zynismus tötet!

gaza

es ist zynisch, wenn die weltgemeinschaft angesichts der geschehnisse in gaza akademisch diskutiert, ob das, was dort kinder, frauen und männer umbringt, nun ein kriegsverbrechen, ein verbrechen gegen die menschlichkeit oder ein genozid sei, anstelle unmissverständlich und unverrückbar der rechtsrechten regierung unter netanjahu klar zu machen, dass das, was er da veranlasst, durch nichts, aber schon gar nichts zu rechtfertigen ist. ist es den durch angriffe der IDF sterbenden in irgendeiner weise hilfreich, wenn sie postum erfahren, dass es ein genozid war, an dem sie gestorben sind, oder doch nur ein einfaches kriegsverbrechen?

es ist zynisch, wenn menschen in statements gegen das verbrechen der IDF in gaza auf befehl von netanjahu, akribisch nachsuchen, ob nur ja auch die geiseln der hamas, der 7. oktober 2023 und das von manchen als das „grösste pogrom nach der shoa“ bezeichnete verbrechen ausführlich genug erwähnt wird. ist es dem durch angriffe der IDF sterbenden kind irgendwie noch tröstlich, wenn es erfährt, dass es aus vergeltung für einen terroranschlag sterben muss?

es ist zynisch, wenn manche so tun, als wäre das verbrechen der hamas vom 7. oktober 2023 in irgendeiner form zu rechtfertigen oder als befreiungsversuch zu verstehen. der überfall, die ermordungen oder besser hinrichtungen und schändungen, die aufs unmenschlichste gesteigerte verhöhnung von opfern, ist selbstredend nicht nur zu verurteilen, sondern muss mit allen mitteln der justiz verfolgt und bestraft werden.

es ist zynisch, wenn ein israelischer ministerpräsident angesichts der zunehmenden kritik an den geschehnissen in gaza und der dort herrschenden hungersnot und humanitären katastrophe, nun sogar die ausweitung der kampfmassnahmen bis zur völligen einnahme des gazastreifens beschliesst. damit zeigt er, dass ihm die noch in den händen der hamas befindlichen geiseln herzlich wenig bedeuten, sondern lieber einen ultimativen endkrieg einläuten will, der sich dennoch aus politischer correctness nicht als „endlösung der palästinenserfrage“ bezeichnen lässt.

es ist zynisch, was viele politische kreise, die sich verantwortlich mit den geschehnissen in gaza befassen wollen, in diesen tagen erleben: eine heftige und immens irritierende empörungswelle von solchen, die aus sehr unterschiedlichen gründen entweder den einen oder den anderen nicht das recht auf mitwirkung in einem diskurs zugestehen, weil nur sie – wer auch immer das in selbstdefinitionen sein mag – sich mit dem thema israel und gaza bzw. israel und palästina befassen dürften. daraus wird dann eine eigenartige polarisierung, die manche sprachlos macht.

es ist zynisch, wenn wir die lehren aus der shoa scheinbar vergessen, dass niemand sich über die menschenrechte und den wert jedes einzelnen lebens stellen darf, unabhängig davon, wo bzw. in welche volksgruppe, religion oder herkunft er/sie/es geboren wurde. und dass niemand – wirklich niemand – sich über diese grundrechte und menschenrechte stellen darf, wer immer es sei. es muss egal sein, welche staatsbürgerschaft, welchen glauben, welche identität ein mensch hat, für alle gelten die gleichen rechte und pflichten.

es ist zynisch, wenn es nun menschen gibt, die allein wegen des offenen ansprechens von verbrechen in gaza, ungestüm ausrasten, freundschaften aufkünden, verbindungen abkappen und sich auf eine rolle zurückziehen, die angeblich sonst niemand einnehmen kann und darf. unschuldig getötete menschen gehen immer uns alle an!

all diese formen des zynismus sind unbequem und lästig für jene, die darüber diskutieren wollen.
aber letztlich ist es noch viel schlimmer.

mit jeder minute, in der wir den wahnsinn nicht stoppen, verliert die menschheit!

wenn wir nicht endlich uns dazu durchringen, offen miteinander zu streiten, zu sprechen und uns vielleicht auch zu finden, wenn wir nicht dazu kommen, verbrechen zu benennen, um sie zu bekämpfen, dann leben wir (was manche gar nicht merken) in der lebensfeindlichsten form des zynismus. und nehmen dabei sehr viel in kauf. unendlich viele menschenleben.

zynismus tötet!

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lisa macheiner im gespräch mit bernhard jenny und uschi liebing

bernhard jenny: menschenleben ist menschenleben. terror ist terror. kriegsverbrechen ist kriegsverbrechen.

Image by hosny salah from Pixabay

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Autor: bernhardjenny

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2 Kommentare zu „zynismus tötet!“

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