absage an alle ewignörgelnden

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nein. wirklich nicht. ich lasse mich nicht mehr ein auf die ewignörgelnden. auf die immer wieder bedenken habenden, auf die „ja schon, aber“-typen, auf die „was ist mit den unsrigen“-sager_innen oder gar auf die „der islam wird uns überspülen“-zweifler_innen.

es ist vorbei. zulange dauert nun schon das elend an. der krieg vor europas haustür, die konflikte in anderen ländern. zeige mir, welcher dieser konflikte nichts mit europa und/oder dessen interessen zu tun hat! die nöte in den verschiedensten regionen dauern alle schon lang genug an, dass es allen, die einigermassen denken können, möglich gewesen sein muss, sich ein bild von der not und dem elend zu machen, aus dem die menschen fliehen.

wer diesen menschen stacheldraht, einreiseverbote entgegenstellt und keine legale möglichkeit zur flucht in unsere länder bietet, ist so schuldig, wie jemand, der menschen nur mit dem richtigen ausweis oder glaubensbekenntnis oder hautfarbe aus einem brennenden haus rettet. wer es bis jetzt noch nicht spürt, was da läuft, wird es wohl nie verstehen.

die politisch weiterdenkenden menschen sind aber NICHT die umerziehungspädagog_innen für ewiggestrige, für dumpfe zyniker_innen, für hetzposter_innen oder sonstige verschwörungstheoretiker_innen, die entweder nichts kapieren oder noch schlimmer, bewusst nicht einsehen wollen, dass es nur eine menschheit gibt. die zivilgesellschaft kann nicht warten, bis alle dem notwendigen zustimmen, sondern muss einfach handeln. ein möglichst breiter konsens ist zu suchen, aber nicht das verständnis aller abzuwarten.

ich habe es endgültig satt, rechtfertigen zu müssen, warum alle menschen als eben solche behandelt werden müssen, dass menschenrechte unteilbar (und nicht erst zu verdienen!!!) sind. menschenrechte gelten für ALLE. für die, die sich super für sympathische bilder eignen, kleine kinder, schöne frauen und grosse männer ebenso, wie für jene, die krank, schwach oder ungepflegt sind und überhaupt nicht unsere empathie ansprechen. menschenrechte sind kein bonus für mitglieder der „brave menschen“-clubs, menschenrechte gelten auch für die traumatisierten, aggressiven, vielleicht noch ungepflegten menschen. eben für alle.

in den letzten tagen durften wir erleben, dass es eine (für manche unerwartet) grosse anzahl an menschen gibt, die einfach helfen wollen, die den menschen entgegen gehen, sie herzlich willkommen heissen und nicht hinter allen eine bedrohung sehen. in diesen bilder steckt eine doppelbotschaft: die mehrheit der menschen ist wesentlich offener und bewusster, als es die politiker_innen glauben, und diese menschen warten nicht mehr auf grosse entscheidungen der politik, sondern werden selbst aktiv. das ist ein schritt in richtung jener offenheit, in der ein grosses europa funktionieren könnte.

ja, mag sein, dass die weltbilder, die anschauungen, die religiösen vorstellungen oder auch gepflogenheiten dieser menschen noch nicht kompatibel zu unserer gesellschaft sind. wenn wir wollen, dass sie das werden, dürfen wir diese menschen aber nicht isolieren oder in getrennte unterkünfte stecken, sondern wir müssen ihnen einen platz mitten in unserer gesellschaft anbieten.

denn dort, mitten in unseren gesellschaften werden sie dann erleben können, was es bedeutet, in einer (konzeptiv) partizipativen gesellschaft des offenen dialoges, in einer emanzipatorisch offenen kultur zu leben. wenn wir die willkommenen an den rand drängen, wird es eng werden. dann werden die randdenker_innen, die ewignörgelnden, die kleingeister recht behalten. denn dann kann es nicht funktionieren.

ein milliardär hat sich kürzlich mit seiner erkenntnis, dass „frauen menschen wie wir“ sind, hochnotpeinlich blamiert, weil die gesellschaft in sachen gleichstellung (zumindest im prinzip) schon viel weiter ist.

jetzt müssen wir so weit kommen, dass wir erkennen, wie peinlich die aussage „flüchtlinge sind menschen wie wir“ ist. geschweige denn gar die verneinung dessen.

