fall amina: eiertanz ohne ende

foto: bernhard jenny

die gute nachricht zuerst: amina und ihre mutter sind nach einer odyssee nach russland wieder retour. (bericht orf) das ganze wurde von jenen behörden erzwungen, die es nicht aushalten wollen, wenn menschen, die bei uns zuflucht suchen, sich bei uns wohlfühlen.

die schlechte nachricht: das gängelband der behörden kennt kein ende. die erzwungene „freiwillige“ ausreise allein war schon ein skandal, der psychische stress ist nicht zumutbar – ganz abgesehen von den finanziellen belastungen. auch wenn private unterstützerInnen helfen konnten, so wäre deren geld auch anders einzusetzen gewesen, wenn, ja wenn…

amina und ihre mutter haben noch immer nicht die aufenthaltsgenehmigung schriftlich in der hand, das kommt lt. orf in den nächsten tagen.

und die genehmigung gilt erst wieder nur für ein jahr.

es muss sich für manche schon unglaublich geil anfühlen, schutzsuchende immer und immer wieder spüren zu lassen, dass sie abhängig sind. vielleicht sind sie ja „selbst schuld, dass sie zu uns gekommen sind“.

solange wir menschen durch gesetze und behörden in richtige und falsche sortieren lassen, machen wir uns schuldig.

wirklich mensch sind wir erst dann, wenn wir das menschsein allen gleichermassen zugestehen.

ohne unterschied.

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EILMELDUNG! krokodil gesehen!

krokodilfund bernhard jenny

nach dem (lt. orf bericht) deutschen urlauber, den der kärntner naturschutz-scheuch von der polizei verhören lassen will, muss ich nun gestehen: ich habe auch das krokodil gesehen. es frisst täglich unmengen, es sollte so schnell wie möglich dingfest gemacht werden und hinter gitter landen.

das krokodil hört auf den namen „efpeka“ und frisst tonnenweise demokratie, scheisst überall hin, nicht nur innerhalb der kärntner landesgrenzen und muss daher – um grösseren schaden zu verhindern – aus den räumlichkeiten der politischen verantwortung verscheucht werden. manche behaupten, es tauche besonders in dörflerischen gegenden auf, scheuch ist das tier aber in jedem fall auch in städtischen gebieten.

dieses krokodil gefährdet die politische kultur.

uch! ach! blasphemie!

foto: bernhard jenny

der aktuelle fall der blasphemie-anzeige gegen ulrich seidl zeigt, wie schnell die fundamentalistischen reflexe auch hier in unseren ländern funktionieren. damit ist dringend abzufahren.

religionsfreiheit impliziert auch, dass niemand das recht hat, anderen ihre meinung zu verbieten. alle müssen sich frei über religiöse inhalte, symbole und bilder ausdrücken, sie darstellen oder in kontext stellen dürfen.

wer geschichten erzählt, filme dreht oder fotos macht soll wie alle anderen auch immer auch dann frei sein, wenn es um jene inhalte geht, die fundamentalisten tabuisieren wollen. was pussy riots in russland erleben müssen macht offensichtlich manchen fundis lust auf mehr.

freundInnen, diese zeiten sind hoffentlich vorbei. wenn nur ein fünckchen aufklärung über ist, dann sind blasphemiegesetze umgehend ersatzlos zu streichen.

blasphemie ist ein tatbestand alter zeiten.
das mittlelalter sollte überwunden sein.

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btw: meine göttInnen (sofern es sie gibt) vertragen es, gelästert zu werden 😉

es ist nicht einzusehen.

foto: bernhard jenny

es ist nicht einzusehen. die angebliche schuldenkrise, die in wirklichkeit eine raubkrise ist, also ein kriegsartig stattfindender raub der spekulanten an unser aller staats-, kranken-, pensions-, pflege-, sozial- und bildungskassen wird zum idealen biotop für braune gewächse, die seit der „niederlage“ auf ein wieder hochkommen warten.

es ist nicht einzusehen. die sprach-, kraft-, taten- und kompetenzlosigkeit jener, die sich eigentlich für das gemeinwohl einsetzen und dieses mehren sollten ist exponentialkurvig gestiegen. wer pressekonferenzen, interviews und reden von politikerInnen wirklich ernst nehmen kann, möge sich melden.

