welser-möst ist ausgestiegen

foto: MITO SettembreMusica (wikimedia commons)

der vergangene festspielsommer war sensationell. nicht? ja stimmt. eigentlich gar nicht. aufgefallen ist, dass viel mehr über das gesteigerte kartenvolumen, über verkauf desselben und über sponsor hin und sponsor weg geredet worden ist, als über das eigentliche geschehen, das auf den bühnen.

aber das ist ja schon lange nicht das hauptgeschehen. der wieder neu eingeführte abschlussball war ein typisches symptom für die neue krankheit: wohl eher ein auflauf angehender B-promis mit stark kulturgeriatrischen tendenzen, als ein gesellschaftlicher impuls mit herzerfrischenden ideen.

gerard mortier ist endgültig geschichte, die bürgerlichadelige kaste der vons und zus übte nun endgültige rache an jenen neumodernen, gesellschaftsrelevanten tendenzen eines verjagten intendanten, der damals sogar bis dorthin bewusst nicht angesprochene kreise erfolgreich erreicht hatte. frischluft hätte beinahe den mief der macht, der jägerschaften und der schlossbewohnerInnen aus den heiligen hallen geblasen, wenn nicht rechtzeitig alles wieder geschlossen worden wäre. jetzt aber, jetzt endlich können sie wieder unter sich sein. reicher als schön heisst die eintrittskarte.

und pereira? der ist der pausenclown für dieses reaktionäre getue. grösser, höher und weiter – phantasien die zwar spätestens seit einer sogenannten krise nicht mehr wirklich sinn machen, aber manche noch an geile alte zeiten zurückdenken lässt. die blauen pillen für ein altersschwaches konzept heissen dann eben pomp und gloria, weil das eigentliche kunstverständnis oder besser, weil das verhältnis zu den künstlerInnen fehlt.

solches geschehen bringt nicht nur die festspiele um, es schadet allen, die in diesem voralpendorf ein bisschen kultur aufbauen und leben wollen. oft genug gegen wahnwitzige widerstände. es ist ganz und garnicht egal, wie künstlerInnen behandelt werden.

wenn künstlerInnen bloss auf den strich geschickt werden, damit die zuhälterInnen dann die einnahmen einstreichen und auch noch die fördergelder rechtfertigen können, dann müssen die missbrauchten irgendwann aufschreien oder zumindest aussteigen. zwangsprostitution darf nicht toleriert werden. auch nicht in der (angeblichen) hochkultur. auch beste gagen ändern an diesem umstand nichts. auch das ist aus der prostitution bekannt: für geld ist vieles zu haben. aber lange nicht alles. möge es vielen künstlerInnen gegönnt sein, die kraft für den ausstieg aus diesem spiel aufzubringen.

welser-möst ist ausgestiegen.

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foto: MITO SettembreMusica (wikimedia commons)

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unerhört präsent: barenboim und schubert

im ersten teil des schubertzyklus präsentierte gestern daniel barenboim im grossen festspielhaus im rahmen der salzburger festspiele die klaviersonaten g-dur (d 894) und c-moll (d-958).

solokonzert barenboim foto: © wolfgang lienbacher

einfach überwältigend, wie barenboim die motive, jeden einzelnen aspekt, jede stimmungsfarbe derart herausarbeitet, dass bei geschlossenen augen der eindruck entstehen könnte, gleich mehrere barenboims spielen da gleichzeitig. der humorvolle, der verschmitzte, der tiefsinnig-ernste, der fröhlich-tanzende und viele mehr.

faszinierend, wie barenboim selbst einem sonst eher selten schubert hörenden eröffnet, warum jeder einzelne ton genau da hingehört, jede phrase exakt weiss, welchen bezug sie nicht nur zu einem vorher und einem nachher herstellt, sondern auch zu diesem ort, in diesem raum. exaktheit und genauigkeit gehen übergangslos mit gelassenheit und offenheit einher. barenboim interpretiert nicht, sondern durchlebt, seziert nicht, sondern findet präzision.