wir brauchen unsere energien für die gestaltung der gesellschaft. wer hilft, wer anpackt, wer sich für die veränderung engagiert, hat keine zeit für mühsame umerziehung, für die (ohnehin im kreis laufende) diskussion mit kleingeistern. sollen sie sich doch selbst figuren an die wand zeichnen.

deshalb hiermit meine
absage an alle ewignörgelnden

ps. jetzt werden manche sagen, dass doch der dialog so wichtig wäre, wenn wir politisch weiterkommen wollen. ja stimmt. aber dialog setzt ein mindestmass an bereitschaft auf beiden seiten voraus. und das ist sehr schnell erkennbar. wenn dies nicht gegeben ist, dann ist es nur zeitverschwendung.

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dieser artikel ist am 8.9.2015 auf fischundfleisch.com erschienen und ist auch dort aufrufbar.

es ist noch lange kein mauerfall

foto: rupertganzer cc licence by nc sa

aber erste ziegel lockern sich. was in den letzten tagen zwischen ungarn, österreich und deutschland passiert, ist erfreulich. sehr erfreulich. doch längst noch nicht der durchbruch in humanitäre zeiten europas.

während freie und organisierte helfer_innen die menschen aus syrien willkommen heissen, scheinen die offiziellen stellen nachwievor sowohl überfordert, überrascht bis unfähig mit der tatsache wirklich umzugehen. die bevölkerung ist offener, als es uns kleingeistige klein- und mittelformate oder foren weiss machen wollten. dennoch ist das alles kein anlass für irgendwelche anfälle von nationalstolz.

der eindruck der ersten tage bestätigte sich nun auch ende der woche und am wochenende: die öbb reagieren nicht nur flexibel und schnell, es wird auch eine haltung hinter den entscheidungen wahrgenommen, die sowohl von „ganz oben“ aus den management-büros kommt, aber sehr gerne auch von den mitarbeiter_innen mitgetragen und umgesetzt wird.

die meisten politiker_innen der nationalstaaten und auch der eu haben jedoch immer noch nicht verstanden, was unausweichlich sein wird:

1. offene grenzen I
das bedeutet eben NICHT NUR dann und wann freien durchlass an binnengrenzen zwischen ungarn, österreich und deutschland, das bedeutet offene grenzen insbesondere auch an den aussengrenzen der festung europa. das muss aber auch bedeuten, dass es legale einreisemöglichkeiten auf allen wegen (auch flug) geben muss. die asylantragsabwicklung muss NACH der einreise in ein europäisches land passieren. (oder würde die feuerwehr zuerst die ausweise von menschen in einem brennenden haus kontrollieren, bevor sie sie aus der gefahr rettet?)

2. offene grenzen II
wer die hintergründe von flucht und migration einmal genauer betrachtet hat, wird zum schluss kommen, dass die humanitäre dringlichkeit, die viele jetzt im zusammenhang mit syrien erkennen, auch auf andere länder und kontinente zutrifft. in dieser einen welt sind wir alle in einem grossen gemeinsamen system. die offenen grenzen, wie sie jetzt menschen aus syrien (zwangsläufig?) angeboten werden, müssen für alle gelten. es ist nur zynisch, flüchtende menschen in solche und solche zu sortieren.

3. gleiches recht für alle I
in verschiedenen ländern (so auch in österreich) sind bereits geflüchtete menschen, die auf dem weg zu ihrem eigentlichen ziel zwangsangehalten, zwangsregistriert und wg dublin3 unauflöslich mit einem land, in welches sie gar nicht wollten, „zwangsverheiratet“ sind. das muss ein ende haben. sämtliche dublin3-abkommen müssen in allen büros der eu-mitlgiedsstaaten und in brüssel geschreddert werden.

4. gleiches recht für alle II
es kann nicht sein, dass ganze nationalstaaten sich nicht den flüchtenden menschen öffnet. es kann auch nicht sein, dass sich staaten von dieser humanitären pflicht „freikaufen“. das offene europa muss mindestens so streng geahndet werden, wie die überwachung monetärer entscheidungen in der eurozone. geld kann nicht wichtiger sein als menschen.

5. der prozess des wandels I
dem hype wird die ernüchterung folgen. viele menschen helfen jetzt mit begeisterung. auch mit dem antrieb, dass hier „endlich was geschehen“ muss und schnell eine „lösung“ passieren muss. das geschehen ist aber ein langer prozess, der wir uns nicht mit schnellen massnahmen ersparen werden. die realität der migrationsströme wird uns alle und die generationen nach uns beschäftigen. dazu gehört auch die erkenntnis, dass wir alle verantwortlich sind, an einer aktiven friedenssicherung weltweit zu arbeiten.

6. der prozess des wandels II
aktive friedenssicherung ist nicht mit „peace“-fahnen in andere kontinente zu fahren. aktive friedensicherung bedeutet in erster linie, die machenschaften der waffenindustrie aufzudecken, bewusst zu machen und deren gewinne zu beschlagnahmen. konzerne, die mitten in europa sitzen gehören zu den grössten gewinner_innen von krieg, tod und noch mehr toten.

7. der prozess des wandels III
in dieser einen welt schaffen ungleichheiten konflikte. wirtschaftliche ungleichheiten sind die verlässlichsten motoren von konflikten, die dann – von religionen und sonstigen interessensgruppen und parteien instrumentalisiert – dauerhaft am kochen gehalten werden. wer frieden in der welt will, muss für eine welt sorgen, in der die lebenschancen zumindest ähnlich sind. ein leben in einem luxuskontinent neben anderen, die in not verzweifeln müssen, wird niemals dauerhaft funktionieren.

wir sind alle menschen mit der gleichen daseinsberechtigung auf dieser einen welt. lassen wir uns das niemals von kleingeistern kaputtmachen.

vielleicht sind wir auf dem weg dorthin.
nein: wir müssen auf dem weg dorthin sein, denn die alternative wäre wohl der weg in eine katastrophe.

also: wir sind auf dem weg dorthin.
aber
es ist noch lange kein mauerfall

 

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foto: rupert ganzer cc licence by nc sa

lahme politik – lahme institutionen

die sozialen medien hingegen sind nicht nur sozial, sondern auch schnell

ein phänomen begleitet das drama um die vor krieg und tod flüchtenden menschen in ganz europa: ob die versorgung mit essen, getränken und hygieneartikeln oder skandalöse übergriffe der behörden wie zuletzt in ungarn: die politik ist gelähmt, die institutionen sind langsam, alles dauert ewigkeiten.

ein nicht zu unterschätzender faktor sind dabei die sogenannten sozialen medien. diese leiten informationen wesentlich schneller weiter, als sich das die traditionellen großinstitutionen und verantwortlichen vorstellen können.

freiwillige zur stelle

beispiel salzburg, 31. august. am nachmittag gegen 15 uhr sendet der grüne europaabgeordnete michel reimon einen tweet mit der info, dass ein mit flüchtlingen überfüllter railjet von wien nach münchen unterwegs ist. innerhalb kürzester zeit haben zuerst etwa 15, später noch viel mehr freiwillige helferinnen und helfer wasser, brot und babynahrung sowie windeln zum salzburger bahnhof gebracht und in den railjet nach münchen gereicht. schnell war klar, dass es so weitergehen wird, also wurde auch für die weiteren züge entsprechend hilfe vorbereitet.

nach auskunft des einsatzleitenden magistratsdirektors martin floss erfuhr die bezirksverwaltung erst um 20.36 uhr von den umständen auf dem salzburger bahnhof, der großteil der helferinnen und helfer des roten kreuzes wurde erst um 1 uhr früh per sms alarmiert. zu einem zeitpunkt, als bereits mehr als hundert private helferinnen und helfer mit massiver unterstützung der öbb für die 1.500 menschen im hauptbahnhof salzburg gesorgt hatten.

fazit: der großalarm der traditionellen hilforganisation wird zehn stunden nach der erstinformation über twitter und facebook ausgelöst. die sozialen medien sind also nicht nur sozial, sondern auch schnell. zu schnell für politik und institutionen, scheint es.

ereignisse in echtzeit

beispiel bicske, 3. september. die ungarischen behörden locken flüchtlinge in einen zug. sie glauben, damit nach westeuropa weiterreisen zu können. der zug wird jedoch in bicske gestoppt, die menschen sollen in ein lager gezwungen werden. was sich dann abspielt, ist kaum vorstellbar. in brütender hitze müssen menschen im zug ausharren, tränengas wird eingesetzt, die presse wird verjagt.

wieder sind es die infos über twitter und facebook, die eine große zahl interessierter in österreich verfolgen, wieder weiß man von direkt aus dem zug oder in der nähe des zuges twitternden menschen über die lage bescheid. doch die österreichischen behörden sind still. eine sofortige diplomatische intervention unserer regierung in richtung ungarn, ein öffentliches auftreten des kanzlers mit der klaren botschaft, dass eine zwangsanhaltung von flüchtenden menschen in zügen oder lagern nicht akzeptabel sei, ein umgehendes offizielles entsenden einer delegation, die sowohl hilfe als auch konkrete verhandlungen mit den ungarischen behörden aufnimmt, das wären mögliche rasche reaktionen gewesen. aber so schnell passiert einmal gar nichts.

fazit: eine große anzahl internetaffiner menschen erfährt praktisch in echtzeit von menschenrechtsverletzungen. für alle menschen, und daher für flüchtende menschen im besonderen, gilt sowohl das recht auf freiheit und sicherheit (artikel 5 menschenrechtskonvention) als auch das verbot von folter (artikel 3). daher sind sowohl das abdrängen als auch das in-die-irre-führen, das zwangsanhalten in lagern, das festhalten in überhitzten zügen und der einsatz von tränengasspray gegen flüchtlinge nicht hinzunehmen. die traditionellen strukturen von regierung, parteien und behörden haben noch nicht einmal die reaktionen überlegt, geschweige den kleinen finger gerührt. die sozialen medien sind schon wieder zu schnell.

es wird zeit, dass die entscheidungsträgerinnen und entscheidungsträger endlich ihr tempo dem leben in echtzeit anpassen und handeln. jetzt. nicht übermorgen. (bernhard jenny, derstandard.at, 4.9.2015)

europa steht vor der entscheidung

grafik bernhard jenny cc by
ist europa ein fleckerlteppich der kleingeister, die sich mit stacheldraht, schlimmer, mit natodraht einigeln und überlebenden aus dem nahen, sehr nahen osten oder sonstwo den zutritt verwehren und damit nur den illegalen weg in die hoffnung offen lassen, der bekanntlich viele in den tod treibt.

oder ist europa eine gemeinschaft, die überlebende mit offenen armen aufnimmt und sie frei über ohnehin nur mehr lächerliche grenzen reisen lässt, um dort wo sie wollen ein neues leben zu beginnen?

ist europa eine zone der menschenrechte und des offenen umgangs miteinander?
oder dürfen die verschiedenen orbans dieser lande lager errichten, in denen menschen zwangsuntergebracht werden?

europa steht vor der entscheidung.
die braunen spüren die chance, das konzept der offenheit zum kippen zu bringen.

europa steht vor der entscheidung.
die zahl derer, die nicht mehr zusehen wollen, dass willkommene herumgeschoben werden, wächst täglich.

grenzen auf oder jedes dorf einigeln.
reisefreiheit oder lager.
selbst nur halbheiten wären ganze schritte zurück.
es braucht echte grundsatzentscheidungen zur wende.
acht jahrzehnte zurück oder mutig nach vorne.

ist europa eine todeszone oder eine zone des lebens. und daher folglich eine zone der überlebenden?

europa steht vor der entscheidung.

update zum vorfall auf dem hauptbahnhof salzburg

ScreenshotORFsalzburg_UPDATE

soeben konnte ich stadt-kripochef andreas huber telefonisch erreichen. das gespräch über den vorfall am dienstag um 4 uhr früh ergibt nun folgendes bild:

oberst huber kann nicht bestätigen, dass es sich bei diesem mann um einen familienvater handelt, er ist nur als der „junge mann mit dem roten leiberl“ bekannt.

die situation sei sehr angespannt und emotional gewesen, der einlass in den überfüllten zug musste irgendwann gestoppt werden (was verständlich ist).

lt. oberst huber hat „dieser junge mann“ sich in seiner verzweiflung auf den zug gehängt, hat versucht die lok zu erklettern und ist dann – „da man nicht übermässige gewalt anwenden wollte“ – dem zug nachgelaufen.

huber hat ihm – nachdem der mann zum bahnhof zurückgekehrt war – seinen rucksack wieder ausgehändigt und er ist „sicher mit dem nächsten zug“ nach münchen weitergereist, zumindest sei das zu vermuten, denn es sei „niemand übriggeblieben.“

„wie gesagt, ich weiss nicht, ob der ein familienvater ist,“ meint oberst huber, „soviel ich das mitbekommen habe, hat der herr pötzelsberger vom ORF das ziemlich übertrieben dargestellt.“

polizeiskandal: verzweifelter vater läuft zug hinterher

erst bei der sichtung der berichterstattung über die vorfälle mit den aus syrien flüchtenden menschen auf dem salzburger hauptbahnhof am montag musste ich entdecken, dass der orf zeuge einer unglaublich unmenschlichen amtshandlung der polizei wurde.

bei der abfahrt eines zuges richtung münchen darf ein familienvater nicht mehr zu seiner familie in den zug steigen und wird gewaltsam von den beamt_innen (einsatzleiter andreas huber) am einsteigen gehindert. diese art von umgang mit menschen, noch dazu mit schwer von krieg und flucht traumatisierten, ist untragbar! der verzweifelte vater läuft auf offenen schienen dem abfahrenden zug hinterher.

der kommentar von tobias pötzelsberger: „er läuft los. aber er weiss vermutlich selbst nicht wohin. ja das sind bilder die durch mark und bein gehen.“

zu diesem zeitpunkt war ich selbst am anderen ende des bahnsteigs mit einer mutter und ihrem auf der flucht geborenen kind beschäftigt. ich bin entsetzt, was hier vorgefallen ist.
ich fordere dringenst aufklärung

  • ob und in welcher weise die verantwortlichen der polizei, des magistrats oder des roten kreuzes diesem familienvater zu hilfe gekommen sind und
  • ob gesichert ist, dass er seine familie wieder gefunden hat.

oder wurde am ende der familienvater ohne weitere schritte wirklich seinem schicksal überlassen?

dann wäre es ein veritabler

polizeiskandal: verzweifelter vater läuft zug hinterher

ps. wie schon gestern berichtet, ist in der nacht auf dienstag sehr viel schief gelaufen. positiv muss hier unbedingt erwähnt werden, wie sehr die mitarbeiter der öbb unsere hilfsaktion vom ersten moment an spontan unterstützt haben. danke erich rattensberger und co.!!!

pps. warum mir martin floss als magistratsdirektor auf meine frage, was er denn hier auf dem bahnhof unternehme, einfach antwortet: „ich bin genauso freiwillig hier, wie sie auch“, obwohl er einer der verantwortlichen einsatzleiter war, mag wohl nur er selbst verstehen. warum er meine kritik daran, dass hier viele, sehr viele kinder und babys vor hunger schreien und das rote kreuz kein essen mitgebracht hätte, und wie er da zusehen könne, mit „sie sprechen jetzt wohl auch nur für ihre eigene psychohygiene“ bleibt nicht wirklich ein rätsel. es zeigt die haltung.

der gestrige tag hat vieles verändert.

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der gestrige tag hat in uns vieles verändert. sehr vieles. als wir über michel reimon und robert misik vom ersten zug aus ungarn richtung münchen erfuhren und wussten, dass die willkommenen aus syrien und anderen ländern wohl dringend das nötigste brauchen werden, war uns klar, wir lassen alles liegen und stehen und fahren richtung salzburger hauptbahnhof.

es war sehr schön, dort viele bekannte gesichter zu sehen, viele kauften spontan wasser, babynahrung und obst ein. es war beeindruckend, wie schnell in kürzester zeit hier freiwillige helfer_innen aktiv wurden.

zu diesem zeitpunkt ahnten wir bereits, dass dieser zug wohl nicht der einzige sein wird, schnell war klar, es kommen weitere züge und in der nacht wird die situation zusätzlich schwieriger werden, weil dann weit über 1000 menschen auf dem hauptbahnhof stranden werden, denn die früheste weiterreise nach deutschland war dann erst wieder ab 4 uhr früh möglich.

die öbb teilte uns schnell mit, dass wir – die rasch wachsende zahl an freiwilligen helfer_innen aus verschiedensten richtungen – nun auch obst und wasser auf rechnung der öbb im supermarkt kaufen könnten, um diese für die versorgung der willkommenen vorzubereiten.

mit jedem eintreffenden zug wurde der bahnhof voller und voller, gegen mitternacht waren dann wohl zwischen 1000 und 1300 menschen im und vor dem bahnhof: frauen, männer, jugendliche, kinder und babys.

