gedenkjahr? schluss mit dem versteckspiel.

salzburg scheint eine tradition des versteckens zu haben. so ist das antifaschismus-mahnmal am bahnhofvorplatz, also südtiroler platz in seiner unscheinbarkeit inzwischen kaum mehr zu übertreffen.

antifaschismus_mahnmal_003451641_gemeindesalzburg
foto: stadtgemeinde salzburg / pressebild

im volksmund längst als „taubenschlag“ bezeichnet, wurde 2002 der entwurf einer „hütte“ des künstlers heimo zobernig ausgewählt, der eingravierte text in nur schwer zu lesen, nämlcih an der unterseite des daches, also nur, wenn wer unmittelbar im mahnmal steht und den blick zufällig nach oben wendet. dort steht dann:

Die Stadt Salzburg bekennt und betrauert, dass auch hier Verbrechen des Nationalsozialismus geschehen sind und BürgerInnen dieser Stadt sich daran mitschuldig gemacht haben. Opfer dieser Barbarei waren: Juden und Jüdinnen, psychisch Kranke und Behinderte, Sinti und Roma, Homosexuelle Künstlerinnen, politisch Andersdenkende, Widerstandskämpferinnen, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiterinnen.

Die Erinnerung an diese dunklen Jahre ist zugleich Verpflichtung zu einem „Nie wieder.“ Ein Leben in humaner Würde beruht auf den Prinzipien der Demokratie und der Menschenrechte. Diese Grundsätze sind allerdings nicht selbstverständlich, sondern müssen gegen den Ungeist eines heute wieder verstärkt zu beobachtenden Alltagsfaschismus wachsam verteidigt und immer wieder neu errungen werden.

Das Andenken der Opfer von gestern zu ehren heißt, sich heute aktiv gegen alle Formen des Faschismus und für die Wahrnehmung der Menschenrechte zu engagieren.

das mahnmal war auf einem fast leeren vorplatz unmittelbar nach der umgestaltung des vorplatzes noch einigermassen sichtbar, aber inzwischen verschwindet es in einem wald, der wohl salzburgs zenralstes und sicherstes (weil unter den augen der bahnhofwachstube) hundeklo zu sein scheint.

noch viel versteckter ist das auf initiative von wolfgang radlegger ermöglichte mahnmal in memoriam bücherverbrennung von zoltan pap. hier eine kurze bildgeschichte, wo dieses kunstwerk steht:

der unipark nonntal

unipark_IMG_1603foto: bernhard jenny cc by

hat einen innenhof

unipark_IMG_1602foto: bernhard jenny cc by

der hinter verglasung einen blick in das kellergeschoss des unigebäudes erlaubt

unipark_IMG_1601foto: bernhard jenny cc by

dort ist dann ein mahnmal zu erahnen

unipark_IMG_1600foto: bernhard jenny cc by

das nur von oben betrachtet werden kann, aber…

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foto: bernhard jenny cc by

exklusiv für besucher*innen der bibliothek wirklich gut sichtbar wird.

zoltan pap Mahnmal quad

foto: universität salzburg, pressebild

der künstler zitiert in dieser skulptur erich fried

Ça ira?

Die Verbrechen von gestern
haben
die Gedenktage
an die Verbrechen von vorgestern
abgeschafft

Angesichts
der Verbrechen von heute
machen wir uns zu schaffen
mit den Gedenktagen
an die Verbrechen von gestern
Die Verbrechen von morgen
werden uns Heutige
abschaffen
ohne Gedenktage
wenn wir sie nicht verhindern

Erich Fried

(Es ist was es ist; Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte. Berlin 1983.)

dieses mahnmal soll an die bücherbrennung vom 30.4.1938 auf dem residenzplatz erinnern. die öffentlichkeit für dieses kunstwerk ist zumindest reduziert.

was zu denken geben muss:

inzwischen hat sich die stadt zu einem mahnmal am ort des geschehens – residenzplatz salzburg – durchgerungen. obwohl schon vor jahren überlegungen angestellt worden waren, ein weithin gut sichtbares zeichen dort zu setzen, wurde bereits im vorfeld klar, dass eine gewisse schüchternheit wohl grundvoraussetzung für den zuschlag sein wird.

