der wunsch auf ein wiedersehen

„zigmal hätte es mit mir vorbei sein können, aber immer ist irgendwie eine wende eingetreten.“ das sagte mir marko feingold einmal in einem gespräch, voller staunen und verwunderung, wie das leben spielt.

darüber, wie das leben spielt, kann wohl niemand so gut erzählen, wie es marko feingold konnte. einer, der die verfolgung als jude in vier konzentrationslagern mit allen vorstellbaren und unvorstellbaren leiden erleben musste und dennoch durch kaum fassbare umstände immer wieder überleben konnte, hat sich der aufklärung und der vermittlung verschrieben.

alle, die seinen ausführungen gehör schenken wollten, konnten nicht nur erahnen, was sich damals in der shoa ereignet hatte. diese schilderungen waren immer auch mit der ernsthaften mahnung verbunden, dass es wohl unser aller aufgabe und verpflichtung sein muss, dafür aufzustehen und wenn nötig auch zu kämpfen, dass derartiges nie mehr wieder passieren darf.

dass es viel zu viele nicht wirklich ernst mit dem lernen aus der geschichte meinen und im gegenteil schnell wieder in derartige fahrwasser abtriften, musste marko feingold immer wieder zur kenntnis nehmen.

als mich die nachricht seines todes erlangte, war das erste bild, das in mir entstand: der junge mensch im konzentrationslager weiss nicht einmal, ob er die nächste stunde, den nächsten tag erleben wird. ob er irgendwann in den nächten damals sich erträumen konnte, dass er noch die erste generation von menschen des nächsten jahrhunderts sehen würde, wie sie erwachsen wird?

er hat so unvorstellbar weit gewirkt. er war so unvorstellbar viel unterwegs. und er war stets getrieben, die wahrheiten auszusprechen, die niemand wirklich hören wollten. von der fehlenden oder halbherzigen aufarbeitung der verbrechen des nationalsozialismus bis zur fehlenden bereitschaft, wirklich unsere gesellschaft ehrlich zu öffnen.

feingold konnte mit viel humor und gelassener grösse immer wieder darauf aufmerksam machen, dass so manches getue rund um holocaust und gedenken wohl nur eine art von folkloreveranstaltung wäre, wenn gleichzeitig die nackten folgen der verbrechen des nationalsozialismus oft bloss mit achselzucken kommentiert würden. geradestehen wollte wirklich niemand dafür,

mit dem tod von marko feingold (106) ist es nun endgültig an uns, sein vermächtnis zu ehren. damit meine ich keine lobhudeleien und keine festveranstaltungen. das vermächtnis feingolds ist viel grundsätzlicher: wir müssen für eine offene und ehrliche demokratische gesellschaft kämpfen, die sicher stellt, dass das oft schnell dahin gesagte „nie wieder“ auch wirklich ein echtes und konsequentes „nie wieder“ bleibt. gelegenheiten dazu ergeben sich täglich.

marko feingold, wir verneigen uns vor der unglaublichen lebensgeschichte und dem unermüdlichen engagement. was wir erfahren und hören durften, wird uns verpflichtung. mit tiefem dank verbunden ist eine sehnsucht,

der wunsch auf ein wiedersehen.

der tod im netzwerk

für alles gibt es ein erstes mal. meistens bleiben einem diese „ersten“ momente für immer im gedächtnis. ich weiss noch, von wessen tod ich überraschend per sterbeparte per post erfahren habe und vorher nichts davon wusste. viele jahre später erinnere ich mich an die erste todesnachricht per email. damals waren emails noch ganz seltene kommunikationsfetzen, noch nicht richtig im alltag angekommen. und plötzlich stand da, dass k. vor einer stunde gestorben sei.

jahre später kam dann die erste todesnachricht via messenger. da stand unvermittelt die schreckensnachricht einfach so. allein deshalb damals kaum zu glauben.

dann war es ein lieber künstler, den ich persönlich gar nicht kannte, mit dem ich mich aber über facebook regelmässig über die bedenklichen politischen entwicklungen austauschte. er verfolgte meine aktivitäten und ich seine tournees. „ich freue mich schon auf die vorstellung heute abend, gerade im hotel angekommen“, war sein letzter satz. auf eine frage von mir hatte er nicht mehr reagiert. im hotelzimmer haben sie ihn dann gefunden, zur vorstellung kam es nicht mehr.

inwischen ist es leider schon öfter vorgekommen, dass menschen, mit denen ich über facebook befreundet bin, verstorben sind. bei manchen ist das profil geblieben – unverändert – mit eintragungen der trauernden freund_innen. irgendwie will ich die freundschaft mit ihnen auch nicht beenden, das käme mir eigenartig vor. deshalb kann es dann schon mal passieren, dass ich ungewollt, im laufe der routine, auch die verstorbenen zu events einlade. gekommen ist noch niemand von ihnen. zumindest habe ich es nicht bemerkt.

vor einer woche ist wieder einmal ein freund gestorben, viel zu jung. seine letzten postings bekommen dann mit dem wissen um seinen tod eine andere bedeutung. wusste der betreffende, ahnte er vielleicht, dass dieser oder jener eintrag sein letzter sein werde?

und dann entspinnen sich die gedanken. was würde ich als letztes schreiben wollen, wenn ich wüsste, dass es für mich so weit ist. was wäre mein letzter status? „was machst du gerade?“ fragt mich fb. antworte ich da dann „ich sterbe“?

werden die letzten postings neue testamentsformen? oder wird fb oder twitter einen eintrag ermöglichen, den ich als „my last message“ abspeichern kann, der aber dann auch erst dann erscheint, wenn klar ist, dass es so weit ist?

angesichts der grundsätzlichkeit des todes sind die fragen rund um die auswirkungen in den social media mehr als sekundär. aber es ist ein zeichen, dass wir noch leben, wenn wir uns mit diesen fragen beschäftigen können.

er stellt uns eben vor neue fragen,
der tod im netzwerk

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foto: onnola creative commons by sa