die steile karriere der dschihad-mädchen

screenshot bernhard jenny

ja es gibt terror. und es gibt angst. aber gerade deswegen ist es besonders wichtig, die ebenen, die themen und die phänomene nicht zu vermischen. was in salzburg (und darüber hinaus) medial in den letzten tagen passiert, ist allerdings unverantwortlich.

rums. so schnell kannst du gar nicht schauen, knallt der stempel der stigmatisierung auf zwei junge mädchen herunter: dschihad mädchen, terroristinnen.

es geht hier nicht um verharmlosung. und auch nicht um naivität. aber wenn wir uns alle mal bei der nase nehmen und an unsere eigenen wilden jahre, unsere pubertätsschübe denken, dann sollte uns bewusst werden, wieviele stigmatisierungsbegriffe uns damals treffen hätten können. wen haben wir nicht aller cool gefunden, wer romantisierte nicht mit den ideen einer ausserparlamentarischen opposition, freute sich „klammheimlich“ über die „erfolge“ der RAF, fand selbst den bewaffneten kampf der einen „da unten“ gegen die anderen „da oben“ super?

gut, dass wir damals nicht als terrorist_innen eingestuft wurden. sehr zu unserer verärgerung haben uns viele ob unserer jugendlichen naivität belächelt.

ja, es hätte wirklich tragisch enden können, wenn die mädchen es wirklich geschafft hätten, bis nach syrien zu gelangen. doch jugendlichen leichtsinn und mitunter auch pubertäre dummheit zu brandmarken, ja sogar mit terrorismus gleichzusetzen, weil es medial einfach super in die undifferenzierte berichterstattung für die quote passt, das ist für alle gefährlich.

die jungen mädchen werden bald junge erwachsene sein. wenn sie jetzt erleben müssen, wie schnell sie ein one-way-ticket in die gesellschaftliche ächtung aufgedrückt bekommen, wenn sie jetzt erst recht zu outcasts gemacht werden, dann ist das nicht weit weg von der rekrutierung neuer kämpfer_innen für den terrorwahnsinn.

es ist die verantwortung aller, die öffentlich kommunizieren, sich der „nebenwirkungen“ primitiver verkürzungen bewusst zu sein und diese verantwortung auch wahrzunehmen.

in einem überschaubaren dorf wie salzburg gibt es auch keinen wirklichen schutz der anonymität. über zwei drei ecken kennen sich alle. deshalb ist hier doppelt und dreifach aufzupassen.

sensationsgeile schlagzeilen fördern nur eines:
die steile karriere der dschihad-mädchen

die nabelschau der naiven ist tödlich

foto: european commission DG ECHO creative commons by nd

verwirrende tage, die ersten tage nach dem anschlag in paris. da waren wir uns ganz schnell einig, dass das wieder so ein (urgeiler?) tag ist, der die zeitlinie in ein davor und danach schneidet. ein tag, der fast wie nine/eleven alles erschüttert. und schnell waren wir alle charlie. genauso schnell waren wir dann doch nicht charlie, dann waren wir jews oder satire und dann wieder einfach nur bernhard, sabine, till und francoise.

die berichterstattung über die anschläge und geiselnahmen überschlug sich zwei, drei tage. auch der terror kann zum hype werden und sensationsgeil sucht jedes dorf nach seinen eigenen kleinen dschihadist_innen. und schnell kriechen die ewiggestrigen gemeinsam mit den hetzenden rassist_innen im braunen schlamm aus hetze, hass und angst. nicht nur afd und pegida, fpö und le pen, sondern auch andere vertreter_innen der law and order hardliner. die einen wollen grenzen schliessen, die anderen am besten polizeikontrollen an jedem strasseneck, wieder andere indentifizieren das internet als jenen bösen ort, der nur zum terror führt und würden am liebsten auch noch das telefonieren verbieten.

