kaum zu erlernen, wer nicht jetzt schon viel von vornherein weiss, soll lieber nicht anfangen.

ihr seid unerwünscht. unser land hat kein interesse an eurer bildung, die platzzuweisung weist nach unten. ihr wolltet einen weg finden? ihr erwartet motivation? da seid ihr grund falsch. hier kommt fast niemand rein. bildung? wer spricht von bildung? hier ist die vorhölle der abschreckung. du hast geglaubt ein platz wäre für dich vorgesehen?

was unsere jungen menschen vermittelt bekommen, ist so nicht zu akzeptieren. es ist menschenverachtend, wenn der impuls für einen neuen lebensabschnitt mit ablehnung beginnt. ungeachtet der budgetdiskussion – bildungsmilliarde hin oder her – geht es doch um den umgang, den respekt, die begrüssung, die zusage, ein stück des lebensweges gemeinsam zu gehen. keine raumnot, keine budgetkürzung, kein personalmangel kann entschuldigen, dass junge menschen wie dreck behandelt werden. weg mit euch.

das haben sich unsere jungen studierenden nicht verdient. wie sollten erst professorInnen von universitäten in minder bemittelten ländern mit studierenden umgehen, wenn die verantwortlichen in einem so reichen land zulassen, dass junge menschen von ihrem eigenen staat gemobbt werden.

folge solcher selektion wird sein, dass manche, die wegen einführungsprüfungen aufgeben müssen, ganz aufhören. also erfolgreich abgeschreckt sind. und andere werden vielleicht den weg in privatuniversitäten finden. aber dann nur die, die es sich leisten können. womit die selektion perfekt ist.

universitäten, die ihre studierenden verjagen, statt sie zu begrüssen, die neugierige und forschungswillige verhöhnen, statt ihnen bestmögliche zuwendung zukommen zu lassen, sind keinen cent öffentlicher gelder wert. da wäre die vollprivatisierung von bildung und forschung ehrlicher, als die aufrechterhaltung einer placebo-universität. dann wüssten die jungen menschen gleich, wer unter welchen bedingungen wie zur kasse gebeten wird. und dass das ideal einer freien und unabhängigen bildung und forschung längst verraten ist.

aber manche glauben doch wirklich, alle könnten studieren.

selektion als erlerntes prinzip

IMG_3446satSMALLüber die kürzlich von uns organisierte pecha kucha night salzburg vol1 will ich an dieser stelle nicht im einzelnen berichten, nur soviel, dass es ein aus meiner sicht wirklich sehr schöner, exemplarischer überblick über verschiedenste kreative potentiale in unserer stadt war.

was mich heute hier zu diesem eintrag veranlasst ist ein kleiner nebenschauplatz am rande dieser PKNsalzburg, der mir bis heute zu denken gibt. nach eben 11 unterschiedlichsten präsentationen im ARGEbeisl, die live band fing gerade wieder an, musikalisch die stimmung sehr positiv zu unterstreichen, da kam jemand aus dem publikum auf mich zu und fragte mich mit fast enttäuschtem ton: „wird da bei euch nicht die beste präsentation gewählt, so per abstimmung oder applaus?“

im trubel des abends hab ich die frage einfach mit nein beantwortet, später dann erst, als mir mehrfach ähnliche fragen zu diesem veranstaltungsformat auffielen, wurde ich nachdenklich:

sind wir von diversen starsuch- und grosserbruderschautdirzu-shows schon so weit „erzogen“, dass wir einfach eine simple gleichrangige abfolge von ideen, die sich nun schon gar nicht miteinander vergleichen lassen, nicht ruhig stehen lassen können? müssen wir über alles und jedes den grundgedanken des „besten“ oder des „schlechtesten“ werfen? vertragen wir keine vielfalt mehr, ohne gleich zu hierachisieren, rauszuwählen, weiterkommenzulassen oder zu streichen?

merken wir denn nicht, dass wir damit einem prinzip folgen, welches letztlich auf selektion ausgerichtet ist? auf trennung des einen (vermeintlich besseren) von den anderen (vermeintlich durchschnittlicheren)?

jedenfalls weiss ich seit diesen fragen sehr genau, warum ich eine solche abstimmung zumindest in den von uns veranstalteten pecha kucha nights niemals haben möchte. es wäre für mich einfach nicht passend.

bild: cristina colombo, paisaje movido