eilmeldung: brandanschlag auf zwei schlafplätze von armutsreisenden

bernhard jenny

wie ich soeben von raim schobesberger (verein phurdo) erfahren habe, wurde heute auf zwei schlafplätze von armutsreisenden in salzburg brandanschläge verübt. raim schobesberger berichtet über die grosse angst, die die betroffenen nun haben, sie trauen sich nicht mehr einfach nur zu schlafen, sie wechseln sich ab, damit immer jemand aufpasst, dass nichts passiert. die übergriffe werden immer unerträglicher und sind ein immer stärker werdendes zeichen für jene stimmung, die raim schobesberger an ein neue pogrom denken lässt.

verbittert berichtet raim schobesberger, dass die polizei den sachverhalt zwar protokolliert habe, aber ihm auch deutlich gesagt habe „dass man da nichts machen könne“.

was ist los in der menschenrechtsfestspielstadt salzburg???

es sind leider nicht die ersten vorkommnisse dieser art in salzburg.

attacken auf schlafende frauen

rollkomandos in salzburg?

gesucht: würde

salzburg_IMG_2535_würde bernhard jenny cc by nc sc

sie ist uns abhanden gekommen. wenn wir zulassen, dass arme, notreisende und bettlerInnen nur mehr als „problem“ gesehen werden, dann nehmen wir ihnen die würde. wenn wir zusehen, wie verblendungen (was für ein wort) in brücken und schlupflöcher zur beruhigung der hetzerInnen eingebaut werden, ohne dass ihnen wirklich ausreichend unterkunft angeboten wird, dann nehmen wir ihnen die würde. wenn wir zuhören, wie hetzerInnen diese menschen als abschaum, gesindel, stinkende und abfallprodzierende wesen erniedrigt und verhöhnt werden, dann nehmen wir ihnen die würde.

aber nicht nur das. wir nehmen uns selbst die würde. wer zulässt, dass anderen die würde genommen wird, oder gar selbst anderen die würde nimmt, nimmt sich selbst die würde.

bei der lektüre diverser facebook-kommentare auf hetzseiten gegen bettlerInnen wird es überdeutlich, wie weit weg wir von der würde sind. würdelosigkeit ist den dumpfen nicht einmal peinlich. geifernd und sabbernd hetzen da viele, überstürzen sich geradezu in ihrem hass auf feindbilder, die ihnen allzulang vorgekaut, aufgeschrieben und vorplakatiert wurden. social media machen vieles über die schmerzgrenze hinaus sichtbar. auch den mob. in all seiner würdelosigkeit.

wenn es uns nicht gelingt, die würde wieder zu finden, dann werden sich immer mehr dem mob anschliessen. die himmelschreiende wortlosigkeit, die alarmierende tatenlosigkeit und die mangels ehrlicher denkarbeit anhaltende ratlosigkeit der verantwortlichen verursachen grosse schäden. wo sind die stimmen, die genauigkeit und klarheit in der diskussion einfordern? die es nicht zulassen, dass ständig armut mit kriminalität, ausländerInnen mit mafia, migrantInnen mit abfall und schmutz assoziiert werden? wer hat den mumm, sowohl dem gröhlen des mobs als auch der verwaschenen ungenauigkeit einhalt zu gebieten? oder hat der mob am ende dann recht, wenn er genügend likes, genügend unterschriften sammelt? sind menschenrechte per unterschriftenlisten abschaffbar?

wir werden die würde wieder finden müssen, wir werden sie durchdeklinieren müssen und in unserer denke einen platz einräumen müssen, wenn es sie denn noch irgendwo gibt.

vielleicht finden wir sie gerade bei jenen menschen, die wir gerade verjagen, vertreiben und verhöhnen. wenn wir sie ernstnehmen, annehmen, versorgen und unterstützen. wenn wir ihnen auf augenhöhe begegnen. während den hetzerInnen spenden zuviel ist, sollte einfach nur spenden zuwenig sein. sie sind genauso teil dieser, unser aller welt wie du und ich. erst wenn wir das begreifen, werden wir sie finden. die verlorene würde. denn die not, aus der diese menschen kommen, ist auch unsere not. wir stecken im gleichen system wie sie. wenn sie zu uns kommen, haben wir uns selbst zu fragen, was wir dort, wo sie ihre heimat haben, angestellt haben. wir haben dem geld die grosse reisefreiheit gegeben, dass menschen diese auch nutzen, war für manche nicht vorgesehen. diese menschen suchen das, was sie bei uns vermuten. das geld. und wir? wir sollten mit ihnen etwas finden, das wir verloren haben. wir brauchen diese menschen für diese suche.

gesucht: würde
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mehr über die hochoffizielle denkart in dieser unkulturstadt

