zum heutigen gedenktag an das massaker von srebrenica erscheinen viele kommentare. einer, der mich besonders beeindruckt ist von nedad memić im magazin KOSMO.
„Die Opfer von Srebrenica mögen aus einem bestimmten Volk und einer bestimmten Religion stammen, sie symbolisieren aber das Leiden der gesamten Menschheit. Denn das, was uns alle Menschen gleichwohl verbindet, ist unser Schmerz: Er ist überall gleich, egal um welche Opfer es geht, welchem Volk und welcher Religion sie angehören. Sollen dann solche Gedenktage nicht ein Ansporn für uns alle sein, menschlicher zu werden? Sich in unsere und die Trauer der anderen hineinzuversetzen und sie zu verstehen? Zu oft vergessen wir, dass jedes menschliche Leben gleich wert ist: Respektieren wir also dieses Leben und lassen wir niemals zu, dass Menschen aufgrund einer sinnlosen Ideologie zugrunde gehen.“
während ein verzweifelter vater die leiche seine kleinen sohnes hilflos durch die trümmer nach dem bombenangriff trägt, schreiben viele blogger_innen und facebooker_innen ihre proteste gegen den wahnsinn krieg. journalist_innen tippen verzweifelte berichte, es bleiben stets mehr fragen offen, als beantwortet werden können.
leichen zählen. tote gegeneinander aufrechnen. das alte spiel „wenn du mir meine tochter erschiesst, bringe ich bei euch fünf kinder um“. die fanatismen, die fundamentalismen, die machtstrukturen.
es gibt tage, wo es geradezu absurd anmutet, überhaupt noch etwas zu schreiben.
frieden? was war das für ein wort! inzwischen auf dem flohmarkt der naiven verstaubt. kaum mehr was wert. ja, auf allen seiten gibt es menschen, die das alles nicht haben wollen, die keinen krieg wollen, die niemanden umbringen wollen, die sich ein zusammenleben vorstellen können. sie schreiben sich, sie gründen facebook-gruppen und ermuntern sich gegenseitig.
doch mal ehrlich. was hat sich verändert?
gemessen an den realitäten erscheint das, was wir so tun, anklicken, unterschreiben, petitionieren und teilen geradezu absurd. dem vater, der die leiche seines kleinen sohnes aus den trümmern holt, kann kein „like“ auf facebook und auch kein blogartikel helfen. das bild von ihm und seinem toten sohn wird eher die stimmung aufheizen, weiter an rache zu denken. und es kann uns nicht wundern.
der österreichische strafvollzug kommt nicht aus den schlagzeilen. vergewaltigungen, sexuelle belästigungen, schwarzhandel, mordversuch, tödlich „zu heiss“ gebadete gefangene, verwahrloste gefangene, usw. (heutiger bericht)
bei einem als typisch österreichisch anzunehmenden vertuschungsgrad sind die dinge, die ans „tageslicht“ geraten viel zu viele. sie reichen aus um klar sagen zu können:
der strafvollzug steckt in der krise. wir brauchen komplett neue konzepte für justizanstalten.
solange strafvollzug menschen in gefahr, bedrohung und not bringt, kann keine „resozialisierung“ gelingen? wenn wir ersttäter, oft jugendliche, in einer brutstätte der gewalt stecken, welche botschaft gibt damit die gesellschaft diesen menschen?
ja selbst schwerstverbrecher und wiederholungstäter dürfen in keinem fall zu entrechteten kreaturen degradiert werden, die in den „selbstmord“ getrieben werden, wenn nicht sogar versucht wird, sie umzubringen. menschenrechte gelten für ALLE!
eine gesellschaft, die will, dass menschen sich an die regeln der menschlichkeit und der demokratischen gesetze handeln, darf gerade im strafvollzug genau diese werte nicht verraten.
es reicht keine simple gefängnisreform.
wir brauchen einen zeitgemässen umgang mit menschen, die sich etwas zu schulden kommen haben lassen, wir brauchen deren aktive und nach allen erkenntnissen der modernen psychologie gestaltete hinführung zur reifung der menschen.
dass straftaten konsequenzen haben müssen, ist klar. dass wir aber in der gestaltung der massnahmen endlich das finstere mittelalter hinter uns lassen sollten, sollte auch klar sein. dazu müssen wir uns von vielen, sehr vielen scheinbar selbstverständlichen bildern verabschieden und alles neu denken. beginnen wir gleich mit einem zentralen bild:
schaffen wir gefängnisse ab!
