günter grass zeigt wie es nicht geht

Copyright: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann. (creative commons flickr)

die wogen gehen hoch. günter grass hat ein gedicht geschrieben. selten sind so schnell brandreden und nicht weniger brennende statements zu hören und nachzulesen. von „man müsste ihn auch noch für den friedensnobelpreis vorschlagen“ einerseits bis zur quasi sichtbaren „ss-uniform“ samt einreiseverbot israels andererseits – die extreme könnten weiter auseinander nicht liegen.

viele fragen haben mich seit der lektüre jenes gedichtes „was gesagt werden muss“ beschäftigt. etwa die, ob jede zeile, wenn sie eben ein literaturnobelpreisträger schreibt, per se dann auch schon ein gedicht ist. oder die andere, ob es legitim ist, an jemandes „vermächtnis“ gleich anstoss zu nehmen, ist es doch „mit letzter tinte“ geschrieben.

und es war und ist angenehm, dass fast stündlich neue reaktionen zu finden sind. eine angeregte, hitzige, engagierte, beherzte diskussion unter menschen aus verschiedensten lagern lässt zumindest darüber aufatmen, dass es im deutschen sprachraum auch noch politische auseinandersetzungen geben kann, die sich nicht auf „angela sagt, joachim meint auch“ reduzieren lassen.

ich war irritiert. zunächst versuchte ich den text nicht einfach nur einmal zu lesen, sondern ihm die, der literarischen gattung zugesprochene dichte abzuringen: im wieder und überprüfenden lesen, aufnehmen, innerlich antworten und fragen, um dann diese antworten und fragen wieder dem text entgegenzuspülen.

inzwischen ist meine irritation einem klaren bild gewichen:

schriftstellerInnen darf zugemutet werden, dass sie aus ihrer beruflichen haltung heraus wort für wort und satz für satz abwägen und deren wirkung, deren potential, deren kraft in der rezeption antizipieren können. dies gilt gerade bei der gedichtform noch viel mehr als bei eher freieren formen, die auch von schnell dahingeschriebenem ihre dynamik erhalten.

dass günter grass seinen kurzen gedichttext innerhalb weniger tage lieber anders formuliert haben wollte, hätte er nur gewusst, wie die worte wirken, kann ich einem vollprofi so nicht abnehmen.

als intellektueller seines kulturkreises muss grass wissen, was mit einem stammtischtitel „was gesagt werden muss“, falschen rollenumkehrungen und schuldzuweisungen passiert. und: es stimmt einfach nicht, dass grass oder sonst jemand bis jetzt hätte schweigen müssen, aus welchen gründen auch immer. diejenigen, die sich seit 1945 aufregen, dass sie nicht alles laut sagen dürfen, sind jene, die das unrecht und verbrechen der nationalsozialisten nicht zugeben oder nicht einsehen wollen. will sich grass wirklich diesen ewiggestrigen anschliessen?

die friedenspolitische lage in israel und den benachbarten regionen und staaten ist eine riesige brennende wunde. jede einfache darstellung als konflikt zwischen zwei seiten, den einen und den anderen, würde der historischen, kulturellen, religiösen und politischen dimension der lage nicht gerecht. dennoch glaube ich, dass auch hier – wie in jeder anderen kriegsschwangeren lage der welt – es die verantwortung aller, also der ganzen welt sein muss, mit allen mitteln für den frieden zu wirken.

wer in einem sich zuspitzenden und mit vitalen interessen verbundenen konflikt die täter-opfer-optik einfach mal umdreht, spielt das konfliktspiel auf unverantwortliche weise nur weiter. nichts wird dadurch gewonnen. zuweisungen und vorwürfe, heftige unterstellungen und ganz und gar nicht harmlose relativierungen bringen weder die konfliktparteien noch uns weiter. friedensarbeit geht anders.

selbst wenn wir die (nicht unbedeutende) frage ausser acht lassen wollten, inwieweit ein deutscher schriftsteller in sachen israel eine besondere moralische verantwortung hat oder nicht, ungeachtet auch der frage, ob ein deutscher schriftsteller eine „stimme von aussen“ sein kann oder in diesem falle immer auch eine involviertheit zu berücksichtigen hat, die intervention des grass´schen gedichtes geht daneben, weil sie nicht heraushilft, weil sie keine vision eröffnet und keine hoffnung möglicher macht, sondern im alten konfliktsprech weiter macht. das ist rückwärts gewandt, ohne perspektive. und wasser auf die mühlen jener, die noch immer nichts aus der geschichte gelernt haben.

günter grass hat mit seinem absolut unadäquaten reiz vielleicht dennoch auch positives bewirkt. er hat vielleicht manche zum nachdenken gebracht und erkennen lassen, dass wir genau den fehler, den grass mit diesem text macht, nicht wiederholen dürfen.

