wir trauern um reza haidari

ein junger mensch flieht aus dem krieg.
ein junger mensch hofft auf überleben.

auf der flucht erlebt er weitere grausamkeiten.
er wird missbraucht und muss weiter flüchten.

er landet schliesslich in unserem land.
geflüchtet, missbraucht, wieder geflüchtet, schutz suchend.

er spricht es sogar aus. das schreckliche.
aber er wird nicht gehört.

schutzsuchende sind bei uns verdächtig. kriminell.
aber keine jungen menschen.
keine missbrauchsopfer.
keine kriegsopfer.
sondern abzuschiebende.
weg mit denen.

ein junger mensch wird nicht mehr fertig.
er ist traumatisiert.
er ist am ende.

wir sehen zu.
amtlich.
wir legen akten an.

während der junge mensch zum strick greift
diskutieren wir alter, zuständigkeit, motive

während sich die schlinge zuzieht
schauen wir weg

während er mit dem tod ringt
wird die öffentlichkeit nicht informiert

wenn er dann tot ist
erfährt niemand davon

unsere asylpolitik ist zynisch.
unsere asylpolitik ist tödlich.

eine rücktrittsforderung an die verantwortlichen
wird zuwenig sein.

__________
foto: no way out (.nothing mind creative commons)

ars electronica: zukunftskultur für alle

das diesjährige ars electronica festival in der linzer tabakfabrik ist ein erfrischender impuls und vernetzungspunkt zahlreicher menschen, die sich aktiv und kreativ mit der zukunft unserer welt auseinandersetzen. das motto „repair – sind wir noch zu retten“ wurde zum ausgangspunkt für zahlreiche ausblicke in eine zukunft, für die wir – und nicht die anderen – verantwortlich sind.

bereits im umfeld der podiumsdiskussion, zu der ich als mitwirkender geladen wurde (unibrennt, digital communities), durfte ich zahlreiche menschen kennenlernen, die nach wegen aus den scheinbaren sackgassen in ökologie, ökonomie und sozialem gefüge suchen. dass das auch lustbetont und mit humor passieren kann, war schnell spürbar.

beim rundgang durch das wirklich weitläufige angebot des ars electronica festivals bleibt die entscheidung nicht aus, was genauer betrachtet wird, wo länger hingesehen wird, mit wem ein gespräch möglich ist.

im folgenden schildere ich meine sehr subjektiv ausgewählten ars electronica highlights:

die begegnung mit johann staudinger ist ein solches geschenk der ars electronica. johann staudinger wäre mit wissenschaftler, erfinder oder entwickler wohl ungenügend beschrieben. er ist getrieben: mit faszination und tiefster überzeugung schildert er seine entdeckungen, gedanken und visionen rund um „seine“ algen. algen – so staudinger – haben das zeug dazu, unsere probleme mit dem CO2 zu lösen. kohlendioxid wird von algen zerlegt, sauerstoff wird frei. so einfach. so grundlegend. so revolutionär. johann staudinger glaubt fest daran, dass jetzt endgültig die zeit gekommen ist, aus kleinen und grösseren experimenten und pilotanlagen wirklich grosse lösungsmodelle entstehen zu lassen. und wer ihm auch nur ein paar minuten zuhört, wird spüren, dass dieser mann aus timelkam in oberösterreich beseelt ist, ja fast besessen von einer vision der emisionsfreien zukunft. und es ist faszinierend nach langem wieder jemandem zuzuhören, der weniger beklagt oder anklagt, als einfach handelt und entwickelt. solche visionen haben eine kraft die mut macht. wenn es mehr menschen gibt, die von der machbarkeit der lösungen so fasziniert sind, wird vorstellbar, dass wir es schaffen.

allison kudla @arselectronica 2010 foto: bernhard jenny

digitale technik und natur – ein thema, das sich durch das gesamte festival zieht – mutet mal sehr theoretisch, mal technisch kühl an. nicht so das projekt der amerikanischen künstlerin allison kudla. sie hat eine „druckmaschine“ entwickelt, die bio-architektonische muster aus moos und samen in einem nährmedium anordnet, dadurch entstehen „wachstumsmuster“, aus denen dann die pflanzen zu spriessen beginnen. es sind also lebende bilder, die auf basis von berechnungen eines computers entstehen, den die künstlerin sowohl mit den gesetzmässigkeiten von zellwachstum als auch mit jenen der stadtentwicklung programmiert hat und diese prinzipien dadurch miteinander verbindet. zurückgespiegelt ergibt sich daraus wiederum das verständnis des lebensraums „stadt“ als organismus. „capacity for (urban eden, human error)“ ist ein leises, aber sensibles projekt, das die künstlerin geduldig und begeistert allen interessierten erklärt.

