das problem heisst nicht flüchtlingskrise, sondern humanitätskrise.

foto: dirk kruse cc licence by sa

wer zäune gegen flüchtende menschen aufstellt, ist gescheitert. maschendrahtzaun, dahinter eine zweite reihe stacheldrahtrollen. wer solches veranlasst, hat endgültig jede moralische autorität verspielt. nicht, dass johanna mikl-leitner diese noch gehabt hätte, aber das feuerwerk der grauslichkeiten ist schier unendlich.

wenn nun werner faymann trotz seiner brandrede gegen einen zaun (die er kurz nach seiner verkühlung anlässlich der wienwahl gehalten hatte) zulässt, dass mikl-leitner unser land wie orban flüchtenden menschen, familien, kleinen kindern anlässlich der eiseskälte des nahenden winters zu einem land der menschlichen eiseskälte macht, hat auch er jede moralische autorität verspielt.

wer anderen ländern millionen und noch mehr millionen flüchtende menschen zumutet, aber in unseren reichen ländern bereits bei ein paar tausend auf panik macht, hat nicht nur europa nicht verstanden, sondern auch die notwendigkeiten  einer humanitären und solidarischen gesellschaft verraten.

wenn dieser zaun der schande wirklich aufgestellt wird, ist es schlimm um uns bestellt. menschen, die durch meere geschwommen sind, in gummiboote gestiegen sind und durch jede unerdenkliche widerlichkeit gekommen sind, sollen nun von einem zaun aufgehalten werden? wie zynisch!

wir wissen offensichtlich nicht mehr, was die verpflichtung starker gegenüber schwachen, gesunder gegenüber kranken, reicher gegenüber armen, in sicherheit lebender gegenüber flüchtenden ist.
wir haben jede moral verlernt. wir sind unsozial.
die zu uns flüchtenden menschen bringen uns einen spiegel, der uns erschrecken lassen muss.

das problem heisst nicht flüchtlingskrise, sondern humanitätskrise.

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foto: dirk kruse cc licence by sa

UPDATE: die willkommenen in alberschwende können nicht mehr abgeschoben werden!

screenshot orf alberschwende

die solidarität der alberschwender bevölkerung hat sich ausgezahlt! jene willkommenen*), die akut von der abschiebung bedroht waren, haben nun die sechmonatige frist für abschiebungen nach dublin III überwunden und können daher nun einen rechtsgültigen asylantrag in österreich stellen! das ist ein erfolg für die menschlichkeit! eine engagierte övp-bürgermeisterin stellte sich gemeinsam mit der bevölkerung gegen die grauslichkeiten ihrer parteikollegin. das muss hier nochmals deutlich gesagt werden!

wir erinnern uns:
https://bernhardjenny.wordpress.com/2015/05/13/wir-brauchen-viele-alberschwende/

es gilt weiterhin:

nur eine verhinderte abschiebung ist eine gute!

*) wir sagen willkommene statt flüchtlinge
https://bernhardjenny.wordpress.com/2015/06/17/fluchtlinge-abschaffen/

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foto: screenshot orf

dieses update wurde heute auch auf fischundfleisch.com publiziert und ist auch dort aufrufbar.

die wirklich bedrohliche inflation in europa

© Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

die wirkliche inflation findet nicht beim geld statt. es sind andere werte, die uns schneller abhanden kommen, als die konten. es ist die moral.

“soziale sicherheit” und „solidarität“ scheinen wie alte geldscheine aus einer anderen zeit, kaum mehr etwas wert zu sein. wenn daran erinnert wird, dass unsere gesellschaft niemand in den ruin entlassen dürfte, so wird von “hängematte” gesprochen, wenn gefordert wird, dass niemand zwangsdeportiert werden darf, so wird von “kriminellen” und “schmarotzern” parliert.

wer kann es noch hören? schulden. krise. euro. rettung. hair cut. bankrott. sparen. kürzung. rating. alles kandidaten für die unwörter des jahrzehnts. und in wirklichkeit synonyme für die gezielte entsolidarisierung unserer gesellschaft(en).

wir wissen, alle diese begriffe haben auch etwas mit europa zu tun. und wir glauben, es geht ums geld. oder um den turbokapitalismus. vielerorts regt sich widerstand, unmut und empörung. viel zu wenig allerdings. und viel zu diffus.

der konflikt zwischen griechenland und dem europa der kriminellen geschwindigkeit ist nicht über die gesetzmässigkeiten des kapitals zu lösen. es wäre in jedem fall eine “focusfalle”, also das lenken der aufmerksamkeit auf das nicht wirklich wichtige, wenn wir weiter über geld, ob real entwendetes, fehlendes oder errechnetes, zu druckendes oder gar nicht vorhandenes sprechen.

die europäische politik befasst sich derzeit mit dem – zugegeben nicht unwesentlichen – symptom finanzen. viel dringender – und für einen weg aus dem schlamassel unverzichtbar – wäre eine wertediskussion. geschieht diese nicht, wird jeder weitere schritt einer ohne richtungsänderung sein – also richtung abgrund. wer behauptet, für solche diskussionen wäre keine zeit spielt den machenschaften der kriminellen in die hände. dann könnte es millionen verlierende und wenige, sehr wenige gewinnende geben. wieviele schritte es bis zum absturz sind, wissen wir nicht.