konflikte bedürfen einer viel grundsätzlicheren perspektivenänderung. dort, wo grass sich dem deutschen waffenexport entgegenwirft, kann ich ihm auch zustimmen. waffen haben noch nie einen konflikt gelöst. jede bombe, jede rakete, jeder sprengsatz ist eine niederlage für die menschheit, ob erstschlag, vergeltungsschlag, kriegsfortführung, autobombe, sprenggürtel oder alltagsterror.

es geht immer und überall um menschen und deren leben, die unabhängig davon, welcher nation, welcher religion oder welchem politischen lager sie zugeordnet werden, immer gleich viel wert sein müssen und auch niemals quantifiziert gegengerechnet werden können.

es gibt zahlreiche menschen in israel und im iran, die gegen einen krieg aufstehen oder dies zumindest wollten.
friedenswillen stärken, vernetzen, unterstützen und verbreiten wäre daher wesentlich wichtiger.

es gibt – wie barenboim sagt – keine alternative zum frieden, die frage ist nur, wie lange wir bis dahin noch brauchen.

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foto: copyright: das blaue sofa / club bertelsmann

zeitgeistler laden suspendierten wirtschaftsprofessor nach salzburg ein

müll rechts foto: bernhard jenny

der wegen seiner nähe zu antisemitismus und seiner zweifel am holocaust suspendierte wu-professor franz hörmann ist nun offenbar festredner am sogenannten ZDAY – einer veranstaltung des zeitgeist movements österreich in salzburg. in einem einladungsmail schreibt das zeitgeist movement – in salzburg bisher von tom stadlauer in szene gesetzt:

Wir vom Zeitgeist Movement Österreich laden Dich herzlich zu unserem ZDAY-Infotag NEUE WERTE, NEUE WIRTSCHAFT ein!
Wann? Am kommenden Sonntag (11.3.) ab 11:00 bis ca. 17:00 Uhr.
Wo? Im Mirabell-Saal des des Arena City Hotels (ehemals CD Hotel) beim Messezentrum in Salzburg.
Wir freuen uns, folgende interessante Vorträge auf dem Programm zu haben:

Prof. Dr. Franz Hörmann: „Die neue, selbstorganisierte, ressourcenbasierte Gesellschaft – Philosophie, Psychologie und Technologie“

Joya Michaela Marschnig: „Freies Lernen – der innere Lehrplan – Neue Wege für unsere Kinder“

Kurt Schmidinger: „Die globalen Folgen unserer Ernährungsgewohnheiten“

DJ Axel F. (Axel Kneschke): „Ein- und Ausblicke eines Musikproduzenten und Discjockeys – Stars und Sternchen verlieren an Glanz“

Clemens Bogner: „Alternative Heilungsmethoden – die einfache und effektive Art“

diese veranstaltung ist einmal mehr der versuch der zeitgeistler, den antisemitismus und revisionismus nicht auszugrenzen, sondern im gegenteil.

ob das management des arena hotels (http://www.arenasalzburg.at/) weiss, wem sie da bühne bietet?

ich werde jedenfalls diesen blogeintrag an hotel@arenasalzburg.at senden,
und abwarten, ob ich eine stellungnahme erhalte.

antisemitismus und revisionismus dürfen nicht geduldet werden.

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bisherige artikel über hörmann

profil

fm4

der wahnsinn ist methode.

holocaust_memorial foto: stellas mom - flickr creative commons http://www.flickr.com/photos/lithuania2008/461672951/sizes/m/in/photostream/

wenn ein hc sich und die seinen anlässlich eines rechtsextremen tanzes auf millionen toten als die „juden von heute“ bezeichnet und demonstrationen mit der rechskristallnacht vergleicht, wenn sein general vilimsky dann das auch noch bekräftigt, so darf nicht mehr gezweifelt werden. es steckt grausame absicht dahinter.

verhöhnung der opfer des nationalsozialismus gepaart mit verharmlosung der naziverbrechen – das sind die inhalte, mit denen stimmung in der volksseele geschürt werden soll. da strache bundeskanzler werden will, wissen wir jetzt, wie er werden will: er geht zynisch grinsend über leichen. über millionen.

ich verstehe nicht, wie zb strache in einer fernsehpressstunde überhaupt noch befragt wird, solange er elitefaschistInnen zum tanz auf den leichenbergen lädt. mit derartigen faschistischen entgleisungen hat strache das recht verwirkt, als demokratischer politiker behandelt zu werden. abgrenzung täte den medien und uns allen gut. aber das scheint nicht selbstverständlich zu sein.

dass die israelitische kultusgemeinde dagegen klage einbringt ist klar und dringend notwendig. wenn sie aber im grossen und ganzen damit allein bleibt, dann war die methode erfolgreich.

dann sind die antifaschistInnen faschistInnen.
dann sind die opfer täter.
dann ist faschismus die zukunft.

hpö: parteigründung mit antisemitismus und verherrlichung des deutschen reiches

screenshot kreditie.at (bildschirmfoto: bernhard jenny)

