sebastian kurz ist nicht das einzige problem.

das wäre zu einfach. denn das eigentliche problem ist, dass es soweit kommen konnte.
wie weit?

wenn verhöhnung von menschen zum offiziellen regierungsprogramm wird, dann ist viel mehr im argen, als bloss eine besetzung einer zentralen funktion. derartiges entsichert die grundfesten jener schutzdämme, die mühsam in der nachkriegszeit aufgebaut wurden, um eine flut von menschenverachtung in unserer gesellschaft zu verhindern.

da ist schon viel mehr als die gute stube einer erziehung abhanden gekommen. da geht es um enttabuisierung jener niedrigsten beweggründe, von welchen die holocaustüberlebende gertrude pressburger im november 2016 gesprochen hat.

moral? werte? alles vorbei?

dass es menschen gibt, die andere menschen verachten und verspotten, ist zwar schlimm, aber bei entsprechender kultur würden solche positionen nie die oberhand gewinnen.

dass ein junger mensch ohne abschluss in die position des bundeskanzlers gewählt wurde und damit in seinem eigenen amt sich nicht als praktikant bewerben dürfte, weil dort ein studienabschluss die voraussetzung ist, ist zwar peinlich, aber nicht der kern des problems.

der kern ist, dass mit sebastian kurz ein vertreter der zerstörung an die scheinbare macht gekommen ist. solidarität? humanität? menschenrechte? werte?

spaltung. entsolidarisierung. hohn. spott. das geht. fast alles geht. die offensichtlichen grausamkeiten übernehmen gerne die straches, kickls, hofers und co. denen graust vor nichts, die greifen auch noch in den letzten morast der ausländerfeindlichkeit, der hetze und der einzelfälle.

sebastian kurz ist das gestriegelte unschuldsgesicht für diesen werteverfall, der wie sein mentor schüssel sogar dann noch schweigen kann, wenn das auch als zustimmung zu den unendlichen serien der rechtsextremen grausamkeiten gelten muss.

sebastian kurz ist in der lage, schlimmste menschenverachtung in harmlosnaiver sprache im stil eines maturantenreferats zu formulieren. nur wer genau hinhört, was schwer genug fällt, erkennt, welche unerträglichkeiten er von sich gibt.

wir müssen zur kenntnis nehmen, dass nichts mehr sicher ist. nicht, weil irgendwelche migrantischen bedrohungen unser system angreifen, sondern weil uns selbst das system abhandengekommen ist.

das freie spiel der mächte, der konzerne, der besitzenden und der profiteure ist längst in vollem lauf. um davon abzulenken, braucht es keine wirklich fähigen politischen entscheidungsträger, sondern statist*innen. menschen, die sich ob ihrer blinden eitelkeit nicht zu schade sind, eine rolle zu spielen, ohne diese verstanden zu haben oder auch nur annähernd der vorgegebene charakter zu sein. menschen, die selbst immer nur vom system, aber niemals in der realität der heute von ihnen regierten gelebt haben. menschen, die unendlich ahnungslos sind. menschen wie sebastian kurz.

das skript dieser inszenierung ist nach dem prinzip der umkehr geschrieben: zurück in die vergangenheit, die niemals eine solche war, zurück zu einer gerechtigkeit, die ungerechtigkeit bedeutet, zurück zu einer gesellschaft, die nur ausgrenzt und spaltet, statt gemeinschaft zu bilden. sie schreiben sich den berühmten „kleinen mann“ auf die fahnen und bekämpfen ohne mit der wimper zu zucken jeden sozialen ausgleich.

dass der türkise shootingstar wirklich vollinhaltlich weiss, was er neonational so alles umverteilt, ist schwer vorstellbar, aber deswegen um nichts beruhigender.

dass ein mensch mit dieser qualifikation und seinen bereits vor der wahl offen dargelegten affinitäten zu zynischsarkastischen rechten so weit kommen konnte, das ist das eigentliche problem.

dass eine vorgeblich christlichen werten verpflichtete partei sich dermassen von einem tragischen schelm des schnellen erfolgs auf den weichteilen herumtanzen lässt, wird dieser noch gewaltige probleme einbringen.

sowohl innerparteilich, als auch gesamtgesellschaftlich sind da verdammt viele demokratiepolitische und soziokulturelle sicherungen durchgebrannt oder gar nicht mehr da gewesen.

es muss viel mehr passieren, als eine personalentscheidung.

sebastian kurz ist nicht das einzige problem.

