schluss mit der deportation!

wieder einmal erreichen uns unglaubliche nachrichten aus der welt der deportationen. nicht nur, dass heute bekannt wurde, dass eine von menschenhändlern bedrohte frau nun die tatsache, dass sie zur polizei ging, mit der abschiebung in absolute lebensgefahr bezahlen soll. (der standard)

ursula omoregie vom verein schmetterling berichtet ebenso erschütterndes:
am montag früh kam die polizei in die wohnung am kabelwerk (von frau bock! ) und wollte herrn joel ojienelo in schubhaft nehmen. dieser sprang geschockt aus dem fenster im 4. stock! nun ist herr ojienelo im UKH meidling mit fersenbeinbruch und wirbelsäulenverletzung !

die polizisten gingen noch einmal zurück und brachten george vincent ifeany in die schubhaft rossauerlände. er soll morgen früh nach nigeria abgeschoben werden.

beide sind aus klagenfurt gekommen, weil sie in jenem flüchtlingsheim waren, welches aufgrund möglicher brandstiftung gebrannt hat! beide sind damals aus dem fenster gesprungen und haben sich damals schwer verletzt und leiden an den folgeschäden!

die deportationen müssen ein ende haben!
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BREAKING NEWS:

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17:30 offensichtlich weil die polizei mitbekommen hat, dass protestaktionen stattfinden sollen, wurde vincent ifeany bereits auf den flughafen schwechat verbracht! er hat bereits kein telefon mehr und kann nicht mehr mit uns kommunizieren!

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20:00 inzwischen häufen sich auf twitter die infos, dass offensichtlich der deportationsflug um 1 uhr nachts von schwechat abfliegen soll. manche berichten von ca. 30 betroffenen schubhäftlingen, ist aber nicht verifiziert.
auch zu einkesselungen einer gruppe von demonstranten war am abend gekommen. manche berichten von brutalen polizeiübergriffen. repression soll deportation schützen.

elias bierdel: über grenzen

letzten sonntag hat ö1 ausschnitte aus einem vortrag von elias bierdel gebracht, die mich sehr beeindruckt haben, weil sie so voller zuversicht und vertrauen in eine bessere zukunft sind. elias bierdel, der als kapitän der cap anamur nicht nur zivilcourage bewiesen hat, in dem er flüchtlinge („boat people“) aus dem sicheren weg in den tod gerettet hat, sondern dafür auch noch ins italienische gefängnis sollte, engagiert sich nun wo immer er kann für die überwindung von grenzen. (http://www.borderline-europe.de/) er hat mir seine festansprache zum reformationsempfang in der akademie der wissenschaften (vom 28.1.10) zukommen lassen. ich bedanke mich sehr herzlich, weil ich finde, die impulse sollten verbreitung finden!

elias bierdel als gast im supertaalk.at (foto kellerabteil cc)

Elias Bierdel: „Über Grenzen. Versuch der Ermutigung in Zeiten der Krise“

Sehr geehrte Anwesende – ich bedanke mich für die besondere Ehre, hier vor Ihnen sprechen zu dürfen. Als Ausländer.
Bzw. – als EU-Inländer, wie es bürokratenamtssprachlich heißt!
Und so will ich das, was folgt auch als eine Wortmeldung eines EU-Inländers verstanden wissen.

Wenn ich über Grenzen spreche, dann habe ich vor allem jene Zäune, Mauern, Stacheldrahtverhaue, Schranken, Wachtürme und grimmig dreinschauenden Soldaten vor Augen, unter deren Eindruck sich meine Kindheit abspielte.

Ich bin in den 60er Jahren in Berlin aufgewachsen, im West-Teil der Stadt, unmittelbar an jener Todeszone, die man – im Westen, wie gesagt – allgemein die „Schandmauer“ nannte. Im Osten: „anti-imperialistischer Schutzwall“.

Beides war irgendwie ideologisch aufgeladen. Normale Menschen, ob Ost- oder Westmenschen, sprachen deshalb schlicht von der „Mauer“. Die Mauer also.

Sie verlief keine 100 Meter von meinem Elternhaus entfernt. Am Anfang war es ein einfacher Metallgitter-Zaun, meine Eltern warfen den Grenzern drüben West-Zigaretten herüber. Die lachten, bedankten sich, rauchten.

Dann kamen junge Offiziere und die Mauer wurde Stein und die Mienen der Grenzer auch und es war aus mit werfen, lachen, danken und rauchen.

