eine unbedachte KZ-aussage mit potential?

die rektorin des mozarteum salzburg, elisabeth gutjahr, berichtet in einem gespräch mit reinhard kriechbaum von drehpunktkultur.at über die lage der studierenden und lehrenden in zeiten von corona und einer neuerlichen schliessung des präsenzunterrichts nach diversen clustern im hause.

vielleicht wollte sie nur die kraft beschreiben, die schöpferischem tun und kreativen prozessen innewohnt. vielleicht hat sie sich tatsächlich nichts dabei gedacht, einen zumindest unglücklichen kontext herzustellen. möglich.

zitat drehpunktkultur:

„Der Bildung ist zuzutrauen, dass sie mit hohem Verantwortungsgefühl imstande ist, Angebote zu machen.“ Künstler hätten es immer schon verstanden, in Krisensituationen positive Beiträge zu leisten. „Das Potential von Künstlern ist hoch, denen fällt etwas ein – selbst im KZ haben sie komponiert und Konzerte veranstaltet.“

auch wenn reinhard kriechbaum die aussagen nur teilweise als wörtliches zitat kennzeichnet, so ist dieser bereits seit vielen jahrzehnten als beobachter der kulturszene bekannt und daher darf von der inhaltlichen richtigkeit der aussagen von rektorin gutjahr ausgegangen werden.

vielleicht hat sie an menschen wie die cellistin und holocaust-überlebende anita lasker-wallfisch, die gezwungen war, mitglied es mädchenorchesters von auschwitz zu sein, gedacht:

Anita wurde im Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert. Als verurteilte Kriminelle war sie ein Karteihäftling, wurde mit einem Gefangenentransport in das Lager gebracht und entging so der bei Sammeltransporten mit Juden üblichen Massenselektion, bei der die meisten sofort in die Gaskammern geschickt und dort ermordet wurden. Sie bekam die Häftlingsnummer 69388. Unmittelbar nach ihrer Ankunft wurde im Lager bekannt, dass sie Cello spielen konnte. Man gab ihr ein mit nur drei Saiten bestücktes Instrument und ließ sie in dem bislang nur aus Violinisten und Mandolinenspielern bestehenden Häftlingsorchester unter der Leitung von Alma Rosé mitspielen. Nach ihrer Befreiung gab sie zu Protokoll:
„Als 1944 Tausende von ungarischen Juden in das Lager gebracht wurden und aufgereiht standen, um in die Gaskammern geführt zu werden, mussten wir auch diesen Unglücklichen etwas vorspielen.“
(wikipedia)

ist das der kontext, in welchen die rektorin gutjahr die kreativität in zeiten von corona stellen wollte?

wenn ja, dann wird sie erklären müssen, wie sie zu einem solchen bild kommt.

wenn nein, wenn es etwa „nur“ eine unbedachte äusserung war, dann muss die frage gestattet sein, wie eine hohe funktionsträgerin des kulturellen lebens sich eine solche gedankenlosigkeit leisten kann.

eine frage, mit der sich dem vernehmen nach auch der senat auseinandersetzen wird.

welche bilder entstehen bei den leser*innen dieses artikels? blankes entsetzen war zumindest der anlass bei jener freundin, die mir heute früh den artikel übermittelte. sie ist damit nicht allein.

eine unbedachte KZ-aussage mit potential?

Bild: Fritz Kornatz – Fédération Nationale des Déportés et Internés, Résistants et Patriotes (gemeinfrei) – Häftlingskapelle im Konzentrationslager Mauthausen

Bis 1942 hatte im Lager eine kleine Gruppe von Häftlingen unter Anleitung von Wilhelm Heckmann,[15] einem deutschen Berufsmusiker, im SS-Casino und diversen Anlässen musizieren müssen. Bei öffentlichen Hinrichtungen spielten sie Schlager und Volkslieder wie Komm zurück oder Alle Vögel sind schon da. (wikipedia)

Autor: bernhardjenny

kommunikationsgestalter meine unternehmen: jennycolombo.com, conSalis.at blogger, medienkünstler, autor, erwachsenenbildner salzburg - wien

4 Kommentare zu „eine unbedachte KZ-aussage mit potential?“

  1. Diese unfassbare Kontextualisierung von KZ-Insassen die zum Musizieren genötigt wurden und quasi der kreativen Schaffens-Kraft von Musiker*innen überrascht mich nicht besonders, da ich immer mehr beobachte, dass sich auch in sogenannten „gebildeten Kreisen“ eine innere Abwehrhaltung entwickelt hat, die sich so zeigt, eben sich nur sehr oberflächlich mit den Grauen der Nazizeit beschäftigen zu wollen!

    Wenn ich die beeindruckende Dokumentation über/mit die/der Cellistin und Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch noch richtig in Erinnerung habe, dann berichtete diese starke Frau davon, dass SIE mehr oder weniger jeden Tag unter Todesangst spielte und ihr völlig klar war, dass der (tägliche-) morgendliche Appel immer über ihr Leben entschieden hat, … wurde sie dem „Mädchenorchester von Ausschwitz“ zugeteilt war der Tag gerettet und ihr blieb ein anderer Tag erspart, … ich schreibe in diesem Fall mit Absicht nicht „Gottseidank“ da ich nicht davon ausgehe, dass die Vorgänge in Ausschwitz auch nur ansatzweise etwas mit einem „Gott“ zu tun hatten.

    Der tägliche Todes-Auslese-Prozess beim „Mädchenorchester von Ausschwitz“ richtete sich übrigens nach der „Qualität des Gebotenen“ und das wussten die Musikerinnen, … so viel zur „fachlichen und menschlichen“ Sprach-Entgleisung der Rektorin Elisabeth Gutjahr!

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  2. Der gesamte Artikel im Drehpunkt zeigt, wes Geistes Kind da spricht! Wenn die „Bauarbeiter“ schuld sein sollen, dass Covid-Fälle in den heiligen Hallen aufgetaucht sind und wenn von „Asiaten, die nicht verschimmeln sollen“ gesprochen wird, so ist das ein Menschenbild der bedenklichen Art! Da ist es eben nur mehr ein kleiner Schritt zur Verharmlosung, in diesem Fall sind es nur wenige Zeilen. Man wird sich ansehen müssen, wie die Sache weitergeht.

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