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eine künstlerische aktion im auftrag von friedensbüro, argekultur und apropos behandelt anlässlich der tagung „betteln. eine herausforderung“ dieses thema

wen alarmiert die neue wiederbetätigung?

screenshot bearbeitet von bernhard jenny creative commons by

der sturm ist da. die in salzburg schon lange politisch hervorgedrückten winde verbreiten nicht nur üblen geruch, sie wachsen nun zu fremdenfeindlichen fallwinden an. selbst der deutschen sprache nicht mächtig gründete ein nach eigenen angaben „logistiker bei system standbau“ namens august wutte alias „For-g Tdk“ die gruppe „gegen die rumänisch / bulgarischen bettlerbanden in österreich“ und definiert den gruppenzweck so:

Wir Österreicher müssen dafür sorgen das das Betteln in Salzburg bald ein Ende hat, und das wir wieder unbesorgt einkaufen können ohne das uns ein Bettler anspricht und geld will.

mit von der partie sind nicht nur zynisch-aktionistisch strache-fans, sondern auch bleifuss aktivisten, für die „gutmenschen“ eines der häufigst verwendeten schimpfwörter ist.

mit von der partie auch das für politisch feinfühlige recherche bekannte kleinformat, womit dem rassismus und der fremdenhatz sowas wie die krone aufgesetzt wird. das andere lokalblatt beschränkt sich derzeit noch auf „neutrale“ berichterstattung, was im zusammenhang mit fremdenhatz aber auch schon eine positionierung zuviel ist.

von userInnen gepostete fotos von notreisenden werden zur illustration der empörung, plastiksäcke werden dann zu vollen geldsäcken, allein die tatsache, dass arme menschen mit den öffis fahren wird schon zur belästigung der braunen seele. in salzburg wurden menschen mit knüppeln aus häusern verjagt, in salzburg wurden menschen aus schlafplätzen unter brücken vertrieben, in salzburg wurden bettlerbanden zum rechten wahlkampfthema einer angeblich christlich-sozialen volkspartei. in salzburg brannten schon mal die letzten habseeligkeiten der notreisenden, in salzburg wird es unerträglich, weil die hetze gegen die armen kein ende nehmen will.

mit der faust vor rotweissroter flagge wird der level der friedvollen stimmung vordefiniert. das ist nun eine weitere eskalation jener preunerschen und huberschen flatulenzen mit einer äusserst gefährlichen dynamik. aus den winden werden stürme, aus den stürmen orkane, aus den orkanen tornados. da bleibt dann nichts mehr stehen. die lektüre und analyse der kommentare in dieser gruppe ist unerträglich. hier wird sichtbar, wie tief die fremdenfeindliche hetze schon gesunken ist. obwohl das wohl von anfang klar war: wer mit faust-sujets gegen arme und fremde hetzt betätigt sich wieder. in neuer oder doch alter form?

doch nach der bisher recht lahmen reaktion der offiziellen stadt zum thema notreisende (eine stadt, die sich als menschenrechtsstadt betitelt), nach der ratlosigkeit, die bis zur öffentlichen sprachlosigkeit reicht, müssen wir uns die frage stellen:

wen alarmiert die neue wiederbetätigung?

UPDATE 28.4.2014:

wer sagt jetzt noch, dass das KEINE wiederbetätigung ist???

quelle http://plattformgegenrechts.at/wordpress/wp-content/uploads/Populismus-gegen-Armutsmigrantinnen.pdf

quelle: http://plattformgegenrechts.at/wordpress/wp-content/uploads/Populismus-gegen-Armutsmigrantinnen.pdf

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mehr über die hochoffizielle denkart in dieser unkulturstadt

zwei briefe. viel mehr katastrophen.

foto: bernhard jenny

diese woche ist eine ministerin peinlich aufgefallen. sogar der eigene regierungschef, allerdings von der „anderen“ partei, hielt das für so daneben, dass er befürchtete, die regierung könnte mit dem durchgesickerten brief an die EU zur „lachnummer“ verkommen. diese „lachnummer“ ist wohl spätestens seit jenem zeitpunkt nicht mehr zum lachen, seit sich der kanzler inhaltlich den verschrobenen ideen der schottermizzi angeschlossen hat. weiss der teufel, was ihn da geritten hat. jedenfalls alles in allem ein supergau der peinlichkeit.