„Die US-Regierung weiß ebenso wie ihre geistig-jüdischen Führer, dass nur das neue Europa die Welt zu regieren berufen ist. Sie hatten berechtigt die nackte Angst im Nacken gespürt, als das neue Wirtschaftssystem des Deutschen Reiches ab 1933 die Arbeitslosigkeit mit fast zinslosem Geld ohne Golddeckung beseitigte und damit ein überragendes Beispiel für alle freiheitsliebenden Völker in Europa erschuf, das nur mit dem zweiten Weltkrieg wieder zum Verschwinden gebracht werden konnte.“

dieses zitat stammt von der österreichischen website der „HuMan-Weg Bewegung“ (dies war ursprünglich der link, der jetzt ins leere läuft kreditie.at, hier aber der beweis per google-gedächtnis: kreditie.at im rückblick). nicht die einzige unglaublichkeit auf dieser seite, die von der gründung einer neuen partei, der HPÖ berichtet.

massgeblicher ideologe und inhaber der seite ist der schweizer hans-jürgen klaussner, mitbegründer der partei in österreich ist franz hörmann, coautor des buches „das ende des geldes“, ein bestseller. der zweite autor dieses buches, otmar pregetter, hat sich bereits im dezember 2011 unmissverständlich von hörmann distanziert. (apa-meldung)

dass die antisemitische verherrlichung des deutschen reiches auf einer österreichischen website so stehen bleiben darf, muss verhindert werden.

die berechtigte systemkritik an jenen vorgängen, die politisch verantwortliche zunehmend entmündigen und die soziale struktur unserer gesellschaft aushöhlen, die kritik also an jenem verbrechen, das finanzspekulation gewinnen und menschen verlieren lässt darf nicht von solchen unterwandert werden, die unter dem deckmantel „ideologischer neutralität“ und „schlussstrich“ jenes gedankengut rehabilitieren wollen, das den holocaust möglich machte.

eine parteigründung mit den hier zitierten aussagen in den grundsatztexten muss uns alarmieren.

systemkritik ist wichtig, ja unverzichtbar.
eine rückkehr zu alten ideologien jedoch keine option.
nie wieder.

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malmoebericht

streifzüge distanzierung

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aktualisierung 2012-01-22

wie auch einem kommentator aufgefallen ist, wurde die hier zitierte seite auf kreditie.at unsichtbar geschalten. schon mal ein erster erfolg, wenngleich sich daraus noch nicht eine distanzierung von den von mir entdeckten inhalten zwingend ablesen lässt.

inzwischen haben gestern DIE PRESSE und heute PROFIL klare berichte über die verworrene situation gebracht:

DIE PRESSE – LINK ZUM ARTIKEL von magdalena klemun

PROFIL – LINK ZUM ARTIKEL von edith meinhart

fragezeichen: marko. m feingold

mit seinen 98 jahren ist marko m. feingold, präsident der israelitischen kultusgemeinde salzburg unermüdlich aktiv, in schulen, vorträgen, pressegesprächen, interviews und diversen veranstaltungen. authentisch und lebendig berichtet er das erlebte mit genau jenem mass an menschlichkeit, das aus fakten erfahrungen, aus erzähltem lebendiges werden lässt.

marko m. feingold überlebte auschwitz, neuengamme, dachau und schliesslich buchenwald. dies war nur durch eine unglaubliche serie von „zufällen“ möglich, wie feingold immer wieder ehrfürchtig berichtet. ebenso zufällig kam der wiener, der 1945 nicht mehr in seine heimatstadt zurück durfte, nach salzburg und wurde dort nur wenige tage nach der befreiung zum entscheidenden helfer für eine viertelmillion „displaced persons“, jüdischen überlebenden, die im nachkriegseuropa keinen platz hatten.

„fragezeichen“ ist der titel einer losen serie von gesprächen, die ich mit menschen führen will, die durch ihr engagement wesentliche zeichen in unserer gesellschaft setzen.

so manche gesellschaftliche entwicklung in unserer näheren umgebung und in der gesamten welt lässt mich manchmal zweifeln, ob wir es schaffen werden, aus der geschichte zu lernen, verbindung statt trennung, gleichberechtigung statt diskriminierung, miteinander statt gegeneinander zu leben.

es gibt menschen, die sich nicht und nicht entmutigen lassen. mit diesen menschen möchte ich sprechen und von ihnen lernen. es ist mir eine grosse ehre und freude, dass marko m. feingold bereit ist, als erster gesprächspartner diese serie mit dem untertitel „menschen, die zeichen setzen, beantworten fragen“ zu eröffnen. danke!

der heutige tag des holocaustgedenkens, der „holocaust memorial day“ erschien mir ein geeigneter zeitpunkt, mit den „fragezeichen“ zu beginnen.

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israelitische kultusgemeinde salzburg

alpinepeacecrossing