danke.

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ich bin dankbar. menschen, die aus ihrer heimat flüchten mussten und in unserem land eine neue existenz erträumen, bin ich schon seit vielen, sehr vielen jahren immer wieder begegnet. diese begegnungen sind immer wieder anders, bergen viele überraschungen, lassen uns gemeinsam viele hindernisse erleben und mit den bedingungen hadern. wir solidarisieren uns und wenn es manchmal auch ganz aussichtslos zu sein scheint, so verbindet uns mindestens der wunsch, die sehnsucht, es möge doch noch etwas gelingen.

dieses jahr brachte mir eine begegnung ganz neuer art. menschen, die aus ihrer heimat flüchten mussten und noch auf dem weg sind. menschen, die noch nicht angekommen sind, menschen, die – mit welchen mitteln auch immer – die verzweiflung, den tod, das morden hinter sich lassen wollen und richtung hoffnung, möglichkeit und traumziel gehen. menschen, die wirklich noch unterwegs sind.

diese begegnung – besonders in der nacht vom 31.august auf den 1.september – beeindruckte mich zutiefst. es war spürbar, welche energien menschen zu entwickeln fähig sind, wenn du glaubst, da geht sicher nichts mehr. es war ernüchternd, wie klein unsere einfachen versuche der verpflegung und unterstützung mit dem notwendigsten wurden, angesichts hunderter, dann tausender menschen.

noch viel kleiner wurden aber unsere eigenen alltäglichkeiten. oft muss ich seither denken, wie sehr wir den frieden nicht wahrnehmen, den wir nicht einmal schätzen, wie sehr wir den wohlstand nicht sehen, den wir nicht einmal ehren, wie sehr wir in selbstverständlichkeit und blindheit untergehen und glauben, dass das, was wir alltäglich in unseren berufen tun, wirklich ein kampf sei.

wenn eine mutter mit einem auf der flucht neugeborenen kind, selbst unterernährt und geschwächt von elendslangen märschen, auf dem boden des bahnsteigs sitzend in magischer ruhe still ihr kleines kind in ihren armen hält und freudestrahlend sich bestätigen lässt, dass es nur mehr wenige kilometer bis germany sind, dann hast du erfahren, was ein gelobtes land sein kann.

ich möchte allen diesen menschen danken, die uns dort begegnet sind und jenen, die uns auch immer wieder als hiergebliebene begegnen. wir können von euch lernen, was wirklich wichtig ist. wir können von euch erfahren, was frieden für euch bedeutet. es ist ein sehr schönes geschenk, dass ihr da seid.

danke.

flüchtlinge: schluss mit quoten

statt den schwerpunkt auf belastung zu legen, sollte man flüchtlingen ein europaasyl und wahlfreiheit anbieten

selbst befürworterinnen und befürworter einer willkommenskultur für flüchtlinge verwenden das unwort quote. dabei ist die verteilung von 160.000 flüchtlingen auf alle EU-staaten – wie von EU-kommissionschef jean-claude juncker nun gefordert – keine lösung. denn eine quote legt den schwerpunkt auf belastung und problem. würden wir menschen als chance begreifen, würden wir um diese menschen werben.

viele flüchtlinge, die in der vergangenen woche durch österreich gereist sind, und viele, die noch kommen werden, haben als traumziel deutschland angegeben. manche konnten von verwandten dort erzählen und wissen schon genau, wohin sie wollen. sollen sie einer quote wegen im ungarischen györ oder in st. gilgen, salzburg oder bregenz bleiben müssen, wo sie doch unbedingt zur familie in bremen oder hamburg wollen?

europaasyl und wahlfreiheit

wir brauchen ein europaasyl. nicht ein einzelner staat, sondern europa nimmt die flüchtenden auf. wer den asylstatus anerkannt bekommt, kann sich in europa frei niederlassen – wie europäische bürgerinnen und bürger auch. dabei könnte – ohne die wahlfreiheit der einzelnen zu beschränken – durchaus über unterschiedliche anreize ein steuerungseffekt entstehen, der es verhindert, dass alle nur in ein oder wenige länder wollen.

derzeit ist deutschland aus vielen gründen noch das gelobte land, nicht zuletzt auch durch das aussetzen der dublin-iii-vereinbarungen. wenn ganz europa zur sicheren zone wird, weil niemand mehr irgendwohin geschoben wird, dann wären wohl andere faktoren entscheidend: welche beruflichen chancen werden geboten, welche vorausbildungen werden anerkannt, welche schulungs- und fortbildungsprogramme oder welche starthilfen können in anspruch genommen werden. die eu selbst könnte solche förderprogramme für verschiedene regionen anbieten, um lenkungseffekte zu erreichen. eine solche regelung würde aus flüchtlingen mündige menschen machen, die selbstbestimmt ihr neues leben beginnen können. alle, denen das zu viele rechte sind, sollten überlegen, dass diese menschen bei null beginnen müssen. sie sollen doch besser je nach ihren beruflichen qualifikationen und sehnsüchten loslegen dürfen, wo sie wollen. dann sind die chancen sehr hoch, dass sie ihr neues leben in sicherheit auch würdig und selbstbestimmt weiterentwickeln können.