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foto: michael coghlan creativecommons lic by sa
auf den tag genau 70 jahre nach dem „sturm“ der nazis auf die kleine salzburger gemeinde goldegg, bei der ca. 1000 nazi-soldaten jagd auf wehrmachtsdeserteure machten, hatte der film „in der kurve“ von gabriele hochleitner am 2.juli seine uraufführung in goldegg und zwei tage später im „das kino“ in salzburg die zweite premiere.
peter hochleitner hat ein dringendes anliegen. es treibt ihn, er will etwas berichtigen, für sich, für seine familie, für seine nachkommen und für alle, die nicht wegschauen wollen. das gedenk-marterl für seine von naziverbrechern ermordeten brüder fordert bisher schlicht „zum gedenken“ an simon und alois auf, als wären diese an jener stelle „einfach verstorben“. das will und kann peter hochleitner so nicht stehen lassen. er will den gedenkstein renovieren lassen und mit einem neuen text versehen, der klar benennt, dass die brüder „von der gestapo meuchlings ermordet“ wurden.
seine tochter gabriele hochleitner erkennt die chance, die vorbereitungen, die renovierung des steines, das freilegen des tatortes „in der kurve“, an dem bäume inzwischen wie das sprichwörtliche gras über das geschehen gewachsen waren, und später die errichtung des neugestalteten steines zum leitmotiv durch einen sehr vertraulichen film zu machen, in dem alle noch lebenden geschwister hochleitner, die damals die ermordung der beiden brüder miterleben mussten, zu ihren erinnerungen befragt werden.
es entsteht ein unglaublich dichtes und intimes bild, das erleben lässt, wie stark die geschehnisse vor 70 jahren noch immer in den seelen der erzählenden wühlen, wie sehr sie trotz aller überlebensstrategien und wohl auch unfreiwilliger sprachlosigkeit immer noch verletzt und betroffen von den ereignissen sind. der film ist den subjektiven stimmungen und wahrnehmungen der erzählerInnen verpflichtet und wird gerade deswegen zu einem starken statement. die urpersönlichen betroffenheiten sind es, die ansprechen und spüren lassen, dass solche geschichten uns alle betreffen.
so wie die erzählenden durch die einfühlsame art von gabriele hochleitner völlig die kamera vergessen, sondern immer wieder familiär ihre nichte „gabi“ ansprechen, so machen die szenen vergessen, dass wir im kino sitzen. hier begegnet uns eine familie, die durch ihre offenheit und ihr hadern mit dem schicksal uns alle mitschwingen, mittrauern, mitweinen lässt. keine emotion wird ausgespart, keine political correctness verschweigt die rachegefühle, die wut und die ohnmacht, die jedeN einzelneN dieser familie auf unterschiedliche weise erschüttert haben muss. auch verweigert die filmemacherin jede sensationsmache oder überhöhung. ihr gelingt eine achtsamkeit, die wohl die basis für jene geborgenheit der gesprächspartnerInnen war, um sich wirklich zu öffnen. das braucht zeit, das braucht geduld und schutz. niemals wird eine emotion blossgestellt oder voyeuristisch ans licht gezerrt. es gibt momente des atemanhaltens, aber auch zum durchatmen.
