flüchtlinge: schluss mit quoten

statt den schwerpunkt auf belastung zu legen, sollte man flüchtlingen ein europaasyl und wahlfreiheit anbieten

selbst befürworterinnen und befürworter einer willkommenskultur für flüchtlinge verwenden das unwort quote. dabei ist die verteilung von 160.000 flüchtlingen auf alle EU-staaten – wie von EU-kommissionschef jean-claude juncker nun gefordert – keine lösung. denn eine quote legt den schwerpunkt auf belastung und problem. würden wir menschen als chance begreifen, würden wir um diese menschen werben.

viele flüchtlinge, die in der vergangenen woche durch österreich gereist sind, und viele, die noch kommen werden, haben als traumziel deutschland angegeben. manche konnten von verwandten dort erzählen und wissen schon genau, wohin sie wollen. sollen sie einer quote wegen im ungarischen györ oder in st. gilgen, salzburg oder bregenz bleiben müssen, wo sie doch unbedingt zur familie in bremen oder hamburg wollen?

europaasyl und wahlfreiheit

wir brauchen ein europaasyl. nicht ein einzelner staat, sondern europa nimmt die flüchtenden auf. wer den asylstatus anerkannt bekommt, kann sich in europa frei niederlassen – wie europäische bürgerinnen und bürger auch. dabei könnte – ohne die wahlfreiheit der einzelnen zu beschränken – durchaus über unterschiedliche anreize ein steuerungseffekt entstehen, der es verhindert, dass alle nur in ein oder wenige länder wollen.

derzeit ist deutschland aus vielen gründen noch das gelobte land, nicht zuletzt auch durch das aussetzen der dublin-iii-vereinbarungen. wenn ganz europa zur sicheren zone wird, weil niemand mehr irgendwohin geschoben wird, dann wären wohl andere faktoren entscheidend: welche beruflichen chancen werden geboten, welche vorausbildungen werden anerkannt, welche schulungs- und fortbildungsprogramme oder welche starthilfen können in anspruch genommen werden. die eu selbst könnte solche förderprogramme für verschiedene regionen anbieten, um lenkungseffekte zu erreichen. eine solche regelung würde aus flüchtlingen mündige menschen machen, die selbstbestimmt ihr neues leben beginnen können. alle, denen das zu viele rechte sind, sollten überlegen, dass diese menschen bei null beginnen müssen. sie sollen doch besser je nach ihren beruflichen qualifikationen und sehnsüchten loslegen dürfen, wo sie wollen. dann sind die chancen sehr hoch, dass sie ihr neues leben in sicherheit auch würdig und selbstbestimmt weiterentwickeln können.

integrität und einheit

mit einem europaasyl würde die europäische gemeinschaft auch die eigene integrität und einheit signalisieren. es wäre ein weg, die nationalstaatlichen engstirnigkeiten zu überwinden. es würde europa insgesamt stärken und die währung mensch höher bewerten als die währungen in gold und geld. denn menschen sind nichts für eine quote. (bernhard jenny, der standard, 11.9.2015)

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Über bernhardjenny

kommunikationsgestalter mein unternehmen: jennycolombo.com blogger, medienkünstler, autor, erwachsenenbildner salzburg - wien

Ein Kommentar

  1. Vladimir Vertlib

    Ich bin auch für ein Euroasyl. Das Asylverfahren soll nicht durch die einzelnen Mitgliedsstaaten, sondern durch eine EU-Behörde abgewickelt werden. Zum Thema Quote: In Deutschland oder den USA, in Kanada und Australien werden Asylsuchende und Zuwanderer auf die einzelnen Bundesstaaten/Bundesländer/Provinzen verteilt, solange sie Unterstützungen und Starthilfen bekommen. Nach einer bestimmten Zeit können sie den Wohnort natürlich frei wählen. Es geht dabei um Sozialhilfe, Mindestsicherung, verschiedenste Integrationsmaßnahmen, Sprachkurse, etc. Das lässt sich auf die europäischen Verhältnisse nicht übertragen: wir haben zu viele Sprachen, und die sozialen und politischen Standards in den einzelnen Regionen sind zu verschieden. Fördermaßnahmen der EU sind ein guter Vorschlag, doch wird dies allein nicht reichen. Vielmehr sollte es einen EU-Integrationsfond geben, in den alle Staaten in Abhängigkeit von ihrer Wirtschaftsleistung einen bestimmten Betrag einzahlen und der für Intergrationsmaßnahmen verwendet wird. Je mehr Flüchtlinge ein EU-Staat aufnimmt, desto weniger muss er in diesen Fond einzahlen. So kann jeder EU-Staat selbst entscheiden, ob er sich „freikauft“ oder stattdessen selbst Anreize für Flüchtlinge/Zuwanderer schafft. Alles andere wäre, glaube ich, entweder unsolidarisch oder undemokratisch. „Die EU“ kann keine Förderprogramme und Lenkungseffekte in Ländern wie Polen, Lettland oder Ungarn durchführen, wenn die politisch Verantwortlichen dieser Länder das nicht wollen, achtzig Prozent der Bevölkerung ebenfalls dagegen ist und kaum ein Flüchtling in einem dieser Länder bleiben möchten. Dann sollen diese Länder eben finanziell einen solidarischen Beitrag leisten.

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