eine weitere nacht der hoffnung

foto: bernhard jenny cc licence by nc sa

manche würden es unvernunft nennen. da liegen menschen – manche mit ihren kleinen kindern – auf offener brücke und strasse. helfer_innen versuchen ihnen gemeinsam mit übersetzer_innen klar zu machen, dass heute nacht noch regen kommt und es kalt wird. und dass 2,5 km weiter hinten eine grosse halle mit hunderten betten leer steht. sie könnten dort in ruhe schlafen.

unverständnis auf beiden seiten. ich muss mich an einen satz erinnern, den mir ein junger syrer auf dem hauptbahnhof in salzburg gesagt hat: „für uns gibt es keinen meter zurück, wir gehen nur nach vorn, weiter und weiter und weiter.“ das scheint das gesetz der flucht zu sein, das ist die kraft, mit der menschen, gross und klein, alt und jung und auch gerade erst geboren, sich auf den weg machen, ein marsch der hoffnung, ein gang in das gelobte land.

foto: bernhard jenny cc licence by nc sa

wer will es den menschen, die durch alle nur erdenklichen und für uns nicht vorstellbare höllen gegangen sind, verdenken, dass sie zwanzig meter vor ihrem ziel nicht einfach umkehren. was kann für solche menschen schon regen oder kälte bedeuten. sicher nicht grund genug „umzukehren“ – auch wenn das uns nicht real erscheinen mag.

vielleicht werden manche dann doch in die halle gehen, wo die caritas auf sie wartet. einstweilen aber bleiben sie rund um die brücke nach deutschland und versuchen zu schlafen, zumindest sich auszuruhen und kraft zu schöpfen. dort spielende kinder, da ein baby, das schreit, insgesamt fast friedvolle szenen.

foto: bernhard jenny cc licence by nc sa

hier an der brücke sind es keine grossen organisationen, sondern privatpersonen, die sich über facebook organisieren und dienstzeiten einteilen: das von den helfer_innen selbst gekochte warme essen wird verteilt, getränke ausgegeben, decken, matrazen und polster weitergereicht und immer wieder übersetzungsarbeit geleistet.

mitten drin erschöpfte polizisten. es ist ihnen anzusehen, dass sie kaum mehr können. „seit fünf uhr in der früh“ antwortet einer, als ich sie frage, wie lange sie schon hier im dienst sind. jetzt ist es 23:30!

„muss man ja machen, wir sind einfach zu wenig, aber wenigstens ein bisserl ordnung hier reinbringen, das muss sein“ sagt ein anderer. mit ordnung meinen sie zb. die familien mit kleinen kindern, sofern sie wollen, in das ehemalige zollgebäude hier direkt an der brücke zu bringen, solche, die schon seit gestern 8 uhr früh auf der brücke stehen, vorne zu lassen, damit sie auch als erste drankommen, wenn „wieder was geht“ und nachschau zu halten, ob jemand akut was braucht. ein krankenwagen steht bereit.

wann ablöse kommt, wissen die polizisten nicht, wie schnell die deutschen wieder welche „rüber“ lassen, auch nicht. da kommt einer der organisatoren der ehrenamtlichen helfer_innen vorbei, einer der polizisten betont mit blick auf den helfer: „ohne ihn und all die anderen, ohne die vielen, die uns übersetzen helfen oder sonst wie helfen, ginge es sowieso nie, da wären wir völlig aufgeschmissen.“

ich lasse erkennen, dass ich oft auch kritisch über die polizei berichte, aber dass ich in dieser situation ihnen einfach nur danken muss für ihr engagement, und dass ich ihnen wünsche, dass sie bald abgelöst werden. „es gibt überall solche und solche,“ meint einer der beamten, „nichts ist einfach nur schwarzweiss.“

möge die nacht zumindest kein brutaler platzregen loslegen, möge es nicht zu kalt werden.

eine weitere nacht der hoffnung

foto: bernhard jenny cc licence by nc sa

fotos: bernhard jenny cc licence by nc sa

update: offenbar falschmeldung

wie vorgestern berichtet, hat ferdinand farthofer von aktivnews in einem gespräch mit mir über die vermeintlichen schüsse berichtet, er gab mir gegenüber seine ihm persönlich bekannte quelle, die zeuge gewesen sein soll, nicht bekannt. ich habe daher von anfang an meine schlagzeile mit einem fragezeichen versehen und auch davon berichtet, dass es für ein bericht von ferdinand farthofer war.

nach diversen gegenstellungnahmen der polizei und weiteren berichten bzw. (unauffälligen) rücknahmen der meldung, habe ich gestern schriftlich ferdinand farthofer um eine persönliche stellungnahme gebeten, die allerdings nicht eingetroffen ist.