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foto: harald bischoff cc licence by sa mixed by bernhard jenny cc by sa

sollen sie verrecken?

ja, sollen sie doch verrecken. das scheint das letzte wort europas angesichts von geflüchteten menschen und ihren retter*innen zu sein. niemanden kümmert es. sie gehen langsam, aber sicher zu grunde.

„schiff findet keinen hafen“ klingt fast verharmlosend in den pressemeldungen. tatsache, es geht um leben und tod. gestern nacht musste ein bewusstloser mann per helikopter evakuiert werden. vielleicht werden die anderen dann erst geholt, wenn sie nur mehr leichen sind.

wir alle sind verantwortlich, dagegen aufzustehen!

sollen sie verrecken?

#kickl treibt sein #fremdenunwesen.

es ist ein unwesen. allein schon die bezeichnung „fremdenwesen“ im namen des BFA, dem „bundesamt für fremdenwesen und asyl“ scheint spukhaft erahnen zu lassen, dass da niemand was wirklich gutes vor hat. markenidenität.

meinen beobachtungen nach haben die medien heute auch brav ein unwort vermieden, das bei den berichten über das geplante „bündeln“ und „zusammenlegen“ aller aktivitäten in zusammenhang mit den „fremden“ in einer einzigen sektion wohl einigen auf der geistigen zunge lag: konzentration.

ein ressort für migration, asyl und integration, das NICHT im innenministerium angesiedelt ist, fordert u.a. die diakonie schon lange. das, was der oberste ponyreiter vor hat, ist dem wohl diametral entgegengesetzt. er will alles kontrollieren.

kickl will konzentrieren. vom asylwesen, über familienzusammenführung, von fremdenpolizei bis rot-weiss-rot-card, alles will der kleine mann mit den wohl grössten politischen irrsinnigkeiten der nachkriegszeit unter seine braunblaue kontrolle bringen. und am besten die freie, unabhängige rechtsberatung von asylwerber*innen auch gleich abschaffen.

wer dachte, der pferdeminister für misthaufen, ponywesen und stallgeruch hätte nach seinen diversen ausritten in sachen bvt, pressefreiheit und veröffentlichung von geschützten daten nicht mehr viel zu wiehern, wird hier eines besseren belehrt: die rechten poltergeister, die der basti rief (und hofierte), wird niemand mehr so schnell wieder los.

ein pferd ersetzt angeblich zehn polizeibeamte. hat strache gestern in einer tv-sendung gesagt. welches tier – und wieviele davon – ersetzt einen innenminister?

wir alle, die wir in diesem land leben, müssen dem spuk zusehen. müssen wir?

kickl treibt sein fremdenunwesen.

 

foto: michel lucan, cc licence by sa, überarbeitet von bernhard jenny, cc licence by sa

wer ist „latent gewalttätig und kriminell“?

der „schwarze block“ ist der krampuss für alle, die noch an das politische christkind glauben. für jene, die allen ernstes die probleme unserer gesellschaft nicht dort verorten, wo sie sich wirklich ereignen, sondern auf kleinstädtischen bürgerlichen plätzen, wo absurde martialität eines polizeiapparates den unmut von demonstrierenden erleben müssen.

wer dann gleich dem gesamten schwarzen block (fürcht fürcht) „latente gewalttätigigkeit und kriminalität“ vorwirft, muss sich die frage gefallen lassen, wie dann die tätigkeit von frontex oder die bewusste nichtrettung von ertrinkenden zu benennen wäre.

thema der kundgebung war wohl der scharfe protest gegen das mörderische verhalten und nichtverhalten der europäischen union als institution, das kooperieren mit unrechtsregimen und die unerträglichkeit einer „festung“ europa, die auf kosten der menschen in anderen erdteilen unseren luxus und reichtum selbst noch mit todbringenden massnahmen auf dauer absichern will.