es ist nicht einzusehen. während die einen schon vom zusammenbruch des offenen europas träumen oder sich regressiv eine alte währung wünschen, schaffen es andere nicht, die wirklich notwendigen grenzen zu benennen und zu leben. wir brauchen keine festung europa, sondern klare grenzen gegen spekulation und bankenrettung. wir brauchen kein einsperrendes zurück, sondern ein öffnendes voraus.

es ist nicht einzusehen. nazis dürfen nicht nur offen ihre politfäkalien verbreiten, sie dürfen parteien in mehreren farben bilden und mit ihrer hetze die anderen vor sich her treiben. das gefällt den kurzdenkerInnen, den garnichtdenkerInnen und den ehimmerschoneinenführerherbeiwünschenden. fremdenhass, rassismus, antisemitismus, betrug, veruntreuung – die liste der wahren stärken der rechten wäre endlos fortzusetzen.

es ist nicht einzusehen. kein argument der „ausgewogenheit“ rechtfertigt interviews mit wiederbetätigenden. auch wenn es „nur“ um scheinbar harmlose fragen (wie zb um den verkehr in der stadt) geht oder wenn wieder mal eine adabeiparty steigt, die nazis haben nichts im bild, im ton oder sonst wo zu suchen. kein öffentlicher raum den nazis.

es ist nicht einzusehen. nicht nur, dass die rechten in gesprächsrunden sitzen, als wären sie demokraten wie alle anderen, ist erschreckend, auch dass sich andere parteien – und ich meine nicht nur die övp – nicht eindeutig von jenem gedankengut trennen können, das die welt schon einmal ins unendliche verderben gestürzt hat, ist skandalös blind.

es ist nicht einzusehen. der braune block tut nun das, was alle anderen immer schon tun hätten müssen, sobald auch nur einer von ihnen den raum, den landtag, das parlament betritt: geschlossen ausziehen. jetzt ist es – nicht nur in kärnten – zu spät. es rächt sich nun, dass nicht schon längst auf klare grenzen geachtet wurde.

eine offene und bewusste welt darf menschenrechte nicht zur disposition stellen.

ps. ein „bisserl“ nazi gibt es nicht. auch wenn viele österreicherInnen diesem irrtum unterliegen.

es war einmal ein intelligenter präsident…

bild: damors / flickr creative commons / bearbeitung bernhard jenny
es muss wohl anfang der 90er jahre gewesen sein. eine gruppe engagierter eltern aus der ersten integrativen volksschule im dorf (sie war wenige tage zuvor gegen den vehementen widerstand eines dann doch nie sportministers erfolgreich gegründet worden) war in absprache mit diversen verantwortlichen auf der suche nach einem standort für eine integrative hauptschule. die gemeinsamkeit aller kinder hatte die eltern zutiefst überzeugt und deshalb die herbergssuche.

da meldete sich ein schulleiter aus dem nördlichen teil des dorfes. er war für vieles berühmt. schliesslich war er für die förderung des breitensports in rot verantwortlich, der dafür genutzte verein mutete in seinem namen irgendwie asketisch an. die schwere verantwortung als sportdirektor und hauptschulpräsident (oder umgekehrt?) verlangte schnelligkeit. wirkliche schnelligkeit. also war ein schneller porsche in der parteifarbe sein weithin hör- und sichtbares markenzeichen.

kaffee und kekse hatte der schulhauptpräsidentsdirektor also für die suchenden eltern vorbereitet. er war überzeugt, dass seine schule der richtige standort für so ein integratives vorzeigeprojekt wäre. wirklich. er wollte die problembewussten eltern gar nicht ausreden lassen. er wusste schon worum es geht, schliesslich hatte auch er schon erfahrungen gesammelt. so berichtete er stolz, integration sei quasi schon längst selbstverständlich für ihn. fast hätten die eltern ihm glauben können, wäre da nicht irgendwie ein komisches bauchgefühl gewesen.