deshalb muss ich hier nun die leser_innen meines blogs davon in kenntnis setzen, dass die angeblichen schüsse wohl wirklich nicht stattgefunden haben. ich muss zur kenntnis nehmen, dass ferdinand farthofer selbst zumindest einer falschinformation aufgesessen ist.

die taz schreibt hier über dieses nun endgültig zusammenbrechende gerücht.

wie vorgestern berichtet war auch mein eindruck von den kontrollen an der grenze eine gänzlich unaufgeregte und korrekt ausgeführte vorgangsweise der beamt_innen.

ich bitte um nachsicht für die verbreitung dieser information, die, wenn sie sich bewahrheitet hätte, eine echte eskalation bedeutet hätte. auch wenn ich niemals eine tatsachenbehauptung aufgestellt habe, sondern deutlich farthofer zitiere, bedaure ich, dass es zu dieser offensichtlich falschen information gekommen ist.

das anheizen der stimmung durch falschnachrichten kann in niemandes interesse sein.

update zum vorfall auf dem hauptbahnhof salzburg

ScreenshotORFsalzburg_UPDATE

soeben konnte ich stadt-kripochef andreas huber telefonisch erreichen. das gespräch über den vorfall am dienstag um 4 uhr früh ergibt nun folgendes bild:

oberst huber kann nicht bestätigen, dass es sich bei diesem mann um einen familienvater handelt, er ist nur als der „junge mann mit dem roten leiberl“ bekannt.

die situation sei sehr angespannt und emotional gewesen, der einlass in den überfüllten zug musste irgendwann gestoppt werden (was verständlich ist).

lt. oberst huber hat „dieser junge mann“ sich in seiner verzweiflung auf den zug gehängt, hat versucht die lok zu erklettern und ist dann – „da man nicht übermässige gewalt anwenden wollte“ – dem zug nachgelaufen.

huber hat ihm – nachdem der mann zum bahnhof zurückgekehrt war – seinen rucksack wieder ausgehändigt und er ist „sicher mit dem nächsten zug“ nach münchen weitergereist, zumindest sei das zu vermuten, denn es sei „niemand übriggeblieben.“

„wie gesagt, ich weiss nicht, ob der ein familienvater ist,“ meint oberst huber, „soviel ich das mitbekommen habe, hat der herr pötzelsberger vom ORF das ziemlich übertrieben dargestellt.“

polizeiskandal: verzweifelter vater läuft zug hinterher

erst bei der sichtung der berichterstattung über die vorfälle mit den aus syrien flüchtenden menschen auf dem salzburger hauptbahnhof am montag musste ich entdecken, dass der orf zeuge einer unglaublich unmenschlichen amtshandlung der polizei wurde.

bei der abfahrt eines zuges richtung münchen darf ein familienvater nicht mehr zu seiner familie in den zug steigen und wird gewaltsam von den beamt_innen (einsatzleiter andreas huber) am einsteigen gehindert. diese art von umgang mit menschen, noch dazu mit schwer von krieg und flucht traumatisierten, ist untragbar! der verzweifelte vater läuft auf offenen schienen dem abfahrenden zug hinterher.

der kommentar von tobias pötzelsberger: „er läuft los. aber er weiss vermutlich selbst nicht wohin. ja das sind bilder die durch mark und bein gehen.“

zu diesem zeitpunkt war ich selbst am anderen ende des bahnsteigs mit einer mutter und ihrem auf der flucht geborenen kind beschäftigt. ich bin entsetzt, was hier vorgefallen ist.
ich fordere dringenst aufklärung

  • ob und in welcher weise die verantwortlichen der polizei, des magistrats oder des roten kreuzes diesem familienvater zu hilfe gekommen sind und
  • ob gesichert ist, dass er seine familie wieder gefunden hat.

oder wurde am ende der familienvater ohne weitere schritte wirklich seinem schicksal überlassen?

dann wäre es ein veritabler

polizeiskandal: verzweifelter vater läuft zug hinterher

ps. wie schon gestern berichtet, ist in der nacht auf dienstag sehr viel schief gelaufen. positiv muss hier unbedingt erwähnt werden, wie sehr die mitarbeiter der öbb unsere hilfsaktion vom ersten moment an spontan unterstützt haben. danke erich rattensberger und co.!!!

pps. warum mir martin floss als magistratsdirektor auf meine frage, was er denn hier auf dem bahnhof unternehme, einfach antwortet: „ich bin genauso freiwillig hier, wie sie auch“, obwohl er einer der verantwortlichen einsatzleiter war, mag wohl nur er selbst verstehen. warum er meine kritik daran, dass hier viele, sehr viele kinder und babys vor hunger schreien und das rote kreuz kein essen mitgebracht hätte, und wie er da zusehen könne, mit „sie sprechen jetzt wohl auch nur für ihre eigene psychohygiene“ bleibt nicht wirklich ein rätsel. es zeigt die haltung.

hochrechnung bei polizeigewalt?