Stattdessen flogen nachts die Leuchtkugeln, wenn „Grenzverletzer“ im Gelände vermutet wurden, dann suchten die Lichtfinger der Scheinwerfer die Gegend ab, Sirenen heulten, Hunde bellten. Es wurde auch scharf geschossen. Auf der Westseite erinnerten dann kleine Holzkreuze an jene, die es nicht geschafft hatten. Im Osten putzte man bis zum Morgen die Blutflecken weg.

Wer aber herüberkam, der war ein Held. Im Westen. Im Osten: ein Republikflüchtling. Und Helden waren – im Westen – auch jene, die anderen (also Republikflüchtlingen) dabei geholfen hatten, die Grenze zu überwinden. „Fluchthelfer“, das war in jenen Jahren ein ehrbares Gewerbe.

Und ein einträgliches. Man brauchte: einen präparierten Opel „Kapitän“ und gute Nerven. Bis zu 20.000 D-Mark liessen sich pro Tour verdienen. Wer Pech hatte, wurde erwischt und mußte in ein DDR-Gefängnis. Aber meist nicht für lange: Die Bundesrepublik kaufte solche Helden mit Steuergeldern frei.

Für die DDR waren diese Zahlungen übrigens ein erfreuliches Zubrot, mit dem unter anderem die Modernisierung der Grenzanlagen finanzieren ließ. Stichwort „SM 70“, der legendäre Selbstschuß-Apparat aus Volkseigener Produktion. Angebracht auf halber Höhe des Zauns, gefüllt mit einer Sprengladung und kleinen Metallkugeln. Bei Berührung eines hauchdünnen Drahtes explodierte die Höllenmaschine und kostete so manchen Grenzverletzer einen Arm, das Augenlicht oder das Leben.

Uns allen war klar: Ein Staat, der solche Apparate aufhängt, der ist moralisch am Ende, der verdient nur noch Verachtung.

Schließlich wurden die „SM 70“ tatsächlich wieder abmontiert, die DDR-Führung erhielt zum Dank weitere West-Milliarden Modernisierungszuschuß. Aber geholfen hat es ihr nicht mehr.

Bitte entschuldigen Sie, daß ich Sie gleich zu Beginn mit diesen Kindheitserinnerungen behellige. Sie wissen das Alles aus eigener Anschauung – ähnlich hat es sich ja auch hier in der Nähe abgespielt: An den Grenzen zur damaligen CSSR etwa oder nach Ungarn. Auch dort Zäune, Wachtürme, Stacheldraht, Todesschüsse und – phasenweise – Minenfelder.

Das Alles gehört ja – gottlob! – der Vergangenheit an! Aber noch nicht lange: Am 21. August 1989 wurde der Deutsche Kurt Werner Schulz auf österreichischen Territorium von einem ungarischen Grenzer erschossen. Zwei Tage nach dem „Paneuroäischen Picknick“ und gut drei Wochen, ehe die Grenze endgültig fiel. Kurt Werner Schulz ist der letzte bekannte Tote des Kalten Krieges in Europa.

Im Friedensmuseum auf Burg Schlaining wird an sein Schicksal erinnert. Und an das seiner Familie: nachdem der Vater erschossen war, ließ man übrigens seine Frau und den 6jährigen Sohn als Geste des guten Willens „legal“ nach Österreich ausreisen. Die kleine Geschichte aus Lutzmannsburg entlarvt beispielhaft den Wahnsinn des Kalten Krieges.

So etwas darf es nie wieder geben.

Bis hierhin sind wir uns noch einig. Das ist schön.
Jetzt wird es unangenehm. Das ist nötig.

Denn die Grenzanlagen, mit denen die Europäische Union sich heute umgibt, ähneln bis ins letzte, schauerliche Detail der Schandmauer von einst: Wachtürme, Stacheldraht, Schießbefehl und – jawohl, auch das noch! – und Minenfelder „schützen“ uns vor potentiellen Grenzverletzern.

Tausende Menschen sterben nach amtlicher Schätzung Jahr für Jahr bei dem unbefugten Versuch, ins Territorium der EU zu gelangen.

Die meisten ertrinken. Ganze Flotten von Kriegsschiffen mit Luftunterstützung, Küstenwacht-Kreuzern und anderen paramilitärischen Verbänden sind im Mittelmeer unterwegs, um Menschen daran zu hindern, lebend unsere Küsten zu erreichen.