ein solcher protest gegen das kapitalistische unrechtssystem sieht vielerorts international zugegeben wild und heftig aus, da brennen autos und werden geschäftslokale geplündert. und was ist in salzburg passiert?

eine wirklich absurde „umleitung“ des demozuges durch eine dermassen enge gasse, dass die demofahrzeuge gar nicht durchkommen können und allein dadurch schon das auseinanderreissen der kundgebung vorprogrammiert war, wurde zum erwartbaren, bereits tage vor der demo weithin bekannten konfliktpunkt.

hätte der demozug über das „platzl“ direkt in die imbergstrasse abbiegen können, hätte die demo im wahrsten sinne ohne probleme die kurve gekratzt. aber nein, ganz im gegensatz zu den eher schonend auftretenden sperren im vorangehenden streckenverlauf, war die show auf dem platzl wohl von vielen schon längst erwartet.

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wenn ein anrennen der demo gegen eine sinnentleerte und rein auf amtlicher sturheit beruhenden sperre kriminell sein soll, dann entspricht dies nicht meinem begriff von verbrechen.

ein verbrechen ist, was an den eu-aussengrenzen mit hilfesuchenden menschen passiert, ein verbrechen ist, wie unsere regierungen den populistischen hetzkurs nutzen, um politisches oberwasser zu bekommen, egal wer darunter ertrinkt.

dass den omas gegen rechts und dem eu-abgeordneten michel reimon die kalmierung der situation gelungen ist, spricht ebenso gegen die unterstellung einer gewalttätigen kriminalität. inzwischen musste die polzei über ihren sprecher auch die unterstellung einer eisenstange, die zum einsatzgekommen wäre, leise widerrufen. oh wait! es wurde fest zugeschlagen, von einem polizisten, der „versehentlich?“ michel reimon ins gesicht geschlagen hat.

der demozug ertrug schliesslich unter dem schutz der omas gegen rechts die absurde umleitung durch das nadelöhr „das kino“ und wartete geduldig auf die demofahrzeuge in der imbergstrasse.

schliesslich ist dann die gesamte kundgebung friedlich und zufrieden im volksgarten angekommen.

was dann passierte, war wohl eine ganz nach wunsch des obersten rechten innenministers inszeniert. da wurden plötzlich in der hermann-bahr-promenade wenige kundgebungsteilnehmer*innen gekesselt. ein aufruf im volksgarten, sich solidarisch zu verhalten wurde spontan von vielen aufgegriffen.

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die szenen, welche die exekutive lieferte, waren beschämend. eine nervöse und zunehmend aggressive polizei – viele von ihnen merkbar ohne ortskenntnisse – ging immer wieder brutal auf die umstehenden menschen los, schlagstöcke, pfefferspray und chaotisches vorgehen erzeugten eine stimmung von unsicherheit und brutalität. auch der volksgarten wurde – völlig ausserhalb des eigentlichen konfliktfokus – plötzlich gestürmt und mit personenkontrollen begonnen, bis das kommando „wir sind hier falsch“ die einheiten wieder abrücken liess.

inzwischen ist bekannt, dass es mehrere festnahmen gab, manche dann erst in folge der spontanen blockade, die – letztlich erfolgreich – die abfahrt des arrestwagens der polizei verhinderte.

einer der festgenommenen war vorgesehen für eine rede über das sterben im mittelmehr, tamino von sea-watch. die versionen, dass er „absichtlich freigelassen“ wurde oder ob diese freilassung ein ablenkmanöver sein sollte, um die sitzblockade aufzulösen sind unterschiedlich. gesichert scheint allerdings, dass der betreffende von der polizei im zuge der „entlassung“ brutal umgestossen wurde.

ein anderer festgenommener wurde letztlich aus dem arrestwagen freigelassen. ein erfolg der sitzblockade, der sichtlich vielen der polizist*innen ganz und gar nicht schmeckte.

