es gibt eine gefährliche illusion im liberalen milieu: die vorstellung, man müsse nur lange genug mit antidemokrat:innen diskutieren, sie mit den besseren argumenten konfrontieren und in einer offenen debatte „entlarven“, dann werde ihre intellektuelle leere sichtbar. diese hoffnung ist nicht nur naiv. sie verkennt das wesen autoritärer ideologien.
hans rauscher hat mit seiner fussnote zur peter-thiel-debatte bei den wiener festwochen recht:
„Wer glaubt, wie offenbar Festwochen-Intendant Milo Rau, man könne solche protofaschistischen „Denker“ in demokratischer Diskussion „entlarven“, ist naiv.“ (DER STANDARD, 1.6.2026)
wer glaubt, man könne figuren wie thiel durch ein demokratisches gespräch widerlegen, missversteht die macht, die solche akteur:innen längst besitzen. es geht ihnen nicht um erkenntnis. nicht um wahrheit. nicht um den austausch von argumenten. es geht um einfluss, reichweite und die normalisierung ihrer weltsicht.
peter thiel ist kein missverstandener querdenker. er ist kein unbequemer liberaler. er vertritt seit jahren offen positionen, die mit den grundprinzipien der liberalen demokratie kollidieren. er stellt demokratische verfahren infrage, verherrlicht autoritäre führungsmodelle und träumt von einer gesellschaft, in der politische gleichheit durch die herrschaft wirtschaftlicher eliten ersetzt wird. wer solche vorstellungen propagiert, steht nicht außerhalb des demokratischen spektrums, weil seine meinung unbequem wäre. er steht außerhalb, weil er die grundlagen demokratischer gleichheit ablehnt.
genau hier verläuft die rote linie.
eine demokratie muss streitbar sein. sie muss widerspruch aushalten. sie muss mit konservativen, sozialist:innen, liberalen, religiösen, humanist:innen, gemässigten und radikalen reformer:innen sprechen. demokratie lebt vom konflikt und diskurs. aber sie ist nicht verpflichtet, jenen eine bühne zu bieten, die ihre abschaffung oder aushöhlung betreiben. im gegenteil.
mit allen reden?
das argument, man müsse „mit allen reden“, klingt zunächst tolerant. tatsächlich führt es oft zu einer fatalen entgrenzung. denn jedes öffentliche gespräch verleiht legitimität. jede einladung signalisiert: diese position gehört noch zum akzeptablen rahmen demokratischer auseinandersetzung. genau das ist der eigentliche gewinn für figuren wie thiel. nicht der sieg in einer debatte, sondern die anerkennung als legitimer gesprächspartner.
geschichte lehrt uns, dass demokratien nicht daran scheitern, dass sie zu viele grenzen ziehen. sie scheitern daran, dass sie die feinde der demokratie zu spät als solche erkennen.
die frage lautet daher nicht, ob wir peter thiel argumentativ gewachsen wären. natürlich wären wir das. die entscheidende frage lautet: warum sollten demokratische institutionen einem erklärten antidemokraten überhaupt die bühne bereitstellen, die er für die verbreitung seiner ideen braucht?
eine offene gesellschaft braucht debatten. aber sie braucht ebenso die fähigkeit, zwischen demokratischem streit und antidemokratischer propaganda zu unterscheiden. wer diese unterscheidung aufgibt, verteidigt die offenheit nicht. er macht sie wehrlos.
die rote linie: wer demokratie abschaffen will, darf auf keine bühne.
foto: © tim dornaus | wiener festwochen 2026
Vielen Dank für Ihren engagierten Beitrag zur Verteidigung der liberalen Demokratie. Ihre Warnung vor autoritären und antidemokratischen Tendenzen ist wichtig und verdient Aufmerksamkeit. Die Geschichte zeigt tatsächlich, dass Demokratien verletzlich sind und sich gegen Kräfte schützen müssen, die ihre Grundprinzipien abschaffen oder aushöhlen wollen.
Dennoch wirft Ihr Beitrag aus meiner Sicht einige Fragen auf.
