darf menschenwürde eingespart werden?

in der letzten zeit häufen sich wieder die meldungen über geplante oder gar schon realisierte kürzungen in der betreuung von behinderten menschen, in der psychosozialen versorgung und in der integrativen pädagogik. fast wie selbstverständlich wird hier über kürzungen gesprochen, weil – wir sollten das ja schon lange gelernt haben – kein geld mehr da ist.

abgesehen davon (siehe frühere einträge in diesem blog), dass sich darüber diskutieren lässt wieviel da ist und wieviel fehlt, so dürfen wir eines nicht vergessen: die einführung der integrativen pädagogik, der psychosozialen versorgung und der betreuung von menschen, die darauf angewiesen sind hat NICHT deshalb stattgefunden, weil wir einmal soviel geld hatten, dass wir nicht mehr wussten, wohin damit, sondern diese „errungenschaften“ wurden erkämpft, erreicht und eingeführt, weil es als unverzichtbar erkannt wurde, dass wir menschen niemals aus unserer mitte drängen dürfen, dass ALLE einen anspruch auf die gemeinsamkeit unserer gesellschaft haben.

also können diese dinge nicht „gecancelt“ werden, wie die fünfte urlaubsdestination oder das siebte luxusessen im monat. integration oder inklusion und individuelle betreuung sind unverzichtbare umgangsformen einer menschheit, die sich selbst und ganz wertschätzt. hier zu „sparen“ bedeutet die menschenwürde zu verkaufen.

krankheit oder zynismus?

irgendwo hinter den bergen gibt es ein land, in dem viele markgrafen und herzoge ihre macht nutzen, um den grossen reichtum anzuhäufen. sie erfinden dafür neue geldhäuser, scheinschlösser und sonstige vereinigungen, über die das gold, das allen menschen zustehen würde, in die eigenen schatztruhen geschleust wird. dabei gehen sie unglaublich schamlos vor, denn sie lassen sich von keinem gesetz oder gar anstand abhalten, die krummsten dinger zu drehen. hauptsache, das gold wird immer mehr und mehr. dem volk geht es immer schlechter, den markgrafen und herzogen immer besser.

das seltsame in diesem land ist, dass das volk eigentlich immer schon wusste (oder wissen hätte können), welche abartigkeiten sich diese markgrafen und herzoge einfallen lassen, aber dennoch hat ein teil des volkes sich genau diese markgrafen als machthabende gewünscht. selbst wenn ihre raubzüge vor den augen aller und unter beobachtung aller gazettenschreiberInnen das landes tun, denken sie in keinem moment daran, von ihrem tun abzulassen. warum auch, wenn das volk sich fast alles gefallen lässt.

ganz im gegenteil: sie machen immer weiter und weiter. selbst wenn sie schon keine markgrafen mehr sind, haben sie deshalb nicht weniger macht, sondern soviele andere goldanhäufer kennengelernt, dass ihnen die ideen zum vermehren des reichtums nie ausgehen. da muss man halt schon mal die häuser des volkes verkaufen, schon sprudelt wieder genug gold in die säcke.

seltsam nur, dass sie sich manchmal wie kleine taschendiebe benehmen, ganz als ob sie es notwendig hätten, sich durch irgendwelche taschentricks vor einer verfolgung zu schützen, die es in wirklichkeit in diesem lande gar nicht gibt. da stellen dann vereinigungen ihre tätigkeit ein, da wechseln geldhäuser ihre namen oder ein mancher markgraf zieht aus seinem schlösschen in ein anderes, weil sein mitbewohner gerade mal sein gedächtnis zurückerhalten hat, obwohl ihm die vergesslichkeit seit jahren viele dukaten erspart hatte.

ist am ende dieses manchmal reflexartig sich ducken müssen, namen ändern, umziehen und am liebsten das licht ausmachen etwa die gefürchtete krankheit, die „gewissen“ heisst?

wohl kaum, es ist eher der zynismus, der dem volk vorgaukeln soll, irgendetwas hätte sich verändert, irgendwelche konsequenzen wären passiert oder die markgrafen wären heute schon ganz andere.

freilich wäre es ehrlicher, einfach ganz offen weiter zu tun und lauthals zuzugeben: „solange ich die richtigen mitverdienen lasse, kann mir nichts passieren, daher brauche ich auch den namen meines geldhauses nicht zu ändern und mein schlösschen nicht wechseln.“

so ein seltsames land. aber ist weit weit weg, hinter mindestens sieben bergen, oder?

das organisierte wirtschaftsverbrechen feiert!

heute vor einem jahr wurde eine lawine ausgelöst, die seither fälschlicherweise „witschaftskrise“ genannt wird. schnell wurde panik weltweit verbreitet, kein stein werde auf dem anderen bleiben, jetzt bräche die rohe gewalt zwischen allen habenichtsen der welt aus.