die filmemacherin veranstaltet weder eine zweistunden-therapie noch blossen geschichtsunterricht. sie zeigt die einmalige chance, die eine familie aus anlass der initiative eines der ihren ergreift, vieles von dem jahrzehntelang kaum ausgesprochenen endlich los zu werden, mitzuteilen und mit der identität neu zu verknüpfen. gerade die uneindeutigkeit wird zur grossen stärke, jede einzelne schilderung hat ihre ganz eigene blickrichtung und ihre emotionen. die hochleitners erzählen nicht eine uniforme geschichte, sondern den konglomerat aus hilflosigkeit, verzweiflung, trauer und mitunter durchaus unterschiedlichen einschätzungen des geschehenen.
gabriele hochleitner widmet diesen film ihrem cousin erwin, dem sohn ihrer tante elisabeth hochleitner
und des deserteurs karl rupitsch, nach dem die naziverbrecher am hof der hochleitners so brutal gesucht hatten. erwin war noch ein baby, als die nazis seine familie zerrissen. mit 18 jahren nahm er sich schliesslich das leben.
wir alle können von der familie hochleitner lernen. in uns allen stecken solche verdeckten, verschwiegenen und unaufgearbeiteten lebensthemen. als peter hochleitner bedauert, nicht früher das schweigen und die sprachlosigkeit durchbrochen zu haben und zb. mit seiner schwester elisabeth über die schrecklichen erlebnisse und ihr überleben im kz ravensbrück, die ermordung ihres geliebten und vater ihres kinders im kz mauthausen oder über den selbstmord ihres sohnes gesprochen zu haben, spricht er beinahe beiläufig einen kernsatz des filmes aus: über alles – auch über schuldgefühle – zu sprechen „hätte zwar nichts geändert, aber es hätte uns weitergebracht.“
damit bringt peter hochleitner auf den punkt, worum es nicht nur in diesem fall, sondern auch in so vielen anderen fällen schrecklicher, nicht mehr zu ändernder vergangenheiten geht: wenn wir uns weiterbringen wollen, also das schreckliche überwinden und bewusst weiter leben wollen, müssen wir uns öffnen. dass das gar nicht so einfach ist, auch das zeigen die hochleitners. aber sie haben die chance genutzt, die wir alle ergreifen können:
Fördern und Unterstützen ja, Sanktionieren nein – das ist die Botschaft des Runden Tisches zur Regulierung von Problemen, die mit Betteln im öffentlichen Raum entstehen (können)
Der runde Tisch müsse auch anecken, schreibt Heidi Huber in den SN und übersieht dabei, dass der Runde Tisch klar und eindeutig Stellung bezogen hat – gegen Hetze, Sanktionierung und hoheitlicher Reglementierung von Betteln.
Die Botschaft des Runden Tisches ist nicht einhellig aber mit großer Mehrheit darin zu sehen, dass
a) die Sichtbarkeit von Armut der Bevölkerung zumutbar ist, dass aber
b) gezielt Mittel und Instrumente eingesetzt werden sollen, um daraus entstehende Probleme in der Öffentlichkeit und im öffentlichen Raum bewältigen zu können.
c) Als oberste Prämisse soll dabei dem Grundsatz unserer rechtsstaatlichen Verfassung entsprochen werden, jeweils gelinde und nach Möglichkeit fördernde Maßnahmen zu ergreifen.
Das nenne ich: Anecken! und zwar mit einer humanitären Grundhaltung, die ich bei einzelnen Teilnehmern des Runden Tisches trotz konstruktiver und sachlicher Gesprächskultur leider nicht erkennen kann.
Der Kommentar von Heidi Huber erweist der Sache leider keinen guten Dienst und zeigt, dass die SN in dieser demokratiepolitisch und menschenrechtlich relevanten Angelegenheit offensichtlich Lernbedarf hat.