ein testosteron-gesteuerter machtblock verlor immer wieder die demokratiepolitische contenance und vergriff sich an friedlich demonstrierenden menschen. mag schon sein, dass lautes skandieren und blockieren von einsatzwagen den behörden nicht gefällt. der einsatz von pfefferspray und schlagstöcken, sowie das beschimpfen von demonstration-teilnehmer*innen gehört jedenfalls nicht zum verhalten einer seriösen exekutive.

dass polizisten im tumult gezielt an meine geschlechtsteile greifen und das mobiltelefon aus der hosentasche ziehen wollten, während ich von einem anderen eine volle pfefferspray-attacke abbekomme und zu sturz gebracht werde, wird noch sein nachspiel haben. mein rücken erzählt mir heute noch heftig davon, dass ich insgesamt zweimal von kickls vollstreckern zu boden geworfen wurde. das ist nur ein persönlicher nebenschauplatz, aber es zeigt das allgemeine niveau der beamten*innen.

zudem kamen fiese tricks der exekutive, die zb die information an die sitzenden, dass ein rettungswagen dringend zu einem kind mit epileptischen anfällen durch müsse. die sitzblockade wurde selbstredend für das ambulanzfahrzeug aufgehoben. die polizeikräfte rückten mit aller gewalt im schutz des ambulanzwagens gegen die sitzblockade vor. gespräche mit beamten im umfeld lassen durchaus den schluss zu, dass der „rettungseinsatz“ ein – dann doch misslungener – trick gewesen sein könnte. aber es ist den sitzenden gelungen, sich zu behaupten.

die veranstalter*innen der demo waren in dieser phase allerdings sehr lange weder sichtbar, noch erreichbar und scheuten offensichtlich die verhandlungen mit der exekutive. auch eine art von politischer kindesweglegung.*)

für bürgerlich denkende kreise ist es natürlich viel bequemer, die böse mär vom schwarzen block aufrecht zu erhalten und die martialischen truppen des obersten ponyzisten herbert kickl für ihren schwierigen einsatz zu bemitleiden.

denkbar, dass in zukunft dann statt einer kundgebung bei solchen anlässen zwei oder drei verschiedene kundgebungen durch die strassen ziehen. von den um die wette lächelnden „bio-macht-schön“-apostel*innen, über die zeitschriften verteilenden „zeugen jehovas“ der linken, bis zum schwarzen block.

das wirkliche verbrechen, an dem täglich menschen sterben, wird dadurch wohl nicht besser bekämpft.

und allen, die sich über den schwarzen block so echauffieren, sei die frage gestellt:
wer ist „latent gewalttätig und kriminell“?

*) ich habe auf diesen blogpost sehr viele rückmeldungen bekommen, differenzierte und weniger differenzierte, sehr zustimmende und solche, die mir besonders in einem punkt widersprochen haben, die rolle der veranstalter*innen betreffend. ich stehe nicht an, klarzulegen, dass die hier publizierte sichtweise auf subjektiver wahrnehmung beruht, was bei blogposts grundsätzlich klar sein sollte. und es kann auch nicht in meinem interesse sein, die gruppe alljener, die gegen den mörderischen wahnsinn der festung europa auf die strasse gegangen sind, durch meine kritik zu spalten. manche haben mir geschildert, dass die veranstalter*innen sehr wohl sehr aktiv waren, was aber naturgemäss aus der sicht in der sitzblockade nicht unbedingt wahrnehmbar war.
entsolidarisierungsprozesse im so wichtigen prozess des widerstands gegen den festungswahnsinn sollen keine chance bekommen.

