wir haben verloren. es kann aber noch viel schlimmer werden.

wenn zu einer wahl wie der heutigen nicht einmal die hälfte der wahlberechtigten geht, müssen in jeder demokratie die alarmglocken läuten. alle politisch aktiven müssen schonungslos analysieren, wie es zu solchen niederlagen der demokratie kommen kann.

wenn eine partei zur abgabe ungültiger stimmen aufruft, muss sich diese partei den vorwurf gefallen lassen, unverantwortlich gehandelt zu haben.

wahlen sind in einer demokratie eben KEINE castingshows, vor der man sich drücken kann, wenn die gefahr besteht, dass ein anderer die show gewinnt. keine kandidatInnen zu präsentieren bedeutet, dass keine politischen positionen und inhalte eingebracht werden. das transportiert einfallslosigkeit der verantwortlichen und wird mit desinteresse belohnt.

wenn parteien, die den anspruch zur mitgestaltung für sich beanspruchen, keine kandidatInnen aufstellen, wird der politische diskurs jenen kräften überlassen, die ob der schwäche anderer die chance für profilierung nutzen wollen.

dass dies nicht ganz gelungen ist, ist nicht das verdienst der anderen politischen lager, sondern hängt mit diversen eigendynamiken bei dieser präsidentschaftswahlen zusammen.

auch wenn fischer nun mit deutlicher mehrheit gewählt wurde, dürfen wir uns nicht beruhigt zurücklehnen. mehr als 15% waren immerhin bereit eine eindeutig als rechtsextrem positionierte kellernazi zu wählen. gemeinsam mit dem obskuren „christen“ sind es immerhin schon mehr als 20% der wählerInnen, die ausländerfeindlich die angst vor einer islamisierung schüren und offen homophob agieren.

fazit: politische einfallslosigkeit stärkt nichtwähler und extreme rechte. strache weiss nun, auf wieviel bodensatz er sich ganz rechts aussen verlassen kann. dem amtierenden bundespräsidenten fischer wollte in wirklichkeit kaum jemand einen denkzettel verpassen, die wenigsten machen ihn für die ängste und nöte der kleinen leute verantwortlich. ein sympathieträger hatte es trotz allgemeiner fadesse im „keiner weiss genau welche werte“-wahlkampf relativ leicht.

kommende wahlen werden unter ganz anderen vorzeichen verlaufen: bei entsprechender polarisierung und mobilisierung der unzufriedenheit geht sich insgesamt für die rechte aber noch viel mehr aus.

vor den kommenden wahlen wird daher dringend etwas passieren müssen, wenn wir nicht sehr bittere überraschungen erleben wollen.

wir haben heute verloren, weil die demokratie keine mehrheit bekommen hat. wir könnten noch viel mehr verlieren, wenn wir das mobilisieren weiterhin den anderen überlassen.

todesopfer und todesopfer

in den letzten wochen wurden 7 deutsche soldaten in afghanistan getötet. dies hat wiedereinmal die debatte über sinn und unsinn des einsatzes der deutschen soldaten in afghanistan hochkochen lassen. ich bin zwar dringenst für diese debatte, aber ich finde es zynisch, wenn solche debatten erst dann losbrechen, wenn es die eigenen trifft.

wieviele tausende menschen mussten in diesem (glaubens)krieg schon sterben? wie absurd sind die versuche uns glauben zu machen, dass dort etwas gegen irgendjemanden verteidigt werden muss, das uns allen so wichtig sein muss, dass wir tote kinder, frauen und männer einfach so hinnehmen?

fazit: wenn es uns endlich gelänge, tödliche, aber unbemannte drohnen und ferngesteuerte roboter so effizient einzusetzen, dass nur mehr die anderen sterben und wir gemütlich zuhause sitzen bleiben können, dann hätten die wenigsten etwas gegen diese kriege. dann könnten wir so richtig aufräumen.

mixa ist nicht ratzinger

nach dem rücktritt des augsburger bischofs mixa ist nun abzuwarten, ob dies der anfang einer dringend notwendigen welle von konsequenten rücktritten ist, oder ob solche rücktritte teil einer reihe von bauernopfern darstellen, um letztlich das machtsystem amtskirche zu schützen.

die frage, ob der katholischen kirche eine wende zur glaubwürdigkeit gelingt, hängt mir sicherheit auch davon ab, ob der grossinquisitor ratzinger ebenso seine konsequenzen zieht.

wer, wenn nicht er, als ehemaliger „geheimdienstchef“ des kirchlichen machtapparates, repräsentiert genau jene machenschaften und vorgehensweisen, die so viele opfer leiden liessen. vertuschen und verstecken, täter schützen, opfer mundtot machen, das war zwar nie offizielle forderung des katechismus, aber jahrhunderte lange praxis einer machtbesessenen altherrentäterschaft, die entweder selbst aktive täter, oder zumindest zu komplizen all jener grausamkeiten wurden, die so viele seelen zugrunde richtete.