wo ein hype ist, sind die politiker_innen nicht weit, grosskundgebungen mit mehr politischer prominenz, als es sich einzelne von ihnen gewünscht haben. alle wollen sie charlie sein und dem naiven volk erklären, dass nur sie, die heldenhaften wahrer_innen von demokratie und offenheit die garant_innen der sicherheit sein können. sie, die oft genug selbst dem politischen kleingeld zuliebe auch mal die eine oder andere hetze einstreuen oder feindseligkeiten fördern, wenn es denn passt.

das alles lässt uns zunehmend ratlos werden. nebenschauplätze, zwischenfragen, scheindiskussionen. was darf satire, was ist blasphemie, was ist beleidigung, was geht, was geht nicht. ein gewirr an statements, sicherheitsvorschlägen, alarmiertheiten und angstmeldungen löst verwirrung und unsicherheit aus. gegen die unsicherheit gibt es bereits „je suis charlie“-t-shirts zu kaufen. grosses kino.

was übersehen wir? wann ist der richtige zeitpunkt, die grundwerte einer gesellschaft zu diskutieren? in zeiten ohne not finden wir solche diskussionen langweilig bis überflüssig. in notzeiten, wie sie nun einmal durch gröbere angriffe entstehen, scheinen wir erst recht keine zeit dafür zu haben, die grundwerte zu diskutieren. deshalb haben wieder einmal die vereinfachung, die verkürzung und die schnelle reflexhandlung ihre ungeahnten erfolge.

wir sind auch kaum bereit, die grossen zusammenhänge zu sehen. die erschütterung über die anschläge in paris ist u.a. auch deshalb so gross, weil sie quasi vor unserer haustür, zumindest in uns allen vertrauten strassenzügen stattfinden. andere massenmorde, serienanschläge, vergewaltigungen und folterungen regen uns dagegen schon lange nicht mehr auf. sie gehören quasi zum jausenbrot wie das gurkerl. die einen mögen es, die andern weniger, niemanden alarmiert es.

kann das wirklich sein? ist das die haltung einer „je suis charlie“ generation?

ein in meldungen der dpa und afp vermutlich fälschlicherweise als „junge selbstmordattentäterin“ bezeichnetes 10jähriges mädchen wurde von den terroristen der boko haram mit umgeschnallten sprengmitteln zur lebenden bombe in maiduguri/nigeria und gemeinsam mit 19 anderen opfern per fernzündung ermordet. hat uns kaum noch erschüttert? die massaker an tausenden hilflosen dorfbewohner_innen waren dann auch nur eine halbe zwischenmeldung wert. warum?

wer kann sich ein 10jähriges mädchen vorstellen, das zur hilflosen todesmaschine umfunktioniert wird? geht uns das irgendwie in unser hirn rein? oder machen wir lieber die augen zu? und wenn doch keine fernzündung, sondern das versprechen auf einen ewigen himmel das zehnjährige mädchen die tat ausführen liess, wäre das weniger grauenvoll?

wenn uns wer auch immer mehr sicherheit und weniger terror verspricht, werden wir skeptisch sein müssen. selten wird hier wirkliche veränderung angedacht. allzuoft wird der terror und der krieg nur verlagert. raus aus unseren strassen, raus aus unseren städten, dorthin, wo es niemanden mehr alarmiert. ziemlich naiv. und egozentrisch.

der tausch der angst gegen vermeintliche sicherheit hat auch seinen preis: ganz „nebenbei“ wird die kontrolle einer zahlenmässig ständig steigenden schicht der verlierer_innen ausgebaut. es ist klar, dass wir eine systemänderung brauchen. wem wollen wir die gestaltung der veränderungen überlassen?

die nabelschau der naiven ist tödlich

hinweis: zu diesem thema bereits erschienen: wer hass will, braucht feinde.