integrität und einheit

mit einem europaasyl würde die europäische gemeinschaft auch die eigene integrität und einheit signalisieren. es wäre ein weg, die nationalstaatlichen engstirnigkeiten zu überwinden. es würde europa insgesamt stärken und die währung mensch höher bewerten als die währungen in gold und geld. denn menschen sind nichts für eine quote. (bernhard jenny, der standard, 11.9.2015)

absage an alle ewignörgelnden

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nein. wirklich nicht. ich lasse mich nicht mehr ein auf die ewignörgelnden. auf die immer wieder bedenken habenden, auf die „ja schon, aber“-typen, auf die „was ist mit den unsrigen“-sager_innen oder gar auf die „der islam wird uns überspülen“-zweifler_innen.

es ist vorbei. zulange dauert nun schon das elend an. der krieg vor europas haustür, die konflikte in anderen ländern. zeige mir, welcher dieser konflikte nichts mit europa und/oder dessen interessen zu tun hat! die nöte in den verschiedensten regionen dauern alle schon lang genug an, dass es allen, die einigermassen denken können, möglich gewesen sein muss, sich ein bild von der not und dem elend zu machen, aus dem die menschen fliehen.

wer diesen menschen stacheldraht, einreiseverbote entgegenstellt und keine legale möglichkeit zur flucht in unsere länder bietet, ist so schuldig, wie jemand, der menschen nur mit dem richtigen ausweis oder glaubensbekenntnis oder hautfarbe aus einem brennenden haus rettet. wer es bis jetzt noch nicht spürt, was da läuft, wird es wohl nie verstehen.

die politisch weiterdenkenden menschen sind aber NICHT die umerziehungspädagog_innen für ewiggestrige, für dumpfe zyniker_innen, für hetzposter_innen oder sonstige verschwörungstheoretiker_innen, die entweder nichts kapieren oder noch schlimmer, bewusst nicht einsehen wollen, dass es nur eine menschheit gibt. die zivilgesellschaft kann nicht warten, bis alle dem notwendigen zustimmen, sondern muss einfach handeln. ein möglichst breiter konsens ist zu suchen, aber nicht das verständnis aller abzuwarten.

ich habe es endgültig satt, rechtfertigen zu müssen, warum alle menschen als eben solche behandelt werden müssen, dass menschenrechte unteilbar (und nicht erst zu verdienen!!!) sind. menschenrechte gelten für ALLE. für die, die sich super für sympathische bilder eignen, kleine kinder, schöne frauen und grosse männer ebenso, wie für jene, die krank, schwach oder ungepflegt sind und überhaupt nicht unsere empathie ansprechen. menschenrechte sind kein bonus für mitglieder der „brave menschen“-clubs, menschenrechte gelten auch für die traumatisierten, aggressiven, vielleicht noch ungepflegten menschen. eben für alle.

in den letzten tagen durften wir erleben, dass es eine (für manche unerwartet) grosse anzahl an menschen gibt, die einfach helfen wollen, die den menschen entgegen gehen, sie herzlich willkommen heissen und nicht hinter allen eine bedrohung sehen. in diesen bilder steckt eine doppelbotschaft: die mehrheit der menschen ist wesentlich offener und bewusster, als es die politiker_innen glauben, und diese menschen warten nicht mehr auf grosse entscheidungen der politik, sondern werden selbst aktiv. das ist ein schritt in richtung jener offenheit, in der ein grosses europa funktionieren könnte.

ja, mag sein, dass die weltbilder, die anschauungen, die religiösen vorstellungen oder auch gepflogenheiten dieser menschen noch nicht kompatibel zu unserer gesellschaft sind. wenn wir wollen, dass sie das werden, dürfen wir diese menschen aber nicht isolieren oder in getrennte unterkünfte stecken, sondern wir müssen ihnen einen platz mitten in unserer gesellschaft anbieten.

denn dort, mitten in unseren gesellschaften werden sie dann erleben können, was es bedeutet, in einer (konzeptiv) partizipativen gesellschaft des offenen dialoges, in einer emanzipatorisch offenen kultur zu leben. wenn wir die willkommenen an den rand drängen, wird es eng werden. dann werden die randdenker_innen, die ewignörgelnden, die kleingeister recht behalten. denn dann kann es nicht funktionieren.