mir ist klar, dass die vorstellung, ein ratzinger könnte zurücktreten, wohl schon hart am klinikreifen realitätsverlust vorbeischrammt, aber ohne einen solchen schritt in neue dimensionen wird die schar der gläubigen allein sich wohl kaum aus den strukturen der täter lösen können.

inclusion ist kein luxus!

wenn wiedereinmal von den kürzungen in der integrativen pädagogik zu lesen ist, so müssen wir uns bewusst sein, dass wir über ein MENSCHENRECHT sprechen, und nicht über eine verchromte schmuckleiste auf unserem auto, die wir uns leisten wollen oder auch nicht.

die (viel zu spät) erkämpfte erkenntnis unserer gesellschaft, dass sie nur dann eine menschengerechte gemeinschaft sein kann, wenn sie niemanden ausschliesst, sondern alle umfasst (INCLUSION), darf nicht gegenstand von sparüberlegungen sein.

das wäre so, wie wenn wir wieder die rücknahme des wahlrechts für frauen überlegen, dann kämen u.u. auch die wahlen billiger, aber dieses menschenrecht steht eben auch nicht zur disposition.

politikerInnen, die die INCLUSION für etwas halten, das es nur dann geben kann, wenn wir es uns leisten wollen, verkennen das thema einer „ganzen gesellschaft“ und lassen erkennen, dass sie noch nicht viel nachgedacht haben, wie unverrückbar menschenrechte sein müssen.

(statement zur aktuellen diskussion in den salzburger nachrichten)

früherer artikel zum gleichen thema in diesem blog

der gute freund herman

foto: letja verstijnenletzten freitag war herman zu besuch. auch wenn das salzburger kongresshaus voll ist, gelingt es dem alten freund aus holland, das gefühl zu vermitteln, es wäre ein persönlicher besuch.

er hat es dabei natürlich auch sehr leicht, schliesslich kann er zitate aus den vergangenen jahrzehnten dazu einsetzen, um uns gekonnt an die gefühle, die wir damals hatten, an diesem abend zu erinnern.

aber er bleibt nicht in nostalgischer rückschau stecken, im gegenteil. selbstironisch seines eigenen alters bewusst, dann wieder verträumt in bunte bilder, wie sie nur einem van veen so einfallen, zwischendurch tiefster ernst. alles hat platz bei herman.

die musikalisch im besten sinne ausgereifte darbietung des veenschen kosmos begeistert und bewegt. es ist wohl die sehnsucht vieler, so sehr sich selbst treu zu sein, ohne das schreckliche auszublenden, ohne die dramen des lebens auszulassen, aber auch mit genussvollem einbinden des originellen humors und frechen witzes.

der abend ist nicht zuletzt deshalb ein voller genuss, da die mitwirkenden künstlerInnen mit vollem einsatz weit mehr sind, als begleitmusikerInnen: edith leerkes, die mit ihrer musikalischen gestaltungskraft weitere dimensionen eröffnet, jannemien cnossen und dorit oitzinger, die mit ihrer frischen bühnenpräsenz den auftrag zu haben scheinen, herman mal im positivsten sinne durchaus auch mal alt aussehen zu lassen und nicht zuletzt erik van der wurff, der immer schon die klingenden wege von herman auf tasten zeichnete und wohl für so viele vertrautheiten in den klängen verantwortlich ist. insgesamt beschenkt das ensemble das publikum mit einer perfektion, die selten geworden ist.

und wenn herman dann voller stolz auch noch ein werk seiner tochter anne vorträgt, dann kann er sich darauf verlassen, dass das publikum sich noch erinnert, an damals, als seine kleine tochter schon die welt „noch ein bisschen schöner färben“ durfte.

wirkliche freundInnen hermans wissen, dass ein solcher abend immer drei teile hat: „vor der pause“, „nach der pause“ und „nach dem finale“: die zugaben sind keine lästigen zugeständnisse, sondern ganz das, was immer passiert, wenn gute freundInnen sich verabschieden: schon richtung tür unterwegs fallen ihnen noch ganz wichtige dinge ein, die sie unbedingt auch noch erzählen müssen.

und dann noch am ende die ultimative zusage an sein publikum: „solange diese kehle nicht eingegraben wird, wird das immer mein geräusch sein!“ eben ein richtiger freund.