doch es ist ganz anders gekommen: massenweise kündigungen dort und da, skandalöse budgetkürzungen an allen unmöglichen stellen, mit dem zauberwort „krise“ konnte jede soziale gerechtigkeit storniert, jedes solidarisches system in misskredit gebracht werden. doch das ist nicht die neue schreckliche welt, vor der wer uns seit einem jahr fürchten sollen, es ist vielmehr die unverschämte und ins unendliche gesteigerte gier einiger weniger, die allen anderen wenn möglich alles und noch mehr wegnehmen wollen.

regierungen sprangen schnell als „retter“ in die szene und wollten das schlimmste vermeiden, indem sie genau jene spekulantInnen, die sich „verzockt“ hatten, mit unglaublichen summen als garantien ausstatteten. seither geht (fast) alles wieder wie gewohnt seinen lauf:

  • unglaubliche gewinne und profite aus organisiertem wirtschaftsverbrechen werden in noch rascherem tempo lukriert als früher, in immer noch höheren summen.
  • unsoziale kürzungen und streichungen von arbeitsplätzen finden immer unverschämter statt, die „wirtschaftkrise“ ist angeblich schuld, hinter der sich die profiteurInnen verstecken wollen.

mag sein, dass es sehr verkürzt ist: unsere machtsysteme brauchen immer ein bild der bedrohung, um das kleine volk glauben zu machen, dass kein geld mehr für alle da wäre, dass leider unbedingt gespart werden müsste: in meiner kindheit hiess die bedrohung „russe“ oder „ostblock“, in diesem jahrtausend dann „terrorismus“ und aktuell „wirtschaftskrise“.

heute feiert ein trugbild geburtstag, das hoffentlich bald möglichst viele menschen durchschauen!

tödliche schlamperei und unachtsamkeit

nach der sommerpause blieb für mich immer noch der fall jenes jungen menschen, der von der polizei erschossen wurde ein vorfall, den ich nicht einfach so vergessen konnte. es ist schon unglaublich, wie schnell solche vorfälle in die kollektive vergesslichkeit fallen und dann nur mehr gelegentlich aufblitzen. dabei war der in der öffentlichkeit wahnehmbare umgang der behörden mit diesem fall mehr als bedenklich.

und nun heute die nachricht von einem schubhäftling, der plötzlich stirbt. und es scheint wieder um die vertuschung und schönung von schrecklichen tatsachen zu gehen. den offensichtlichen zusammenhang zwischen dem hungerstreik und dem tod des indischen schubhäftlings ist natürlich für die polizei nicht gegeben.

war wiedereinmal die sicht nicht gegeben, obwohl die beleuchtung ausreichte? werden jetzt wieder beamtInnen tagelang nicht vernehmungsfähig sein? wird man die schrecklichen umstände im schubhaftsgefängnis mit dem vokabular eines hotelprospekts zu beschreiben versuchen?

auch wenn diese beiden fälle auf den ersten blick nichts miteinander zu tun haben, so besteht dennoch eine grausame verbindung: amtliche schlamperei und unachtsamkeit, daran sterben in unserem land menschen. und das muss vertuscht und versteckt werden. denn sonst müsste es konsequenzen geben. da würde es nicht reichen, dass eine ministerin zurücktritt oder ein paar beamtInnen suspendiert werden, es müsste insgesamt mehr achtsamkeit in die amtshandlungen einzug halten und menschenrechte umgesetzt werden.

erst wenn diese auch mitten in der nacht in den schlecht ausgeleuchteten winkeln unseres landes ebenso gelten wie in den letzten räumen hinter gittern, erst dann können wir zufrieden sein. wielange wird das noch dauern?

aus psychischen gründen

kurz: wie kann es sein, dass eine polizistin und ein polizist – also profis – nach einem einsatz mit schusswaffengebrauch länger nicht vernehmungsfähig sind, als ein 16jähriger junge, der einen doppelten durchschuss erlitten hat und dessen freund erschossen wurde?

sind das wirklich psychische gründe???

was ist „volksmeinung“?

ich kann und will es mir nicht anmassen, über die frage nach schuld und unschuld im fall des 14jährigen in krems, der bei einem polizeieinsatz wegen einbruches in einem supermarkt getötet wurde, zu entscheiden.

zu schnell waren mir manche stimmen, die bereits nach wenigen stunden von polizeimord sprechen wollten. schliesslich konnte wohl niemand aus der ferne beurteilen, was da wirklich vorgefallen war.

dennoch erschrecke ich über einen von mir in den letzten tagen wahrgenommenen und anscheinend weitverbreiteten konsens, der ungefähr lautet, „wer einbrechen geht, ist selber schuld.“

ich muss nocheinmal betonen, dass ich zur sache selbst keine beurteilung abgeben möchte, was mich aufhorchen lässt, ist der rasche reflex der bevölkerung, schnell einen 14jährigen (!!!) aus der ferne vorzuverurteilen.  wer weiss schon, in welcher lage der junge mensch war, was oder wer ihn zu dieser tat getrieben hat, wie naiv vielleicht dieser junge in das geschehen geraten ist usw.

