sollen sie verrecken?

ja, sollen sie doch verrecken. das scheint das letzte wort europas angesichts von geflüchteten menschen und ihren retter*innen zu sein. niemanden kümmert es. sie gehen langsam, aber sicher zu grunde.

„schiff findet keinen hafen“ klingt fast verharmlosend in den pressemeldungen. tatsache, es geht um leben und tod. gestern nacht musste ein bewusstloser mann per helikopter evakuiert werden. vielleicht werden die anderen dann erst geholt, wenn sie nur mehr leichen sind.

wir alle sind verantwortlich, dagegen aufzustehen!

sollen sie verrecken?

wir dürfen uns an das grausame nicht gewöhnen

gewöhnung ist unser feind.
gewöhnung an das grausame.
gewöhnung an die untaten der bundesregierung.

wir gewöhnen uns an keine abschiebung.
wir gewöhnen uns an keine hetze.
wir gewöhnen uns an keinen rassismus.
wir gewöhnen uns an keine ertrinkenden.
wir gewöhnen uns an keine schubhaft.
wir gewöhnen uns an kein verweigern des schutzes.
wir gewöhnen uns an keine erben der täter in der regierung.
wir gewöhnen uns an keine burschenschafter in der regierung.
wir gewöhnen uns an keine rechtsextremen in der regierung.
wir gewöhnen uns an keinen kurz, keinen strache und keinen kickl.

jede minute, den diese bundesregierung im amt ist, bedeutet schaden.
schaden für die menschen in unserem land und für die menschen in europa.

der widerstand entsteht nicht von selbst.
der widerstand ist viel arbeit.
der widerstand ist aber der einzige weg aus dem rechten sumpf.
der widerstand muss täglich neu gelebt werden.

wir dürfen uns an das grausame nicht gewöhnen

(meine wortmeldung gestern beim umbrella march in salzburg)

artikel der plattform für menschenrechte über den umbrella march

(in welchem auch die aktuelle situation von ali wajid angesprochen wird)

_______________
foto: bernhard jenny cc by

mawda

mawda

so heisst das kleine 2jährige mädchen
getötet
von einer verirrten polizeikugel
im auto von fluchthelfer*innen
schlepper*innen

mawda

die einen meinen
die polizei sei der mörder
oder der einzelne beamte
die anderen geben den schlepper*innen die schuld
andere den geflüchteten selbst

mawda

können wir weitermachen
wie bisher?
können wir zusehen?
sollen wir uns daran gewöhnen?
an die ailans und mawdas?

mawda

„es wird nicht ohne schreckliche bilder gehen“
hat einer mal gesagt
sind das die schrecklichen bilder
die jene meinen
die mit der xenophobie ihr politgeschäft machen?

mawda

ein sicheres leben
für dich und die deinen
war das sehnlichst angestrebte ziel deiner familie
in sicherheit leben zu wollen
ist für manche illegal und ein verbrechen

mawda

die sehnsucht auf frieden
der wunsch zu überleben
das verlangen nach leben
wird zunehmend verboten
das wurde dir zum verhängnis

mawda

dein tod
inmitten europas
ist eine niederlage
an die ich mich
niemals gewöhnen möchte

mawda

 

________________
bild: screenshot modified by bernhard jenny cc by

bilder und texte, die dich durchdringen

wir denken oft, dass wir abgebrüht sind und uns kaum was erschüttern kann. stimmt ja auch. vor bomben und giftgas fliehende, an ufern angespülte ertrunkene kleinkinder, erstickte in kühltransportern… die liste der bilder, die uns für ein paar sekunden zusammenzucken liessen und dann doch wieder verdrängt werden (mussten), ist lang.