Leserbrief von Heinz Schoibl an die Salzburger Nachrichten
hier als Gastkommenatr wiedergegeben.
quer durch alle medien die grosse nachricht: für eine studie hat facebook schon vor längerem gezielt die timelines gefiltert. die einen erhielten bevorzugt negative meldungen, die anderen positive. wieder andere weder noch, sondern eher neutrale einträge.
die empörung ist gross. natürlich zu recht.
nur: wer hat wirklich geglaubt, dass derartiges nicht passiert? schliesslich muss uns bewusst sein, dass jedes medium gesteuert wird. jede redaktion will die ergebnisse optimieren, die reichweite erhöhen. die einen wollen kaufzahlen, auflagen in die höhe treiben, die anderen klickraten. das bringt geld, das bringt reichtum. und die gier ist unendlich.
und natürlich ist es auch eine politische dimension. nicht nur theoretisch können umstürzlerische tendenzen gebremst oder verstärkt werden, systemkritik befördert oder unterdrückt werden. das alles passiert.
empörend ist daher viel mehr die naivität darüber, dass solches was jetzt über facebook bekannt wird, neu sei oder nur facebook mache. je besser verbreitet ein medium, ein nachrichtensender, eine zeitung, eine presseagentur oder eben eine social media plattform ist, umso grösser die möglichkeiten der einflussnahme und der steuerung, der manipulation und der stimmungsmache. wir sind algorithmus-gesteuert!
wenn das jetzt so vielen so neu und unvorstellbar erscheint, dann liegt vieles im argen. denn das zeigt, wie naiv die userInnen sind, wie unvorstellbar nichts ahnend sie zum spielball gefilterter inhalte und gesteuerter timelines werden.
aufklärung tut not. das setzt voraus, dass die medienerziehung, die medienbildung endlich einen relevanten platz in unseren bildungsangeboten bekommt.
aufklärung tut not. uns muss auch bewusst sein, dass genau diese aufklärung nicht unbedingt im sinne der machthabenden sind. dazu müssen sie nichteinmal erdogan heissen, das betrifft auch die machthabenden in unseren kultur- und politischen machtkreisen.
vielleicht bringt die empörung über die experimente bei facebook einen impuls. aber nur dann, wenn wir erkennen, dass es kein isoliertes facebook-problem, sondern eines unserer medialen strukturen ist.
wenn wir demokratische strukturen wollen, müssen wir uns empören und gegenseitig aufklären, aber nicht nur über facebook.
facebook? ich bin empört!
_______ foto: dimitris kalogeropoylos dkalo creative commons locence by sa
heute hat der verfassungsgerichthof das einzig richtige getan. er gab den klägerInnen gegen die #vds vorratsdatenspeicherung recht und kippt damit die anlassfreie speicherung wahnsinniger datenmengen.
super. ein erfolg für alle, die gegen diesen überwachungswahnsinn von mikl-leitner und co aufgestanden sind. es zahlt sich aus, gegen krankhafte und krankmachende strukturen die stimme zu erheben und vor die gerichte zu gehen.
ein feiertag.
was wir an diesem feiertag nicht verlieren dürfen, ist unsere skepsis. es wäre naiv zu glauben, dass die datenkopiererInnen, datenabsaugerInnen und datenauswerterInnen heute vormittag ihre rechner runtergefahren haben und jetzt unglaubliche menge freie speicherkapazitäten haben.
wir müssen nicht edward snowden heissen, wir können auch so eins und eins zusammenzählen. das absaugen von daten ist gold, also viel geld und noch mehr profitchancen wert. wer wird da einfach aufgeben. und von den „geheimdiensten“ ganz zu schweigen. die saugen ohnehin längst alles ab, wo und wann immer sie technisch können. ob legal oder illegal, darüber entscheiden die gesetze. nicht aber darüber, ob das datenabsaugen passiert oder nicht.
kein feiertag.
mikl-leitner und co sind nicht alleine. genügend interessierte werden ab sofort halt etwas getarnter, etwas versteckter, aber ohne mit der wimper zu zucken ihr ding weiter durchdrücken. der preis hat sich geändert. illegale daten haben einen besseren marktwert, als ganz legal beschaffte. money makes the web go round.