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foto: european commission DG ECHO creative commons by nd

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dieser artikel ist am 31.1.2015 auf fischundfleisch.at erschienen und hier direkt abrufbar:
https://www.fischundfleisch.at/politik-jetzt-ich/die-nabelschau-der-naiven-ist-toedlich.html

wer hass will, braucht feinde.

foto: bernhard jenny cc by

das eint alle, die von hass und hetze profitieren wollen: sie brauchen feinde. am besten todfeinde. das ist die logik der kriege, aber auch die logik des terrors.

der gestrige anschlag auf die redaktion der französischen satirezeitschrift charlie hebdo folgt genau dieser logik. der maximale erfolg solcher anschläge sind nicht nur die toten und verletzten, der maximale erfolg ist der hass, die wut und der reflex der rache, der in vielen menschen aufkeimt. der maximale erfolg ist die emotion, die hochkommen muss, wenn wir mitansehen müssen, wie menschen kaltblütig ermordet werden.

wir stehen in europa vor einer entscheidung: lassen wir uns in den hass treiben, oder isolieren wir die hasstreibenden. sehen wir der aufwiegelung der hassenden tatenlos und ratlos zu, oder entsinnen wir uns jener werte, die es wert sind, unsere gesellschaften danach zu organisieren?

dabei geht es nicht nur um die ächtung von gewalt und mord, egal aus welchem ideologischen eck diese kommen. es geht auch darum, die werte selbst wiederzufinden bzw. diese neu zu erfinden.

dass hass der einen immer auch der komplize des hasses anderer ist, ist selbstredend. aber wie es zur bereitschaft, zur kultur des hasses kommt, das müssen wir noch genauer realisieren:
eine entsolidarisierte gesellschaft,
die den verlierer_innen eines postkapitalistischen systems erklärt, sie seien eigentlich nur selbst schuld,
eine entsolidarisierte gesellschaft,
die aus randgruppen definitiv ausgegrenzte outcasts ohne aussichten auf veränderungen macht,
eine entsolidarisierte gesellschaft,
die die chancen auf entwicklung an die spekulationsetagen des organisierten kapitalverbrechens verkauft,
ist der ideale, ja fast zwingende nährboden für extreme wut, gewaltbereitschaft und terrorakte.

wenn wir diesen nährboden nicht in den griff bekommen, steht der erfolgreichen aufwiegelung der hasstreibenden gegeneinander nach dem motto „alle gegen die zivilgesellschaft“ nichts im wege, dann wären wir beim zündfunken für einen unüberschaubaren bürgerkrieg à la hans magnus enzensberger angelangt.

es ist klar, dass wir eine systemänderung brauchen. wem wollen wir die gestaltung der veränderungen überlassen?

wer frieden will, braucht vieles:
gerechtigkeit, freiheit, chancengleichheit, zukunft und sicherheit.

da haben es die anderen einfacher:
wer hass will, braucht feinde.

sind visionen nur illusion?

2015

visionen. ganz unbescheiden hier meine visionen 2015, ohne anspruch auf vollständigkeit. ich könnte diese visionen niemals alleine bewerkstelligen, aber vielleicht finden sich manche, die ähnliche visionen haben. ich will gemeinsam mit vielen daran arbeiten, sie von der illusion zur realität werden zu lassen.

