origin? ars electronica am scheideweg.

wie fatal müssen die antworten auf das motto des vergangenen jahres „repair – sind wir noch zu retten“ ausgefallen sein, dass heuer nun die wissenschaftliche rückschau zum thema wurde: „origin. wie alles beginnt“?
arselectronica_cern (pressefoto ars electronica flickr)

unsere zeiten und tempi werden immer schneller, immer weniger haben wir wirklich im griff, immer öfter müssen wir uns fragen, wohin das, was technologie, wissenschaft und forschung tun und bewirken, führt und ob wir das so wollen.

rückschau. zurück zum ursprung. back to the roots.
das kann heissen: uns die wurzeln unseres daseins bewusst machen, dem urgrund, dem leitmotiv allen daseins nahezukommen. logisch, dass dann jene, die dem urknall wissenschaftlich auf die schliche kommen wollen (cern), eine zentrale rolle bei diesem festival bekommen. der ursprung allen daseins in dem von uns erfassbaren (oder erahnbaren) kosmos lässt sonst eher nüchtern und sachlich denkende in einen erfurchtsvollen und nachdenklichen ton verfallen.

rückschau. zurück zum ursprung. back to the roots.
das hat auch ungeahnte folgen im hier und heute. schliesslich ist das world wide web ein in seinen auswirkungen damals gar nicht erkanntes (neben)ergebnis aus der praktischen arbeit der cern-forschung. welch unerwartete revolution!

rückschau. zurück zum ursprung. back to the roots.
könnte natürlich auch regressiv verstanden werden. „origin. wie alles beginnt“ könnte titel eines schmalztriefenden hollywoodschinkens sein, der davon ablenkt, uns den herausforderungen des hier und jetzt zu stellen. wer sich vor den herausforderungen der zukunft fürchtet, flüchtet in die vergangenheit. aber wir sind in linz.

ist es zufall, dass gerade bei diesem thema das ars festival „in die kirche“ geht? sind die virtuellen weiten der social media so unsicher, dass der mariendom zum schauplatz einer klanginstallation werden muss? führt uns der gang in den linzer dom näher an den ursprung?

was passiert mit hubschrauberlärm, verkehrsgeräuschen oder surrenden insektenschwärmen allein deshalb, weil sie im dom erklingen? „100000 m3 bewegte luft“ – eine klanginstallation von sam auinger (der in berlin lebt, aber mit diesem projekt selbst zu seinem eigenen „origin“ zurückkehrt) sollte sich „fragen des ichs und der gemeinschaft im 21.jahrhundert“ widmen. von sonnenuntergang bis sonnenaufgang, menschen die kommen, menschen die gehen, menschen die sich beim kommen und gehen bekreuzigen und hinknien neben anderen, die eben mal von der auch dieser tage stattfindenden weinverkostungsaktion („linz als grösste vinothek der welt“) mit halbvollem weinglas in den bänken sitzen und wieder anderen, die gar mit bier aus dosen hier ihren durst löschen. eben eine installation und kein konzert.

seit mehr als 30 jahren steht das ars electronica festival für einen qualitativen dialog zwischen wissenschaft und kunst, zwischen technologieentwicklerInnen und userInnen, zwischen vision und realität. spätestens bei der „visualisierten klangwolke“ (diesmal eine science-fiction-epos unter der regie von beda percht) drängt sich die frage auf, wie schmal der grad zwischen populär und oberflächlich ist. vermutlich wäre es ehrlicher, weniger „hintergrundsgeschichte“ und einfach „effekte“ abzuspulen, denn einem inhalt können die meisten der 130.000 besucherInnen ohnehin nicht folgen. eine erstaunlich schlechte beschallung des ufergeländes vermittelt gerade noch wubbernde bassgeräusche, eine erahnbare erzählerin und ein „noch nie in diesem ausmass dagewesenes“ feuerwerksgeballere.

hier wird erkennbar, dass das festival sich in den kommenden jahren entscheiden muss:

will ars electronica zur folklore werden? dann fehlen nur noch brezen und lebkuchenherzen und die kooperation mit dem urfahraner herbstmarkt eine woche später.

oder soll ars electronica aufwühlend und unausweichlich zukunftsfragen stellen? (was btw dem „origin“ des festivals entspräche.) dann darf ruhig mutiger und frecher agiert werden. wir sind in linz.

vielleicht wird dann das heute zu ende gegangene festival zum origin, der heute beginnt.

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Über bernhardjenny

kommunikationsgestalter mein unternehmen: jennycolombo.com blogger, medienkünstler, autor, erwachsenenbildner salzburg - wien

9 Kommentare

  1. schon wieder ein jahr?
    oder
    erst
    ein
    jahr?

    weiß nicht einmal, wie lang mir das verkommt

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  2. any chance, dass du/ihr zum #sbsmCamp komm(s)t respektive kommen könnt beziehungsweise überredbar seid?

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  3. Angelika87

    Ars Electronica ist schon seit langem in Richtung „Folklore“ – wie du das hier bezeichnest – unterwegs. Es ist angenehm, sich „modern“ fühlen zu können, als Stadt, als Land, als Bevölkerung, ohne Angst haben zu müssen, irritiert zu werden.

    Ist es Zufall, dass das CERN-Sujet des Festivals so stark an das Feuerwerk erinnert? Ja, man kann vieles banalisieren. Schade, es wäre wichtig, dass die Verantwortlichen einen engagierten Weg finden, das Festival aufzufrischen.

    Vielleicht sollten die Gründer des Festivals (Origin?) nach ihrer Meinung befragt werden?

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  4. mayonäse

    angelika: du meinst also ein „back to the roots“ täte dem festival gut? 😉

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  5. h,-

    insektengeräusche waren im dom keine (oder?).
    und bekreuzigen ist sowieso schon längst aus der mode.
    ansonsten sag ich nur gäääähn (zum artikel, nicht zum festival).

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    • ja hansi, bevor du einschläfst, da waren wirklich insektengeräuche, aber vielleicht hast geschlafen 😉 – und ob bekreuzigen in mode ist oder nicht, ich hab nur berichtet, welch unterschiedliche verhalten es auf einem platz gab.

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  6. Pingback: Was geschah bei Buddhas Erleuchtung? | Religion24

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