derriss_IMG_1680

in diesen tagen habe ich nach vermutlich 50 jahren wieder ein „comic“ gelesen. allerdings nicht irgendeins. es ist eine als „graphic novel“ zusammengestellte abfolge von fotoreportagen – „ein Feldtagebuch zweier Reporter, die die EU-Außengrenzen vom afrikanischen Kontinent bis in die Arktis bereisen, um die Ursachen und Auswirkungen der europäischen Identitätskrise zu ergründen.“

in drei jahren erkundeten der fotograf carlos spottorno und der reporter guillermo abril die abgründe, die europa vom rest der welt abschotten sollen. dabei ist die bild- und textsprache des spanischen duos wohl deswegen so eindrucksvoll, weil sie nicht der versuchung erliegen, das schnelle sensationsbild, die wilde schlagzeile zu suchen, sondern nachvollziehbar in das reale geschehen an den jeweiligen zielorten ihrer reisen eintauchen und uns als betrachter*innen, leser*innen mitnehmen.

derriss_IMG_1681

umso kräftiger sind die bilder aus der spanischen enklave melilla auf dem afrikanischen kontinent, aus griechenland und bulgarien, von einem italienischen militärschiff der operation „mare nostrum“, aus serbien und kroatien, aus polen, ukraine, estland und schliesslich finnland.

wer dieses buch gelesen hat, wird niemals mehr das wort „eu-aussengrenze“ einfach so aussprechen oder über sich ergehen lassen. viel zu tief sind die eindrücke von lebensgefahr, tod, verzweiflung, auseinandergerissenen familien und dem dumpfen gefühl, dass wohl alles eine himmelschreiende ungerechtigkeit ist.

guillermo abril formuliert es einmal so: „Man spürt, dass irgendetwas in der Welt nicht stimmt, wenn man selber so ohne weiteres die Grenzen überschreiten kann, nur deswegen, weil man zufällig in jenem Teil geboren ist. Während die, die im anderen Teil geboren sind, dies nicht können.“

das literaturhaus salzburg widmet dem buch „la grieta“, das in deutscher sprache unter dem titel „der riss“ erschienen ist, eine hauserfüllende ausstellung.

am donnerstag, 12.4.2018 um 19:30 werde ich im literaturhaus salzburg mit carlos spottorno und guillermo abril persönlich über den werdegang der reportagen, die berührensten augenblicke und die wichtigsten erkenntnisse aus diesen drei jahren am rand der „festung europa“ sprechen. (eintritt frei)

derriss_IMG_1668

die vernissage zu dieser ausstellung ist gleichzeitig die eröffnung des festivals „europa der muttersprachen“, welches bis zum 30. juni 2018 im literaturhaus andauert. (mehr dazu hier in diesem programmheft)

manchmal wird es in den schilderungen der beiden entdecker von realen dramen sehr betrüblich, sehr dumpf und düster. machtblöcke und dunkle mächte werden unerträglich spürbar, stellen sich aber – selbstredend – niemals direkt vor die kamera. spitzel tauchen auf, strenge kontrollen werden zum spiessrutenlauf.

ob in den wüsten nordafrikas, in den wogen des grössten friedhofs für geflüchtete menschen, dem mittelmeer, ob an den grenzen zur türkei oder in den wäldern weissrusslands, überall schlummert eine erschütternde übermacht, die individuen, also einzelne menschen einfach so zu zermalmen droht.

gleich am anfang schildern die beiden eindringlich die beengte stimmung in der enklave melilla, die nur wenige quadratkilometer zwischen todeszäunen platz hat. am ende des buches wird klar, dass ganz europa eine enklave ist.

dennoch scheinen carlos spottorno und guillermo abril niemals den glauben an eine chance auf friedliche lösungen und konstruktive entwicklungen verloren zu haben. anders hätten sie wohl auch diese reiseberichte nicht geschafft.

zu eindringlich ist die wirklichkeit.
eine wirklichkeit in text und bildern.
bilder und texte, die dich durchdringen

_______________
das buch „der riss“ ist 2017 im avant-verlag erschienen.

der schwere verlust zur politischen unzeit ist ein auftrag.

