von der unruhe nach der katastrophe

es hätte durchaus ein relativ „naives“ huldigungswerk für ein vielleicht idol, zumindest lieblingsautor werden können. sidi larbi cherkaoui wollte osamu tezuka, dem „grossvater der mangas“ ein denkmal setzen. dass mitten in die arbeit cherkaouis während eines aufenthalts in tokio das erdbeben, der tsunami und die atomkatastrophe im nur 600 km weit entfernten fukushima platzen würde, konnte er nicht voraussehen. die schockwellen der katastrophe sind im neuen tanztheaterstück „tezuka“ (österreichpremiere im festspielhaus st.pölten letzten samstag) des für seine sensibilität und konzentration, besser noch den für seine zentriertheit bekannten tänzers und choreographen cherkaoui spürbar.

TeZukA Foto: c Hugo Glendinning

cherkaoui (diesmal choreograf, aber nicht tänzer) ist nach wie vor ein meister der starken bilder, tanztheater wird hier zu einer reichen abfolge ausdrucksvoller sequenzen, die erleben lassen, dass tanz uns ganz im inneren, dort wo archetypen und urmotive zuhause sind, ansprechen kann.

spielerisch manchmal, dann wieder theatralisch übersteigert, feinfühlig in manchen momenten und jedenfalls voller dynamik, stellt uns cherkaoui anhand von manga-charakteren das leben des mangakünstlers tezuka vor, die welt der mangas und wohl auch jene gefühlswelt, die einst beim noch jungen mangaleser cherkaoui gewachsen sein muss, eine gefühlswelt, die ihn vielleicht zu jenen kraftbildern befähigen, für die seine produktionen bekannt sind.

beunruhigend oder unruhig präsentiert sich „tezuka“: bereits am anfang, aber dann zwischendurch immer wieder, werden kommentierende textpassagen von den künstlerInnen gesprochen, mal in französisch, mal in englisch oder japanisch, jedenfalls aber in einem solchen tempo, dass nicht nur die eingeblendeten übertitel kaum mehr sinnerfassend gelesen werden können, sondern sich auch das gefühl breit macht, dass es nicht der wunsch des gestalters gewesen sein kann, hier ernsthaft zu dokumentieren. war es stilmittel?

beeindruckend allerdings sind nicht nur die tänzerInnen der eigens für diese produktion gebildeten compagnie – herausragend dabei kazutomi kozuki als omnipräsenter atomgetriebener „astro boy“, damien jalet als katholischer priester und guro nagelhus schia, die sich im laufe des abends zunehmend steigert und in den letzten beiden szenen zu berührender hochform findet – sondern auch die musikerInnen auf der bühne, die aus dem abend gemeinsam mit der kaligrafie von tosui suzuki, den visuals und videos ein gesamtkunstwerk werden lassen.

TeZukA Foto:  c Hugo Glendinning

dass nach dem abend der wunsch nach ruhe und zentriertheit, nach weniger erläuternden texten und mehr vertrauen in die ohnehin ungemein starken bilder des tanztheaters auftaucht, dürfte auch cherkaoui nicht überraschen.

aber vielleicht wollte und konnte bewusst dieser abend nicht mehr zur ruhe finden: die alarmiertheit ist angekommen. die erwartbare ruhe und ästhetik allein reicht vermutlich nicht mehr aus, um der welt einen spiegel vorzuhalten. niemand weiss, ob die unruhe eine nach der katastrophe bleibt, oder eine vor der katastrophe ist.

beunruhigend. weniger fürs tanztheater als für diese welt.

veränderung braucht innere bilder

hätte es noch eines beweises bedurft, dass interkulturelle begegnung niemals nur das mischen von identitäten ist, sondern dass aus einem aufeinander einlassen immer mehr entsteht, neues und unerwartetes, dann wäre shantala shivalingappa und sidi larbi cherkaoui letzen samstag mit „play“ im festspielhaus st.pölten der endgültige beweis dafür gelungen. gerade weil niemand seine eigene identität verleugnet, sondern im bewussten bezug zu seinen wurzeln und herkünften steht, wird erlebbar, wie aus eins und eins mindestens sieben, wenn nicht zehn oder elf wird.

sidi larbi cherkaoui shantala shivalingappa foto: tristram kenton

shantala shivalingappa ist in madras, indien, geboren und in paris aufgewachsen, kehrte dann aber nach indien zurück, um dort die traditionelle indische kuchipudi-tanzform zu erlernen. sidi larbi cherkaoui ist marrokanisch-flämischer sohn eines muslim und einer katholikin, der in antwerpen geboren und aufgewachsen ist.

wir können der 2009 verstorbenen pina bausch für die folgenreiche idee dankbar sein, diese beiden tänzerInnen zu einer zusammenarbeit einzuladen. für viele scheint harmonie nur bei ähnlichkeit oder gleichheit denkbar zu sein, hier wird harmonie nicht trotz der gegensätze und ungleichheit der akteurInnen, sondern gerade durch die annehmende offenheit möglich.

shantala shivalingappa und sidi larbi cherkaoui gelingt mit diesem abend, an dem sie für choreografie, regie, tanz und gesang verantwortlich sind gemeinsam mit den hervorragenden musikerInnen patrizia bovi (gesang und harfe), gabriele miracle (percussion und hackbrett), olga wojciechowska (violine) und tsubasa hori (kodo-trommel) eine unglaublich dichte abfolge von beeindruckenden bildern, die dem geist gut tun.

jenem geist, der mit inneren bildern visionen und perspektiven entwickelt, die ohne diese bilder nicht so leicht entstünden. dabei entwickeln diese bilder gerade deshalb eine besondere kraft, weil sie niemals eindeutig sind, sie changieren in kontrasten und gegensätzen, verweben ernsthafte tiefe mit selbstironie und humor, fröhliche leichtigkeit mit meditativer zentriertheit.

und diesen geist wollen sie ihre aufmerksamkeit widmen. ein von shantala shivalingappa formuliertes statement bringt dies auf den punkt:

bis vor kurzem glaubte die wissenschaft, dass unser gehirn ab dem erwachsenenalter in seinem aufbau endgültig definiert sei. nun wurde aber entdeckt, dass durch entsprechendes training veränderungen möglich sind. wenn dies zb. durch konsequentes üben am klavier möglich ist, warum sollte das nicht auch durch konsequentes üben menschlicher qualitäten wie aufrichtigkeit, güte und friedfertigkeit möglich sein? wir verwenden viel zeit für erziehung und einübung verschiedenster fertigkeiten, aber erstaunlich wenig zeit für das üben dessen, was am wichtigsten ist: die übung unseres geistes.

ein solches statement hätte auch schulmeisterlich belehrend wirken können, wäre da nicht soeben ein erfrischend humoriges bild voller feiner selbstironie davor gewesen.

sidi larbi cherkaoui shantala shivalingappa foto: tristram kenton

es ist scheinbar paradox: je tiefer die künstlerInnen das geschehen auf das individuum mensch, jeweils auf sich selbst herunterbrechen, je authentischer sich die beiden im ständigen wechselspiel aufeinander einlassen, umso allgemein gültiger scheinen die botschaften zu werden.

durch die zentriertheit in sich selbst erblüht hier anmutig kulturelle vielfalt und menschliche pluralität. die getanzten, gesungenen und musizierten bilder sind zumindest hilfreich, an eine welt zu glauben, in der alle platz haben, genau so, wie sie sind.