dabei wird sein spiel zum statement. barenboim lässt uns den schubertschen kosmos erfahren, mit einer bereits nach wenigen takten spürbaren heutigkeit, weil er gemeinsam mit schubert im jetzt angekommen ist. hier wird kein schubert für das musikgeschichtliche museum vorgestellt, hier wird schubert eingeladen, sich uns mitzuteilen.

besonders die leisen stellen werden zu ungeahnt intensiven spannungsräumen, denen aber leider das publikum nur selten gewachsen ist. da, wo eigentlich die berühmte stecknadel eben nicht fallen sollte, weil sie viel zu laut für den moment wäre, muss immer irgendwer tuscheln, hüsteln oder eine handtasche öffnen und schliessen. es scheint, als wären wir in zeiten von media on demand den echtzeit-live-ereignissen nicht mehr gewachsen. oder haben wir angst vor der intensität?

voll und ganz jener persönlichen haltung barenboims entsprechend, die selbst weniger intensive verfolger von klassischen konzerten von ihm kennen, bezieht er unmissverständlich position, macht schubert zu seinem zeugen dafür, dass nur eine welt ohne ausgrenzung und ohne feindbilder unser ziel sein kann.

barenboim und schubert stellten das klar.

ps. zelebrierte gigantomanie und museale regression hätten mich heuer im unterschied zu früheren jahren wohl ganz von den festspielen ferngehalten. die einladung lieber freunde hat das auffinden dieses musikalischen juwels ermöglicht. danke.

pps. garderoben sollten grundsätzlich erst 30 minuten nach konzertende wieder geöffnet werden. das schnell schnell vor den anderen noch rechtzeitig aus dem saal stürmen ist respektlos alljenen gegenüber, die bei solchen gelegenheiten ihr bestes geben.

foto: © wolfgang lienbacher

der polizist und sein kunstbegriff.

freiheit sicherheit foto: bernhard jenny

kripochef andreas huber. wo eine fernsehkamera steht, kann er nicht weit sein. immer am friedlichen verlauf von demos brennend interessiert. da schickt er schon mal ein paar polizeibeamte als vermummte (!!!) demonstranten getarnt in die menge. um zu provozieren? oder so. ein verlässlicher rambo in den tiefen des salzburger stadtdschungels.

aber auch kunstkenner. er entscheidet mit raschem blick, was kunst ist und was nicht. graffiti sind für ihn immer „sicher keine kunst“. da ist selbst das sprayen auf legalen spraywänden dann näher an der strafbaren handlung als an berechtigter kreativität.

ja die welt ist schlimm, gefährlich und voller straftäter. und andreas huber beschützt uns. da werden dann lackstifte, sprühdosen und skizzenbücher der presse präsentiert, wie anderswo schusswaffen und handgranaten.

ich bin nicht für uneingeschränktes immer und überall sprayen. und dass es solche und solche graffitis gibt, ist auch klar. aber: in jeder kreativen intervention im öffentlichen raum einen kriminellen akt zu sehen, kann nicht angehen. und: die immer noch viel zu wenigen von der stadt freigegebenen offenen flächen nun auch zu verteufeln, ist inakzeptabel.

der kunstbegriff eines stadtpolizeihäuptlings wird zwar kaum in der festspielstadt zu grösseren diskussionen führen. aber ausgrenzung, diskriminierung und voreilige, medienwirksame kriminalisierung junger menschen bringt sicher sympathien. meine nicht. ganz im gegenteil.

kreativität muss weiter gehen, als es sich die polizei vorstellen kann.

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bericht orf

die andere familienaufstellung

wenn familien den mut haben, sich ihre inneren und äusseren, ihre offensichtlichen und versteckten verflechtungen und beziehungen anzusehen, so sind in letzter zeit aufstellungen sehr beliebt.

drago druskovic hat immanuel moser und michael moser (beide lebenspartner seiner töchter) und seine tochter radha druskovic eingeladen, eine familienaufstellung (familienausstellung) zu wagen. und es ist ein spannendes erlebnis, die positionen, die künstlerischen herangehensweisen im kulturgut höribachhof bei mondsee zu sehen, in ihrer ferne und nähe.

