asylgesetzentwurf: kinder mit eltern ins gefängnis oder ohne eltern ins heim

demo kinder gehören nicht ins gefängnis - daniel weber (creative commons)

einen besonders fiesen passus hat das team der salzburger kinder-und jugendanwaltschaft (kija) im entwurf für das neue asylgesetz entdeckt. dort ist folgende ergänzung des § 79 vorgesehen:

„Wenn Fremde in Schubhaft angehalten sind, ist ihnen auf ausdrückliches und nachweisliches Verlangen das Begleiten von ihnen zur Obsorge anvertrauten Minderjährigen zu gestatten. Andernfalls obliegt die Obsorge über den Minderjährigen ab dem Zeitpunkt der Inschubhaftnahme für die Dauer der Anhaltung dem jeweils örtlich zuständigen Jugendwohlfahrtsträger. Im Falle des Begleitens gelten die Regelungen aus der Hausordnung sinngemäß für die Minderjährigen.“

im klartext: menschen, die in schubhaft kommen, sollen künftig mittels unterschrift darüber entscheiden, ob ihre minderjährigen kinder ins schubhaftgefängnis sollen oder die eigenen kinder in heime – fern von ihrer mutter, ihrem vater oder ihren eltern – der familiären obsorge entzogen werden sollen!

es soll wohl versucht werden, die „optik“ ins rechte lot zu drehen, denn die folge dieses passuses wäre, dass „kinder im gefängnis“ dann immer auf ausdrückliches verlangen der eltern in haft sitzen, also wird auch die verantwortung auf die eltern geschoben. und wenn die kinder ihren eltern entrissen werden, so sind indirekt auch die eltern „schuld“, weil sie nicht eingewilligt haben, dass ihre kinder ins gefängnis kommen sollen.

das ist nicht nur kinderrechtswidrig und menschenunwürdig, das ist gröbste seelische verletzung von kindern unter ausspielung der eltern, die ohnehin in schwerster bedrägnis sind und unter stress stehen.

kinder gehören weder ins gefängnis, noch in anhaltezentren oder sonstige zwangslagen. kinder dürfen niemals von ihren eltern getrennt werden, es sei denn, diese handelten gegen das wohl der kinder.

die begutachtungsfrist für dieses gesetz endet am freitag. es macht daher sinn, möglichst viele protestmails an das büro unserer unausprechlichen politborderlinerin ministerbuero@bmi.gv.at zu senden, in dem wir dringend die ersatzlose streichung des §79 abs.5 aus dem asylgesetznovellierungsentwurf fordern!

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foto: demo kinder gehören nicht ins gefängnis – daniel weber (creative commons)

brutale polizeigewalt bei abschiebungsflug

der letzte woche abgeschobene vincent ifeanyi aus nigeria berichtet in einem mir vorliegenden email an ursula omoregie (verein schmetterlinge) von schweren übergriffen der polizei während des deportationsfluges von wien via malta nach lagos (nigeria).

vincent ifeanyi 2008

offensichtlich wurde ein junger schubhäftling während des fluges nicht nur brutal gefesselt, sondern brutal geschlagen und gewürgt.

zitat:

… they were 3 police men who was attacking him, in the plane, he told them to loose the rope they tie on him, he was shouting that they should loose the rope from him that he is not an animal but they beat him up, he was crying and shouting but they did not loose the rope, the police hold him on his throat forcing is head down

vincent berichtet, dass andere passagiere im flugzeug einer italienischen fluggesellschaft heftig gegen die brutalen übergriffe der polizisten protestiert hätten.

weiters gibt der abgeschobene an, dass eine frau, die er als „human rights activist“ bezeichnet (anm. vom „verein für menschenrechte“???) und die der polizei bekannt war, den flug begleitete. die soll das alles mitangesehen haben, daher könnte sie wohl auch von den vorfällen berichten …

„… if she can say the truth.“

einmal in nigeria angekommen, werden die abgeschobenen ihrem schicksal überlassen.

„when they get to Nigeria the Austria police and other police from the EU country did not come down from the plane they will just tell us to see the Nigeria custom and they tell us to get down.. that is how we all get down without the reason for our deportation…“

brutale repression und polizeigewalt ist immer bedenklich. aber dort, wo selten zeugInnen berichten, wo das licht der öffentlichkeit die szenerie nicht ausreichend ausleuchtet, wäre es umso wichtiger, dass derartige vorfälle von wirklich unabhängigen genauestens untersucht werden. allerdings müssen wir uns die frage stellen, ob es die „wirklich unabhängigen“ noch gibt.

der beweis sollte dringenst angetreten werden.