Stattdessen werden Flüchtlinge und MigrantInnen ohne Ansehen der Person oder Prüfung möglicher Asylgründe direkt in die Folterlager Libyens überstellt. Dort hat Oberst Muammar Ghaddafi für Milliarden von Euro die Aufgabe übernommen, sich im Auftrag und auf Drängen Europas auf seine Weise um die sogenannten „Illegalen“ zu kümmern. Die wenigen Nachrichten, die uns aus den bisher rund 100 Wüsten-Camps erreichen, sind verstörend. Folter, Vergewaltigung, Sklaverei, Mord. Aber es reicht nicht, mit dem Finger nach Libyen zu weisen.

Denn auch Staatsbeamte europäischer Demokratien schießen auf unbewaffnete Flüchtlinge, verprügeln Schiffbrüchige, drängen Boote ab, werfen Menschen ins Wasser und überlassen sie den Wellen. Im Mittelmeer ist bereits an vielen Stellen die Fischerei nicht mehr möglich, weil in den Netzen immer öfter menschliche Überreste gefunden werden.

An Land wachsen die Friedhöfe mit den meist anonym verscharrten Grenztoten. Es sind auch unsere Toten. Aber wir wollen von ihnen nichts wissen. Regierende meiden das unangenehme Thema, Medien zeigen verdächtig vornehme Zurückhaltung. Die „Grenzschützer“ müssen sich nirgendwo öffentlich rechtfertigen. Die Gesellschaft sieht weg.

Die „Schandmauer“ 2010 – kein Thema.

Aber wenn das Wort von Paul Tillich stimmt, wonach die „Grenze der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis“ ist (und ich danke Bischof Michael Bünker für dieses Zitat), dann könnten wir ja gerade hier soviel lernen, über uns, über die Welt, über die „Fremden“. Über die Gründe, aus denen sich Menschen auf die gefährlichen Wege machen. Und über die Verantwortung, der wir uns in diesem Zusammenhang stellen sollten.

Über die von uns verursachten Klimaveränderungen zum Beispiel, die zunächst wiederum die Ärmsten treffen – dann aber auch uns selbst auf den Kopf fallen werden.

Über die inneren Widersprüche, in die ein „Kontintent der Menschenrechte“ gerät, wenn er seine berühmten Werte, seine moralische Identität derart schurkisch verrät.

Über die Umkehrung des Rechts, wo Lebensretter als angebliche „Schleuser“ vor Gericht landen und jene, die an Ertrinkenden vorbeifahren, straffrei bleiben.

Und darüber, welche Folgen all dies für uns haben muß und wird.

Denn die beispiellose Brutalität des Grenzregimes an den Außenrändern der Europäischen Union ist meiner Ansicht nach ja nur der extremste Ausdruck jenes Geistes, in dem wir auch im Innern mit Menschen umspringen, die hier Schutz und Hilfe oder auch einfach nur: ein Leben in Sicherheit, Freiheit und Würde suchen.

Wo Kinder im Gefängnis auf ihre Deportation warten, wo Jugendliche vor den Augen ihrer Klassenkameraden abgeführt werden sollen … wo Familien auseinandergerissen werden im Namen irgendeines höheren „Rechts“, wo Menschen allein wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft von der Polizei angehalten oder deportiert werden … um es zusammen zu fassen:

Was sich in Sachen „Migration“, „Flucht“, „Asyl“ und „Fremdenrecht“ stillschweigend zum grausigen Alltag entwickelt hat, das ist unserer europäischen Demokratien unwürdig – und im Widerspruch zu praktisch Allem, wofür wir zu stehen glauben – und wozu wir im Glauben stehen müßten.

Michael Bünker hat hier von einer „Schande“ gesprochen. Und es ist eine Schande. Kein Zweifel.

Aber es hilft ja nichts, die Politik, Verwaltung, Justiz, Polizei jeweils anzuprangern.

Es ist doch diese Schande eine Schande für uns alle!

Wir alle sind beschämt – wenn wir zuwenig dagegen unternommen haben, wenn wir es nicht verhindert haben daß Mitmenschen morgens abgeholt werden.