„der künstler ist für mich ein nomade, der durch die innersten bereiche von bewegungen und gegensätzlichen strömungen wandert und sich einzelne elemente davon aneignet, die ihm in einem neuen kontext nützlich erscheinen.“ so formulierte drago druskovic einmal seine sichtweise, und hier in diesem neuen familiären kontext wird deutlich, wie sehr begegnungen bereichern.

die bilder von drago druskovic – bei der vernissage unter dem motto „traumzeitkontinuum“ launig von eröffnungsredner chris ploier als „altmeister“ begrüsst – treten in dialog mit dem gegenüber von michael moser. kraftvolle formbilder des einen, feinziselierte motive des anderen.

beide – die auf den ersten blick kaum gegensätzlicher sein könnten – bilden den grossen raum rund um die installation von radha druskovic.

sie stellt die natürliche urkreativität in einer installation mit latexabgüssen ihres bauches aus verschiedenen phasen der schwangerschaft, die sich phasenweise mit luft füllen, in den mittelpunkt und wird damit zum bezugspunkt für alle anderen formate, die diesen ersten raum der ausstellung bespielen.
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im zweiten raum beherrschen die kräftigen farben von immanuel moser den raum, wodurch der reigen der familienaufstellung der anderen art komplett wird.
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mit einer energiegeladenen performance („prelude“ und „faces“) des befreundeten aktionskünstlers seigott wurde um 22 uhr das zahlreich erschienene publikum für das ausharren belohnt. schliesslich wurde der abend mit kräftigen sounds von diaz stereofreezed beendet.

die ausstellung ist noch für drei wochen im kulturgut höribach zu sehen und wirklich nicht nur alljenen, die in die nähe von mondsee kommen, sehr zu empfehlen, sondern auch eine anreise wert. auch wenn der höribachhof selbst bereits zwei tage später keinen auffindbaren hinweis auf die ausstellung auf der eigenen homepage bringt, kann aus verlässlicher quelle garantiert werden, dass die ausstellung mindestens noch bis 21.april 2012 zu sehen ist.

die familienaufstellung ist gelungen.

http://www.dragodruskovic.com
http://www.darklines.net
http://www.immanuelmoser.com

wohlige wärme in isländischen stuben

baad roots im jazzit salzburg (foto: bernhard jenny)

für menschen, die (so wie ich) noch nie in island waren, gibt es wohl nur wage vorstellungen über das ferne, gerade mal etwas mehr als 300.000 menschen beheimatende land, jedenfalls aber die assoziation von rauer natur und weiter kälte im hohen norden. und die angenehme erinnerung, dass dieses land kein militär betreibt.

der seit 5 jahren in salzburg lebende musiker haraldur gudmundsson hat letzten samstag in salzburg lebenende und musizierende isländerInnen zu einem ersten gemeinsamen „isländischen musikabend“ im jazzit versammelt. nach dem einleitenden soloauftritt des „third culture kid“ folgte ein fulminantes feuerwerk der „baad roots“, gefolgt von beschwingter leichtigkeit der „sound post“ mit harpa thorvaldsdóttirs erhellender stimme und schliesslich den popfolk-reisen der gruppe „high and low“ mit thorvaldur thorvaldsson.

es wurde ein starker eindruck über isländische winterabende: es ist wohlig warm und manchmal sogar heiss in den stuben islands.

http://www.myousic.is

nils – der „immer schon“-freund

nils "red horn" landgren - foto: ЯAFIK ♋ BERLIN (flickr, creative commons)

manchmal gibt es das wirklich. eine unerwartete begegnung, ein paar worte, schnelle sympathie und dann ein intensives gespräch. und weil dieses gespräch so offen und persönlich verläuft, entsteht sofort eine freundschaft, als hätten wir uns schon seit jahrzehnten gekannt.

nils landgren war letztes wochenende zum ersten mal in salzburg, gemeinsam mit der lungau big band, die sich nicht nur in bestform befindet, sondern auch „pudelwohl“ fühlte.

