widerstand will täglich entdeckt werden. aber wo?

foto: bernhard jenny

immer mehr verzweifelte menschen drängen in ihrem überlebenskampf nach europa. sehr viele kommen niemals an. sie finden nicht die freiheit, auch nicht das gelobte land, sondern den tod, das ende.

innerhalb der festung europa werden die auswirkungen des verbrechens namens „krise“ zur gewohnheit. dass spanien oder griechenland „probleme“ haben, die dort menschen um ihre zukunft, ihren lebensstandard und ihre sicherheit berauben, dass massenarbeitslosigkeit zum normalfall wird, darüber regen wir uns längst nicht mehr auf. die dortigen „regierungen“ werden zu willfährigen komplizen der tarnung und schonung der spekulationsgewinne und der privatisierung der verluste. selten ist das wort „wir“ so oft mit fatalem beigeschmack ausgesprochen worden.

in jenen landstrichen, die für den dreivierteltakt, die schokoladeumhüllte marzipankugel und ein „bisserl“ viel korruption weltbekannt sind, tun ehemals etablierte parteien und gelähmte andere alles um den zulauf zu den nazis nicht nur ungebremst zuzulassen, sondern auch noch zu befördern. hypo alpe-adria als zeitbombe, zu lebzeiten von haider gelegt, verschärft statt entschärft von anderen, könnte uns noch gewaltig braun um die ohren fliegen.

ausserhalb der festung europa blicken wir längst nicht mehr durch. ägypten, libyen waren von aussen oft romantisch verklärte vorboten eines frühlings, der niemals blühen durfte, der ins – zumindest für uns nicht mehr verständliche – chaos führte. denn nur im chaos lassen sich die spannenden geschäfte abwickeln. syrien ist seit inzwischen schon 3 jahren ein ständiges drama des hasses und des mordens, wieder einmal haben wir gelernt zum abendbrot eine geile opferbilanz zu bekommen, inzwischen allerdings nur mehr alle 14 tage. öfter interessiert uns das nicht.

wenn dann die von dort flüchtenden menschen aus diesem gebiet in einem verschlafenen alpendorf untergebracht werden sollen, weil eine menschliche bleibe das mindeste wäre, was wir diesen menschen anbieten müssen, dann fragen sich die medien öffentlich: „wieviele asylwerber verträgt ein dorf?“.

und jetzt: ukraine. die sichtweisen sind so vielfältig wie selten zuvor. das hat wohl auch damit zu tun, dass sie diesmal von anfang an funktionieren soll – die propaganda. vermutlich ist es niemals um die situation der menschen in der ukraine und ihre lebensinteressen gegangen, es geht um die interessen der machtblöcke, die aber ineinander verstrickt und in manchen punkten kaum lösbar verwoben sind. dennoch ist jetzt schon klar, dass die wirklich profitierenden dieser krise sicher nicht in der ukraine wohnen.

auch wenn behauptungen, wir würden im grossen und ganzen in einer friedlichen welt leben ohnehin längst nicht mehr gelten können, so scheint diesmal doch nach langem wieder ein gespenst aufzutauchen, das manche schon den dritten weltkrieg und den zusammenbruch des derzeitigen gefüges fürchten lässt.

da werden urängste losgetreten, unsicherheiten verbreitet und niemand weiss, was davon propaganda oder gar noch untertriebene real gefahr ist. denn jede angst macht uns auch wieder berechenbarer, erwartbarer werden unsere reflexe.

ratlosigkeit macht sich breit. es besteht der verdacht, das wir nicht mehr die zeichen der zeit zu lesen wissen. was vor jahrzehnten politische diskussionsabende und hunderte flugblätter unterschiedlichsten inhaltes war, ist heute eine flut von postings und videos, von schaubildern und vermeintlichen aufdeckungen. quellenanalyse ist zumindest so schwer wie damals, als uns die herkunft der wachsmatrizen-flugblätter niemand sagen konnte. glaubs oder glaubs auch nicht. das galt damals wie es auch heute wieder gilt.