es war das konkrete handeln, wofür ute bock einerseits sehr berühmt aber auch sehr angefeindet wurde. sie brauchte keine grossen politischen rechtfertigungen oder keine theoretischen ansätze.

ihr handeln kam aus einer ganz persönlichen motivation. „wie soll ich diese jungen menschen einfach auf der strasse stehen lassen?“ war eine der so verblüffend einfachen und umso wirkkräftigen motive.

als ehemalige erzieherin konnte sie durchaus auch sehr strenge töne gegenüber „meine buam“ anschlagen. und die sprache, mit der sie über ihre arbeit berichtete, war bodenständig, direkt, ungeschönt. aber wie das in allen zwischenmenschlichen berufsfeldern so ist: es geht letztlich nicht um eine methode, sondern um die ureigenste persönliche haltung. und die war klar und unmissverständlich.

ute bock wurde zum symbol für ein offenes land. der hetze gegen „fremde“ und der angst vor schutzbedürftigen menschen setzte sie unerschrockenheit und mitgefühl entgegen. als „mutter“* der geflüchteten wurde sie berechtigterweise zur grossen leitfigur für viele.

es ist nun die verantwortung aller, für die ute bock auch weiterhin vorbild sein wird, in ihrem sinne die unverbrüchliche offenheit und bedingungslose nächstenliebe umzusetzen und einzufordern.

dass gerade jene, die sie wegen ihrer haltung und ihren taten oft und wiederholt verhöhnten und beleidigten, jetzt unser land regieren, muss ihr sicher weh getan haben.

ein herz der menschlichkeit schlägt nicht mehr.

der schwere verlust zur politischen unzeit ist ein auftrag.

utebock_literaturhaus

foto: ute bock zu besuch in salzburg, literaturhaus 2013

*) edit: „mutter courage“ war hier im originaltext zu lesen, das könnte missverständlich in bezug auf berthold brechts protagonistin aufgefasst werden, deshalb steht hier nur mehr „mutter“

abschiebewahnsinn beenden, nicht verlängern!

wenn es stimmt, was nun über die krone bekannt wird, dann ist das nun innerhalb einer woche zum zweiten mal die rücknahme einer fatalen entscheidung. irgendwo spielen da verschiedene kräfte heftig gegeneinander. die einen wollen die familie endlich in ruhe lassen, die anderen wollen unbedingt abschieben.

so sehr die nachricht, dass der am 25..8. ausgestellte und gestern zugestellte bescheid „hinfällig“ sei, nun neuerlich hoffnung weckt, die sache würde ein gutes und definitives ende finden, so sehr muss klar sein, dass ein hinausschieben einer entscheidung „bis ins frühjahr 2018“ einfach nicht zumutbar ist!

die kinder und ihre mutter sind durch die vorkommnisse der letzten wochen schwerstens traumatisiert. wie sollen diese kinder jemals ein urvertrauen entwickeln, sicherheit und geborgenheit erleben können, wenn innerhalb von tagen und stunden die mühevoll aufgebaute verbundenheit zu mitmenschen in walding amtlich storniert, für null und nichtig erklärt werden kann, dann diese familie doch wieder aus der schubhaft entlassen wird um eine woche später neuerlich einen negativen bescheid zu erhalten?

es darf nicht bis „frühjahr 2018“ dauern, die familie muss JETZT zur ruhe kommen können. schlimm genug, was bis dato passiert ist. irgendwo muss sich ein mensch finden, der den mumm hat zu sagen, dass diese familie definitiv bleiben darf und in ruhe gelassen wird.

zarte kinderseelen und eine über die grenzen belastete junge mutter dürfen nicht zum spielball kafkaesker zustände in der fremdenbehörde werden. diese menschen haben allen schutz zu geniessen, den unser land zu bieten hat.

die helfenden menschen rund um diese familie bringen unglaublich viel energie auf. auch sie haben es verdient, dass ihre leistungen anerkannt werden. im sinne einer gesellschaft, die menschlichkeit noch als wert erkennen kann.

machen nervenzusammenbrüche unser land reicher?
welche willkür herrscht da in der fremdenbehörde?
es bleiben viele fragen vorerst offen.

aber die forderung muss jetzt lauten:
abschiebewahnsinn beenden, nicht verlängern!