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dazugehörende blogeinträge
21.1.2011
20.1.2011
19.1.2011

abgeschobener meldet sich aus nigeria

vincent ifeanyi wurde diese woche abgeschoben. er konnte sich mit ursula omoregie in verbindung setzen und über die vorgänge berichten. eine abschiebung. ohne heimreisezertifikat. aber mehrfache demütigung inklusive.

das foto zeigt vincent ifeanyi im sommer 2008 nach einem sprung aus dem brennenden asylheim in klagenfurt. die untersuchungen bzw. verfahren diesbezüglich laufen zwar noch, aber die betroffenen sollten trotzdem diese woche abgeschoben werden. (bericht standard, blogeintrag hier und update hier)

joel ojienelo sprang in panik aus dem fenster und liegt seither im krankenhaus, sein freund vincent ifeanyi wurde mit einem frontex flug in der nacht von mittwoch auf donnerstag abgeschoben. hier sein bericht:

vincent ifeanyi nach dem sprung aus brennendem asylheim in klagenfurt 2008

Am Dienstag 18.01. um 8:00 früh war ich im Badezimmer, als ich jemanden im Zimmer hörte. Es waren Polizisten, die ins Zimmer gekommen waren. Sie fragten mich, wo mein Mitbewohner ist? Ich antwortete ihnen, das ich das nicht weiß, weil ich gerade erste in die Wohnung gekommen bin, später sagten sie mir, dass er im Krankenhaus ist.

Sie forderten mich auf meinen Paß vorzuzeigen. Ich antwortete ihnen, dass ich keinen besitze, nur meinen Meldezettel, diesen gab ich ihnen und sie nahmen ihn an sich. Die Polizisten sagten mir, ich muß mit ihnen zur Polizeistation kommen, sie fuhren mit mir zur Schubhaft am Hernalsergürtel ! Sie sagten mir, dass ich ein Interview hätte, weil ich illegal im Land bin. Es wurde mir gesagt, dass ich bereits eine Zahlungsaufforderung von 4.000 € erhalten habe und dies in bar bezahlen sollte. Ich habe geantwortet, dass ich geschrieben habe, daß ich das nicht bezahlen kann. Der Beamte Herr F. sagte mir, dass ich morgen noch ein letztes Interview haben werde, ich solle kurz warten.

Herr F. sagte mir dann: „geh nachhause und pack´deine Sachen. Aber vorher musst du noch unterschreiben, dass du mit deiner Abschiebung einverstanden bist!“ Ich sagte, dass ich nichts unterschreiben werde, daraufhin wurde ich mit Handschellen abgeführt und in eine Einzelzelle gesperrt. Später wurde ich in die Rossauerlände ins Gefängnis gebracht und wieder in einer Einzelzelle eingesperrt. Dort blieb ich bis zum nächsten Morgen bis ich aus meiner Zelle geholt wurde zu einem Interview.

Ich wurde informiert, dass ich abgeschoben werde! Ich habe gesagt, dass ich nicht nach Nigeria zurück kann und nicht freiwillig reisen werde. Niemand hat darauf reagiert, stattdessen wurde auf einer Liste mein Name gesucht. Weil ich nicht auf der Liste stand, hat ein Beamter meinen Namen mit Kugelschreiber unten auf der Liste hingeschrieben. Ich habe kein Heimreisezertifikat für mich gesehen und nichts unterschrieben.

Bevor ich mit dem Bus am Mittwoch 19.01.um 15:00 zum, Flughafen gebracht wurde, musste ich mich dreimal komplett nackt ausziehen.

Wir waren 15 Personen, die abgeschoben wurden, eine Frau und eine Mutter mit Kind. Viele von uns waren viele Jahre in Österreich und einem wurde das Visum aberkannt, auch er musste nach Nigeria fliegen.

Ich bin jetzt in Nigeria/Lagos und weiß nicht, was ich hier tun soll. Ich habe nichts, nur mein Leben! Ich denke das alles ist nur ein Traum und ich werde wieder aufwachen und wieder mit Joel zusammen sein wie bis zum Dienstag in der Früh!