Aber gerade diese Beispiele haben ja auch gezeigt, daß sich plötzlich in vielen Ecken der Gesellschaft Unverständnis und Widerstand regte: bei Nachbarn, Schulleitern, Sportvereinen, Bürgermeistern … und sogar in Zeitungen, die ansonsten keine Gelegenheit auslassen, gegen „Ausländer“ zu polemisieren, wurden auf einmal andere Töne angeschlagen.

Das ist gut so, da kann man anknüpfen.

Und damit sind wir nun aber wirklich bei der Ermutigung angekommen, beziehungsweise dem „Versuch der Ermutigung“ – der naturgemäß, wie jeder andere aufrichtige Versuch auch, das Risiko des Scheiterns in sich trägt. Gerade in Zeiten der Krise. So ein Versuch ist grenz-wertig. Ich wage ihn dennoch – und beginne mit einer simplen These, vielleicht … ein ganz klein wenig … zugespitzt:

Wir befinden uns in einer Phase des Übergangs. Das Alte liegt bereits überwiegend in Agonie – das Neue läßt sich noch nicht blicken. Die meisten der vermeintlich bewährten Konzepte haben ersichtlich ausgedient, die sogenannten Eliten in Wirtschaft und Politik zeigen sich zu großen Teilen erschöpft, sind mit ihrem Latein am Ende, ohne Mut und Vision – und für den Rest gilt häufig die Unschuldsvermutung. Das ist – bittesehr – ein europa- oder gar weltweit grassierender Zustand, keineswegs eine österreichische Spezialität.

Wo aber die jeweiligen Führungszirkel den Herausforderungen ihrer Zeit nicht mehr gewachsen sind, da ist in der Demokratie die Zivilgesellschaft gefordert! Da ist die Erneuerung von „unten“ möglich und nötig!

Ein solcher Erschöpfungszustand des Systems, den wir „Krise“ nennen, bietet enorme Chancen der Gestaltung, für die Um- und Neugestaltung eines Gemeinwesens!

Wo „von oben“ keine befriedigenden Antworten mehr auf die drängenden Fragen kommen, dort wachsen deshalb die Chancen, dort wächst aber auch die Verantwortung jedes und jeder Einzelnen.
Es geht darum, einen konstruktiven Prozess der Erneuerung in Gang zu bringen.

(Da wir nun hier aus Anlaß des bevorstehenden Reformationstages beisammen sind, erlauben Sie mir den Hinweis, daß man ja nicht gleich 95 Thesen ans Kirchentor nageln muß – vorerst genügen vielleicht 3 oder 4 frische, eigene Gedanken auf einem Zettel am Kühlschrank.)

In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Worauf kommt es uns an? Sind wir bereit zu teilen? Wovor haben wir Angst? Was wünschen wir uns? Welchen Beitrag möchten wir leisten?

Klären wir solche Grundsatzfragen zunächst mit uns selbst.

Dann sollten wir das ehrliche Gespräch suchen. Die Lage ist ja ernst genug. Also keine Spielchen mehr, keine Ausflüchte, keine Witzchen statt fern zu sehen treffen wir uns und bereden die Situation, beschließen was zu tun wäre und … es wird sich etwas ändern!

Klingt das für Sie utopisch? Naiv? Verrückt?

Ich war vor einigen Monaten in der Nikolaikirche in Leipzig eingeladen. Dort haben sich vor rund 22 Jahren eine Handvoll mutiger DDR-Bürger zusammengesetzt und angefangen, Klartext zu reden. Sie wussten, daß die Spitzel der Staatssicherheit unter ihnen waren und wagten es dennoch. Sie begannen, die erste Montagsdemo zu organisieren … der Rest ist Geschichte. Es war der Anfang vom Ende der DDR und der fällige Todesstoß für den sogenannten „Ost-Block“.

Ich weiß es von Pfarrer Christian Führer, daß seine Amtsbrüder ihn in dieser Zeit von den politischen Umtrieben an der Nikolaikirche abzuhalten versuchten. Sie hatten Angst. „Ihr gefährdet Alles, was wir in 40 Jahren an Vertrauensverhältnis zu den staatlichen Stellen aufgebaut haben!“, sagten sie.

Denn sie hatten entweder nicht verstanden, was für eine grundlegende Wende tatsächlich bevorstand. Oder sie fürchteten um ihre kleinen, liebgewonnenen Privilegien im Unrechtsstaat. Wahrscheinlich beides.