allison kudla: capacity for (urban eden, human error) - foto: bernhard jenny

zufälle sind momente, die einem „zufallen“. ein solcher moment war die begegnung mit dr. hannes leopoldseder, dem mitbegründer der „linzer klangwolke“ und der „ars electronica“. es ist der unermüdliche pioniergeist, diese spürbare lust auf kreatives erklimmen weiterer entwicklungsstufen unserer gesellschaft, die hannes leopoldseder die kraft finden liess, in zeiten, wo wohl kaum jemand mit digitaler medienkunst etwas anzufangen wusste, mutige konzepte umzusetzen und so ein heute weltweit beachtetes zentrum für zukunftstechnologie aufzubauen. diese antriebskraft, diese motivation, die so vieles bewegen kann, ist ansteckend. besonders gefallen hat mir im persönlichen gespräch mit hannes leopoldseder, zu erleben, wie seine augen fröhlich leuchten und funkeln, wenn er über „kultur für alle“ und seine herangehensweise an diesen grundsatz – samt der nachhaltigen veränderung der österreichischen landschaft für medienkunst – schildert.

repair? bitte nicht!

das motto des diesjähren ARS ELECTRONICA FESTIVALS ist „REPAIR – sind wir noch zu retten“. bei einer etwas anderen podiumsdiskussion wurde im rahmen der ARS ELECTRONICA dieses motto hinterfragt. auf einladung von unibrennt (ausgezeichnet von ars electronica) konnten – moderiert von hans christian voigt – stefan seydel (rebell.tv), michael niedermair (stahlstiftung linz), sigrid maurer (öh), julia hemmelmayr (unibrennt), rainer sommer (telepolis), marissa lobo (maiz), hubsi kramar und ich die jeweilige sicht auf die reparaturbedürftigkeit und -fähigkeit einbringen. mit diesem blogeintrag möchte ich meinen dort vertretenen standpunkt weiter kommunizieren und ausbauen.

repair? bitte nicht!

wenn der titel des ARS ELECTRONICA FESTIVALS „REPAIR – sind wir noch zu retten“ heisst, dann ist meine spontane antwort: „reparieren? bitte nicht!“ reparieren und wieder reparieren, dann nach einer zeit nochmal etwas reparieren und vielleicht gar zurückreparieren… scheint so etwas wie eine österreichische tradition zu sein, quasi die reflexartige reaktion der österreichischen volksseele auf die wahrnehmung, dass etwas nicht stimmt. im system. aber was neues anzufangen, liegt uns anscheinend nicht. also reparieren wir.

wir brauchen nur einen blick in die nun sich wieder zum herbst öffnenden schulen werfen, ja in das gesamte bildungssystem, was wir da mit schaudern als extrem ungenügendes, überladenes und schwerfälliges ungetüm erkennen, ist eben genau das: das ergebnis 127tausend und einer reparatur.

wenn wir uns retten wollen, müssen wir mündig, erwachsen, autonom werden. wir müssen lernen, aus dem wahrgenommenen ungenügen des systems konkrete schlüsse zu ziehen und konkret zu handeln.

wir dürfen nicht warten, bis uns jemand – von oben, von links, von rechts oder von unten die erlaubnis gibt zu handeln, wir müssen loslegen. und dabei das system liegen lassen. jede beschäftigung mit dem veralteten system ist verlorene energie und zeit, weder konfrontation, zerstörung oder reparatur bringen uns weiter.

wir müssen einfach anfangen. neben dem system bzw. in unseren eigenen, von uns definierten systemen.

eine gesellschaft, in der menschen wegen ihrer herkunft verbluten, ersticken oder in den selbstmord getrieben werden, eine gesellschaft, die arme aus den konsumzentren vertreibt, ihnen das betteln verbietet, während die zahl der millionäre weiter steigt, eine gesellschaft, die politisch andersdenkende kriminalisiert und mit terroristen gleichsetzt, eine gesellschaft, die urteile kaufbar und ermittlungen abbestellbar macht, die unsummen geldes den einen zuschiebt, während alle anderen „sparen“ müssen, funktioniert nicht mehr. dieses system kann nicht, ja darf nicht repariert werden, es muss liegen gelassen werden.

widerstand wäre konfrontation, KREATIVER widerstand heisst: einfach tun, was zu tun ist, ohne lange zu fragen oder zu warten. wir müssen uns vernetzen, verbinden, neue gemeinschaften und communities bilden und einfach tun.

gesetzliche und politische rahmenbedingungen vergleiche ich mit einem alten computer, auf dem das veraltete betriebssystem der ungerechten art gerade noch so läuft.

wenn wir ein neues betriebssystem für eine gesellschaft 3.0 entwickeln wollen, müssen wir auch auf neue computer (also gesetzliche und politische rahmenbedingungen) setzen. die gilt es zu entwickeln und zu implementieren.

wir müssen uns als programmiererInnen einer neuen OPEN SOURCE GESELLSCHAFT 3.0 begreifen, die ALLE weiterbringt und nicht nur wenige, und entsprechend handeln. schwarmintelligenz statt stumpfsinn von oben schlucken, alle inkludieren, statt selektieren.

also
bitte nicht reparieren
schon gar nicht parieren
sondern agieren.
gemeinsam. vernetzt. jetzt.