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anmerkung: ursula omoregie berichtet von joel, jenem freund von vincent, der nach seinem fenstersprung im krankenhaus liegt, dass er heute ein gipskorsett erhalten hat, das er nun einige wochen tragen muss. er muss wegen seiner schmerzen behandelt werden und bedauert sehr, dass sein freund vincent so weit weg ist.

regierung hält menschenrechte für teilbar

foto: daniel weber (flickr, creative commons)

es ist nun doch passiert. die regierung hat es gemeinsamen mit den braunen zusammen gebracht, sich ein paar kinderrechte herauszusuchen, die gelten dürfen, während andere – unverzichtbare – teile der kinderrechte einfach nicht in das nationale gesetz übernommen wurden.

einer der gründe ist wohl die tatsache, dass andernfalls, hätte die regierung die vollen menschenrechte akzeptiert, viele praktiken der deportationsrepublik nicht mehr möglich wären. amtswegige kindesmisshandlung vom schreibtisch aus ebenso wie von brutalen rollkommandos wären nicht mehr möglich. sollten sie ohnehin nicht sein, aber das verstecken hinter dem gesetz ist den täterInnen weiter leicht möglich.

hier passiert grundsätzliches. von den vereinten nationen für alle kinder dieser welt formulierte grundrechte gelten in österreich eben nicht in vollem umfang. das ist jetzt amtlich. es ist geradezu zynisch, wenn der heutige beschluss als die einführung von kinderrechten bezeichnet wird. denn das gegenteil ist fakt.

die regierung hält die menschenrechte damit für teilbar. es gibt rechte, die können und dürfen gelten, andere rechte gelten speziell für bestimmte kinder sicher nicht.

wer glaubt, menschenrechte nur fakultativ gelten lassen zu können, hat entweder grundsätzliches nicht erfasst oder vergeht sich bewusst am wesentlichen.

wir sollen glauben, dass die menschenrechte an rahmenbedingungen und sonstige variablen gebunden sind, also nicht immer und überall für alle gelten.

ist eine der grössten kulturleistungen unserer zeiten zu gross für spatzenhirne?

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foto: daniel weber (flickr, creative commons)

update: besuch bei joel

ursula omoregie (verein schmetterling) besuchte heute jenen mann, der gestern aus verzweiflung aus dem fenster gesprungen war, im krankenhaus. hier ist ihr bericht:

Besuch bei Joel im Krankenhaus:

Er ist seit heute Vormittag schmerzfrei! Sein rechtes Bein ist eingegipst und morgen erhält er ein Gipskorsett. Er hat sich beim dem Sprung aus dem Fenster dasselbe Bein wieder gebrochen wie damals 2008 als er vor dichtem Rauch und Feuer flüchtetet und aus dem Fenster des Asylheimes (in Klagenfurt, Anm.) gesprungen war. Auch an der linken Hand und Mittelfinger (Prellung und Zerrung) hat er sich verletzt bei seinem Sprung in die „Freiheit“ vor den Augen der Polizisten.

Er hat geschlafen und gedacht als es klopfte, dass sein Freund Vincent zurückgekommen ist, der nur kurz einen Freund treffen wollte und zehn Minuten vorher die Wohnung verlassen hatte. Es standen zwei Polizisten vor ihm die mit lauter Stimme riefen: “Bist du Joel, you go to Africa!“

Er konnte an nichts anderes denken, als nur weg, weil seine Angst war zu groß, er lief durch das Zimmer, öffnete die Balkontür und sprang und lief und lief. Er bemerkte die Schmerzen in seinem Bein nicht, dann dachte er wovor laufe ich davon? Er setzte sich nieder und rief: „police i am here“! Es kamen mehrere Polizisten auf ihn zu, Verstärkung war gerufen worden! Joel hat sie gebeten die „ambulance“ zu verständigen.

Dann schlief er ein und erwachte im Krankenhaus !