foto: bernhard jenny creative commons

disclaimer vorweg: es gibt sie wirklich. die seriösen polizist_innen, jene die wirklich für die sicherheit sorgen und ernsthaft ihre arbeit tun.

heute berichten falter und vice über einen neuerlichen vorfall in wien.

deshalb jetzt zur frage der hochrechnung: wenn praktisch innerhalb eines halben jahres zweimal videos an die öffentlichkeit gelangen, die polizeiorgane bei brutalen übergriffen auf wehrlose menschen zeigen, stellt sich die frage:

  • wieviele videos werden gedreht, die aus verschiedensten gründen dann doch nicht an die öffentlichkeit gelangen?
  • wieviele übergriffe passieren an orten, wo ein zufälliges mitfilmen durch andere erst gar nicht möglich wird?

allein diese beiden faktoren zusammen lassen auf eine dunkelziffer der polizeigewalt schliessen, die dringenst aufzuklären ist. welche regierung kann es sich ernsthaft leisten wollen, regelmässig menschenrechtsverletzungen durch polizist_innen aufgetischt zu bekommen?

frage an die leser_innen hier: kennt ihr das gefühl, wenn ihr eine nachricht dieser art lest und im ersten moment glaubt, dass das jetzt der tropfen ist, der das fass zum überlaufen bringt? ja? und warum passiert trotzdem nichts?

weil wir uns an fast alles gewöhnen.
an auf dem boden schlafende babies ebenso,
wie an prügelnde polizei.

politische verantwortung?
was ist das?

warum werden die beamten versetzt und nicht suspendiert?

was machen wir also mit der
hochrechnung bei polizeigewalt?

polizei lässt schlepperorganisation entkommen!

foto bernhard jenny cc licence by nc

bereits zum zweiten mal innerhalb weniger tage wurden willkommene (vulgo flüchtlinge) am salzburger hauptbahnhof aus zügen heraus „aufgegriffen“, also von der polizei in das polizeianhaltezentrum gebracht.

letzte nach 96, vor ein paar tagen 84 willkommene (vulgo flüchtlinge), die eigentlich nach münchen reisen wollten, wurden aufgrund der tatsache, dass sie offensichtlich auf der flucht seien, an ihrer weiterreise gehindert.

abgesehen davon, dass solches selbst aus reaktionärer sicht keinen sinn macht, weil es immer noch mehr willkommene (vulgo flüchtlinge) sogar gegen ihren ausdrücklichen willen in unserem land hält, konzentriert sich nach medienberichten nun die polizeiarbeit auf die „fahndung nach schleppern“. (siehe ORF salzburg)

der inzwischen leidlich bekannten spruchpraxis mancher folgend dürfte die fahndung keine fünf minuten dauern. will die polizei die schlepper_innen gar nicht verhaften?

wer willkommene (vulgo flüchtlinge) von einem staat (in diesen fällen ungarn) in einen anderen staat (in diesen fällen deutschland) transportiert und auch dafür noch geld nimmt, müsste in der logik der fremdenfeindlichen rechtsdenker_innen den tatbestand der „schlepperei“ mehr als erfüllen. nichts anderes tun zahlreiche fluchthelfer_innen bei vollem risiko, erwischt zu werden.

bei den zügen aus ungarn ist es offensichtlich ganz anders. hier werden weder die schlepper_innen, deren helfer_innen, lokführer_innen noch die fahrzeuge beschlagnahmt, hier begnügen sich die behörden mit der verhaftung der willkommenen (vulgo flüchtlinge). dabei haben alle gültige nachweise über das den schlepper_innen übergebene geld (vulgo tickets) vorweisen können!

wieder einmal zweierlei mass.

polizei lässt schlepperorganisation entkommen!

ps. fluchthilfe ist eine ehrenvolle aufgabe.

___________
foto: bernhard jenny cc licence by nc

NOCHMALS: SHAME ON YOU MIKL-LEITNER – TRETEN SIE ZURÜCK!

shame mikl leitner2

jetzt stellt sich also sogar raus, dass die menschen in den mikl-zeltdörfern HUNGERN, weil sie nicht genug zu essen bekommen. das ist der traurige gipfel des skandalösen umgangs der innenministerin mit schutzbedürftigen menschen. zynismus ist nur ein hilfloses beschreiben jener vorgangsweise, die den fremdenhassenden und rassistsichen mob fördert und mobilisiert.

treten sie zurück, frau innenministerin.

umgehend!

 

UPDATE 12:00!

auf ORF SALZBURG wurde aus der schlagzeile heute früh „Flüchtlinge leiden Hunger in Zeltlager“ nun (auf politischen Druck???) nun „Flüchtlinge klagen über wenig Essen“ – FREIE PRESSE??? PRESSEFREIHEIT??? (link)

foto: oevpwien cc by nc sa überarbeitung bernhard jenny