„es ist schon richtig, wenn es einen dann erwischt“, „dann hätte er es nicht machen dürfen, wenn er nicht erschossen werden will“ oder „wäre er nicht davongelaufen“ – so lauten die stimmen, die mir gestern beim einkaufen und beim gang durch die stadt untergekommen sind.

dass jedes menschenleben gleich viel wert ist, das hörte ich einen polizisten im fernsehen sagen, kaum aber „auf der strasse“.

der tod eines so jungen menschen ist in jedem fall zutiefst zu bedauern, da muss eine bewusste gesellschaft sich immer hinterfragen, wie es zu vermeiden gewesen wäre, dass es soweit kommt.

wenn wir bedenken, dass wir eventuell auch auf sozial viel angespanntere zeiten zugehen könnten, muss uns der primitive reflex, dieses „schon richtig so“ alarmieren: was noch könnte diese volksmeinung für richtig finden, wenn es erst richtig eng wird?

es ist nicht einzusehen

wie bereits in meinem letzten post angesprochen, sind viele „fakten“, die wir scheinbar über agenturmeldungen zur kenntnis zu nehmen haben, einfach nicht mehr akzeptabel.

1. neuerlich gewinne aus spekulationen jener banken, die gerade eben unglaubliche summen von steuerzahlerInnen angeblich dringend benötigt haben.

2. provisionen und boni-zahlungen an bankenmitarbeiterInnen, die die ausgewiesenen gewinne der banken übersteigen

3. sozial- und krankenversicherungen und pensionskassen, die um ihre existenz zu kämpfen scheinen, immer mehr beiträge einheben (müssen?) und dabei immer weniger leistungen bezahlen (können?).

4. selbst für die dringensten projekte zum kampf gegen hungertod und krankheiten unter den allerärmsten unserer welt scheinen die mittel immer weniger zu reichen.

an einem ende der menschheit wird die krise zur megachance nochmal viel mehr zu gewinnen, als bisher denkbar war, am anderen ende wird es für immer mehr menschen immer enger und tödlicher.

kaum eine talkshow ist inzwischen am thema „krise und ihre folgen“ vorbeigekommen, dennoch wird selten gründlich nach den ursachen gesucht. fragestellungen nach dem „wie werden wir damit zurecht kommen“ sind häufiger als die eigentlich klar auf der hand liegende analyse, dass es sich ganz wenige auf kosten von sehr vielen sensationell gut gehen lassen. direktes oder indirektes ausspielen einzelner gruppen (junge gegen alte, kranke gegen arbeitslose, ausländerInnen gegen einheimische, bildungssuchende gegen kulturschaffende) gehört zu den beliebten ablenkungsmanövern.

wie falsch und richtig zugleich die aussage „es gibt kein geld mehr“ sein kann, haben wir in den letzten monaten gelernt. nur scheint es inzwischen schon fast egal zu sein, ob jemand das spiel durchschaut oder nicht, es läuft ohnehin unaufhaltsam.

wenn selbst obama resigniert feststellen muss, dass aus der krise nicht gelernt wurde, dann muss uns klar werden, dass da niemand ist, der lernen wollte.

es ist nicht einzusehen, es ist nicht hinnehmbar, was sich hier abspielt. vielfach höre ich von menschen, die schon länger versuchen, bewusst ihr leben zu gestalten, dass eine zeit der veränderung und des umbruchs auf uns unaufhaltsam zukommt. mag sein, kann ja auch gut sein, wenn dringende einsichten – wie jene, dass wir alle auf dieser einen welt gemeinsam leben – sich wirklich durchsetzen.

mich persönlich beunruhigt aber die gefühlte notwendigkeit von veränderung gepaart mit der brutalen unverschämtheit der wenigen. wenn wir nicht aufpassen, dann steuern wir unter umständen auch wieder auf kriege zu. allerdings müssen wir eigentlich zur kenntnis nehmen, dass kriege global gesehen schon lange laufen, auch im direkten zusammenhang mit unseren resourcen. wir leben im frieden, während anderswo schon krieg herrscht.

krieg und krise haben eines gemeinsam: die menschheit als verlierer, unmenschen als gewinner.