diese woche ist aber auch noch eine zweite ministerin, die nachfolgerin der ersten, noch viel peinlicher aufgefallen. sie unterzeichnete auch einen brief an die EU. sinngemäss gibt sie dort schriftlich bekannt, dass der gedanke an ein offenes europa, an ein europa für alle viel zu gross für ihre kleine gedankenwelt ist. mikl-leitner erklärt sich vorauseilend mit deutschland und anderen staaten solidarisch, dass gegen die armutszuwanderung was getan werden müsse, „bevor es eskaliert.“ deutschland, grossbritannien, niederlande und österreich befürchten den „missbrauch der sozialsysteme“ und outen sich damit als gegner einer reisefreiheit für eu-bürgerInnen zweiter klasse: menschen aus rumänien und bulgarien sollen einfach nicht überall hin gehen können, während alle andere dies wiederum ungehindert dürfen sollen.

wenn aber das sozialministerium absolut keine anzeichen erkennen kann, dass auch nur ein hauch einer eskalation gegeben wäre, und auch dem eu-sozialkommissar nicht klar ist, wo denn das problem liegt, dann liegt in wahrheit die eskalation wo anders:

die ausländerfeindlichkeit, der rassismus, die gezielte diskriminierung von armen und der in vielen fällen bereits laut geschürte antiziganismus drohen zu eskalieren. befeuert werden solche fatalen flächenbrände nicht nur aus den üblichen nazikellern, sondern eben auch ganz offiziell von ministeriellen amtsstuben aus. die zuspitzung besteht u.a. auch darin, dass eben die schlimmsten reflexe einer noch immer nicht weltoffenen gesellschaft aktiviert und ertüchtigt werden, um politische vorteile daraus zu ernten.

was ist schlimmer? eine innenministerin, die die moralische verwerflichkeit und politische verantwortungslosigkeit dieses spiels intellektuell nicht zu erkennen vermag, oder eine, die das zynische spiel ganz bewusst schürt?

die bilanz dieser woche ist jedenfalls ernüchternd.

zwei briefe. viel mehr katastrophen.

ein lächeln als dank.

foto: henning(i) http://www.flickr.com/photos/henningi/ bearbeitung: bernhard jenny creative commons

ein mann in meinem alter steht täglich an der gleichen stelle. er hofft auf ein paar münzen. sein freundliches lächeln und sein aufrichtiges danke haben ihn mir sympathisch werden lassen. von weitem schon grüsst er mir zu, wenn er mich kommen sieht.

gesindel sagen manche zu ihm. osteuropäer die vermeintlich korrekten. bettelzigeuner ist nicht das schlimmste, was er zu hören bekommt.

wir haben kaum was geredet. dass er kaum deutsch versteht, erspart ihm zumindest die konkreten ausformulierungen jener ablehnung, die er ohnehin spüren muss. „daschlogn gherns olle“, ruft eine weglaufende frau einmal in jenem moment, wo ich ihm wiedereinmal ein paar münzen gebe.

ein paar tage war der mann verschwunden. zu keiner der gewohnten zeiten tauchte er auf, eine woche lang keine spur zu ihm. was wissen wir schon, wo sollten wir nachfragen?

heute ist er wieder da. erleichtertes aufatmen meinerseits und mein erster versuch, ein paar worte mehr mit ihm zu tauschen. ich glaube verstanden zu haben, dass er krank war. jetzt geht es ihm wieder besser.

mir ist klar, dass unsere fast täglichen begegnungen nicht die welt verändern.
auch nicht die münzen.
aber schön, dass wir uns wieder gesehen haben.
er hat mir wieder was gegeben.
etwas, was den moment verändert.
ein lächeln als dank.

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foto: henning(i) bearbeitung: bernhard jenny creative commons

absurd und menschenverachtend, oder?

vorspann
es war ende 2012. ein baywatch rettungsschwimmer verliert seinen job, weil er einem ertrinkenden geholfen hat. begründung: der mit dem tod ringende schwimmer befand sich knapp ausserhalb des zuständigkeitsbereiches des baywatchers. er hätte die klar definierte zone seiner zuständigkeit keinesfalls verlassen dürfen. dass damit der baywatcher hätte zusehen müssen, wie der mann ertrinkt oder ob andere ihn retten, beeindruckte die ihn rauswerfenden nicht. die manager führten weiter aus:

„Wir sind keine Feuerwehr. Wir sind nur Rettungsschwimmer und beschränken unsere Arbeit auf die bewachten Bereiche, für die wir einen Auftrag haben.“

absurd und menschenverachtend, oder?

baywatch - twicepix creative commons

europa
da war einmal eine vision europa. ein europa ohne grenzen. ohne schranken, die sich in den weg stellen. doch irgendwie sind da die menschen vergessen worden. das kapital durfte gleich mal alles. grenzenlos. die menschen noch lange nicht. dort und da immer noch beschränkungen und grenzen. aber das geld, ja das geld darf husch hin husch retour wo es will.

da war auch einmal eine vision der freiheit. eine freiheit für alle. ohne unterdrückung, die aus menschen untermenschen macht. doch irgendwie sind die freiheiten andes verteilt worden. die verfügenden durften den angewiesenen alles aus dem system ziehen. kürzungen da und dort. öffentliche sicherheiten wurden ausgesaugt, zum nutzen weniger, zum schaden vieler.