eine open source gesellschaft 3.0 autorisiert sich selbst.

und hat ein grosses ziel:
profitsteigerung ohne ende.
nämlich social profit.

fotos: ars electronica (sujet), karl schönswetter (creative commons)

ausgrenzung ist verbrechen zur ablenkung


in diesen tagen erleben wir sie wieder sehr intensiv. die ausgrenzung der anderen, der andersdenkenden, andersgläubigen, der fremden, der asylsuchenden, der armen, der bettlerInnen, also aller, die nicht dazugehören sollen.

diese ausgrenzung, diese menschenverachtung ist ein verbrechen, weil sie für manche den tod bedeutet, für viele zumindest unglaubliches elend und leid, diese ausgrenzung hat aber nicht nur den zweck, diese menschen aus unseren ach so edlen reichtumszonen zu vertreiben, sie hat eine weitere wichtige funktion:

jene, die sich als nicht auszugrenzende, als die hiesigen, die mit dem richtigen glauben oder zumindest taufschein verstehen, jene, die immer schon da waren oder zumindest so tun, sollen glauben, potientiell erfolgreiche mitglieder eines sytems zu sein, die nur wegen der anwesenheit der „anderen“ nicht wirklich „zum zug“ kommen.

dass sie niemals zum zug kommen können, weil sie nicht zu jenen kleinsten kreisen gehören, für die die unschuldsvermutung schon längst eine unschuldsgarantie geworden ist, für die gerichtsurteile oder staatsanwaltliche ermittlungen immer nur eine frage des preises sind, niemals aber eine frage, wie es wohl ausgehen werde, wird ihnen selten begreifbar. darf es ja auch nicht.

sie sollen brav beschäftigt werden, mit dem kampf gegen minarette und kopftücher, mit dem glauben, dass unsere schulen nur wegen der ausländerkinder nicht mehr funktionieren, mit dem verteiben von bettlerInnen aus den fussgängerzonen. und wenn sie zweifel haben, dass es an ihrer eigenen situation nicht wirklich was verändert, dann brauchen sie nur den fernseher einzuschalten: es ist schon beruhigend, in den talk- und casting shows zu sehen, dass fast jedeR mal fernsehstar, supermodel oder zumindest big brother oder sister werden kann. heile welt. fast heile welt.

wenn nur die „anderen“ nicht wären.

bild: wolfgang staudt (creative commons)

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alles geht.
menschenhetze.
zynismus.
verachtung.

welcher algorithmus
verweist uns?
welcher algorithmus
wohin?

auf politborderlinerin fekter ist verlass

borderlinertypisch verlässlich regelmässig äussert sich unsere innenministerin zynisch, abfällig oder stigmatisierend über ausländerInnen, schutzbedürftige und andersgläubige. volkstümlich gewandet im salzkammergut scheints nochmal leichter zu fallen, vor internationalen pressemikrofonen menschen als gefahr zu beschwören, die man wohl per anwesenheitspflicht kasernieren müsse.

da wird ganzen volksgruppen locker sozialbetrug unterschoben, weil sie die „asyl-grundversorgung als vorübergehendes taschengeld“ kassieren würden, muslimInnen wird nebenbei ein „problematischer einfluss“ untergejubelt und überhaupt über „fremde“ philosophiert: geld dürfen sie ruhig da lassen, als touristinnen dürfen sie auch ruhig die burka tragen, aber wenn sie blieben, dann natürlich werde es problematisch. wie das eben so ist mit fremden, wenn sie nicht mehr wegfahren, dann gibt es eben probleme.

so ein „forum salzburg“ ist schon eine tolle gelegenheit, wiedermal rechts alles raushängen zu lassen, damit sich die dort vermuteten wählerInnen an sie hängen mögen. angesichts der nahenden wahlen ist also mit heftigen schüben zu rechnen. da werden wir uns noch einiges anhören können.

wie lange noch?

der schlingensief ist.

christoph schlingensief (foto: factoids - cc)

der schlingensief ist.
ist tot.
war immer
einer
ohne trennlinie zwischen leben und kunst
einer
der theater = leben = radikal echt = unausweichlich = medial = öffentlich war
ist.
nicht mehr.

der schlingensief.
provokateur?
gegen-den-strich-aktionist?
ein alles-so-laut-und-deutlich-aussprecher?
zu heftig?
zu unangenehm?
zu schrill?
zu schräg?
zu uneinordbar?
zu mensch?

stimmung wie 1989.
damals war thomas bernhard gegangen.

schlingensief wird
keine container mehr mitten in unsere hauptstadt stellen.
wie finden wir die container in unseren hirnen?

endlose immer-wieder-irritation ist.
gewesen?

toten wünschen viele ewige ruhe.
dem schlingensief
kann ich keine ewige ruhe wünschen
hab ich ihn falsch verstanden?
schlingensief?
nur nicht ewige ruhe.

also dann
schlingensief!
auf endlose immer-wieder-irritation.
endlose immer-wieder-irritation ist.

(foto: factoids – creative commons)