Jedenfalls dauerte es kein Jahr mehr, bis die Mauer quer durch Europa – und auch vor meinem Elternhaus in Berlin-Staaken umgefallen war. Buchstäblich: umgefallen!
Die grauen Betonwände lagen plötzlich im Niemandsland da wie ein bizarres Trottoir aus schlecht verlegten Riesen-Platten.

Die Grenze war weg. Der Weg war frei.

Als ich zum ersten Mal herübergehen wollte, mußte ein Freund mich stützen. Mir war plötzlich schwindelig. So falsch, so verboten, so undenkbar kam mir das vor, einfach dort hindurch zu laufen, wo in meiner Kindheit und Jugend die Welt zu Ende gewesen war.

Aber bald löste sich auch diese zweite, innere Grenze auf. Es war eine persönliche Befreiung, auch im Denken und Fühlen. Ich habe daraus Hoffnung und Zuversicht geschöpft, die mich bis heute treu begleiten.

Es kann hier nicht darum gehen, die Revolution auszurufen. Ich glaube nicht an eine Revolution. Aber ich glaube daran, dass es sich zu jeder Zeit und an jeder Stelle lohnt, gegen offenkundiges Unrecht und für gleiche Lebenschancen einzutreten. Ich sehe das als eine Verpflichtung an – und als Privileg.

An vielen Orten engagieren sich – zumeist ehrenamtlich – auch in Österreich Bürgerinnen und Bürger, die sich für eine friedliche Zukunft und ein gedeihliches Miteinander einsetzen. In Vereinen, in Kirchengemeinden und in Friedens-Instituten …
Viele tun das übrigens unter massivem politischen und behördlichen Druck.

Aber sie bewahren jene kleine Flamme, ohne die unser aller Leben so armselig und kalt zu werden drohte.

Solche Menschen – und man trifft sie, wenn man genau genug hinsieht, ja gottlob immer häufiger! – sind die wahren Pioniere. Wegbereiter einer Zeit, von der aus wir dermaleinst mit Kopfschütteln auf die Zynismen unserer heutigen Gegenwart zurückschauen werden.

Jene trüben Jahre, in denen Europa, gefangen in seinen Selbst-Zweifeln, sich als Festung abschotten wollte – und unendliches Leid und tausende Tote an den Grenzen in Kauf nahm, weil es eifersüchtig … (eifersüchtig) … jenen schalen „Reichtum“ bewahren wollte, an den es doch schon selbst nicht mehr glaubte. Weil es – damals! – noch nicht bereit war, endlich von jener unseligen Sucht des „immer mehr“ „immer größer und schneller“ zu lassen, die es doch insgeheim längst als falsch und schädlich erkannt hatte.

Wir können nicht mehr weiter wuchern auf Kosten unserer Nachbarn. Wir werden neue Wege gehen, neue Chancen nützen und neue Kriterien für „Lebensqualität“ finden müssen … dürfen!

Nicht die ängstliche Abgrenzung löst unsere Zukunfts-Sorgen, sondern die beherzte Öffnung zu einem neuen, freundlichen Miteinander.

Es sind viele, die dazu jetzt schon bereit sind – es werden rasch mehr.

Und so werden auch die Mauern, die Europa neu errichtet hat, fallen – ich hoffe sehr, dabei sein zu dürfen.

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foto: elias bierdel als gast im supertaalk.at (foto kellerabteil cc)

familienvater wird ins ausland gezwungen

unfreiwillig freiwillig??

nein er ist nicht abgeschoben worden. fuat r. aus mazedonien musste heute seine frau (österreicherin, mit der er seit 6 jahren verheiratet ist) und ihre 5 kinder allein in salzburg zurücklassen. die erzwungene „freiwillige“ ausreise ist ihm nicht erspart geblieben, obwohl zahlreiche menschen sich aufgrund der berichte über fuat r. mit ihm solidarisch gezeigt hatten. (hier der ursprüngliche bericht)

er selbst hofft, dass alle vereinbarungen, die sein anwalt mit den behörden getroffen hat, halten und er in kurzer zeit wieder nach österreich zurückkommen und wieder arbeiten darf und dann die 7köpfige familie hoffentlich ein normales leben führen kann. um diese vereinbarungen nicht zu gefährden war fuat r. dann letztlich bereit es nicht auf die angedrohte zwangsabschiebung (samt 18 monaten wiedereinreisesperre) ankommen zu lassen und die reise ins ungewisse anzutreten, in der verzweifelten hoffnung, bald wieder seine frau und kinder in die arme schliessen zu können.