______________
alle beiträge zu walding

staatlicher sadismus ohne ende

update 20170831 – 10:00
scheinbar neuerliche rücknahme des negativen bescheides (bericht krone)




schwere traumatisierung von kindern wird in kauf genommen!

offensichtlich wollen bestimmte kräfte – im kontext des wahlkampfes erst recht – ein doppeltes exempel der grausamkeit statuieren. kindern, die vor wenigen wochen ihren vater verloren haben, die dann plötzlich in die schubhaft genommen wurden und dann – dank massiver interventionen des netzwerkes „überbrücken“ – schnell wieder freigekommen sind, wird nun neuerlich der boden unter den füssen weggezogen!

vom netzwerk „überbrücken“ in walding(oö), rund um brigitte raffeiner und veronika pernsteiner kommt ein neuerlicher, schier unglaublicher hilferuf:

Narine B. und ihre Kinder Maksim und Mane konnten letzte Woche im letzten Augenblick von der drohenden Abschiebung bewahrt werden. Sie kehrten am 22.08.2017 von der Schubhaft in Wien ins Flüchtlingshaus Walding/Rottenegg retour. Dort wurden sie von den EinwohnerInnen des Asylwerberheimes und von vielen BewohnerInnen in Walding herzlichst begrüßt.

Narine war zu dem Zeitpunkt sehr schwach, hatte schwere körperliche Symptome einer umfassenden Erschöpfung.

Gerade als wieder zu hoffen wagten und selbst Narine auch wieder ab und zu ein schwaches Lächeln auf den Lippen trug, wurde ihr heute der negative Bescheid durch das BFA zugestellt:

lhr Antrag auf Erteilung eines Aufenthaltstitels aus besonders berücksichtigungswürdigen Gründen vom 20.04.207 wird gemäß g 56 AsylG 2005, BGBI. I Nr. 100/2005 (AsylG) idgF, abgewiesen.

und weiter:

Wer kann so etwas noch verstehen?
Warum will man diese Familie mit allen Mitteln außer Land schaffen?
Wo bleibt die Menschlichkeit!

Narine, ist nach der Übermittlung des Bescheides mit den Nerven am Ende. Sie steht in ärztlicher Behandlung.

Die Kinder sind schwer verunsichert, sie können alle diese Ereignisse vom Tod des Vaters im Juni angefangen, die trauernde Mutter, die zwei Abschiebungsversuche und heute die erneute Zustellung eines negativen Bescheides nicht wirklich begreifen und verarbeiten.

Mane, sagt immer wieder: „Mama, nicht weinen. Bitte nicht weinen. Wir dürfen hier bleiben. Ganz sicher.“

Maksim klammert sich ganz verzweifelt an seine Mutter. Auch er will ihr das Leid abnehmen und gleichzeitig versinkt er immer mehr in einen stummes Schweigen. In seinen Augen steht Panik.

also schreiben wir wieder an alle. bundespräsident, bundeskanzler, innenminister und alle anderen, die auch nur irgendwie aus unserer sicht eine verantwortliche position haben. quer durch parteien und lager. wir dürfen nicht nachgeben, wir dürfen nicht aufgeben.

denn, so wie brigitte raffeiner schreibt:

Was bleibt: eine kleine Hoffnung, vielleicht doch noch ein Wunder zu erwirken. Helfen Sie uns dabei. Bitte!

es muss schluss sein mit dem wahnsinn!

staatlicher sadismus ohne ende

das grab des vaters der kinder: