schallenbergs schwarze oder türkise pädagogik

welch menschenbild muss einem zugrundeliegen, wenn er von „zügel straffer ziehen“ spricht, während es um menschen, die in unserem land leben, geht? wie kann einer glauben, es würde motivieren, wenn mit „ungemütlichen“ feiertagen gedroht wird?

es ist zum fremdschämen, wie der platzhalterkanzler dem von politischen gegner*innen oft eingebrachten vorurteil, er wäre ein abgehobener und präpotenter adeliger, punktgenau entspricht. es hätte fast belustigende spannung, irgendwo zwischen nestroy und graf bobby, ginge es nicht um – im wahrsten sinne – todernstes: um den umgang der regierung mit der pandemie.

als bekennender impfbefürworter habe ich zwar kein verständnis mit verrückten schwurbler*innen, die in ihrer engstirnigkeit nicht zur kenntnis nehmen wollen, dass sie nicht nur sich, sondern auch das leben vieler anderer gefährden.

aber: unter jenen – zuvielen – menschen, die sich bisher noch zu keiner impfung entschieden haben, sind längst nicht nur rechte und verschrobene existenzen, sondern auch unsichere, zweifelnde, abwägende, ängstliche und skeptische mitmenschen.

diese in einen topf zu werfen, wäre schon mal der erste grundfehler. und diesen topf dann auch noch als den der „zauderer und zögerer“ zu branden, ist der zweite.

überwachen und strafen, drohen und verunsichern sind konzepte der schwarzen (wen wunderts?) pädagogik, die zwischen den „braven = geimpften“ und den „bösen = ungeimpften“ einen unüberwindbaren keil treibt. applaus, applaus. das also ist die neue schwarze pädagogik, oder sollen wir noch sagen, die türkise pädagogik?

ja, auch mir platzt manchmal die nicht vorhandene hutschnur, dann werde ich ungeduldig und verstehe ganz und gar nicht, wieso es für so viele menschen so schwer ist, sich impfen zu lassen. doch dann denke ich an meine eigenen bedenken bei so vielen anderen impfungen früher und daran, dass das letzte, was mich umdenken hätte lassen, wohl ein autoritäres geschnösel gewesen wäre, vorgetragen in höchst undiplomatischem, weil empathielosen züchtigungston.

nun aber haben wir die schlimmste welle seit beginn der pandemie und im politischen dialog wird unverantwortlich polarisiert. chaoslisten, wie jene, die in oberösterreich so ganz und gar nicht überraschend gewählt wurden, bedanken sich für die unbezahlbare unterstützung. das kann noch schwerwiegende langzeitfolgen haben, eine art longcovid der politik.

seit mitte des jahres haben expert*innen in unermüdlicher folge immer wieder darauf hingewiesen, dass wir – so nicht tatsächlich ein schutzkonzept umgesetzt wird – auf eine dramatische spitze im herbst zusteuern. nun stellt sich heraus, dass diese expert*innen tatsächlich richtig lagen.

die reaktion darauf? entweder modell schallenberg: alles leugnen und behaupten, es konnte ja niemand ahnen und irgendwas von einer kristallkugel schwafeln. oder modell haslauer: sich in beschämender weise über expert*innen lustig machen und diese diffamieren.

a propos haslauer: wer auf eine entschuldigung gewartet hatte, wurde bitter enttäuscht. am tag nach seinen ihn selbst disqualifizierenden angriffen erklärte er, dass die krtik an seinem „sager“ wohl ebenso „pointiert“ gewesen sei und führte dann aus:

„Aber in der Empörungskultur, die wir in Österreich derzeit haben, kann man keine pointiert formulierte Aussage treffen, das nehme ich zur Kenntnis.“

damit echauffiert sich ein wohl entgleister landesfürst mehr über die tatsache, dass er kritisiert wurde, als über seine verfehlten aussagen. einsicht geht anders, entschuldigung geht anders.

in pandemischen zeiten ist die gesellschaft mehr als verletzlich, da sind derartige angriffe gegen expert*innen, die täglich hart gegen die pandemie kämpfen und menschenleben retten wollen, nicht hinnehmbar. die chance, dies als einen einmaligen ausrutscher zu erkennen, der nicht hätte passieren dürfen, hat haslauer anscheinend nicht einmal angedacht. im gegenteil: er kritisiert die kritiker*innen. auch das passt in das konzept.

es mag schon bitter sein, wenn das trio köstinger, platter und haslauer völlig aus der zeit und den kurven gefallen die wintersaison herbeibeschwören, und den glauben an diese zur neuen religion der wirtschaftstreibenden ausrufen, um dann praktisch zeitgleich von den expert*innen gesagt zu bekommen, dass es diese saison nicht so spielen wird, zumal deutschland und frankreich bereits beschlossen haben, das tatsächliche risiko auch als solches zu benennen.

ischgl wird uns noch mal harmlos vorkommen im vergleich zu dem, was sich in diesen monaten anbahnt. daran wird auch eine ziemlich absurde idee des „lockdowns für ungeimpfte“ nichts ändern. im gegenteil. es wird menschenleben kosten. und da will dann natürlich niemand schuld haben. am wenigsten die verantwortlichen.

das konzept ist so fatal wie letal.
schallenbergs schwarze oder türkise pädagogik

ps. dass ein gesundheitsminister erst im post scriptum erwähnt wird, ist symptomatisch. manche sagen, dass er „eigentlich“ sehr engagiert arbeitet, aber dass ihn der „koalitionspartner“ schlecht ausschauen lassen will. die pressekonferenzschlachten der vergangen woche scheinen das zu bestätigen. irgendwann aber wäre „gefahr in verzug“, dann geht es nicht um (vorhersehbare) politischen machtspiele, sondern tatsächlich um menschenleben. konsequenz? siehe oben: „da will dann natürlich niemand schuld haben.“

bild: moritz schrebers „geradhalter“, gemeinfrei

Autor: bernhardjenny

kommunikationsgestalter meine unternehmen: jennycolombo.com, conSalis.at blogger, medienkünstler, autor, erwachsenenbildner salzburg - wien

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