„also dann, dann machen wir einen rundgang durch die schule. am besten beginnen wir unten im erdgeschoss“ sagte der sportvereinsdirektorspräsident. „da, sehen sie die tür dort? das ist die glastür aus sicherheitsglas, durch die sich die behinderten kinder auf der einen seite und die anderen auf der anderen seite wirklich jede pause sehen können. sie verbringen quasi gemeinsam die pause und bleiben trotzdem zu ihrer eigenen sicherheit getrennt. die tür bleibt natürlich versperrt.“

das war für die eltern der ersten integrativen volksschule ein magenschlagendes argument. stumm. ganz stumm schritten die eltern weiter, der präsident interpretierte das als beeindrucktheit.

freudestrahlend berichtete er: „das ist noch nicht alles, folgen sie mir in den ersten stock. ich muss ihnen was zeigen.“ die stummen eltern folgten dem porschefahrer in entsprechend schnellem tempo. die tür zu einem klassenzimmer öffnete sich, ein paar rechner und drucker drin und an der wand und quer durch den raum an leinen aufgehängt noch und nöcher ausdrucke von computerzeichnungen und schreibversuchen.

die freude war dem präsidenten anzusehen. er hatte verstanden, wo die herausforderung für eine zukunft der gesellschaft lag. „das alles,“ sagte er genussvoll in gedanken in einen höheren gang schaltend, „das alles sind computerarbeiten von meinen rollstuhlkindern.“ eigentlich hätte musik erklingen müssen, wie in den amerikanischen serien, wenn was wichtiges passiert, jetzt aber auch, um die immer lauter werdende stummheit der eltern zu übertönen. der hauptschulpräsident brachte seine botschaft auf den punkt: „sie glauben gar nicht, wie intelligent rollstuhlkinder sein können!“

das dorf bekam dennoch eine integrative hauptschule. aber an einem anderen standort.
ein märchen über intelligenz.

(ähnlichkeiten mit heute noch existierenden standorten und/oder präsidenten und direktoren wären reiner zufall;-)

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bild: 3745819011 damors flickr creative commons / bearbeitung bernhard jenny

unerhört präsent: barenboim und schubert

im ersten teil des schubertzyklus präsentierte gestern daniel barenboim im grossen festspielhaus im rahmen der salzburger festspiele die klaviersonaten g-dur (d 894) und c-moll (d-958).

solokonzert barenboim foto: © wolfgang lienbacher

einfach überwältigend, wie barenboim die motive, jeden einzelnen aspekt, jede stimmungsfarbe derart herausarbeitet, dass bei geschlossenen augen der eindruck entstehen könnte, gleich mehrere barenboims spielen da gleichzeitig. der humorvolle, der verschmitzte, der tiefsinnig-ernste, der fröhlich-tanzende und viele mehr.

faszinierend, wie barenboim selbst einem sonst eher selten schubert hörenden eröffnet, warum jeder einzelne ton genau da hingehört, jede phrase exakt weiss, welchen bezug sie nicht nur zu einem vorher und einem nachher herstellt, sondern auch zu diesem ort, in diesem raum. exaktheit und genauigkeit gehen übergangslos mit gelassenheit und offenheit einher. barenboim interpretiert nicht, sondern durchlebt, seziert nicht, sondern findet präzision.

dabei wird sein spiel zum statement. barenboim lässt uns den schubertschen kosmos erfahren, mit einer bereits nach wenigen takten spürbaren heutigkeit, weil er gemeinsam mit schubert im jetzt angekommen ist. hier wird kein schubert für das musikgeschichtliche museum vorgestellt, hier wird schubert eingeladen, sich uns mitzuteilen.

besonders die leisen stellen werden zu ungeahnt intensiven spannungsräumen, denen aber leider das publikum nur selten gewachsen ist. da, wo eigentlich die berühmte stecknadel eben nicht fallen sollte, weil sie viel zu laut für den moment wäre, muss immer irgendwer tuscheln, hüsteln oder eine handtasche öffnen und schliessen. es scheint, als wären wir in zeiten von media on demand den echtzeit-live-ereignissen nicht mehr gewachsen. oder haben wir angst vor der intensität?