Nun wird auch die Erinnerung an seinen letzten Sprung wieder realer und er sagt:“my brain is not so correct! I cannot remember all of the past!“

Was für ihn auch ein Schock war und ihn traurig macht, dass sein Freund Vincent, der auch mit ihm in Klagenfurt aus dem Fenster gesprungen ist heute in der Früh abgeschoben wurde, nun weit weg in Nigeria ist. Er sagt:“ Vincent war damals schwerer verletzt als ich, er hatte sich die Rippen gebrochen und eine Rückenwirbelverletzung! Jetzt geht es ihm wieder nicht gut!“

Joel sprang nun zum zweiten mal aus dem Fenster um einer Gefahr und Bedrohung seines Lebens zu entgehen, dieses mal war es die Polizei und geplante Abschiebung. Es stellt sich die Frage: worin liegt der Sinn und Zweck, dass Joel zweimal sein Leben riskiert hat? Er konnte nicht anders und hatte keine Wahl!

hier der dazugehörige blogeintrag von gestern.

schluss mit der deportation!

wieder einmal erreichen uns unglaubliche nachrichten aus der welt der deportationen. nicht nur, dass heute bekannt wurde, dass eine von menschenhändlern bedrohte frau nun die tatsache, dass sie zur polizei ging, mit der abschiebung in absolute lebensgefahr bezahlen soll. (der standard)

ursula omoregie vom verein schmetterling berichtet ebenso erschütterndes:
am montag früh kam die polizei in die wohnung am kabelwerk (von frau bock! ) und wollte herrn joel ojienelo in schubhaft nehmen. dieser sprang geschockt aus dem fenster im 4. stock! nun ist herr ojienelo im UKH meidling mit fersenbeinbruch und wirbelsäulenverletzung !

die polizisten gingen noch einmal zurück und brachten george vincent ifeany in die schubhaft rossauerlände. er soll morgen früh nach nigeria abgeschoben werden.

beide sind aus klagenfurt gekommen, weil sie in jenem flüchtlingsheim waren, welches aufgrund möglicher brandstiftung gebrannt hat! beide sind damals aus dem fenster gesprungen und haben sich damals schwer verletzt und leiden an den folgeschäden!

die deportationen müssen ein ende haben!
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BREAKING NEWS:

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17:30 offensichtlich weil die polizei mitbekommen hat, dass protestaktionen stattfinden sollen, wurde vincent ifeany bereits auf den flughafen schwechat verbracht! er hat bereits kein telefon mehr und kann nicht mehr mit uns kommunizieren!

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20:00 inzwischen häufen sich auf twitter die infos, dass offensichtlich der deportationsflug um 1 uhr nachts von schwechat abfliegen soll. manche berichten von ca. 30 betroffenen schubhäftlingen, ist aber nicht verifiziert.
auch zu einkesselungen einer gruppe von demonstranten war am abend gekommen. manche berichten von brutalen polizeiübergriffen. repression soll deportation schützen.

familienvater wird ins ausland gezwungen

unfreiwillig freiwillig??

nein er ist nicht abgeschoben worden. fuat r. aus mazedonien musste heute seine frau (österreicherin, mit der er seit 6 jahren verheiratet ist) und ihre 5 kinder allein in salzburg zurücklassen. die erzwungene „freiwillige“ ausreise ist ihm nicht erspart geblieben, obwohl zahlreiche menschen sich aufgrund der berichte über fuat r. mit ihm solidarisch gezeigt hatten. (hier der ursprüngliche bericht)

er selbst hofft, dass alle vereinbarungen, die sein anwalt mit den behörden getroffen hat, halten und er in kurzer zeit wieder nach österreich zurückkommen und wieder arbeiten darf und dann die 7köpfige familie hoffentlich ein normales leben führen kann. um diese vereinbarungen nicht zu gefährden war fuat r. dann letztlich bereit es nicht auf die angedrohte zwangsabschiebung (samt 18 monaten wiedereinreisesperre) ankommen zu lassen und die reise ins ungewisse anzutreten, in der verzweifelten hoffnung, bald wieder seine frau und kinder in die arme schliessen zu können.

heute früh musste sich am salzburger flughafen die familie von ihrem vater verabschieden. tränen fliessen, kinder weinen, die grösseren haben stress, weil sie erahnen, welche belastungen auf den vater warten, die kleinen können nicht verstehen, warum der vater sie gegen seinen willen verlassen muss.

so gehen wir mit menschen um, die nach grossen schwierigkeiten sich mühevoll ein leben aufbauen und versuchen, aufrecht durchzukommen. wir werfen ihnen nicht nur prügel zwischen die füsse, wir versenden sie mal kurz so hinter alle möglichen grenzen, um der bürokratie genüge zu tun.

paragrafen zählen mehr als ein familienleben.