manche kinder schrieen vor hunger, andere waren krank; als die essensvorräte aufgebraucht waren wurde die situation fast unerträglich. kinder bedrängten uns um essen, gaben uns zu verstehen, dass sie hunger haben, jede eintreffende spende von menschen, die via facebook mitbekommen hatten, was am bahnhof abgeht, verflüchtigte sich innerhalb von sekunden wie die nicht nur sprichwörtlichen „warmen semmeln“.

martina berthold als zuständige landesrätin war vor ort und konnte erreichen, dass vom merkur wenigstens ein lastwagen mit babynahrung und brot eintrifft, denn das inzwischen auch eintreffende rote kreuz war ohne essen angerückt. in mehrfachen diskussionen mit dem einsatzleiter war die lapidare auskunft immer wieder „wir tun unser möglichstes“, was schliesslich nach stunden auch in der anlieferung eines (!) teekessels mündete, mit hagebutten tee. dass menschen aus syrien eher schwarztee trinken würden, war wohl nicht bekannt.

nicht nur wir, sondern auch andere freiwillige helfer_innen bekamen den eindruck, dass genau diejenigen, die bis zum eintreffen des roten kreuzes den „versorgungsbetrieb“ gemeinsam mit der öbb geschaukelt hatten wohl „im weg stünden“ und lieber nachhause fahren sollten.

es ist nicht zu verstehen, warum in einer solchen situation ein rotes kreuz mit leeren händen anrückt, wenn der lkw via martina berthold nicht gewesen wäre, hätte es einen kessel tee gegeben. auch medikamente waren keine vorhanden, zahlreiche hilfesuchende, die uns ansprachen wie zb. nach antibiotika oder asthma-medikamenten gingen leer aus.

auf zugegeben heftig geäusserte alarmierungen, dass hier zahlreiche kinder vor hunger schreien, antwortete der einsatzleiter, dass für die ernährung das rote kreuz nicht zuständig wäre, „erst wenn ein kind dehydriert ist oder sonst deutliche mangelerscheinungen zeigt“, dann wären sie zuständig. wie bitte???

insgesamt waren wohl die anwesenden magistratshoheiten und die leitung des roten kreuzes zumindest überfordert, das aufstellen von feldbetten um 1 uhr früh, zu einem zeitpunkt, wo sich die meisten der willkommenen bereits auf blankem boden hingelegt und viele bereits eingeschlafen waren, entbehrt nicht eines gewissen aktionismus, der in presseberichten natürlich gut ankommt.

die mitarbeiter_innen der roten kreuzes beschränkten sich auf eine präsenz in einem bestimmten sektor des bahnhofes, die sanitäter_innen gingen keineswegs durch die menschenmassen durch, um herauszufinden, wer hilfe benötigt, es waren wieder die freiwilligen helfer_innen, die menschen zur hektisch eingerichteten „versorgungsstation“ bringen mussten, obwohl dort – wie gesagt – ohnehin keine medikamente vorhanden waren.

wir müssen lernen. ein solches bild der unzulänglichkeit darf sich nicht wiederholen. es ist die pflicht der zuständigen behörden, in solchen situationen mit augenmass und professionell vorzugehen. es gibt katastrophen (wie erdbeben), die sich überhaupt nicht ankündigen, da sind reaktionszeiten verständlich. warum die letzten einsatzkräfte des roten kreuzes nach eigenen angaben erst um 1 uhr per sms alarmiert wurden, obwohl bereits spätestens seit nachmittag voraussehbar gewesen war, wieviele menschen auf ihrem weg aus dem tod in das leben in salzburg vorübergehend landen werden, ist nicht zu verstehen.

es kann nicht sein, dass eine facebook/twitter-community mit fast einem halben tag vorsprung vor den offiziellen einsatzkräften reagieren muss und das niemanden zum nachdenken bringt.

hier werden die verantwortlichen und wir alle lernen müssen.

über die menschlichen begegnungen und eindrücke wollen wir gesondert noch berichten, jetzt geht es wohl darum, zu recherchieren, wie es mit den willkommenen weitergeht.

die bilder der angst, der hoffnung, der begegnung und des austausches, die augen, die auf ein einfaches „welcome“ entgegenstrahlen, das ein monat alte – auf dem fluchtweg geborene – kind, alle diese bilder sind unauslöschlich in unserem gedanken eingebrannt.

der gestrige tag hat vieles verändert.

cristina colombo und bernhard jenny