visionen 2015

  • wir nehmen menschen, die bei uns in sicherheit leben wollen, ohne wenn und aber auf und unterstützen aktiv menschen, die sich auf flucht befinden.
  • wir überlassen allen menschen die freie wahl des ortes zu leben, weshalb deportationen und abschiebungen endgültig der vergangenheit angehören.
  • wir unterscheiden nicht mehr zwischen menschen, die familie in verschiedensten formen gründen dürfen und solchen, die das nicht dürfen.
  • wir erfahren, dass jede oberflächliche normierung von bildung diese zur ausbildung deklassiert und schaffen im sinne einer offenen gesellschaft sehr diverse und freie wege zum wissen für alle.
  • wir wollen, dass wissenschaft mehr, viel mehr ist, als statistische stricherl zählen und das anhäufen von ects-punkten und lassen aus universitäten und akademien wieder orte werden, in denen menschen sich weiter entwickeln.
  • wir erreichen eine regierung, die ab sofort keine banken mehr rettet und grosskriminalität schützt, sondern die einzelnen menschen in schutz nimmt, wenn sich banken verspekuliert haben und/oder ihrer kriminellen energie zum opfer fallen.
  • wir beschliessen, dass rassismus keinen platz hat, weil rassimus keine meinung, sondern ein verbrechen ist. weder im parlament, noch in talkshows und schon gar nicht im täglichen leben.
  • wir ermöglichen die umsetzung einer inklusiven gesellschaft und sichern – ohne zynische kostendiskussion – folgerichtig allen, ausnahmslos allen, die teilhabe an bildung, gesellschaftlichem leben, wohnen, medizinischer versorgung, pflege und persönlicher assistenz.
  • wir erkennen in dankbarkeit den reichtum, in dem wir in unseren regionen leben, welcher u.a. auch ergebnis ausgelagerter ungerechtigkeiten ist, als verantwortung und lassen nicht zu, dass armut und elend zum anlass für menschenjagd und hetze werden.
  • wir sehen die fülle an werten, die zahllose ngos und ehrenamtliche mitarbeiter_innen für die gesellschaft generieren und sorgen für ein bewusstsein, das social profit benennt und nicht als non profit abwertet.
  • wir hören in allen bereichen des lebens auf, menschen zu sortieren. aus der erkenntnis, dass wir alle anders sind, folgt, dass kein unterschied uns das recht gibt, menschen zu diskriminieren.
  • wir setzen uns für die menschenrechte als unteilbares grundrecht für alle menschen ein. niemand hat das recht, menschenrechte zu verwehren.
  • sind visionen nur illusion?

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    dieser artikel ist am 30.12.2014 auf fischundfleisch.at erschienen und hier direkt abrufbar:
    https://www.fischundfleisch.at/politik-jetzt-ich/sind-visionen-nur-illusion.html

    der tötungsreflex.

    neon tommy peshawar paktistan cc by sa

    zugegeben. sie sind grauenvoll. die bilder vom massaker in einer schule in pakistan. wer will sich in die lage der angehörigen eltern, geschwister, verwandten und bekannten versetzen? was muss in ihnen vorgehen, wenn sie von der grausamen ermordung ihrer kinder erfahren müssen?

    es war stunden nach dem schrecklichen massaker an weit über hundert kindern und jugendlichen, aber auch an erwachsenen in peshawar: reflexartig hob der ministerpräsident nawa sharif das bis dahin geltende moratorium für die todesstrafe auf. und ein paar weitere stunden später wurden bereits die ersten vermutlich verantwortlichen hingerichtet. in aktuellen berichten wird von 500 geplanten hinrichtungen gesprochen.

    mag sein, dass die betroffenheit solches begünstigt. die wut, die verzweiflung und die trauer über dahingemordete kinder sind in solchen situationen wohl die stärksten auslöser jener reflexe, die uns blind den tod der verursacher_innen einfordern lassen. rache. sühne. gerechtigkeit. dabei war dieser anschlag (wie so oft) selbst schon wiederum aus der sicht der mörder ein akt der rache. also teil eines sich aufheizenden kreislaufs der gewalt.

    soll der staat (in diesem falle pakistan) morden, weil das morden geächtet werden soll? absurd. die spirale der vergeltung müssen wir hinter uns lassen. sie gehört ins mittelalter. eine zeitgemässe (= die menschenrechte einhaltende) gesellschaft darf kein morden gutheissen. (mit betonung auf dem wörtchen „kein“.) daher auch nicht ein staatlich beauftragtes morden. mord ist immer mord. todesstrafe ist immer mord.

    natürlich ist die akute notwehr etwas anderes. wenn menschen sich auf den weg machen, andere zu töten, müssen sie damit rechnen, dass sie – wenn nicht anders möglich – auch letal gestoppt werden. aber wenn menschen eines auch noch so schweren verbrechens überführt und dafür verurteilt werden, darf niemals die ermordung dieser menschen ein erlaubtes mittel der justiz sein.