heute früh musste sich am salzburger flughafen die familie von ihrem vater verabschieden. tränen fliessen, kinder weinen, die grösseren haben stress, weil sie erahnen, welche belastungen auf den vater warten, die kleinen können nicht verstehen, warum der vater sie gegen seinen willen verlassen muss.

so gehen wir mit menschen um, die nach grossen schwierigkeiten sich mühevoll ein leben aufbauen und versuchen, aufrecht durchzukommen. wir werfen ihnen nicht nur prügel zwischen die füsse, wir versenden sie mal kurz so hinter alle möglichen grenzen, um der bürokratie genüge zu tun.

paragrafen zählen mehr als ein familienleben.

7köpfiger familie soll vater entrissen werden

die fremdenbehörden unseres landes zerreissen sehenden auges eine familie: fuat r. ist vor 9 jahren aus mazedonien geflüchtet und „illegal“ in österreich eingereist. 2004 hat er einen asylantrag gestellt und nichts mehr von den behörden gehört. vor 6 jahren heiratete er die österreicherin nicole k.

zu den 2 kindern, die die frau in die ehe mitbrachte sind inzwischen 3 gemeinsame kinder dazugekommen. mit einer genehmigung des arbeitsamtes bekam er auch einen job, der die 7köpfige familie einigermassen durchs leben kommen liess.

fuat r. ist als verlässlicher arbeiter beliebt und bestens integriert, ist mitglied eines trachtenvereins und eines perchtenvereins, soll aber nun, geht es nach dem willen der fremdenbehörden das land zwangsweise verlassen.

mit dem tag des abschiebebescheids verlor der familienvater seine arbeit, seither muss die familie von einem karenzgeld und sozialhilfe leben. das bedeutet, dass eine mit allen mühen mit 5 kindern (14,12,5,3 und 1 1/2 jahre alt) sich durchschlagende familie nun durch die brutale willkür der behörden zum sozialfall gemacht wird.

aber das ist noch nicht alles: der vater muss nun bis spätestens 12.jänner das land „freiwillig“ verlassen, um dann in mazedonien einen visumsantrag stellen zu können. nicht nur, dass dieser umweg die familie eine summe geldes kosten würde, die sie nicht aufbringen kann, ist es auch nicht gesichert, wie schnell der antrag dann wirklich positiv erledigt werden würde.

wenn der vater allerdings nicht freiwillig ausreist, dann droht ihm die zwangsabschiebung und damit zu allen problemen ein 18monatiges wiedereinreiseverbot.

auf die frage, warum die behörden die familie auseinanderreissen wollen, bekam sie nur die zynische antwort: „es gibt viele familien, wo sich die eltern trennen.“ wie freiwillige scheidungen mit amtswillkürlichen zwangstrennungen überhaupt verglichen werden können, ist der verzweifelten mutter ein rätsel.

„wie soll ich das meinen kindern erklären, dass ihr vater weg muss?“, fragt nicole k. „das ist für uns alle eine unglaubliche psychische belastung, wir wissen nicht, wie es weitergehen soll.“

warum die behörden dem familienvater das visum nicht ohne den absurden und zwangsweisen umweg über die österreichische botschaft in mazedonien erteilen wollen, bleibt unbeantwortet.

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eigentlich war für den heutigen tag ein blogeintrag mit festtagswünschen und so weiter geplant. doch dann spielt das leben anders. dann meldet sich eine verzweifelte mutter und wäre dankbar für aktive hilfe. wer helfen will, schreibt ein unterstützungsschreiben an die frau landeshauptfrau mag. gabi burgstaller (burgstaller@salzburg.gv.at) mit kopie an mich (bernhard@jennycolombo.com) sowie an andere verantwortliche politikerInnen in salzburg. vielleicht haben wir wenigstens nach weihnachten die chance, dieser verzweifelten familie zu helfen.

der wahnsinn abschiebungen muss ein ende haben.
jetzt.

dieser familie ein „frohes fest“ zu wünschen, wäre mir nicht über die lippen gekommen, ohne zu versprechen, alles in meiner macht stehende zu tun, diese behördenwillkür zu stoppen.

auch wenn gesetz gesetz ist, muss mensch mensch bleiben.