also wurde aus der vision europa eine realität kapital. und aus der vision freiheit wurde liberal. jedeR ist für sein ein- und auskommen verantwortlich. jedeR ist für sein glück verantwortlich. gemeinschaft? was ist das? zusammenhalt? was ist das?

dorf
kleine dörfer sind überfordert. alles fremde ist schon mal per se verdächtig. wenn es genugend klunker umgehängt hat und aus luxuslimousinen klettert, dann halten wir das gerade noch aus. obwohl wir da auch nicht wirklich was zu tun haben wollen. im licht der reichen selbst ein bsisschen glanz holen ist aber immer drin. aber wenn fremde nicht eitel gekleidet sind, wenn sie dann auch noch andere hautfarben haben oder sonst wie die ewigen feindbilder aussehen, dann wird es uns zuviel. die kinderfresser, die grauslichen zum beispiel. sind also doch welche übrig geblieben.

einheimisch
das ist das zauberwort. einheimisch sollen sie sein. dann wäre alles ok. unsere lieben einheimischen bettlerInnen werden von ausländischen bettlerInnen verdrängt. uch, ach. das geht gar nicht. wir brauchen mehr einheimische bettlerInnen! und dann: unser einheimischer babystrich wird auch immer ausländischer. die blasen dir immer noch billiger einen. uch, ach. das geht gar nicht. wir brauchen mehr einheimische babyhuren.

ganz findige schreiben dann heftig vorauseilende artikel. was anscheinend am meisten empört? dass die osteuropäischen menschen gelernt haben, wie bei uns business funktioniert. sie betreiben p.o.s.-marketing. sie stellen sich nicht irgendwohin, sondern dort, wo wir gerade das kleingeld in der hand haben. empörend! sie machen sex zum diskontpreis. das bringt unruhe im markt. aber geiz ist geil. empörend! sie machen aus ihren tätigkeiten berufe. organisieren sich. wie unternehmen. zumindest so wie unser einheimischer strassenstrich auch. oder sonstige bettelvereine. achtung: es profitieren viele, nur nicht diese menschen selbst! schon mal nachgedacht? thats business!

wohin geht das geld?
das ist nicht die frage in zusammenhang mit den beruflichen tätigkeiten von bettlerInnen, zwangsbettlerInnen, prostituierten und zwangsprostitutierten. wohin geht das geld? das ist die frage im ganzen europa, ja in unserer ganzen welt. ist zwar aus der dorfperspektive schwer zu überblicken, aber es gibt sie.

die geldreisefreiheit hat vielen ländern nicht die erhoffte prosperität gebracht, sondern aus armen noch ärmere und aus reichen noch reichere gemacht. da müssen schon mal berichte umgeschrieben und gefälscht werden, damit nicht allzu deutlich nachzulesen ist, dass jene form von „freiheit“ die das real existierende „europa“ verbreitet, die schere zwischen oben und unten immer weiter öffnet.

die armut, aus der verzweifelte aufbrechen um in die zentren des reichtums zu wandern, ist jedenfalls teil jenes systems, das wir alle mittragen und miterhalten. unsere vorteile waren deren nachteile. die hungenden haben das satt.

nochmal europa
also wenn wir an die vision zurückdenken, die dann leider in der realität das geld schneller reisen liess, als die menschen, dann dürfen wir uns doch nicht wundern, dass menschen dem geld nachreisen. wollen wir zonen einführen, „für arme kein zutritt“ oder so? wollen wir uns doch wieder hinter schranken, mauern und zäunen verstecken? wenn wir die vision europa ernstnehmen, dann dürfen wir nicht von import oder export sprechen. wir sind eine einheit. so war das mal gemeint. „sollen die in rumänien doch schauen, wie sie das lösen“ ist keine alternative. es sei denn… wir denken wie der baywatch vorstand.

„Wir sind keine Feuerwehr. Wir sind nur Rettungsschwimmer und beschränken unsere Arbeit auf die bewachten Bereiche, für die wir einen Auftrag haben.“

dann erklären wir uns für nicht zuständig und verbieten den ertrinkenden das rüberschwimmen in unseren bereich. und achtung: wenn da vielleicht gleich vier oder fünf ertrinkende sich verzweifelt aneinander klammern oder sogar in einem sinkenden boot sich an land retten wollten, dann sind das „organisierte“! wenn wir die vor dem ertrinken retten, das hätte dann eine verheerende magnetwirkung für alle ertrinkenden in dieser welt!

absurd und menschenverachtend, oder?

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foto: twicepic creative commons bearbeitet von bernhard jenny