aus gegebenem anlass: überfordert veränderung?

illustration: bernhard jenny cc by nc

silvia jelincic hat viele eingeladen. sehr viele. ihr schwebt unter dem namen „fisch+fleisch“ eine plattform der vielfalt, eine sehr diverse, niederschwellig strukturierte blogplattform vor, die genau durch diese buntheit lebendig und spannend wird. zugegeben, ich war mir auch nicht sicher, ob ich dort beiträge einbringen möchte, aber nachdem ich freundlich und wertschätzend eingeladen wurde, veröffentliche ich dort auch einmal pro woche. und erreiche dadurch neue leser_innen für meine themen.

fisch+fleisch? da haben mich schon manche angesprochen, warum ich denn ausgerechnet dort auch schreibe. dass diese plattform so seltsam sei. ich entgegnete darauf immer, dass ich diesem projekt gerne eine chance gebe, weil es erfrischend offen schreibende verschiedenster art auf einer plattform verbindet. und dieses experiment interessiert mich. natürlich ist das ein wagnis. vielfalt und buntheit kann in bestimmten situationen sehr bereichernd und wertsteigernd sein, manchmal aber auch die leser_innen überfordern oder im schlimmsten fall langweilen. darüber ist eine diskussion ausgebrochen, der sich silvia jelincic stellt. (siehe beitrag)

aber ist es wirklich fair, angesichts einiger „schräger“ artikel gleich die identität der plattform damit zu verknüpfen?

zitat aus ingrid brodnigs glosse „kraut und lügen„: „Das Blog fischundfleisch.at fällt mit wirren Texten von Impfgegnern und Esoterikern auf.“

ingrid brodnig scheint in ihrer glosse im profil zu meinen, dass „meinungsfreiheit“ etwas sei, das die gesellschaft insgesamt sicherzustellen hat, aber nicht als argument für das zulassen einer (mitunter auch durchaus schrägen) vielfalt gelten könne. sie wertet dann das zulassen von artikeln von „verschwörungstheoretiker_innen“ gleich als mangelnde (journalistische?) haltung der gründerin der site und wertet die plattform als „schmuddelblog“ ab.

ist es wirklich so schnell gegangen? da ist eine bekannt differenziert schreibende und gefühlvolle kennerin der social media welt gerade vom falter ins profil gewechselt, und schon wird aus dem magazin heraus gedisst? eine differenziertere diskussion wäre wünschenswert, die ohne verallgemeinerungen und untergriffe auskommt.

meinungsplattformen werden sich – wie die gesamte medienlandschaft – ultraschnell verändern. die dynamik wird eine andere, die durchmischung, wer wo und wie sich artikuliert (oder sich artikulieren darf) verändert sich und der gesamte prozess des gesellschaftlichen diskurses durchläuft das spannungsfeld zwischen notwendiger strukturiertheit und möglichst breiter offenheit. diesen veränderungen stellen sich experimente wie „fisch+fleisch“ zumindest mutig und engagiert.

das mag manchen zu schnell gehen. oder auch die geduld strapazieren. es ist kein thema für schwarz-weiss-malerei. es gibt kein 100% richtig oder 100% falsch. es ist ein entwicklungsprozess, dem wir uns gemeinsam stellen könnten. um veränderung zu gestalten und ihr nicht passiv ausgesetzt zu sein.

eine professionelle haltung gegenüber veränderungen wäre gefragt.

überfordert veränderung?


dieser artikel ist am 1.3.2015 auf fisch+fleisch erschienen und auch dort aufrufbar:
https://www.fischundfleisch.at/medien-jetzt-ich/ueberfordert-veraenderung.html

sbsmCamp: „wie politisch sind social media?“ …eine pecha kucha session

vorgeschichte: ein beachtenswertes handbuch über „soziale bewegungen und social media“ entsteht im netz, wird papier, wird in einer buchhandlung präsentiert, wird aber auch online verfügbar und hat unmittelbare folgeerscheinungen. eine davon ist das #sbsmCamp, welches am 19. und 20.oktober in wien stattfindet.
http://camp.sozialebewegungen.org/

sbsm_banner_camp

im rahmen dieses sbsmCamps möchte ich gemeinsam mit euch folgende frage beleuchten:

wie politisch sind social media?

bewegungen nach links, rechts, oben oder unten…

eine PECHA KUCHA SESSION soll das #sbsmCamp um verschiedene impulse bereichern. als organizer von PECHA KUCHA NIGHTs (in salzburg) lade ich alle interessierten ein, sich einmal diesem spannenden format zu unterwerfen – es kommt überraschend kreatives raus!