 

 

fotos: bernhard jenny cc by nc

danke efghani dönmez!

nein, um es gleich klarzustellen, das ist keine verteidigung von sexismus. und auch kein kleinreden der entgleisung eines nationalratsabgeordneten. im gegenteil. es ist eine schande, dass dönmez nach seinem ausschluss aus dem övp-club nun als wilder abgeordneter bleiben will.

aber dennoch gibt es einen – wenn auch von ihm selbst nicht wirklich beabsichtigten – punkt:

die aktion von efghani dönmez hatte eine überraschend schnelle reaktion und konkrete konsequenzen des bundeskanzlers innerhalb weniger stunden vor laufenden kameras zur folge.

der fall efghani dönmez hat daher dramatisch bewiesen, dass sebastian kurz schnell und deutlich stellung beziehen kann, wenn er nur will. im umkehrschluss wird dadurch aber das schweigen des kanzlers in zigfachen anderen fällen unerträglich laut. himmelschreiend. es ist beinahe unmöglich, all die vorfälle seit antritt dieser bundesregierung aufzuzählen, all die zumutungen und unerträglichkeiten zu denen sebastian kurz in beschämender weise geschwiegen hat.

sebastian kurz kann, wenn er will. nun ist endgültig klar, dass er in all den anderen fällen einfach auch nicht will.

im gegenteil. sein schweigen ist jene art von zustimmung, von der sebastian kurz wohl glaubt, dadurch für nichts haften zu müssen. dass einem bundeskanzler und eu-ratsvorsitzenden entgeht, dass er eine gesamtverantwortung hat, wurde gerade heute wieder bewiesen:

während strache verzweifelt versucht, des wehrsprechers einmarschdrohung für afrika klein zu reden, sieht sich sebastian kurz einfach für nichts verantwortlich. damit ist entlarvt, was für viele ohnehin klar war: der türkise wunderwuzzi ist in geiselhaft eines koalitionspartners, der alles, was er in die finger bekommt, wenn es ihm nicht gefällt, einfach kaputt macht und zerstört.

kurz glaubt wohl, selbst angesichts eines scherbenhaufens am ende der legislaturperiode, die auch früher als gedacht enden könnte, wiedergewählt zu werden. denn all die bis dahin stattgefundenen grausamkeiten würden ihn anscheinend nicht betreffen, denn er hat entweder dazu nichts gesagt oder wenn, dann gesagt, dass er nicht der richtige ansprechpartner sei.

der schweigekanzler ist ein kanzler der verantwortungsweglegung.

das ist nun endgültig klar.
danke efghani dönmez!

ps. wie am anfang festgestellt auch hier nochmal: die hier ausgedrückte dankbarkeit gegenüber efghani dönmez geht nicht so weit, dass dadurch ein verbleib im nationalrat erträglich wäre. never ever.

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bild: gianmaria cc licence by sa

wucherndes wachstum kann tödlich sein.

wirtschaftswachstum. verfassungsrang soll es bekommen. das wirtschaftswachstum. klingt harmlos. ist es aber ganz und gar nicht.

verfassung. dort steht das grundlegende, das nicht beliebig verrückbare, das, was uns orientieren soll. die grundrechte, die menschenrechte, also die basis dessen, was uns den frieden sichern soll. verfassung. quasi das verbindliche leitbild eines landes.

gleichstellung, teilhabe, soziale sicherheit, chancengleichheit, recht auf bildung, gesundheit und pflege. vieles kann sinnvoll durch eine verfassung abgesichert werden.

wirtschaftswachstum? welchen sinn soll eine verfassungsrechtliche verankerung des stetigen wachsens der wirtschaft haben?

zum einen ist wirtschaftswachstum ohnehin etwas, was nicht endlos und immer wieder weiter gehen kann, denn die berühmten „bäume wachsen auch nicht ins unendliche“. wachstum hat grenzen, wie alles in unserer welt, verantwortlicher umgang mit ressourcen und umwelt die unverzichtbare konsequenz. vor diesem hintergrund der allgemein verfügbaren erkenntnisse, dass wachstum nicht grenzenlos sein kann, ist das verfassungsmässige festschreiben von wirtschaftswachstum zumindest dumm.

zum anderen ist wirtschaftswachstum oder auch nur wirtschaftsabsicherung auf gleichbleibendem stand von derart vielen faktoren abhängig, die ganz und gar nicht in unserem land allein bestimmt oder gesteuert werden können, dass es zusätzlich gefährlich naiv ist, solches in einer verfassung absichern zu wollen. es erweckt den neoliberalen feuchten traum, dass wir alle so erfolgreich sein können, wie wir es wollen, wenn wir es nur wollen. nochmals zumindest dumm.