Sie ziehen eine klare „rote Linie“ und vertreten die Auffassung, Personen wie Peter Thiel dürften auf demokratischen Bühnen keinen Platz erhalten. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wer letztlich bestimmt, wo legitime Kritik an bestehenden demokratischen Strukturen endet und wo tatsächliche Demokratiefeindlichkeit beginnt. Gerade in offenen Gesellschaften besteht die Gefahr, dass solche Grenzziehungen nicht nur gegen tatsächliche Autoritäre, sondern irgendwann auch gegen unbequeme, kontroverse oder systemkritische Stimmen angewendet werden.
Demokratie lebt nicht nur von gemeinsamen Grundwerten, sondern auch von der Fähigkeit, gegensätzliche Positionen öffentlich sichtbar zu machen und kritisch zu prüfen. Eine Einladung zu einer Debatte bedeutet nicht zwangsläufig Zustimmung oder Legitimation. Sie kann auch eine Gelegenheit sein, problematische Positionen transparent zu machen, kritisch zu hinterfragen und ihre Konsequenzen öffentlich zu diskutieren.
Zudem erscheint mir die pauschale Einordnung Peter Thiels als „erklärter Antidemokrat“ diskussionswürdig. Seine Äußerungen über Demokratie, Elitenherrschaft und technologische Zukunftsmodelle sind zweifellos kontrovers und teilweise mit demokratischen Gleichheitsvorstellungen schwer vereinbar. Dennoch wäre es hilfreich, konkrete Aussagen und politische Forderungen differenziert zu analysieren, anstatt die Person insgesamt außerhalb des demokratischen Diskurses zu verorten. Gerade eine liberale Demokratie sollte ihre Stärke auch darin zeigen, schwierige und provokative Positionen argumentativ zu konfrontieren.
Karl Popper beschrieb mit dem „Paradoxon der Toleranz“ die Notwendigkeit, intoleranten Bewegungen Grenzen zu setzen. Gleichzeitig betonte er aber, dass Verbote oder Ausschlüsse erst dann gerechtfertigt sind, wenn die Gegenseite den rationalen Diskurs verweigert und zur Gewalt oder Unterdrückung greift. Zwischen kritikwürdigen, elitären oder autoritären Ideen einerseits und einer unmittelbaren Bedrohung demokratischer Institutionen andererseits besteht daher ein wichtiger Unterschied.
Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung weniger darin, bestimmten Personen jede Bühne zu verwehren, sondern darin, Veranstaltungen so zu gestalten, dass problematische Positionen weder verharmlost noch unkritisch normalisiert werden. Eine selbstbewusste Demokratie sollte beides können: ihre Werte verteidigen und zugleich die Offenheit bewahren, die sie von autoritären Systemen unterscheidet.
Gerade weil die Demokratie schützenswert ist, sollte sie sorgfältig darauf achten, dass die Verteidigung ihrer Prinzipien nicht unbeabsichtigt zu einer Einschränkung des offenen Diskurses führt, der selbst zu ihren wichtigsten Grundlagen gehört.
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lieber gamma hans
ich hoffe, es passt für dich, wenn wir per du sind. danke für deinen kommentar. hier meine antworten:
erstens spreche ich in meinem blogpost in erster linie über die frage, wem wir eine bühne bieten sollen und wem nicht – also über eines der geringsten und zugleich grundlegendsten mittel einer selbstbewussten demokratie, sich zu schützen.
zweitens ist die frage nach einer „tatsächlichen demokratiefeindlichkeit“ für mich in dem moment beantwortet, in dem jemand wie thiel offen autoritäre führungsmodelle anstrebt und demokratische grundprinzipien infrage stellt.
drittens ist meiner meinung nach auch deutlich zu erkennen, dass das, was tech-konzerne und ihre machtinhaber (bewusst nicht gegendert) mit ihrem intransparenten umgang mit unseren daten anstellen, durchaus als eine form von gewalt verstanden werden kann: als manipulation, als enteignung von information, als nötigung und schliesslich als ein angriff auf demokratische strukturen. nur werden dabei eben selten gewehre, raketen, drohnen oder panzer gegen uns eingesetzt, sondern datensammlungen, datenauswertungen und die gezielte beeinflussung von informationskanälen – und das alles weitgehend ohne wirkliche, transparente und demokratische kontrolle.
