das kreuz mit den menschenrechten

es mag für manche überraschend sein, dass in der aktuellen diskussion rund um das „kreuz-urteil“ sich schon viele vertreterInnen verschiedener religionsgemeinschaften für den verbleib des kreuzes in den schulklassen aussprechen. dadurch wird aber auch deutlich, dass wohl viele sprecherInnen der religionsgemeinschaften in der symbolischen proklamation einer religion durch den staat den berühmten „fuss in der tür“ sehen, wodurch es einmal möglich wird, auch andere symbole neben das kreuz zu hängen. klar: wenn einmal die kreuze aus den klassenzimmern, gerichtssälen, gemeindestuben und altersheimen verschwinden müssen, dann wäre das anbringen anderer symbole auch in sehr weite ferne gerückt.

daher scheinen die religionsgemeinschaften plötzlich an der seite der christlichen kirchen zu stehen, die sich das kreuz aus den schulklassen nicht wegreden lassen wollen. was auf den ersten blick pluralistisch und offen aussieht, ist aber in wirklichkeit die sehnsucht nach macht, die sehnsucht, den staat, also die von steuerzahlerInnen bezahlte infrastruktur als „vertriebsweg“ ihrer eigenen proklamation zu nutzen.

beispiel schule: dieses direkte instrument, mit dem flächendeckend alle kinder und jugendlichen mit einem schlag zu erreichen sind, ist direkt und indrekt heissbegehrtes instrument für „productplacement“, „markeneinführung“ und damit eine kostengünstige form die kommunikationsbedürfnisse von unternehmen zu befriedigen. schulsponsoren erscheinen auf den schulhomepages, kugelschreiber, blöcke usw. werden in den schulen verteilt, sonderangebote kommuniziert – banken, versicherungen und andere breitenwirksame branchen wissen den wert solcher vertriebswege zu schätzen. natürlich sehen all diese massnahmen alt aus gegen das „kreuz(logo)placement“ in jeder schulklasse österreichweit.

es müsste im interesse der religiösen gemeinschaften sein, sich für eine trennung von staat und religion auszusprechen. denn viel öfter sind diese „unheiligen“ allianzen zum schaden beider teile bzw. zum schaden vieler geworden, als dies heute vielen in erinnerung zu sein scheint.

wer den verbleib der kreuze in den schulklassen fordert, befürwortet die botschaft einer einzelnen religion, sich als die „eigentliche“ und „richtigere“, weil öffentlich verbindlicher dargestellte, darzustellen. selbst wenn später einmal (leichte zweifel seien hier erlaubt) die symbole anderer glaubensrichtungen dazukämen (also zb. von allen anerkannten glaubensrichtungen – wie diskutabel diese form der anerkennung auch sein mag), würde dann die aussage überbleiben, dass der staat sich mit allen diesen glaubensrichtungen identifiziert, aber nicht mit den agnostikern oder jenen, die an keine religion glauben. haben menschen, die glauben, dass es keinen gott, keine götter, kein jenseits usw. gibt, nicht ebenso den gleichen anspruch auf anerkennung ihres glaubens?

von vielen wird das argument gebracht, dass religion nicht zur reinen privatsache verkommen dürfe, es müsse möglich sein, sich als gläubiger mensch öffentlich zu bekennen. dagegen hat sich aber das „menschenrechtsurteil“ niemals gewandt. niemandem soll es untersagt sein, sich öffentlich – also auch im öffentlichen raum – zu einem glauben zu bekennen, aber das hat nichts mit einem kreuz in einer schulklasse zu tun.

ob infostände, unterschriftenaktionen, demos oder andere formen der interaktion im öffentlichen raum – das motto „die strasse gehört allen“ darf durchaus als einladung an alle gesehen werden, sich mit der jeweiligen meinung, weltanschauung, politischen ansicht oder eben auch religiösen perspektive öffentlich zu produzieren. solche interaktionen sind unbedingt notwendig, um einen regen austausch in unserer gesellschaft zu ermöglichen. es liegt in der hand der religionsgemeinschaften, wie sehr sie kirchen, synagogen, moscheen und gebetshäuser als teil der öffentlichkeit bewusst eben dieser zugänglich machen.

sobald jemand gesetzlich verpflichtet ist, in einem öffentlichen raum viel zeit zu verbringen, darf dort keine proklamation einer religion passieren.

ein kreuz in einer schulklasse wäre nur mit einem bekenntnis aller, die diese institution tragen (also finanzieren, also steuern dafür zahlen), zu rechtfertigen. und eben genau das stimmt hier nicht.