ein dritter aspekt ist der gefährlichste. wenn mensch – zumindest im hinterkopf, nicht offen ausgesprochen – doch irgendwie zugeben muss, dass a) wachstum nicht unendlich und b) wachstum nicht von uns allein abhängig sein kann, dann bleibt nur ein zweck für diese verankerung des wirtschaftswachstums in der verfassung: es soll die priorität klären.

das könnte bedeuten, dass die wirtschaftlichkeit als oberstes kriterium sakrosankt für alle politischen entscheidungen und weichenstellungen festgeschrieben wird. gleichstellung, wieviel bringt uns die rein wirtschaftlich betrachtet? teilhabe, kann das monetarisiert werden? soziale sicherheit für alle, können wir uns das noch leisten? bildung, gesundheit, pflege? wo ist das der break even point, wie geht das gewinnbringend?

auf einen satz reduziert: leben muss sich rechnen.

wirtschaftswachstum ist das oberste ziel, dem sich alles unterordnen soll.

dieses politische vorhaben ist viel gefährlicher, als es auf den ersten blick aussieht, es entlarvt die menschenverachtende haltung in neoliberaler reinkultur.

wirtschaftswachstum als oberstes kriterium verkauft die demokratische grundordnung samt humanistischem wertekanon.

wirtschaftswachstum als oberstes prinzip ist ein raumfordernder tumor.

wucherndes wachstum kann tödlich sein.

gibt es zu ostern noch türkise eier?

„für manche von uns ist es kaum auszuhalten“, sagt ein engagierter gemeindeamtsleiter aus niederösterreich. gemeint ist „das, was in der letzten zeit unter der deckfarbe türkis so abgeht“.

seine frau engagiert sich in einer regionalen organisation, die geflüchteten hilft, lehrplätze sucht, sonstige arbeitsmöglichkeiten organisiert und junge familien aus syrien beim bewältigen des alltags unterstützt.

dass er selbstverständlich mitglied der övp ist, hat er noch nie bereut, aber aus seiner sicht ist mit sebastian kurz ein „dammbruch provoziert worden“, der „unsere christlichen werte zu einem gutteil weggespült hat.“

niemand traue sich offen gegen den bundeskanzler was zu sagen, speziell deshalb, „weil viele sich noch erinnern, wie weit entfernt die chance auf die regierungsspitze schon mal war.“

aber dass die neue regierung mit den „gestrigsten aller gestrigen“ ein bündnis eingeht, das ginge inzwischen eindeutig zu weit: „im pfarrgemeinderat besprechen wir die schrecklichen ankündigungen, die von der neuen regierung fast täglich hereinschneien. wir überlegen, welche chance unsere schützlinge noch haben und sind verzweifelt. und dann draussen sollen wir auf dem dorfplatz so tun, als wäre das alles in unserem sinne? unsere övp kann sich derzeit sicher nicht in den spiegel schauen.“

seiner einschätzung nach brodelt es aber gewaltig im hintergrund. „manche kontakte funktionieren so, dass es die bestimmten nicht mitbekommen. da müssen wir sehr vorsichtig sein.“

und dann kommt eine zeitliche einschätzung: „bis ostern warten viele noch ab, aber dann bricht es vermutlich zusammen. abwarten ist dann vorbei. die karwoche ist die zeit der besinnung und einkehr. ich stelle mir vor, dass dann vielen der kragen platzen könnte und das dann der zeitpunkt wäre, eine kurskorrektur innerhalb der schwarzen heftigst einzufordern. ja, innerhalb der schwarzen. türkis war noch nie unsere farbe und wird es auch nicht bleiben.“

wieviele dann sich aus der deckung wagen könnten, weiss niemand.

am schluss dann kommt doch noch ein pessismismus durch: „andererseits, wie lange reden die in der kirche schon davon, dass die pfarrer heiraten können sollen, und wo sind wir? die sitzen das noch jahrhunderte aus. da hilft selbst der neue papst nichts.“

es könnte spannend werden.
gibt es zu ostern noch türkise eier?

 

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foto: serita.v cc licence by