wenn du karl popper zitierst, dann entspricht das tatsächlich meiner sichtweise. ich sehe sein kriterium erfüllt: dass demokratische institutionen tatsächlich und unmittelbar bedroht sind, erscheint mir gegeben. deshalb wird die begrenzung der intoleranz aus meiner sicht unumgänglich.
wohin uns false balancing in der öffentlichen diskussion führt, erleben wir täglich. irgendwann müssen wir uns bewusst werden, dass wir nicht bei jedem diskurs automatisch jede extremposition hinzuholen müssen.
das hat auch sehr viel mit dem medienkapitalismus zu tun. kommerzielle medienwelten und social-media-plattformen zielen aufgrund ihres geschäftsmodells auf umsatzmaximierung ab. und umsatz bedeutet klicks, likes und shares – völlig unabhängig von haltung oder moral. geld regiert die welt.
überspitzt gesagt: wenn in einer talkshow über parkgebühren und parkverbote ein:e teilnehmer:in auftreten darf, die oder der für dreimaliges falschparken die todesstrafe oder zumindest lebenslange haft fordert, dann bringt das zuseher:innen, klicks und shares. egal, ob die reaktionen empört, alarmiert oder zustimmend sind. aber dadurch wurde die grenze des denk- und sagbaren bereits ein stück weit in richtung todesstrafe verschoben. beim nächsten mal dann noch ein stück weiter. und so fort.
money makes the world stupid.
ich bin daher weiterhin für eine klare begrenzung von diskursräumen und bühnen für all jene, die den diskurs in wahrheit nicht wegen seines inhalts suchen, sondern ihn lediglich benötigen, um ihre kapitalistischen und autoritären machtgelüste zu tarnen und gesellschaftlich zu normalisieren.
wenn wir diese unterscheidung nicht mehr treffen können oder wollen, könnte es irgendwann für uns alle zu spät sein.
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Lieber Bernhard
Danke für deine ausführliche Antwort und die Zeit, die du dir dafür genommen hast.
In einigen Punkten kann ich deine Sorgen nachvollziehen. Die enorme Macht grosser Technologiekonzerne, die Konzentration von Daten, die Intransparenz algorithmischer Systeme und der Einfluss ökonomischer Interessen auf öffentliche Debatten stellen tatsächlich ernsthafte Herausforderungen für demokratische Gesellschaften dar. Darüber sollte offen und kritisch diskutiert werden.
Gerade deshalb sehe ich jedoch auch die Notwendigkeit, bei der Frage der Begrenzung von Diskursräumen besonders vorsichtig zu sein.
Du schreibst, die Frage der Demokratiefeindlichkeit sei bereits beantwortet, wenn jemand autoritäre Führungsmodelle anstrebt oder demokratische Prinzipien infrage stellt. Für mich beginnt hier das eigentliche Problem: Wer entscheidet verbindlich, wann diese Schwelle überschritten ist? In einer Demokratie darf nicht die politische oder moralische Bewertung einer Person allein darüber entscheiden, ob sie noch öffentlich gehört werden darf.
Karl Poppers Toleranzparadoxon wird meines Erachtens häufig verkürzt wiedergegeben. Popper sprach nicht von der Unterdrückung unbequemer oder problematischer Meinungen, sondern von der Abwehr jener Kräfte, die den rationalen Diskurs selbst zerstören und Gewalt an die Stelle von Argumenten setzen wollen. Die Schwelle liegt deshalb bewusst hoch.
Auch der Begriff der „Gewalt“ verdient meines Erachtens eine sorgfältige Differenzierung. Manipulation, Desinformation oder Machtmissbrauch durch Konzerne können demokratiegefährdend sein. Dennoch besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen solchen Phänomenen und physischer Gewalt oder staatlicher Repression. Wenn wir den Gewaltbegriff zu weit ausdehnen, besteht die Gefahr, dass nahezu jede Form unerwünschten Einflusses als Gewalt bezeichnet werden kann. Dadurch verliert der Begriff an analytischer Schärfe.