eine jury wählte als sieger-projekt den entwurf „buchskelett“ von fatemeh naderi und florian ziller aus.

nach „unscheinbar im hunde klo wald“ und „in kellergeschoss“ kommt nun auf dem residenzplatz „im boden versenkt“. das mahnmal wird am 30.4.2018 feierlich eingeweiht.

entwurf_buchskelett_004612211foto: stadt salzburg, pressebild honorarfrei

irgendwie scheitert die sichtbarkeit immer wieder. das kann kein zufall sein.

das gedenkjahr 2018 könnte anlass sein,
sich der sichtbarkeit wirklich anzunehmen.
gedenkjahr? schluss mit dem versteckspiel.

offener brief: besorgnis ist zu wenig. staatsstreich verhindern!

sehr geehrter herr bundespräsident dr. alexander van der bellen!

ja, ich bin auch – wie sie – besorgt und fordere umgehende, lückenlose aufklärung der vorgänge im BVT (bundesamt für verfassungsschutz und terrorismusbekämpfung).

aber das allein ist zu wenig!

ich bin hochgradig alarmiert, zutiefst entsetzt und kann nicht glauben, wie schnell aus einem rechtsstaat ein von rechten diktiertes land werden soll!

wenn eine unzuständige einheit der polizei unter offensichtlich parteipolitischer anleitung büros des bundesverfassungsschutzes stürmt, wodurch höchst sensible daten in absolut falsche hände geraten, und das einsatzziel zumindest dubios, wenn nicht ohnehin nur vorgeschoben, ist, dann stehen wir vor einem der grössten skandale der zweiten republik.

den wissensstand des BVT über rechtsextreme, identitäre und burschenschaften abzugreifen und damit in entscheidendem ausmass die ermittlungen zu unterwandern, ist eindeutig im höchsteigenen interesse jener nazi-nachfolgepartei, die sie leider in eine regierungsverantwortung gehen liessen.

jetzt dem digitalen rechtsputsch zuzusehen und nicht umgehend das gespenstische treiben zu stoppen, wäre grob fahrlässig. da ist ein rechtsextremer höchstrichter noch beinahe ein lercherl des frühlings im vergleich dazu.

entreissen sie den nazis unsere staatsgewalt, bevor die nazis diese endgültig an sich reissen. unter ihren augen. mit mehr oder weniger höflicher duldung.

meine dringende aufforderung daher an sie, herr bundespräsident, handeln sie ihrer verantwortung entsprechend. jetzt sofort!

besorgnis ist zu wenig. staatsstreich verhindern!

wucherndes wachstum kann tödlich sein.

wirtschaftswachstum. verfassungsrang soll es bekommen. das wirtschaftswachstum. klingt harmlos. ist es aber ganz und gar nicht.

verfassung. dort steht das grundlegende, das nicht beliebig verrückbare, das, was uns orientieren soll. die grundrechte, die menschenrechte, also die basis dessen, was uns den frieden sichern soll. verfassung. quasi das verbindliche leitbild eines landes.

gleichstellung, teilhabe, soziale sicherheit, chancengleichheit, recht auf bildung, gesundheit und pflege. vieles kann sinnvoll durch eine verfassung abgesichert werden.

wirtschaftswachstum? welchen sinn soll eine verfassungsrechtliche verankerung des stetigen wachsens der wirtschaft haben?

zum einen ist wirtschaftswachstum ohnehin etwas, was nicht endlos und immer wieder weiter gehen kann, denn die berühmten „bäume wachsen auch nicht ins unendliche“. wachstum hat grenzen, wie alles in unserer welt, verantwortlicher umgang mit ressourcen und umwelt die unverzichtbare konsequenz. vor diesem hintergrund der allgemein verfügbaren erkenntnisse, dass wachstum nicht grenzenlos sein kann, ist das verfassungsmässige festschreiben von wirtschaftswachstum zumindest dumm.