ein kreuz in einer schulklasse ist eine festlegung von oben, die nicht haltbar ist. ebenso könnten eine oder zwei parteien ihr logo per „konkordat“ in jedes klassenzimmer bringen, schliesslich sind irgendwie auch parteien teil unserer kultur.

gefährlich wird die diskussion dann, wenn sich extreme gruppen, die alles andere als offen mit anderen religionen umgehen wollen, erfolgreich hinter dem argument einer eigenartigen „glaubensfreiheit“ verstecken können, die erst wieder nur für eine religion gelten soll.

wir leben in zeiten der zunehmend flachen kommunikationsstrukturen, der breiten vernetzung und der kommunikation in allen richtungen. die zeiten der machtvollen kommunikation von einem einzigen zentrum von oben nach unten, per verordnung oder konkordat, sind hoffentlich bald vorbei.

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Über bernhardjenny

kommunikationsgestalter mein unternehmen: jennycolombo.com blogger, medienkünstler, autor, erwachsenenbildner salzburg - wien

8 Kommentare

  1. 1024768

    Die Mölzers, Petzners, Dörflers dürfen sich über rege Unterstützung durch Pühringers, Haslauers und andere freuen!

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  2. Peter

    Mal ehrlich, wen stören denn die Kreuze wirklich? Das ist doch alles künstliche Aufregung um nichts. Meinetwegen können die dort hängen bleiben, schadet niemandem!

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  3. ein user namens „observer“ hat auf salzburg.com (wo ich meinen blog als leserbrief publiziert habe) folgendermassen reagiert:

    „Gerade in Klassen mit hohem Moslemanteil hat das Kreuz zu hängen als Signal, wer hier das Sagen hat. Stellen Sie sich vor, wir würden in der Türkei oder in Saudi-Arabien ein Kreuz im Klassenzimmer platzieren. Die sofortige Verhaftung wäre die geringste Maßnahme. Die dritte Türkenbelagerung auf der Straße reicht, wir brauchen nicht noch eine in unseren Klassenzimmern. Wenn`s den Moslems nicht passt, können sie dorthin gehen, wo der Muezzin ruft.“

    was soll manfrau zu solchen äusserungen noch sagen?

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  4. Danke für Deine gemäßigt laizistische Stimme! Es ist so wichtig, dass dieses Thema immer und immerwieder auf den Tisch gebracht wird. Das Kommentar auf Deinen Leserbrief ist erschreckend und schreit nach Kreuzverbannung – jetzt erst recht!

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  5. Ich sehe das mit dem Kreuz ja ein bisserl anderes, aber mir machen auch vor allem solche Kommentare wie der von salzburg.com Sorgen:
    http://www.thematisch.at/nur-wer-f%C3%BCr-minarette-schreit-darf-f%C3%BCr-das-kreuz-schulklassen-eintreten

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    • ja genau das sind die dinge, die uns zu denken geben sollten. es ist überhaupt kein problem, wenn wir unterschiedlicher meinung sind.

      ein grosses problem ist es aber, dass offensichtlich (wie die reaktionen beweisen) das kreuz für viele für ganz was anderes steht, was vielen christInnen keinesfalls recht sein dürfte… aber wer differenziert da schon, wer grenzt sich wirklich ab?

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  6. selbst auf die gefahr hin, dass ich noch mehr verwirrung auslöse, möchte ich feststellen:

    mir persönlich sind mein spirituelles erleben und meine diesbezüglichen erfahrungen sehr wichtig, grund genug mich immer wieder ganz bewusst mit den fragen des lebens auseinanderzusetzen.

    aber genau deswegen (und NICHT trotzdem) will ich volle akzeptanz für jede form persönlichen glaubens oder nichtglaubens (da ist für mich kein unterschied) erlangen, solange sie menschenrechte ungefragt akzeptiert.

    ich halte die menschenrechte für eine der bis dato höchsten zivilisatorischen leistungen der menschheit. nur auf dieser – in gleicher form für alle geltenden – basis werden wir unsere entwicklung als menschen dieser welt meistern können.

    eine saubere trennung von kirche(n), glaubensgemeinschaften und staat ist unverzichtbar für eine reife gesellschaftliche entwicklung einerseits und machtunabhängiger glaubenskultur. denn genau da liegt die gefahr: wo glaube und macht zusammen kommen, entsteht fast immer krieg. eine niederlage für uns alle.

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