voll und ganz jener persönlichen haltung barenboims entsprechend, die selbst weniger intensive verfolger von klassischen konzerten von ihm kennen, bezieht er unmissverständlich position, macht schubert zu seinem zeugen dafür, dass nur eine welt ohne ausgrenzung und ohne feindbilder unser ziel sein kann.

barenboim und schubert stellten das klar.

ps. zelebrierte gigantomanie und museale regression hätten mich heuer im unterschied zu früheren jahren wohl ganz von den festspielen ferngehalten. die einladung lieber freunde hat das auffinden dieses musikalischen juwels ermöglicht. danke.

pps. garderoben sollten grundsätzlich erst 30 minuten nach konzertende wieder geöffnet werden. das schnell schnell vor den anderen noch rechtzeitig aus dem saal stürmen ist respektlos alljenen gegenüber, die bei solchen gelegenheiten ihr bestes geben.

foto: © wolfgang lienbacher

offener brief an bgm schaden in sachen asyl: gratulation! aber.

rathaus salzburg foto: bernhard jenny

sehr geehrter herr bürgermeister dr. heinz schaden!

gratulation.
es war dringend notwendig, dass sich endlich jemand gegen die unhaltbaren zustände in sachen abschiebungen und asyl zu wort meldet. es stimmt, dass sehr viele argumente, die die hardliner immer wieder ins treffen führen absurd sind, wie

„die einschränkenden Bemerkungen ‚Die sind ja illegal eingereist‘ – ja no na net. Flüchtlinge und Asylwerber sind meist illegal eingereist. Die können sich nicht bei der österreichischen Botschaft in Georgien oder in afrikanischen Staaten anstellen und sagen: Ich hätte jetzt gerne ein Visum. Erstens bekommen sie es nicht und zweitens ist allein das schon auffällig und gefährlich und wird ihnen zur Last gelegt.“ (*)

und ich kenne selbst auch solche bürgermeister und ich bin froh, dass es sie gibt, wie jene, die sie anführen, die

„sehr viele Bürgermeister auch kleinerer Gemeinden, von denen man auch angesichts der Parteizugehörigkeit nicht automatisch erwartet, dass sie sich stark machen. Wenn die sagen: Die Familie ist gut integriert und wir wollen, dass die hierbleiben, dann ist das für mich ein Signal.“(*)

es ist auch grundehrlich, dass sie die rolle der eignen partei nicht verstecken:

„Lassen wir es dabei bewenden, dass auch die Sozialdemokratie in den letzten Jahren eher der Verschärfung das Wort gesprochen hat.“(*)

aber.
ich glaube fest, dass das system an und für sich falsch ist. die tatsache, dass sich jemand anmasst, darüber zu entscheiden, wer wo wie zu leben hat und wer nicht, die tatsache, dass zwischen richtigen und falschen unterschieden wird, das ist das eigentliche problem.

wenn wir an diejenigen bügermeisterInnen denken, die sie anführen, mag das gut ausgehen, wenn sie mehr entscheidungskompetenz hätten und vielen menschen das bleiben ermöglichen könnten. aber stellen sie sich nur mal vor, ihr rechtsaussenstellvertreter samt dessen rechtsextremen büroleiter dürften bestimmen, wer bleiben darf oder nicht? was wäre dann?

im übrigen ist deren rolle in der stadt salzburg wahrlich bedenklich, denn sie entscheiden sehr wohl über die art und weise, wie „fremde“ menschen von unseren ämtern behandelt werden. (hier dazu meine warnung, die noch immer gültig ist)

das problem ist also nicht dadurch zu lösen, dass die einen oder die anderen entscheiden sollen, wer bleiben darf und wer nicht, sondern nur dadurch, dass wir endlich anerkennen, dass alle menschen gleich sind. und daher alle menschen das recht haben, zu leben, zu arbeiten und zu wohnen wo sie wollen. unsere gesellschaft würde dadurch gewinnen und nicht verlieren.

daher mein dringender appell:
unterscheiden wir endlich nicht mehr zwischen richtigen und falschen menschen.
der faschismus hat uns gezeigt, wohin das führt.
gestehen wir allen menschen zu, das zu sein, was sie unumkehrbar sind: menschen.

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* zitate lt. orf salzburg