    selbst für massenmörder_innen müssen die menschenrechte gelten. die ächtung der todesstrafe muss grundsätzlich immer und überall gelten.

    es darf niemals darum gehen, ob richtige oder falsche exekutiert werden. todesstrafe – also tötung im auftrag eines staates bzw. dessen justiz – ist immer mord, niemals richtig. keine todesstrafe ist zu rechtfertigen. jede exekution verstösst gegen die menschenrechte. und diese sind unteilbar. solange wir das nicht verstehen, wird die diskussion und die gewalt immer wieder im kreis laufen und das dauert. viel zu lange für jene, die inzwischen hingerichtet werden.

    dass dies nicht schon längst selbstverständlich ist, ist schwer zu verstehen. aber in emotional spektakulären fällen ist der ruf nach mord als strafe verdammt populär. und dessen erfüllung verdammt einfach. die logik der mörder auf allen seiten: “ermordet die mörder!”

    der nächste anschlag als rache für die hinrichtungen ist vorhersehbar, die nächsten hinrichtungen in folge der anschläge ebenso.

    er bringt uns immer tiefer in die spirale der gewalt,
    aber niemals weiter:
    der tötungsreflex.

    ps. ich habe mich gefragt, ob dieses thema ausgerechnet in einer zeit erscheinen soll, wo viele in feierstimmung sind. manche feiern die befreiung, andere die wiederkehr des lichts, wieder andere die geburt eines gottessohnes. also immer das leben. leben, das allen menschen zusteht. wie sollen wir leben feiern, wenn wir es anderen nehmen? gerade deshalb finde ich den zeitpunkt angebracht.

    dieser artikel ist am 23.12.2014 auf fischundfleisch.at erschienen und hier direkt abrufbar: https://www.fischundfleisch.at/konflikte-jetzt-ich/der-toetungsreflex.html
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    foto: neon tommy cc by sa

    weihnachten ganz finster.

    foto: bernhard jenny cc by nc

    die defektorientierte wahrnehmung von mitmenschen ist in der weihnachtszeit besonders beliebt. “licht ins dunkel” feiert sich – neben ähnlichen trittbrettaktionen – wieder einmal selbst, da soll freude aufkommen, wenn die spender_innen sich wohlfühleinheiten erkaufen. toll, wieviel licht wir wieder ins dunkel gebracht haben.

    es geht nicht darum, dass eine unterstützung diverser projekte nicht wichtig wäre. aber einen teil der menschen zu einer grossen masse von hilfsempfänger_innen zu machen, die angeblich im “dunkel” sitzen, ist erniedrigend.(*) trotz der bereits seit jahren anhaltenden proteste bleibt die aktion so schwerfällig wie die gesellschaft selbst. auch heuer wurde wieder die gleiche agentur mit der gestaltung eines spots beauftragt, die bereits im vorjahr eindrucksvoll bewiesen hat, dass sie wenig verständnis für das eigentliche thema hat. der diesjährige „licht ins dunkel“-spot betoniert die randgruppenoptik gleich mal in einem claim: „mit einer behinderung ist der weg zum glück länger.“ solche denkweisen teilen unsere welt in helfende und hilfsbedürftige, in jene, die licht haben und jene, die im dunkeln sitzen.

    dabei sitzen wir alle selbst oft genug im dunkeln. im dunkeln des konsumismus, im dunkeln des wachstums, im dunkeln der heilen welt. menschen, die die eine oder andere beeinträchtigung oder behinderung haben, dürfen niemals zu objekten, auch nicht von beglückungsaktionen werden, sie sind wert und licht in dieser welt wie wir alle.

    es geht um die augenhöhe. gemeinsam an einem tisch sitzen und nicht auf die schulter klopfen, gemeinsam die gesellschaft gestalten, damit alle bekommen, was sie zu ihrem leben brauchen, menschen in ihrem vermögen und dasein anerkennen und nicht auf den defekt reduzieren.

    da haben noch sehr viele nicht verstanden was inklusion ist. dass segregation grundsätzlich niemals mit inklusion vereinbar ist, dass jede form von SONDERanstalten und SONDEReinrichtungen das genaue gegenteil von inklusion sind, egal wieviele ausflüge und besuche stattfinden. die „UN-konvention über die rechte von menschen mit behinderungen“ sinnerfassend lesen würde auch nicht schaden. (download pdf)

    gipfel des politischen zynismus: seit wenigen monaten heissen die SONDERschulen im untertitel „zentrum für inklusiv- und sonderpädagogik“. das ist so logisch wie ein „zentrum für gewaltfreie und zwangserziehung“.

    inklusion ist kein prinzip der erziehung, betreuung oder wohnformen für menschen mit behinderung. inklusion ist das prinzip, dass menschen grundsätzlich verschieden sind, die unterschiede aber niemals zum anlass für segregation – in welcher form auch immer – werden dürfen.

    an dem tag, wo uns “behindertenheime” so absurd vorkommen wie “sonderanstalten für rechtshänder_innen”, “brillenträger_innenheime” oder “arbeitslosenheime” wäre ein wesentlicher schritt geschafft. traurig, dass sie uns in zusammenhang mit pflegebedürftigen, aber auch im falle von flüchtenden menschen so ungemein geläufig sind. „heim“ ist allzuoft ein synonym dafür, dass die gesellschaft nicht weiss, wohin mit jenen menschen, die ein „besonderes“ kriterium erfüllen.

    aber zugegeben: medienwirksamer sind schön ausgestattete heimzimmer, supergefederte rollstühle und dankbare spendenempfänger_innen. weihnachten eben. wem das immer noch zu tragisch ist, der kann mit seiner spendenwut ja auf gnadenhöfe für tiere ausweichen.

    das problem ist aber nicht, dass x oder y einen besonderen rollstuhl braucht, sondern, dass dieser rollstuhl nicht von uns selbstverständlich bereitgestellt wird. spendenaktionen sollten für marode banken eingeführt werden und im gegenzug staatliche garantien für menschen. ich wünsche dem diskurs jenseits von partei- und ideologiegrenzen einen durchbruch in der erkenntnis, wie revolutionär und bereichernd für ALLE die umsetzung der inklusion sein kann und dass inklusion keine verlierer_innen produziert. von der gestaltung der lebensmöglichkeiten für ALLE profitieren eben auch ALLE.

    eine „ganze gesellschaft“ spendet nicht für jene, die ausgegrenzt werden,
    eine „ganze gesellschaft“ grenzt sie erst gar nicht aus.

    eine wandlung unserer segregierenden gesellschaft zu einer inklusiven gibt es nicht zum nulltarif. soviel muss auch klar sein. nichts ist zynischer als pseudoinklusion ohne entsprechender bereitstellung von mitteln. wir brauchen viel mehr energie und änderungswillen als die grösste spende ins dunkel.
    aber es wäre wirklich licht!

    solange spenden segregation fördern, machen sie
    weihnachten ganz finster.

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    (*)update

    es freut mich sehr, dass dieser artikel sehr schnell zahlreiche reaktionen und rückmeldungen ausgelöst hat. eine wortmeldung von monika schmerold hat mich nun den text nochmal ändern lassen. textänderungen möchte ich aber nur transparent durchführen.

    monika schmerold schrieb: „Alles was besonders ist ist exklusiv und kann somit nicht inklusiv sein. Menschen mit Behinderung haben die selben Bedürfnisse wie jeder chronisch normale Mensch. Darum würde ich darum bitten, dass diese Bezeichnung aus dem Artikel genommen wird.“

    deshalb steht nun an der mit (*) gekennzeichneten stelle
    statt:
    „aber menschen mit besonderen bedürfnissen und/oder beeinträchtigungen zu einer grossen masse von hilfsempfänger_innen zu machen, die angeblich im “dunkel” sitzen, ist erniedrigend.“
    neu: „aber einen teil der menschen zu einer grossen masse von hilfsempfänger_innen zu machen, die angeblich im “dunkel” sitzen, ist erniedrigend.“

    danke für den hinweis, monika schmerold! wie hier schön sichtbar wird, stecken die bilder selbst dann noch in den köpfen, wenn wir glauben, sie längst bekämpft zu haben. und danke für deinen linktipp

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    seit ein paar tagen schreibe ich auch auf der plattform fischundfleisch.at
    ich freue mich sehr über die einladung, dort mitwirken zu dürfen. dort erscheinende artikel werde ich hier in meinem persönlichen blog jeweils mit mindestens 24 stunden verzögerung dokumentieren, sie erscheinen hier in der kathegorie fischundfleisch. dieser artikel ist auch unter folgender url erreichbar
    https://www.fischundfleisch.at/politik-jetzt-ich/weihnachten-ganz-finster.html

    einsatz für armutsmigrant_innen mit „rose für menschenrechte“ ausgezeichnet

    Rose_MR_1

    31 salzburger organisationen der zivilgesellschaft, die sich für einen würdevollen umgang mit armutsmigrant_innen einsetzen, wurden gestern in der tribüne lehen mit der „rose für menschenrechte“ ausgezeichnet. verliehen wird „die rose“ jedes jahr am 10. dezember von der plattform für menschenrechte für außerordentliche verdienste für die aufrechterhaltung und verteidigung von grund- und menschenrechten. die ausgezeichneten organisationen engagieren sich für ein klima des respektes mit menschen aus südosteuropäischen ländern, die auf der suche nach einer perspektive oder überlebensmöglichkeiten für sich und ihre familien nach salzburg kommen. viele der organisationen beteiligen sich am aufbau einer basisversorgung für diese menschen. mit der verleihung der „rose für menschenrechte“ soll dieses zivilgesellschaftliche engagement, das sich in den vergangen jahren in salzburg entwickelt hat, sichtbar gemacht werden.

    maria sojer-stani und haliemah mocevic, die sprecherinnen der plattform, wiesen in ihrer laudatio darauf hin, dass auch die politik gefordert sei, um den aktuellen herausforderungen wirksam zu begegnen. so müsse die zahl der plätze in der notschlafstelle dringend erhöht werden. in der stadt salzburg fehle eine anlaufstelle, an die sich sowohl armutsmigrant_innen als auch besorgte menschen mit ihren wahrnehmungen wenden können. schließlich müsse im landessicherheitsgesetz der passus, der „organisiertes betteln“ unter strafe stellt, konkretisiert werden. statt „organisiertem betteln“ müssen ausdrücklich handlungen, die andere zum betteln bzw. zum abgeben erbettelten geldes zwingen bzw. menschenhandel im zusammenhang mit betteln unter strafe gestellt werden. derzeit würde auch das verfassungsrechtlich erlaubte „stille betteln“ unter bezug auf diesen passus im landesgesetz häufig bestraft.

    mit der rose für menschenrechte ausgezeichnet wurden: altkatholische kirchengemeinde, apropos, argekultur, armutskonferenz salzburg, bildungshaus st. virgil, caritas salzburg, christuskirche salzburg, diakoniewerk salzburg, evangelische-methodistische kirchengemeinde, facebookgruppe „nein zur hetze gegen notreisende“, franziskanerkloster, friedensbüro salzburg, fs1/kurt bauer, halleiner schwestern franziskanerinnen, helix austria, infopoint offener himmel, internationales zentrum für soziale und ethische fragen, islamische seelsorge, katholische aktion, literaturhaus salzburg, maltester hospitaldienst, ökumenischer arbeitskreis, österreichische buddhistische religionsgemeinschaft, österreichische hochschülerinnenschaft, robert jungk-bibliothek, stift st. peter, studio west, verein phurdo, verein synbiose, verein viele, vinzenzgemeinschaft salzburg, zentrum für ethik und armutsforschung.

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    foto: kaser/abz