zum anderen ist wirtschaftswachstum oder auch nur wirtschaftsabsicherung auf gleichbleibendem stand von derart vielen faktoren abhängig, die ganz und gar nicht in unserem land allein bestimmt oder gesteuert werden können, dass es zusätzlich gefährlich naiv ist, solches in einer verfassung absichern zu wollen. es erweckt den neoliberalen feuchten traum, dass wir alle so erfolgreich sein können, wie wir es wollen, wenn wir es nur wollen. nochmals zumindest dumm.

ein dritter aspekt ist der gefährlichste. wenn mensch – zumindest im hinterkopf, nicht offen ausgesprochen – doch irgendwie zugeben muss, dass a) wachstum nicht unendlich und b) wachstum nicht von uns allein abhängig sein kann, dann bleibt nur ein zweck für diese verankerung des wirtschaftswachstums in der verfassung: es soll die priorität klären.

das könnte bedeuten, dass die wirtschaftlichkeit als oberstes kriterium sakrosankt für alle politischen entscheidungen und weichenstellungen festgeschrieben wird. gleichstellung, wieviel bringt uns die rein wirtschaftlich betrachtet? teilhabe, kann das monetarisiert werden? soziale sicherheit für alle, können wir uns das noch leisten? bildung, gesundheit, pflege? wo ist das der break even point, wie geht das gewinnbringend?

auf einen satz reduziert: leben muss sich rechnen.

wirtschaftswachstum ist das oberste ziel, dem sich alles unterordnen soll.

dieses politische vorhaben ist viel gefährlicher, als es auf den ersten blick aussieht, es entlarvt die menschenverachtende haltung in neoliberaler reinkultur.

wirtschaftswachstum als oberstes kriterium verkauft die demokratische grundordnung samt humanistischem wertekanon.

wirtschaftswachstum als oberstes prinzip ist ein raumfordernder tumor.

wucherndes wachstum kann tödlich sein.

„die grünen sind an allem schuld“

zuerst vergrausigen sie den pilz, dann schaffen sie es nicht einmal ins parlament, jetzt geht van der bellen nichteinmal gegen einen menschenrechtsverachter als höchstrichter vor und nun marschiert noch eva glawischnig ins management des glückspielkonzerns novomatic.

da sieht mensch wie weit es die grünen gebracht haben.

solche reaktionen sind verständlich und spontan, aber sind sie auch gerechtfertigt?

es ist mit sicherheit eine schwere belastung, welche die grünen durch solche entwicklungen aushalten müssen, denn die öffentliche meinung reflektiert nicht, sie reagiert spontan und sensationslüstern.

bei genauerer betrachtung steht fest: weder alexander van der bellen noch eva glawischnig treffen ihre entscheidungen gemeinsam mit den grünen, beide handeln für sich selbst verantwortlich.

daher sind es keine grünen verantwortungen, die hier zur rechenschaft gezogen werden müssen, sondern die jeweiligen personen.

van der bellen muss sich die frage gefallen lassen, wie er es verantworten kann, dass ein rechter burschenschafter, der das menschenrecht verhöhnt, nun höchstrichter werden soll. eine solche verantwortung ist weittragend, der auftrag der vielen wähler*innen war mit sicherheit ein gänzlich anderer.

glawischnig muss sich ebenso fragen gefallen lassen. wie passt der neue job in ein weltbild, welches sie bis dato zumindest nach aussen vertreten hat? klarerweise zahlt ein glückspielkonzern einer ehemaligen grünen liebend gerne höchstgagen, wenn dadurch ein stück reinwaschung erkauft werden kann. das hat logik, ist aber längst nicht moralisch.

dramatisch. beide persönlichen entscheidungen sind aufs schärfste zu hinterfragen!
aber es sind keine grünen entscheidungen.
jene, die weiterhin ernsthafte grüne politik betreiben, haben es jetzt leider zumindest nicht leichter.

aber es wäre fatal, die geschichte unverantwortlich zu verkürzen:
„die grünen sind an allem schuld“