der abend im odeion war etwas ganz spezielles. da kommt ein bestens gelaunter nils landgren mit seiner posaune auf die bühne und beginnt. nein – es war kein auftritt, kein irgendwie was darstellen, was dahermusizieren. es waren die authentischen geschichten, von denen er mit posaune und einer unvergleichlichen stimme zu erzählen wusste. geschichten aus schweden, aus der welt, aus dem inneren oder solche, die sich auch im – ihm vermutlich unbekannten lungau – ereignen. die kraftvollen klangbilder der lbb, die wunderbaren soli und der immer wieder aufglühende draht zwischen landgren und der big band brachten die zuhörerInnen in jubelstimmung.

es war mehr als ein konzert. es war das kennenlernen eines neuen freundes und ein noch lange nachswingender abend. danke!

http://www.nilslandgren.com/

http://www.lungaubigband.com/

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foto: ЯAFIK ♋ BERLIN (flickr, creative commons)

von der unruhe nach der katastrophe

es hätte durchaus ein relativ „naives“ huldigungswerk für ein vielleicht idol, zumindest lieblingsautor werden können. sidi larbi cherkaoui wollte osamu tezuka, dem „grossvater der mangas“ ein denkmal setzen. dass mitten in die arbeit cherkaouis während eines aufenthalts in tokio das erdbeben, der tsunami und die atomkatastrophe im nur 600 km weit entfernten fukushima platzen würde, konnte er nicht voraussehen. die schockwellen der katastrophe sind im neuen tanztheaterstück „tezuka“ (österreichpremiere im festspielhaus st.pölten letzten samstag) des für seine sensibilität und konzentration, besser noch den für seine zentriertheit bekannten tänzers und choreographen cherkaoui spürbar.

TeZukA Foto: c Hugo Glendinning

cherkaoui (diesmal choreograf, aber nicht tänzer) ist nach wie vor ein meister der starken bilder, tanztheater wird hier zu einer reichen abfolge ausdrucksvoller sequenzen, die erleben lassen, dass tanz uns ganz im inneren, dort wo archetypen und urmotive zuhause sind, ansprechen kann.

spielerisch manchmal, dann wieder theatralisch übersteigert, feinfühlig in manchen momenten und jedenfalls voller dynamik, stellt uns cherkaoui anhand von manga-charakteren das leben des mangakünstlers tezuka vor, die welt der mangas und wohl auch jene gefühlswelt, die einst beim noch jungen mangaleser cherkaoui gewachsen sein muss, eine gefühlswelt, die ihn vielleicht zu jenen kraftbildern befähigen, für die seine produktionen bekannt sind.

beunruhigend oder unruhig präsentiert sich „tezuka“: bereits am anfang, aber dann zwischendurch immer wieder, werden kommentierende textpassagen von den künstlerInnen gesprochen, mal in französisch, mal in englisch oder japanisch, jedenfalls aber in einem solchen tempo, dass nicht nur die eingeblendeten übertitel kaum mehr sinnerfassend gelesen werden können, sondern sich auch das gefühl breit macht, dass es nicht der wunsch des gestalters gewesen sein kann, hier ernsthaft zu dokumentieren. war es stilmittel?

beeindruckend allerdings sind nicht nur die tänzerInnen der eigens für diese produktion gebildeten compagnie – herausragend dabei kazutomi kozuki als omnipräsenter atomgetriebener „astro boy“, damien jalet als katholischer priester und guro nagelhus schia, die sich im laufe des abends zunehmend steigert und in den letzten beiden szenen zu berührender hochform findet – sondern auch die musikerInnen auf der bühne, die aus dem abend gemeinsam mit der kaligrafie von tosui suzuki, den visuals und videos ein gesamtkunstwerk werden lassen.

TeZukA Foto:  c Hugo Glendinning

dass nach dem abend der wunsch nach ruhe und zentriertheit, nach weniger erläuternden texten und mehr vertrauen in die ohnehin ungemein starken bilder des tanztheaters auftaucht, dürfte auch cherkaoui nicht überraschen.

aber vielleicht wollte und konnte bewusst dieser abend nicht mehr zur ruhe finden: die alarmiertheit ist angekommen. die erwartbare ruhe und ästhetik allein reicht vermutlich nicht mehr aus, um der welt einen spiegel vorzuhalten. niemand weiss, ob die unruhe eine nach der katastrophe bleibt, oder eine vor der katastrophe ist.

beunruhigend. weniger fürs tanztheater als für diese welt.