weihnachten ganz finster.

foto: bernhard jenny cc by nc

die defektorientierte wahrnehmung von mitmenschen ist in der weihnachtszeit besonders beliebt. “licht ins dunkel” feiert sich – neben ähnlichen trittbrettaktionen – wieder einmal selbst, da soll freude aufkommen, wenn die spender_innen sich wohlfühleinheiten erkaufen. toll, wieviel licht wir wieder ins dunkel gebracht haben.

es geht nicht darum, dass eine unterstützung diverser projekte nicht wichtig wäre. aber einen teil der menschen zu einer grossen masse von hilfsempfänger_innen zu machen, die angeblich im “dunkel” sitzen, ist erniedrigend.(*) trotz der bereits seit jahren anhaltenden proteste bleibt die aktion so schwerfällig wie die gesellschaft selbst. auch heuer wurde wieder die gleiche agentur mit der gestaltung eines spots beauftragt, die bereits im vorjahr eindrucksvoll bewiesen hat, dass sie wenig verständnis für das eigentliche thema hat. der diesjährige „licht ins dunkel“-spot betoniert die randgruppenoptik gleich mal in einem claim: „mit einer behinderung ist der weg zum glück länger.“ solche denkweisen teilen unsere welt in helfende und hilfsbedürftige, in jene, die licht haben und jene, die im dunkeln sitzen.

dabei sitzen wir alle selbst oft genug im dunkeln. im dunkeln des konsumismus, im dunkeln des wachstums, im dunkeln der heilen welt. menschen, die die eine oder andere beeinträchtigung oder behinderung haben, dürfen niemals zu objekten, auch nicht von beglückungsaktionen werden, sie sind wert und licht in dieser welt wie wir alle.

es geht um die augenhöhe. gemeinsam an einem tisch sitzen und nicht auf die schulter klopfen, gemeinsam die gesellschaft gestalten, damit alle bekommen, was sie zu ihrem leben brauchen, menschen in ihrem vermögen und dasein anerkennen und nicht auf den defekt reduzieren.

da haben noch sehr viele nicht verstanden was inklusion ist. dass segregation grundsätzlich niemals mit inklusion vereinbar ist, dass jede form von SONDERanstalten und SONDEReinrichtungen das genaue gegenteil von inklusion sind, egal wieviele ausflüge und besuche stattfinden. die „UN-konvention über die rechte von menschen mit behinderungen“ sinnerfassend lesen würde auch nicht schaden. (download pdf)

gipfel des politischen zynismus: seit wenigen monaten heissen die SONDERschulen im untertitel „zentrum für inklusiv- und sonderpädagogik“. das ist so logisch wie ein „zentrum für gewaltfreie und zwangserziehung“.

inklusion ist kein prinzip der erziehung, betreuung oder wohnformen für menschen mit behinderung. inklusion ist das prinzip, dass menschen grundsätzlich verschieden sind, die unterschiede aber niemals zum anlass für segregation – in welcher form auch immer – werden dürfen.

an dem tag, wo uns “behindertenheime” so absurd vorkommen wie “sonderanstalten für rechtshänder_innen”, “brillenträger_innenheime” oder “arbeitslosenheime” wäre ein wesentlicher schritt geschafft. traurig, dass sie uns in zusammenhang mit pflegebedürftigen, aber auch im falle von flüchtenden menschen so ungemein geläufig sind. „heim“ ist allzuoft ein synonym dafür, dass die gesellschaft nicht weiss, wohin mit jenen menschen, die ein „besonderes“ kriterium erfüllen.

aber zugegeben: medienwirksamer sind schön ausgestattete heimzimmer, supergefederte rollstühle und dankbare spendenempfänger_innen. weihnachten eben. wem das immer noch zu tragisch ist, der kann mit seiner spendenwut ja auf gnadenhöfe für tiere ausweichen.

das problem ist aber nicht, dass x oder y einen besonderen rollstuhl braucht, sondern, dass dieser rollstuhl nicht von uns selbstverständlich bereitgestellt wird. spendenaktionen sollten für marode banken eingeführt werden und im gegenzug staatliche garantien für menschen. ich wünsche dem diskurs jenseits von partei- und ideologiegrenzen einen durchbruch in der erkenntnis, wie revolutionär und bereichernd für ALLE die umsetzung der inklusion sein kann und dass inklusion keine verlierer_innen produziert. von der gestaltung der lebensmöglichkeiten für ALLE profitieren eben auch ALLE.

eine „ganze gesellschaft“ spendet nicht für jene, die ausgegrenzt werden,
eine „ganze gesellschaft“ grenzt sie erst gar nicht aus.

eine wandlung unserer segregierenden gesellschaft zu einer inklusiven gibt es nicht zum nulltarif. soviel muss auch klar sein. nichts ist zynischer als pseudoinklusion ohne entsprechender bereitstellung von mitteln. wir brauchen viel mehr energie und änderungswillen als die grösste spende ins dunkel.
aber es wäre wirklich licht!

solange spenden segregation fördern, machen sie
weihnachten ganz finster.

___________

(*)update

es freut mich sehr, dass dieser artikel sehr schnell zahlreiche reaktionen und rückmeldungen ausgelöst hat. eine wortmeldung von monika schmerold hat mich nun den text nochmal ändern lassen. textänderungen möchte ich aber nur transparent durchführen.

monika schmerold schrieb: „Alles was besonders ist ist exklusiv und kann somit nicht inklusiv sein. Menschen mit Behinderung haben die selben Bedürfnisse wie jeder chronisch normale Mensch. Darum würde ich darum bitten, dass diese Bezeichnung aus dem Artikel genommen wird.“

deshalb steht nun an der mit (*) gekennzeichneten stelle
statt:
„aber menschen mit besonderen bedürfnissen und/oder beeinträchtigungen zu einer grossen masse von hilfsempfänger_innen zu machen, die angeblich im “dunkel” sitzen, ist erniedrigend.“
neu: „aber einen teil der menschen zu einer grossen masse von hilfsempfänger_innen zu machen, die angeblich im “dunkel” sitzen, ist erniedrigend.“

danke für den hinweis, monika schmerold! wie hier schön sichtbar wird, stecken die bilder selbst dann noch in den köpfen, wenn wir glauben, sie längst bekämpft zu haben. und danke für deinen linktipp

__________
seit ein paar tagen schreibe ich auch auf der plattform fischundfleisch.at
ich freue mich sehr über die einladung, dort mitwirken zu dürfen. dort erscheinende artikel werde ich hier in meinem persönlichen blog jeweils mit mindestens 24 stunden verzögerung dokumentieren, sie erscheinen hier in der kathegorie fischundfleisch. dieser artikel ist auch unter folgender url erreichbar
https://www.fischundfleisch.at/politik-jetzt-ich/weihnachten-ganz-finster.html

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Über bernhardjenny

kommunikationsgestalter mein unternehmen: jennycolombo.com blogger, medienkünstler, autor, erwachsenenbildner salzburg - wien

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