wir sind nur EINE menschheit.

foto: bernhard jenny

die aktuelle diskussion über schernberg ist traurig. zutiefst traurig. denn auf welchem niveau nun der diskurs über den ausbau des „behindertenheimes st. vinzenz“ geführt wird, zeigt deutlich, wie weit es mit dem verständnis von inklusion in unserer gesellschaft ist.

wenn der schwarzacher bürgermeister und landtagsabgeordnete andreas haitzer darüber verärgert ist, dass der soziallandesrat heinrich schellhorn nicht bereit ist, 19 millionen in eine segregative anstalt zu investieren, dann ist es beschämend, wenn er mit dem erhalt von „hochwertigen“ arbeitsplätzen argumentiert.

restlos unverständlich ist aber, dass er die tatsache, dass die bewohnerInnen des heimes immer wieder „einkaufsfahrten und ausflüge“ machen würden und sogar manchmal zu fuss ins ortszentrum kämen, „um geschäfte und kaffeehäuser zu besuchen“ als beweise dafür anführt, dass die einrichtung ein „wertvoller beitrag zur inklusion“ sei.

da haben noch sehr viele nicht verstanden was inklusion ist. dass segregation grundsätzlich niemals mit inklusion vereinbar ist, dass jede form von SONDERanstalten und SONDEReinrichtungen das genaue gegenteil von inklusion ist, egal wieviele ausflüge und besuche stattfinden sollte mal jemand dem herrn bürgermeister und landtagsabgeordneten erklären. die UN-konvention sinnerfassend lesen würde auch nicht schaden.

wer immer noch die menschen in solche und solche sortiert, wobei die einen zum objekt der betreuung und verwaltung werden, die anderen zu betreuenden und verwaltenden, muss dringend sein weltbild umbauen.

inklusion ist kein prinzip der betreuung oder der wohnformen für menschen mit behinderung. inklusion ist das prinzip, dass menschen grundsätzlich verschieden sind, die unterschiede aber niemals zum anlass für segregation – in welcher form auch immer – werden dürfen.

an dem tag, wo uns „behindertenheime“ so absurd vorkommen wie „sonderanstalten für rechtshänderInnen“, „brillenträgerInnenheime“ oder „arbeitslosenheime“ wäre ein wesentlicher schritt geschafft. traurig, dass sie uns in zusammenhang mit pflegebedürftigen, aber auch im falle von flüchtlingen so ungemein geläufig sind.

ich wünsche dem diskurs jenseits von partei- und ideologiegrenzen einen durchbruch in der erkenntnis, wie revolutionär und bereichernd für ALLE die umsetzung der inklusion sein kann und dass inklusion keine verliererInnen produziert. von der gestaltung der lebensmöglichkeiten für ALLE profitieren eben auch ALLE.

dann wäre das traurige niveau überwunden.
veränderung verlangt offenheit.
offenheit für die – letztlich einfache – erkenntnis:
wir sind nur EINE menschheit.

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ich habe bereits zweimal ausführlich zu diesem thema stellung genommen.

12.8.2013: 19 millionen im sinne von artikel 19
20.9.2013: schluss mit ghetto. jetzt inklusion.

„19 millionen im sinne von artikel 19“

artikel19 un-konvention menschenrechte von menschen mit behinderung

wenn eine aussendung der salzburger landeskorrespondenz stolz ankündigt, dass nun endlich der architekturwettbewerb für einen neubau entschieden sei, dann fällt bereits im untertitel auf, dass vom neubau eines „st.-vinzenz-heimes schernberg“ die rede ist. retrosprache. wer redet heute wirklich noch von heimen?

der titel der aussendung „neue räume für menschen mit besonderen bedürfnissen“ lässt auch erkennen, dass es sicher nicht um neue räume für alle geht. sondern um eine selektion.

wenn dann stolz verkündet wird, dass 19 millionen für den neubau des „heimes“ ausgegeben werden sollen, dann ist wohl genaueres hinsehen gefragt.

klargestellt sei, dass es hier nicht um eine kritik an der arbeit von vielen engagierten menschen in einer traditionellen einrichtung geht. es ist eine der grössten einrichtungen im lande salzburg, die in der pflege, betreuung und begleitung von menschen mit besonderen bedürfnissen arbeitet.

es geht auch nicht um das gebäude, den neubau als solchen.

es geht vielmehr um das inhaltliche konzept, das gesellschaftliche signal, welches solch ein projekt aussendet.

spätestens seit der un-konvention über die menschenrechte von menschen mit behinderungen gibt es ein unmissverständliches ziel, eine gesellschaft für alle zu ermöglichen. sowohl grundsätzlich, als auch praktisch. so definiert der artikel 19 der UN-konvention die „unabhängige lebensführung und teilhabe an der gemeinschaft“ u.a. auch die selbstverständlichkeit, dass menschen mit behinderung das recht haben „zu entscheiden, wo und mit wem sie leben, und nicht verpflichtet sind, in besonderen wohnformen zu leben.“

also: heime sind von gestern. neue wohnformen, in denen wir ALLE leben, gemeinsam leben, sind die heutigen formen, die uns adäquat erscheinen.

wenn nun 19 millionen fliessen, von denen 18,5 millionen aus der öffentlichen hand kommen (16,5 direkt vom land, 2 millionen gemeindeausgleichsfonds) sollte nun – da noch 2 jahre bis zum baubeginn bleiben – die zeit genutzt werden, das projekt umzugestalten.

eine wohnsiedlung für alle, in denen echte INKLUSION gelebt werden kann, wäre ein vorzeigeprojekt; ein segregatives heim wäre fatal für die dringend notwendige weiterentwicklung unserer gesellschaft.

was in der asyldebatte die abschiebung ist, ist in der frage der menschen mit behinderung das abschieben in heime.

vielleicht finden die verantwortlichen und die landespolitik – auch gegen hofrätlichen widerstand und sonstige trägheiten – den mut, altvaterische denkmodelle (obwohl sie „vorgestern, vor der finanzkrise“ gerade noch beschlossen wurden) zu entsorgen und ein positives projekt zu gestalten, bei dem alle stolz sein könnten, dass 19 millionen und mehr in die zukunft der menschen investiert werden.

ein gestaltungsprozess könnte auch einen griffigen namen tragen:
„19 millionen im sinne von artikel 19“