ein milliardär hat sich kürzlich mit seiner erkenntnis, dass „frauen menschen wie wir“ sind, hochnotpeinlich blamiert, weil die gesellschaft in sachen gleichstellung (zumindest im prinzip) schon viel weiter ist.

jetzt müssen wir so weit kommen, dass wir erkennen, wie peinlich die aussage „flüchtlinge sind menschen wie wir“ ist. geschweige denn gar die verneinung dessen.

wir brauchen unsere energien für die gestaltung der gesellschaft. wer hilft, wer anpackt, wer sich für die veränderung engagiert, hat keine zeit für mühsame umerziehung, für die (ohnehin im kreis laufende) diskussion mit kleingeistern. sollen sie sich doch selbst figuren an die wand zeichnen.

deshalb hiermit meine
absage an alle ewignörgelnden

ps. jetzt werden manche sagen, dass doch der dialog so wichtig wäre, wenn wir politisch weiterkommen wollen. ja stimmt. aber dialog setzt ein mindestmass an bereitschaft auf beiden seiten voraus. und das ist sehr schnell erkennbar. wenn dies nicht gegeben ist, dann ist es nur zeitverschwendung.

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foto: campact cc licence by sa

dieser artikel ist am 8.9.2015 auf fischundfleisch.com erschienen und ist auch dort aufrufbar.

europa steht vor der entscheidung

grafik bernhard jenny cc by
ist europa ein fleckerlteppich der kleingeister, die sich mit stacheldraht, schlimmer, mit natodraht einigeln und überlebenden aus dem nahen, sehr nahen osten oder sonstwo den zutritt verwehren und damit nur den illegalen weg in die hoffnung offen lassen, der bekanntlich viele in den tod treibt.

oder ist europa eine gemeinschaft, die überlebende mit offenen armen aufnimmt und sie frei über ohnehin nur mehr lächerliche grenzen reisen lässt, um dort wo sie wollen ein neues leben zu beginnen?

ist europa eine zone der menschenrechte und des offenen umgangs miteinander?
oder dürfen die verschiedenen orbans dieser lande lager errichten, in denen menschen zwangsuntergebracht werden?

europa steht vor der entscheidung.
die braunen spüren die chance, das konzept der offenheit zum kippen zu bringen.

europa steht vor der entscheidung.
die zahl derer, die nicht mehr zusehen wollen, dass willkommene herumgeschoben werden, wächst täglich.

grenzen auf oder jedes dorf einigeln.
reisefreiheit oder lager.
selbst nur halbheiten wären ganze schritte zurück.
es braucht echte grundsatzentscheidungen zur wende.
acht jahrzehnte zurück oder mutig nach vorne.

ist europa eine todeszone oder eine zone des lebens. und daher folglich eine zone der überlebenden?

europa steht vor der entscheidung.

grenzen, die töten, müssen geöffnet werden!

grafik bernhard jenny cc by

wieviele tote? diese frage schallt durch das land. zuerst 20 oder 50. heute 71. in einem einzigen lkw. und die innenministerin ist erschüttert, dass „schon wieder“ sie irgendwie dafür verantwortlich sein soll.

schuld sind die „terroristen“ und die „schlepper“. na dann. verbieten wir terrorismus und schlepperei. alles erledigt. dann können wir wieder in ruhe in der hofburg tanzen. achso, ja da tanzen auch die faschist_innen. so what.

interessant ist auch die frühe erkenntnis der ministerin, dass menschen legale wege brauchen. dass das derzeit gerade nicht möglich ist, löst ein kaum erkennbares achselzucken aus. was geht mich das an. losts mi augland.

das lederhosenland wird noch öfter schaudern müssen. seit gestern ist auch im burgenland lampedusa. die baldige rückkehr zum gemütlichen alltag gibt es nicht. die welt ist eine welt, so heisst die erschreckende nachricht.

je länger wir glauben, dass grenzen dicht die lösung ist, umso mitschuldiger sind wir am verzweiflungstod hunderter und tausender.

binnengrenzen in der eu sind ohnehin nur mehr lächerlich, aussengrenzen werden sich nicht von heute auf morgen abschaffen lassen. aber sie gehören endgültig geöffnet. und betrachten wir jeden menschen als das was er/sie ist: ein mensch.

quoten sind keine lösung, weil sie den fokus auf belastung und problem legen. würden wir menschen als chance begreifen, würden wir um diese menschen werben.

keine grenze ist es wert, dass für sie gestorben wird.
jeder mensch ist es wert, als mensch gesehen zu werden.

grenzen, die töten, müssen geöffnet werden!

urlaubstipp: wer will fluchthelfer.in werden?