mittelweg geht nicht

der goldene mittelweg ist manchmal genau das falsche. das mag besonders in der österreichischen mentalität nicht gerne gehört werden, ist er doch so wunderbar populär, jener mittelweg, der weder dort noch da aneckt und „ein bisserl“ von da und „ein bisserl“ von dort ist, aber nie eindeutig und klar.

mittelweg_sbaer

die todesstrafe. sie ist uneingeschränkt abzulehnen. ein „in besonderen fällen“ ist hier nicht möglich. entweder wir anerkennen den wert des menschlichen lebens oder nicht. eine „wenn, dann“ lösung, ist hier eben keine.

die integration von menschen mit besonderen bedürfnissen, vulgo behinderten, dürfte ebenso keine „wenn, dann“ lösung sein. wenn wir entscheiden, wer nicht ausgegrenzt werden soll und wer doch, haben wir nicht verstanden, was inclusion bedeutet, was eine ganze gesellschaft ausmacht.

die reihe der unverdünnbaren prinzipien lässt sich fortsetzen: sexuelle orientierung, konfessionelle ausrichtung, arm oder reich, alt oder jung gebildet oder ungebildet… immer geht es darum, dass ohne wenn und aber alle menschen die gleichen rechte auf ein leben mitten in unserer gesellschaft haben.

derzeit besonders aktuell: die abschiebungen. ich nenne sie bewusst auch deportationen, wenn das auch immer verlässlich proteste nach sich zieht.
es gibt keine richtige oder menschliche abschiebung. auch hier ist ein „wenn, dann“ niemals wirklich den rechten der einzelnen menschen entsprechend. es ist sehr schnell möglich, solidarität für einzelfälle zu erlangen. warum? weil hier menschen quasi unter die lupe der öffentlichen aufmerksamkeit ihre geschichte vermitteln. wie absurd, wie tragisch jetzt eine abschiebung, eine zwangsmassnahme wäre. heisst: bei genauerer betrachtung sind alle fälle absurd. werden als nicht richtig erkannt.

aber viele phantasieren dann gleichzeitig viele andere fälle dazu, in denen es vermutlich gerechtfertigt sein könnte, diese abzuschieben. es entstehen bilder von kriminellen und drogendealern.

in wirklichkeit ist abschiebung niemals vertretbar. menschen, die aus einer von unserem eigenen wirtschaftssystem verursachten not und ihren folgen zuflucht suchen, müssen bei uns willkommen sein. schluss mit den zynischen und jahrelangen asylverfahren, dem ständigen stress, vielleicht abgeholt zu werden und den unglaublichen entgleisungen in schubgefängnissen.

jedes kriterium wird sofort zynisch. welche menschen wollen wir da lassen? die, die 2 oder mehr kinder haben? nur dann, wenn sie jünger als 10 sind? oder ungekehrt, nur dann wenn sie älter sind? nur dann, wenn sie 5 jahre schon hier sind? was ist dann mit jenen, denen 2 monate fehlen? müssen die untertauchen, bis sie 5 jahre erreicht haben?

also auch abschiebung ist kein thema für den goldenen mittelweg. begrüssen wir die menschen herzlich und geben wir ihnen eine chance und damit auch uns selbst.

bleiberecht jetzt.

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foto: s.bär (creative commons / flickr)

junger ghanaer soll abgeschoben werden

musikpädagoge georg klebel will nicht einfach zusehen, sondern handeln

in einem berührenden „appell zur menschlichkeit“ an „alle verantwortlichen politikerInnen“ haben sich der salzburger musikpädagoge georg klebel und wahabu musha, flüchtling aus ghana, entschlossen, auf die schreckliche situation aufmerksam zu machen, in die schutzbedürftige menschen von amts wegen gebracht werden. „die menschliche katastrophe, die es für wahabu musha bedeuten würde, abgeschoben zu werden“ möchte georg klebel mit allen mitteln verhindern. er berichtet auch davon, dass sich seit dem abfassen des „appells zur menschlichkeit“ am 2.adventsonntag schon einige freunde seinen forderungen angeschlossen hätten und wahabu musha tatkräftig unterstützen wollen, damit er hier bleiben kann: „vielleicht hat unsere landeshauptfrau den willen, dem dauernden abschiebeschrecken ein ende zu setzen. ich glaube fest daran, dass sie das eigentlich will.“

gerade vor ein paar tagen noch stand der knapp 20jährige wahabu musha aus ghana gemeinsam mit vielen anderen flüchtlingen in einer berührenden theaterproduktion im rahmen des open mind festivals auf der bühne der ARGEkultur salzburg. die performance „auswärtsspiel / game away from home“ von lina venegas thematisierte auf berührende weise die fremdbestimmtheit, das ausgeliefert sein der flüchtlinge in jeder phase ihrer oft schwer traumatisierenden erfahrungen. nun trifft wahabu musha die volle härte der amtsrealität.