bei all der informationsflut sollten wir uns bewusst machen: selbst wenn „wir“ es selbst sind, die content produzieren, wir haben es nicht wirklich selbst in der hand, wie gut sich unsere postings und gedanken verbreiten. die algorithmen der plattformen von fb bis google, von youtube bis spamfilter entscheiden, was locker rüber kommt und was eher verborgen bleibt. es wäre naiv zu glauben, dass hier nicht gesteuert wird.

dennoch ist austausch wirklich der einzige weg, durch die krise politisch verträgliche wege zu finden. bei allen mechanismen der filterung und steuerung im netz und drumherum, ist die information aus verschiedensten quellen zwar anstrengend, aber bei entsprechendem umgang auch die energie wert.

nur: was passiert mit unserer schönen vernetzung, wenn ein „machtinteresse“ oder ein realer energiemangel von heute auf morgen bzw. von einer stunde zur anderen das netz abschaltet? eine horrorvision? schon. und die folgen eines längeren ausfalls speziell in unserer web-affinen welt kaum auszumalen. wir sollten also auf die netzunabhängige vernetzung nicht vergessen. sie könnte plötzlich sehr wichtig werden.

immer dann, wenn ein thema unsere aufmerksamkeit bindet, stellt sich die frage, wem unter umständen welche ablenkung ganz recht sein kann. talkshows und diskussionsrunden sind niemals zufall.

mag sein, dass diese ausführungen hier fatal pessimistisch oder zumindest beängstigt klingen. letztlich gehen sie dennoch auf einen restfunken hoffnung zurück, dass es uns mit „schwarmintelligenz“ gelingt, uns den machenschaften der immer wieder davonkommenden krisenmanagerInnen nicht so ungeschützt zu überlassen. und aus einer schier unüberblickbaren zahl denkbarer und undenkbarer wege werden wir uns immer wieder für den einen oder anderen entscheiden müssen.

widerstand will täglich entdeckt werden. aber wo?

täterverherrlichung unter denkmalschutz?

am 1.11. habe ich in diesem blog auf das mich erschreckende relikt aus finsteren zeiten mitten in linz aufmerksam gemacht und mir vorgestellt, dass diese undifferenzierte täter-verherrlichung beseitigt wird. „pioniere wie immer“???

pionierewieimmer detail linz 31.10.2011 (foto: bernhard jenny)

in diesen tagen erreicht mich nun die antwort von mag. dr. walter schuster, direktor des archivs der stadt linz, in der er feststellt, dass das bundesdenkmalamt dieses pionierdenkmal 2009 (!) unter denkmalschutz gestellt hat.

Sehr geehrter Herr Jenny,

Sie haben Herrn Bürgermeister Dr. Franz Dobusch ein E-Mail gesandt, in dem Sie sich für die Entfernung des Pionierdenkmals im Donaupark aussprechen. Herr Bürgermeister hat mich beauftragt, auf Ihre Ausführungen zu antworten.

Das Denkmal wurde 1936 vom Kameradschaftsbund der Pioniere und Sappeure nahe dem Brückenkopf der damaligen Eisenbrücke errichtet, nachdem die Planungen hierfür schon einige Jahre zuvor begonnen hatten. Wohl auf Grund der wirtschaftlichen Situation kam es nicht früher zu einem Bau, obwohl schon zuvor der Linzer Gemeinderat mehrfach eine finanzielle Unterstützung gewährt hatte. Das Denkmal erinnerte zum Zeitpunkt der Aufstellung an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges der Linzer Pioniere. Im Zuge der Baumaßnahmen für die Nibelungenbrücke kam es während der NS-Diktatur zur Abtragung und Einlagerung des Denkmales. In der Zweiten Republik bestanden ab den 1950er Jahren Bestrebungen, das Denkmal wieder aufzustellen. Diese wurden erst 1963 umgesetzt, wobei als neuer Standort der Donaupark nahe dem Brucknerhaus gewählt wurde. Die Gedenktafel wurde um die Jahreszahl „1939-1945“ erweitert, um auch der gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkriegs zu gedenken. Das Bundesdenkmal stellte das Pionierdenkmal 2009 unter Denkmalschutz.