die kleine schrift “empört euch” war wohl der verzweifelte versuch eines widerstandskämpfers und mitautors der menschenrechtserklärung, die menschen dieser welt wachzurütteln. der vor zwei jahren verstorbene stephane hessel konnte wohl schwer verstehen, wie schnell unsere gesellschaften die lehre aus der tragischen geschichte vergessen konnten. er konnte wohl schwer verstehen, dass gier, habsucht und machtgelüste uns regieren und werte wie solidarität und frieden dem alltagswahnsinn geopfert sollten.

wie musste es für einen kz-überlebenden wirken, dass wir nur wenige jahrzehnte nach dem holocaust in stumpfheit und angst vor “autoritäten” passiv bleiben, nichts gegen die wahnsinnigkeiten des neoliberalen diktats und die zerstörung der solidarität unternehmen?

kurz, einfach und klar brachte stephane hessel in seiner streitschrift “empört euch” seine gedanken auf den punkt. es ist kein vermächtnis einer einzelperson, sondern eine bis zum letzten moment seines lebens laut erhobene stimme im namen von millionen für viele andere millionen.

alle, die eine wirkliche demokratie und eine humane gesellschaft wollen, sind dringend aufgerufen, sich für diese aktiv einzusetzen. und haltung zu beweisen. weder der derzeitige euro noch eine andere oder zukünftige währung wird uns retten können, solange wir nicht wissen, welche werte unsere gesellschaft wirklich verfolgt. scheinbar war dies einmal klarer als heute. der verlust der moral hat uns überhaupt erst dorthin kommen lassen, wo wir derzeit angelangt sind.

es ist die inflation der solidarität, die es zuerst zu bekämpfen gilt:
die wirklich bedrohliche inflation in europa

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dieser artikel ist am 17.3.2015 auf fischundfleisch.at erschienen und ist auch dort aufrufbar:
https://www.fischundfleisch.at/politik-jetzt-ich/die-wirklich-bedrohliche-inflation-in-europa.html

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foto: Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

der tod von tugçe muss konsequenzen in uns allen haben.

foto: onnola creative commons by sa

zwei frauen werden von drei männern vor der toilette eines fast-food-restaurants in offenbach angegriffen, vermutlich auch sexuell bedrängt, tugçe sieht nicht weg, sie geht dazwischen, will den streit schlichten. einer der angreifer, ein 18-jähriger, schlägt der 22-jährigen tugçe albayrak in folge derart brutal gegen den kopf, dass sie darauf trotz notoperation zwei wochen im koma lag und nach dem festgestellten hirntod zwei wochen später den verletzungen erlag. ihre lebenserhaltenden geräte wurden genau an ihrem 23. geburtstag abgeschalten.

viele erschüttert dieses geschehen. verständlicherweise. was seither auf diversen internetseiten und in diskussionsforen abgeht, ist sowohl beeindruckend, aber auch beängstigend. da sind einerseits jene, die in der beherzten aktion von tugçe ein heldenhaftes beispiel für zivilcourage sehen, da sind andere, die sich darin bestätigt fühlen, eben nicht dazwischen zu gehen, denn hier würde ja klar sichtbar, wie das enden kann.

während die einen ein postum verliehenes bundesverdienstkreuz für die deutsche tugçe fordern, ergehen sich andere in rassistischen und fremdfeindlichen diskussionen, der migrationshintergrund bei tätern wie opfer wird hier zynisch hin- und herdiskutiert. und natürlich wird auch der „her mit schärferen strafen“-reflex aktiviert. ist das die lösung?

tugçe ist tot. tugçe wurde für viele zum symbol. tugçe ist ein einzelfall. oder eben nicht. tugçe albayrak oder dominik brunner müssen uns alarmieren: gewalt und hass dürfen niemals einfach mit achselzucken in kauf genommen werden.

was ist mit denjenigen, die nicht hinschauen, nicht dazwischen gehen, die gleichgültig bleiben. sie geben der gewalt indirekt immer mehr raum, lassen die aktionen der „couragierten“ zu mitunter lebensgefährlichen einzelaktionen werden.

die kernfrage lautet:
isoliert eine um sich greifende gewalt die wenigen couragierten, weil die masse gleichgültig wegsieht, oder isoliert eine couragierte gesellschaft die gewalt, weil allen selbstverständlich ist, wie tugçe albayrak zu handeln.

damit wären wir bei der frage, wie solidarisch unsere gesellschaft, wie inkludierend und verbindend sie wirkt und ist. schafft unsere gesellschaft rahmenbedingungen des sozialen friedens oder ist sie opfer entsolidarisierender, verrohender kräfte?

tugçe wurde mit ihrem tod zur organspenderin.
wohl eine der höchsten formen der persönlicher solidarität mit anderen.
trauer um tugçe als medialer hype reicht nicht.
der tod von tugçe muss konsequenzen in uns allen haben.

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foto: onnola creative commons by sa