Dein Beispiel des False Balancing erscheint mir ebenfalls nur teilweise überzeugend. Natürlich muss nicht jede extreme Position künstlich aufgewertet werden. Gleichzeitig lebt eine offene Gesellschaft davon, dass auch kontroverse, irritierende oder sogar falsche Ansichten öffentlich geprüft und widerlegt werden können. Die Antwort auf problematische Ideen sollte nach Möglichkeit Kritik, Gegenargumente und Aufklärung sein – nicht vorschneller Ausschluss.
Besonders nachdenklich macht mich der Gedanke, Menschen aufgrund ihrer Gesinnung oder ihrer vermuteten Absichten von öffentlichen Bühnen fernhalten zu wollen. Die Geschichte zeigt, dass Instrumente des Ausschlusses selten dauerhaft in den Händen derjenigen bleiben, die sie ursprünglich eingeführt haben. Was heute gegen vermeintliche Autoritäre eingesetzt wird, kann morgen gegen andere Minderheiten oder politische Strömungen verwendet werden.
Ich teile daher die Sorge um die Demokratie, ziehe aber eine andere Schlussfolgerung daraus: Eine starke Demokratie zeigt ihre Stärke nicht primär dadurch, dass sie Stimmen ausschliesst, sondern dadurch, dass sie problematische Positionen im offenen Diskurs sichtbar macht, kritisch prüft und argumentativ entkräftet. Wo tatsächliche Rechtsverletzungen, Aufrufe zu Gewalt oder konkrete Angriffe auf demokratische Institutionen vorliegen, stehen bereits rechtsstaatliche Mittel zur Verfügung.
Vielleicht besteht unsere Differenz letztlich weniger in der Diagnose als in der Frage, wie eine Demokratie sich selbst am besten schützt: durch stärkere Begrenzung des Diskurses oder durch die Belastbarkeit ihrer eigenen Prinzipien.
Freundliche Grüsse
Hans
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lieber hans,
ich denke unser dissens liegt bei der bewertung der lage:
du beschreibst zurecht die enorme macht grosser technologiekonzerne, die konzentration von daten, die intransparenz algorithmischer systeme und den einfluss ökonomischer interessen auf öffentliche debatten als „herausforderung“ für die demokratie.
ich würde einen schritt weitergehen: genau diese faktenlage zwingt uns dazu, sie als eine neue form von macht und damit auch als eine form von gewalt gegen die freie demokratische ordnung zu begreifen. nicht jede gewalt tritt in form von polizei, militär oder physischem zwang auf.
wer – so erscheint es mir – informationsströme kontrolliert, öffentliche wahrnehmung steuert, verhalten vorhersagt und beeinflusst bzw. dafür auch mit staaten, militärs und exekutive geschäfte abwickelt sowie demokratische entscheidungsprozesse durch intransparente digitale infrastrukturen prägt, übt reale macht aus. und wo macht ohne demokratische legitimation und wirksame politische kontrolle ausgeübt wird, ist die demokratie bereits angegriffen.
genau deshalb halte ich die frage, wem wir öffentliche bühnen und zusätzliche legitimation verschaffen, nicht für eine nebensächliche, sondern für eine demokratiepolitisch zentrale frage.
und selbst wenn es gelingen würde, peter thiel und andere autoritäre tech-oligarchen aus allen bühnen und studios dieser welt zu verbannen, wären ihre machenschaften damit ja nicht beendet. ihre wirtschaftliche, technologische und politische macht bliebe bestehen.
genau deshalb darf die frage der bühne nicht mit der frage der aufklärung verwechselt werden. die aufgabe demokratischer institutionen, medien, wissenschaft und zivilgesellschaft besteht nicht darin, thiel zusätzliche reichweite zu verschaffen, sondern darin, seine ideen, netzwerke und machtstrukturen kritisch offenzulegen und zu analysieren.
aufklärung braucht keine gemeinsame bühne mit den gewaltigen. sie braucht unabhängige demokratische institutionen, die macht kontrollieren und sichtbar machen. und gegebenfalls gerichte.
liebe grüsse
bernhard
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‚wer demokratie abschaffen will, darf auf keine bühne.‘ – und damit wäre die demokratie dann abgeschafft.
’nazis raus‘ – aber wohin? ins kz?
man kann sich menschen nicht aussuchen. wir müssen uns aushalten. keiner ist der richter. ausnahme: straftaten.
freundliche grüße
rochus
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