Das Denkmal ist Ausdruck einer Zeit, in der dem Gefallenengedenken breiter Raum eingeräumt wurde. Insofern ist es auch ein „Denk-Mal“ einer Zeit, von der wir uns heute bewusst distanzieren. Die Stadt Linz hat sich mehrfach öffentlich gegen jede Form der gewaltsamen Auseinandersetzung ausgesprochen. 1986 hat sie sich zur „Friedensstadt“ deklariert – dieses Bekenntnis hat der Gemeinderat seither mehrmals erneuert und aktualisiert. Ein eigenes Linzer Friedensbüro führt jährlich eine Vielzahl von Aktivitäten im Sinne einer Friedensarbeit und -pädagogik durch.

In der Amtszeit von Bürgermeister Dobusch wurden mehrere Initiativen gesetzt, die gegen die Verherrlichung des Krieges und für die Bedeutung des Friedens verstanden werden können. Neben mehreren Mahnmalen an die Herrschaft des Nationalsozialismus und für die NS-Opfer möchte ich besonders auf die Errichtung eines Denkmals der Zweiten Republik beim Neuen Rathaus sowie die Benennung eines „Friedensplatzes“ samt „Menschenrechtsbrunnen“ im Stadtzentrum hinweisen.

Zu Ihrer Information möchte ich Sie noch auf aktuelle, ein Denkmal betreffende Diskussionen in Linz hinweisen:

Bürgermeister Dobusch hatte im heurigen Jahr dem Archiv der Stadt Linz den Auftrag erteilt, festzustellen, wie viele der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Turner, deren Namen sich auf der Gedenktafel beim Jahn-Denkmal im Linzer Volksgarten befinden, als Nationalsozialisten zu identifizieren sind. Das Jahn-Denkmal selbst wurde am 1.10.1905 enthüllt. In der Folge wurde es mehrfach umgestaltet. So wurde die ursprünglich vorhandene Inschrift „Dem Deutschen kann nur durch Deutsche geholfen werden“ wohl unmittelbar nach dem Ende der NS-Herrschaft entfernt. Offenbar anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des „Turnvereins Jahn 1862“ wurde 1962 am Jahn-Denkmal eine Gedenktafel positioniert, auf denen die gefallenen Turner des Ersten und Zweiten Weltkriegs aufgelistet wurden. Insgesamt befinden sich 55 Namen von Gefallenen des Zweiten Weltkriegs auf der Gedenktafel. 39 Personen konnten sicher bzw. wahrscheinlich sicher identifiziert werden. Von diesen 39 Turnern waren 29 Mitglieder der NSDAP, SS oder SA gewesen, das sind 74,4%. Viele von ihnen gehörten bereits vor dem „Anschluss“ 1938 der nationalsozialistischen Partei an. Zum Vergleich sei der Durchschnittswert an NSDAP-Mitgliedern in der erwachsenen Gesamtbevölkerung angeführt, der nur etwas über zehn Prozent betragen hat. Auf Basis dieser Untersuchung hat Herr Bürgermeister Dobusch die Entfernung der betreffenden Gedenktafel gefordert.

Ich denke, dass sich die Stadt Linz wie kaum eine andere Stadt in Österreich sehr bewusst und kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt hat und auch weiterhin auseinandersetzt.

Freundliche Grüße

Walter Schuster

meiner meinung nach kann das noch nicht alles sein. oder?

offener briefentwurf zum 1.11.2011

pionierewieimmer linz 31.10.2011 (foto: bernhard jenny)

sehr geehrter herr bürgermeister franz dobusch,

es freut mich sehr, dass sie und die gesamte stadtregierung von linz auf meinen hinweis zum 1.11.2011 so schnell reagiert haben, und mit mir einer meinung sind, dass ein denkmal mit dem erschreckend verherrlichenden spruch „pioniere wie immer“ nicht der historisch-politischen verantwortung einer modernen stadt wie linz entspricht.

ihr rascher entschluss, dass dieses denkmal am donauufer nahe dem brucknerhaus durch ein neues ersetzt werden soll, das uns alle dem „nie wieder“ verpflichtet, ist ein klares zeichen, eine eindeutigkeit in unserer politischen kultur herzustellen, die wir dringend brauchen.

pionierewieimmer detail linz 31.10.2011 (foto: bernhard jenny)

diesen brief wird es hoffentlich bald wirklich geben…