die regel ist denkbar einfach und heisst:
20 folien (bilder, slides) á 20 sec.
das bedeutet, jeder vortrag dauert exakt 6:40

am do, 20.okt 13.00 bis 14.30 würde ich das format zu dem thema auf diesem camp gerne ausprobieren.

ich darf euch alle einladen, eine präsentation nach diesen regeln vorzubereiten und in die session mitzubringen. auch wenn spontane vorträge möglich sein werden, ist uns allen sehr damit gedient, wenn ihr euch kurz bei mir voranmeldet! das thema «wie politisch sind social media?» ist jedenfalls vielschichtig und divers zu beleuchten!

nach den präsentationen soll noch zeit zum weiterdiskutieren und querdenken sein.

wer grundsätzlich mehr über pecha kucha nights wissen will,
kann hier nachlesen:

pecha kucha salzburg,
pecha-kucha.org oder auch
im manual des #sbsm handbuchs, wo pecha kucha im beitrag zu den partizipative veranstaltungen erwähnt wird.

freue mich auf viele 6:40 HOCHPOLITISCHE vorträge!
(bitte präsentationen auf usb-stick mitbringen)

noch besser vorab an mich:
bernhard@jennycolombo.com (betreff #sbsmCamp)
0664 4314481
facebook.com/bernhardjenny
twitter.com/bernhardjenny

der blinde fleck im web 2.0 oder wie sozial ist social web?

blinderfleck

sie sind wirklich faszinierend: die möglichkeiten des web 2.0 sind überraschend und schnell wachsend. weltweit nutzen mehrere hundert millionen täglich das web 2.0, wodurch das internet nun endgültig zum medium der massen wird.

ob facebook, xing, vimeo, youtube, flickr oder all die blogs, wikis und sonstigen plattformen zur virtuellen vernetzung, verlässlich wächst die zahl meiner kontakte, freundInnen, friends, followers und wie sie sonst noch heissen mögen.

von „falschen freundInnen“, also solchen, die sich mit einer falschen identität an nichts ahnende freundInnen heranmachen, bis zum freudigen virtuellen wiedersehen mit lang nicht mehr gesehenen verwandten und bekannten ist die palette der kontaktqualitäten weit gestreut. inzwischen ist es fast schon gewohnheit, neue – soeben in der realen welt kennengelernte menschen – so schnell wie möglich auch virtuell zu „adden“, also mindestens einer, wenn nicht gleich mehreren listen der virtuellen freundInnen hinzuzufügen. reizvoll, wenn die digitale verknüpfung reale auswirkungen hat, wenn sich interessensgemeinschaften nach virtuellem kennenlernen auch real treffen oder gemeinsam reale aktionen setzen.

im „plädoyer für die sozialen medien im internet“ steht zu lesen:

„Gesellschaften brauchen Öffentlichkeiten. Zum Austausch von wichtigen Informationen, zur Auseinandersetzung über strittige Meinungen, zur Vermittlung unterschiedlicher Interessen. Öffentlichkeiten stiften Identitäten und erzeugen Differenzen; sie sind Orte des Zusammenfindens und der Abgrenzung zugleich: gerade auch die des Web 2.0. Die digitalen Öffentlichkeiten im Web 2.0 bereichern die plurale Vielfalt unserer Gesellschaft. Und das ist gut so.“ (quelle: http://is.gd/5109F)

dem kann ich zwar zustimmen, aber wir sollten eines nicht übersehen:
bei aller vielfalt der kontakte, bei aller buntheit der vernetzung, bei aller faszination über das tempo, in der meinungen ausgetauscht und eingeholt werden können, dürfen wir nicht vergessen, dass es immer noch viele, sehr viele menschen in unseren gesellschaften gibt, die an dieser vernetzung nicht teilnehmen (können), ihre möglichkeiten nicht kennen und daher in diesem bereich nicht nur nicht partizipieren, sondern diese auch kaum einfordern werden (können).

nicht gemeint sind hier jene, die zwar jederzeit die möglichkeit hätten, sich digital zu vernetzen, dies aber – aus welchen gründen auch immer – nicht tun wollen. diesen menschen ist es durchaus möglich, einzuschätzen, welche folgen ihre entscheidung hat, wo sie daher nicht involviert sind.

aber es gibt zwei gruppen, die wir nicht im „blinden fleck“ des web 2.0 aus unserem blickfeld verlieren dürfen:

  • jene, die sich zwar gerne am „hype“ der social media beteiligen würden, aber aus materiellen gründen nicht können. es gibt sie nicht nur in fernen ländern, sondern auch in unseren gesellschaften, sie werden aber häufig übersehen.
  • und dann jene, die nicht nur materiell kaum zugang haben, sondern auch keine kenntnis über jene welt, die – weil virtuell – für sie unsichtbarer bleibt als die villen reicher stadtbewohnerInnen für die armen der vorstadtviertel. sie wissen wenig bis nichts über das web, sie ahnen nicht, welche prozesse dort stattfinden und sie werden nicht auf die idee kommen, dort ihren platz einzufordern.
  • wir werden also ein besonderes „schnittstellen-management“ brauchen, zwischen denen, die selbstverständlich dabei sind, und jenen, die erst ihre grundbedürfnisse einigermassen regeln müssen, bevor sie sich selbst in unsere vernetzungen einbringen können. bis dahin müssen wir uns der lücken unserer netze bewusst sein.

    es gibt auch ermutigende beispiele, wo sozialprojekte bewusst die webpräsenz von menschen, die am rande unserer gesellschaft leben, fördern. aber es ist die aufgabe von uns allen, den „blinden fleck“ des web 2.0 nicht zuzulassen und bei allen neuen wegen der vernetzung und allen scheinbar flachen hierarchien niemals zu vergessen, dass genau jene, die wir hier nicht sehen, unbedingt sichtbar bleiben müssen. im „real life“ ebenso, wie auch hier in der virtuellen welt.
    in der virtuellen welt vergessen zu werden hätte ganz reale konsequenzen, die wir nicht zulassen dürfen.

    we are what we share

    in vielen diskussionen und gesprächen der letzten wochen und monate begleitet mich
    die grundidee „we are what we share!“

    wir erleben vermutlich gerade sehr spannende veränderungen in der welt der kommunikation – hierarchische und zentral gesteuerte modelle werden von breiten vernetzungen und offenen systemen überholt, abgelöst oder zumindest relativiert.

    selbst jene, die bis vor kurzem „twitter“ für alles mögliche, nur nicht für eine kommunikationsplattform für jedeN gehalten hätten, haben in den letzten tagen erfahren, dass zensur und propaganda durch echtzeitberichte via twitter unterlaufen werden können. information wird nicht mehr nur zentral in redaktionshäusern produziert, information entsteht immer und überall, wo du oder ich es für berichtenswert, für weiterverbreitbar und relevant halten.

    genau hier scheiden sich immer wieder die geister: einer der häufigsten vorwürfe gegenüber den neuen möglichkeiten der individuellen berichterstattung („broadcast yourself“) heisst, dass jetzt niemand mehr entscheiden würde, was für die allgemeinheit relevant sei und was nicht.

    doch sollten wir es wirklich weiterhin nur den mehr oder weniger (fern)gesteuerten redaktionen der grossen massenmedien überlassen, zu filtern, welche information uns zuträglich, nützlich oder zumindest zumutbar ist und welche nicht?

    selbstverständlich gibt es sie noch: die redaktionen, die hervorragende recherche und informative verarbeitung hochkomplexer themen leisten. solche medien zu lesen, ist immer wieder ein gewinn, weil sie wesentlich mehr bieten, als eine mehr oder weniger zufällige auswahl von agenturmeldungen. aber es gibt eben auch jene redaktionen, die täglich genug gründe liefern, warum ungefilterte (daher auch sehr subjektive) informationen die unvergleichlich bessere alternative sind.

    information wird in unserer (wirtschafts)kultur sehr oft so begriffen, dass im zurückhalten, geheimhalten und exklusiv für sich nutzen der eigentiche wert der information besteht. hier gilt: ich behalte meine information zu meinem nutzen, sage sie dir nicht weiter, selbst wenn dir dies schaden könnte.

    open source, copyleft und creative commons sind der beginn eines neuen umgangs mit information. durch weitergabe, verbreitung und gemeinsames nutzen von information steigt hier der wert zu einem mehrwert, weil oft mit(einander)geteilt. twitter, flickr, vimeo und youtube u.a. ermöglichen es vielen, informationen schnell weiterzugeben und damit ihre eigenen, persönlichen blickwinkel der allgemeinheit anzubieten.

    das prinzip des austausches auf gleicher augenhöhe, das teilen von informationen und das gemeinsame entwickeln von projekten ist immer wieder spannend. jede und jeder lernt von jedem und jeder – vernetzung, verbindung und zusammenwirken statt one-way – kommunikation in horizontalen strukturen statt vertikal von oben nach unten oder unten nach oben.

    we are what we share.