Screenshot_fluchthelferin

oder wer ist es sogar schon? eine neue internetplattform unter www.fluchthelfer.in ermutigt menschen, die ihren urlaub mit einer humanitären handlung verbinden wollen. im ersten video der seite wird bereits klar gestellt, dass das, was die protagonist_innen des films tun, „nicht ganz legal“ sei, aber sie schildern deutlich, warum sie es tun.

„ich finde es einfach unfair, dass ich mich hier frei bewegen darf, und er nicht. wer hat denn das recht das zu entscheiden?“ fragt die deutsche urlaubsfahrerin, „er“ ist ein willkommener (vulgo flüchtling), den ein urlauberpaar nach österreich (und vielleicht weiter nach deutschland) bringt. er ist durch die sahara und über das mittelmeer nach europa gelangt und sucht nun einfach einen sicheren platz.

der beifahrer meint: „manchmal muss man sich einfach aufraffen, wir haben ja auch verantwortung! wenn es darum geht irgendwelche waren und geld durch die ganze welt zu schippern, dann klappt das mit der reisefreiheit meist recht gut. aber wenn menschen fliehen, ganz egal aus welchem grund, dann werden mauern hochgezogen.“

die seite informiert über geschichte der fluchthilfe, gibt tipps und tricks über routen, fahrzeug und verhalten im falle von behördlichen zugriffen und macht nicht zuletzt darauf aufmerksam, dass es ratsam ist, mit anonymen mailadressen und mit verschlüsselung zu kommunizieren.

es ist zeit, dass die zivilgesellschaft aus ihrer nachdenklichkeit über die missstände zu konkretem, befreiendem handeln findet. die diffamierung von fluchthelfer_innen als schlepperbanden muss ein ende haben. wenn unrecht zu recht wird, ist widerstand pflicht.

diese initiative könnte einen impuls dazu geben.deshalb empfiehlt es sich, diese seite zu teilen und zu teilen und zu teilen…

urlaubstipp: wer will fluchthelfer.in werden?

www.fluchthelfer.in

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bild: screenshot fluchthelfer.in-video

dieser artikel ist am 4.8.2015 auf fischundfleisch.com erschienen und ist auch dort aufrufbar.
nach diesem artikel wurde massiv auf verschiedensten wegen und in diversen plattformen gefordert, diesen artikel umgehend zurückzunehmen oder angedroht, diesen zur anzeige zu bringen usw. selbst die redaktion der plattform fischundfleisch.com wurde von einem poster aufgefordert, diesen artikel von der seite zu nehmen. was nichts anderes heisst, als dass solche aktionen den nerv treffen. gut so.

update 5.8. um 13:00

die redaktion von fischundfleisch.com ist nun doch eingeknickt. sie wird meinen ‪#‎fluchthilfe‬ artikel auf deren plattform offline schalten. wie soll ein artikel über ein projekt, über welches u.a. der spiegel, die tagesschau und viele andere ebenso berichtet haben, plötzlich zu heiss sein? wo sind wir in unserem land mit der ‪#‎zivilcourage‬ und der ‪#‎meinungsfreiheit‬?

gut dass ich meinen eigenen blog habe, in dem ich nicht von ängstlichen redaktionen zurückgeschalten werde!!!

wir brauchen uns. alle.

foto: bernhard jenny cc by nc

am wochenende ist in griechenland das volk gefragt. das allein treibt die treiber_innen zur weissglut. allein deswegen ist diese abstimmung schon ein erfolg. gegen das ausblenden und übergehen.

egal wie es ausgeht, die wirklichen profiteur_innen der ungerechtigkeit werden ohnehin nicht zahlen müssen. (wie bereits geschrieben)

aber dennoch könnte mit griechenland ein umdenken eingeleitet werden. es könnte endlich vielen menschen bewusst werden, dass es so wie bis jetzt nicht weitergehen kann. schluss mit dem diktat der neoliberalen bankenlobbyist_innen, den finanzverantwortlichen, die in einer seit dem letzten weltkrieg noch nie dagewesenen respektlosigkeit den frieden europas aufs spiel setzen. derzeit geben kreise den ton an, die dafür absolut kein mandat haben. sie arbeiten im interesse der krisenverbrecher_innen. schluss mit der überheblichkeit von solchen, von denen sich manche schon einmal als herrenvolk verstanden haben.

her mit einer solidarität, die zahlen klein werden lässt, weil wir entdecken, dass wir mehr brauchen, als ziffern und prozente.

ausschliessen? verstossen? bestrafen?
niemals eine lösung.

wir brauchen uns. alle.

foto: bernhard jenny cc by nc