performance auswärtsspiel - open mind festival der ARGEkultur salzburg

wahabu musha musste vor 3 jahren aus seinem land flüchten, weil er die gesamte familie religionsfanatischer verfolgung ausgesetzt war. der vater, ein imam, wurde von „christlichen“ einheiten ermordet, woraufhin wahabu gemeinsam mit seiner mutter und seinem bruder flüchteten. niemand weiss, ob wahabu der einzige der familie ist, der sich als jugendlicher mit den „boatpeople“ nach europa durchschlagen konnte. ob mutter und bruder noch leben, weiss wahabu nicht.

wahabu lernt deutsch. wahabu ist aktiv daran interessiert, sich bei uns eine bescheidene existenz aufzubauen. doch jetzt droht abschiebung. vor wenigen tagen hat er das ablehnende urteil m zweiten asylverfahren bekommen. angeblich hätten laut ghanesischen behörden die tödlichen konflikte zwischen christen und muslimen in anderen gegenden stattgefunden, nicht aber dort, wo wahabus vater umgebracht wurde.

doch wahabu hat freunde in salzburg. einer davon, der musiker, musikpädagoge und therapeut georg klebel will nicht einfach zusehen, wie ein junger mensch um seine so hart erkämpften chancen gebracht werden soll. georg klebel arbeitet auf musikalischem gebiet – nicht zuletzt aufgrund eines von der landeshauptfrau mag. gabi burgstaller persönlich unterstützten kunstprojekts – eng mit wahabu zusammen und will weder menschlich noch künstlerisch auf die freundschaft mit wahabu verzichten.

ob familie mit kindern oder einzelperson, ob jung oder alt, ob religiös oder politisch verfolgt oder opfer der schrecklichen wirtschaftlichen umstände, die wir in vielen ländern dieser welt verursachen – es muss schluss sein mit den abschiebungen.

keine abschiebung ist menschlich.

einer der reichsten staaten der welt wird sich verantwortlicheren umgang mit menschen in not einfallen lassen müssen. sonst haben wir alle werte verspielt, für die sich unsere eltern nach den schrecklichen erfahrungen des krieges engagiert haben.

abschiebungen – ohne ende

heute früh habe ich wieder einmal eine dieser nachrichten zur kenntnis nehmen müssen. wieder einmal ist eine familie von der abschiebung bedroht, wieder einmal wird dem wahnsinn kein einhalt geboten. oder doch?

nächste woche ist tag der menschenrechte. wem also die vorweihnachtszeit zu wenig motiv für ein umdenken ist, vielleicht dann dieser tag. wieder einmal reiht sich ein familienname in die liste der menschen, die wir deswegen kennenlernen, weil sie nichts, aber gar nichts angestellt haben, als bei uns leben zu wollen und deshalb zwangsweise ausser landes gebracht werden müssen. familie maisuradze hat bereits einen sohn, der in österreich geboren ist. aber sie sollen weg. weil wir uns es nicht mehr leisten können.

abschiebung verbrechen der satten

eines der reichsten länder der welt muss schon schauen, wie es durchkommt. da sind uns schutzbedürftige im weg.

es muss endlich ein definitiver stopp her. schluss mit der makabren erbsenzählerei, wer weg muss, wer bleiben darf. latent oder akut ausländerInnenfeindliche behörden dürfen nicht länger als täterInnenorganisationen freiraum geniessen. sie müssen gestoppt werden.

von uns allen. von politikerInnen und politisch bewussten menschen, die den mut haben zu sagen: es ist genug. wir zerstören mit der gelebten menschenverachtung viel mehr, als wir verantworten können und wollen. wir sind es unseren vorfahren ebenso wie unseren nachkommen schuldig, für eine gesellschaft zu sorgen, die alle menschen als solche sieht und behandelt. gleich im doppelten sinn: gleich im sinne von sofort und gleich im sinne von gleichberechtigt.

abschiebung ist ein verbrechen der satten an schutzbedürftigen.