positives signal in salzburg: facebook-generation geht auf die strasse

mit der gestrigen demo gegen kellernazis, rosenkranz, strache und schnell ist zahlreichen politisch bewussten jungen menschen ein starkes, positives signal gegen rechtsextremismus und rassismus gelungen. eine angenehm grosse schar hauptsächlich junger menschen (ich wurde schelmisch darauf angesprochen, ob ich nicht eine 50plus gruppe gründen wolle) zog vom mirabellplatz zum residenzplatz, um von dort aus der wesentlich kleineren rechten gruppe, die aus dem mozartplatz kurfristig einen braunen keller machen wollten, lauthals protest zuzurufen.

mich hat die positive stimmung, die unter den demonstrantInnen herrschte, sehr beeindruckt. offensichtlich war es sehr gut, dass sich verschiedenste organisationen und initiativen zu dieser gemeinsamen, bunten aktion verständigt haben. die fröhliche vielfalt ist das beste gegenmittel gegen braune, misanthrope flecken.

passend ausgewählte musik über ein eigens mitgeführtes mobiles soundsystem in einem radanhänger hat dazu beigetragen, dass hunderte demonstrantInnen gut gelaunt durch die salzburger innenstadt zogen.

jedenfalls war dies seit langem die ermunternste demo in salzburg. auf dem heimweg habe ich beschlossen, nicht zu sehr über die (fast) fehlenden generationen 35plus zu lamentieren, sondern mich über die zahlreichen jungen menschen zu freuen, die sich gegen rechten hass, rassimus und fremdenfeindlichkeit wehren.

mehr über die veranstaltung bzw. ein überblick über organisatorInnen und medienechos unter:

http://wutimbauch.wordpress.com/

missbrauch: tiefste erschütterung lässt dennoch die macht unerschüttert

die hoffentlich noch lange nicht endende welle der aufdeckungen, die immer länger werdende liste von menschen, die trotz aller verletzungen nun die kraft aufbringen, öffentlich anzuklagen, all das erschüttert viele.

wenn ich aus den medien erfahren muss, dass ein mir gut bekannter seelsorger einer jener missbraucher war, dann löst das automatisch sehr unangenehme gefühle bei mir aus. ich denke nach, in welchen situationen ich etwas erkennen hätte können, ob ich naiv war, ob ich gar weggeschaut habe.

wo war ich denn sonst noch in der nähe, wo habe ich sonst was übersehen? fast jeden tag fallen mir neue szenen ein.

es fallen mir zb. jene schulkollegen ein, die in einem kirchlichen internat wohnten und mir immer wieder zu verstehen gaben, dass ich als einer, der zuhause bei seiner familie leben durfte, nie verstehen würde, „was da bei uns alles so passiert“. wenn ich mich damals gewundert habe, warum meine schulkollegen sich nicht über die letzte schulstunde eines tages oder einer woche freuen konnten, weil „jetzt geht der horror erst los“, so ahnte ich zwar, dass das was schreckliches sein musste, was meine schulkollegen erwartete, aber ich war teil des sprachlosen systems.

mir fällt ein, dass mir ein schulkollege eines tages zu erzählen versuchte, wie sehr er sich vor jenem moment fürchte, wenn der priesterliche heimleiter seinen gürtel aus dem hosenbund zieht, um ihn und andere mitbewohner zu verprügeln. ich kann nicht verstehen, warum mich das zwar unheimlich erschrecken liess, aber nicht zum handeln brachte. mir fällt ein, dass ich damals den ton nicht verstehen konnte, in dem er mir das alles erzählte: nicht verzweifelt, weinend, schwach und schreiend, sondern unwirklich kalt, fast regungslos, starr und hart. heute sage ich mir: offensichtlich waren die gefühle schon lange tot.

und daher fühle ich mich schuldig.
ich hätte es wissen müssen, ich habe es gewusst, aber ich habe nicht gehandelt. ich war zwar minderjährig und nicht direkt betroffen, aber das hilft mir nur wenig um mit meiner damaligen ohnmacht heute fertig zu werden.

wenn ich darüber nachdenke, dann stelle ich mir folgende fragen:

  • wieviele direkt betroffene menschen können trotz aller aufdeckungen und öffentlich werdenden anklagen noch immer nicht reden, weil ihre seele zu sehr zerstört ist?
  • wieviele leben vielleicht gar nicht mehr, weil sie sich umgebracht haben?
  • mit welchem faktor müssen wir die zahl der bekanntgewordenen fälle multiplizieren, um eine ahnung zu bekommen, was wirklich vor sich ging?
  • wenn sich nun nach vielen jahren jene melden, denen das quasi „vorgestern“ angetan wurde, wann werden jene sprechen können, denen das gestern und heute angetan wird?
  • wie halten wir es aus, dass trotz aller aufdeckungen, den sichtbar werdenden verletzungen und den schwersten erschütterungen betroffener menschen der kriminelle machtapparat dieser angeblichen „amtskirche“ letztlich unerschüttert verharrt?