täterverherrlichung unter denkmalschutz?

am 1.11. habe ich in diesem blog auf das mich erschreckende relikt aus finsteren zeiten mitten in linz aufmerksam gemacht und mir vorgestellt, dass diese undifferenzierte täter-verherrlichung beseitigt wird. „pioniere wie immer“???

pionierewieimmer detail linz 31.10.2011 (foto: bernhard jenny)

in diesen tagen erreicht mich nun die antwort von mag. dr. walter schuster, direktor des archivs der stadt linz, in der er feststellt, dass das bundesdenkmalamt dieses pionierdenkmal 2009 (!) unter denkmalschutz gestellt hat.

Sehr geehrter Herr Jenny,

Sie haben Herrn Bürgermeister Dr. Franz Dobusch ein E-Mail gesandt, in dem Sie sich für die Entfernung des Pionierdenkmals im Donaupark aussprechen. Herr Bürgermeister hat mich beauftragt, auf Ihre Ausführungen zu antworten.

Das Denkmal wurde 1936 vom Kameradschaftsbund der Pioniere und Sappeure nahe dem Brückenkopf der damaligen Eisenbrücke errichtet, nachdem die Planungen hierfür schon einige Jahre zuvor begonnen hatten. Wohl auf Grund der wirtschaftlichen Situation kam es nicht früher zu einem Bau, obwohl schon zuvor der Linzer Gemeinderat mehrfach eine finanzielle Unterstützung gewährt hatte. Das Denkmal erinnerte zum Zeitpunkt der Aufstellung an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges der Linzer Pioniere. Im Zuge der Baumaßnahmen für die Nibelungenbrücke kam es während der NS-Diktatur zur Abtragung und Einlagerung des Denkmales. In der Zweiten Republik bestanden ab den 1950er Jahren Bestrebungen, das Denkmal wieder aufzustellen. Diese wurden erst 1963 umgesetzt, wobei als neuer Standort der Donaupark nahe dem Brucknerhaus gewählt wurde. Die Gedenktafel wurde um die Jahreszahl „1939-1945“ erweitert, um auch der gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkriegs zu gedenken. Das Bundesdenkmal stellte das Pionierdenkmal 2009 unter Denkmalschutz.

Das Denkmal ist Ausdruck einer Zeit, in der dem Gefallenengedenken breiter Raum eingeräumt wurde. Insofern ist es auch ein „Denk-Mal“ einer Zeit, von der wir uns heute bewusst distanzieren. Die Stadt Linz hat sich mehrfach öffentlich gegen jede Form der gewaltsamen Auseinandersetzung ausgesprochen. 1986 hat sie sich zur „Friedensstadt“ deklariert – dieses Bekenntnis hat der Gemeinderat seither mehrmals erneuert und aktualisiert. Ein eigenes Linzer Friedensbüro führt jährlich eine Vielzahl von Aktivitäten im Sinne einer Friedensarbeit und -pädagogik durch.

In der Amtszeit von Bürgermeister Dobusch wurden mehrere Initiativen gesetzt, die gegen die Verherrlichung des Krieges und für die Bedeutung des Friedens verstanden werden können. Neben mehreren Mahnmalen an die Herrschaft des Nationalsozialismus und für die NS-Opfer möchte ich besonders auf die Errichtung eines Denkmals der Zweiten Republik beim Neuen Rathaus sowie die Benennung eines „Friedensplatzes“ samt „Menschenrechtsbrunnen“ im Stadtzentrum hinweisen.

Zu Ihrer Information möchte ich Sie noch auf aktuelle, ein Denkmal betreffende Diskussionen in Linz hinweisen:

Bürgermeister Dobusch hatte im heurigen Jahr dem Archiv der Stadt Linz den Auftrag erteilt, festzustellen, wie viele der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Turner, deren Namen sich auf der Gedenktafel beim Jahn-Denkmal im Linzer Volksgarten befinden, als Nationalsozialisten zu identifizieren sind. Das Jahn-Denkmal selbst wurde am 1.10.1905 enthüllt. In der Folge wurde es mehrfach umgestaltet. So wurde die ursprünglich vorhandene Inschrift „Dem Deutschen kann nur durch Deutsche geholfen werden“ wohl unmittelbar nach dem Ende der NS-Herrschaft entfernt. Offenbar anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des „Turnvereins Jahn 1862“ wurde 1962 am Jahn-Denkmal eine Gedenktafel positioniert, auf denen die gefallenen Turner des Ersten und Zweiten Weltkriegs aufgelistet wurden. Insgesamt befinden sich 55 Namen von Gefallenen des Zweiten Weltkriegs auf der Gedenktafel. 39 Personen konnten sicher bzw. wahrscheinlich sicher identifiziert werden. Von diesen 39 Turnern waren 29 Mitglieder der NSDAP, SS oder SA gewesen, das sind 74,4%. Viele von ihnen gehörten bereits vor dem „Anschluss“ 1938 der nationalsozialistischen Partei an. Zum Vergleich sei der Durchschnittswert an NSDAP-Mitgliedern in der erwachsenen Gesamtbevölkerung angeführt, der nur etwas über zehn Prozent betragen hat. Auf Basis dieser Untersuchung hat Herr Bürgermeister Dobusch die Entfernung der betreffenden Gedenktafel gefordert.

Ich denke, dass sich die Stadt Linz wie kaum eine andere Stadt in Österreich sehr bewusst und kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt hat und auch weiterhin auseinandersetzt.

Freundliche Grüße

Walter Schuster

meiner meinung nach kann das noch nicht alles sein. oder?

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Über bernhardjenny

kommunikationsgestalter mein unternehmen: jennycolombo.com blogger, medienkünstler, autor, erwachsenenbildner salzburg - wien

4 Kommentare

  1. Urfahr

    Das ist nicht zufriedenstellend! Solche Unmäler sollten wegkommen oder verhüllt werden.

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  2. Max

    Schade dass Linz so lahm reagiert!

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  3. Eva

    Da könnte vielleicht eine Zusatztafel angebracht werden. Mit Kommentar der Stadtregierung?

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  4. thomas vorderegger

    ich bin gegen das verhüllen und entfernen solcher denkmäler. ich stimme da eva zu: das sollte ergänzt werden.

    aus der antwort wird klar, dass diese gedenktafel nicht nationalsozialistischen ursprungs ist, im gegensatz zu anderen „denkmälern“ in hitlers linz. es stammt wirklich aus einer zeit, in der man unreflektiert den guten soldaten gedenken wollte und den sinnlosen tod für kaiser und andere diktatoren nicht hinterfragen wollte.

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