es gibt momente, in denen worte kaum ausreichen, um das leid zu beschreiben, das menschen einander zufügen. die bilder und berichte aus dem gazastreifen sind so ein moment: babys, die zu schwach sind, um zu schreien. eltern, die gras kochen oder schildkröten aus kloaken fischen, um ihre kinder zu ernähren. familien, die von einem teller reis pro tag leben, während nur wenige kilometer entfernt lebensmittel im überfluss weggeworfen werden. „das ist keine krise mehr – das ist der kollaps“, wie die oxfam-mitarbeiterin bushra khalidi sagt. (der standard 17.5.2025)
doch das entscheidende ist: es sind nicht „die palästinenser:innen“, „die israel:innen“ oder „die jüd:innen“, die hier leiden oder sterben. es sind menschen. es sind kinder, mütter, väter, großeltern, menschen mit namen, mit träumen, mit hoffnungen. und jedes einzelne dieser leben ist gleich viel wert. es darf niemals sein, dass das leben eines kindes mehr oder weniger zählt, weil es palästinensische oder jüdische eltern hat oder dass zivilbevölkerung zum sterben verurteilt wird, weil es terrorist:innen oder befehlshaber:innen von armeen so passt.
„alle menschen sind frei und gleich an würde und rechten geboren“ und „jeder hat das recht auf leben, freiheit und sicherheit der person.“, so steht es in artikel 1 und 3 der allgemeinen erklärung der menschenrechte der vereinten nationen. ein universales prinzip. und doch wird es regelmässig und mit unterschiedlicher internationaler aufmerksamkeit in kriegen immer wieder mit füßen getreten.
im gazastreifen sterben kinder an hunger, weil hilfsgüter blockiert werden. hunger als waffe einzusetzen ist ein kriegsverbrechen. das ist keine meinung, das ist internationales recht. und es gilt immer, egal, wer der täter/die täterin ist. die verantwortung liegt bei denen, die die blockade verhängen, aber auch bei denen, die geiseln nehmen und zivilisten als schutzschilde missbrauchen.
doron rabinovici, der österreichische schriftsteller, der für eine klare solidarität mit israel gegen die hamas eintritt, bringt es auf den punkt: „nichts rechtfertigt eine hungerblockade und die übergriffe fanatischer siedler im westjordanland. nichts davon bringt mehr sicherheit für israel.“ auch wenn die hamas keine skrupel kennt und die eigene bevölkerung opfert, ist das kein freibrief für kriegsverbrechen. wer sich auf das niveau des gegners begibt, verliert moralisch und am ende auch politisch.
die internationale gemeinschaft, aber auch jede und jeder einzelne von uns, muss immer wieder klarstellen: kriegsverbrechen sind kriegsverbrechen. sie sind niemals zu rechtfertigen. es gibt keine „guten“ oder „schlechten“ opfer, keine „richtigen“ oder „falschen“ kinder. wer das leben von kindern als politisches druckmittel benutzt, hat jedes recht auf moralische rechtfertigung verloren.
gegen benjamin netanjahu wurde vor mehr als einem jahr ein internationaler haftbefehl durch den internationalen strafgerichtshof (IstGH) beantragt. netanjahu lässt aktuell seit wochen kaum nahrung und hilfsgüter in den gazastreifen.
hilfslieferungen stauen sich an den grenzen, während die bevölkerung hungert. die gezielte verknappung von nahrungsmitteln und medizinischer versorgung wird von internationalen organisationen und sogar von teilen des israelischen militärs als kriegsverbrechen eingestuft. anders als bei naturkatastrophen oder misswirtschaft ist die hungersnot in gaza eine direkte folge politischen handelns. netanjahu hält aus machtpolitischen gründen an rechtsextremen koalitionspartnern fest und will sich anscheinend von deren radikalen plänen nicht abgrenzen. selbst prominente israelis und militärs lehnen eine erneute okkupation gazas ab.
die internationale justiz prüft nicht nur die handlungen eines staates, sondern betont die individuelle verantwortung seiner politischen führung, also in erster linie benjamin netanjahus, was ein novum in der geschichte des nahostkonflikts bedeutet.
es braucht internationale zusammenarbeit in richtung eines abkommens, eines waffenstillstands. es braucht die sofortige freilassung aller geiseln und den ungehinderten zugang für humanitäre hilfe. und es braucht eine politik, die nicht auf rache, sondern auf versöhnung und gerechtigkeit setzt.
der weltberühmte dirigent und pianist mit israelisch-argentinischen wurzeln, daniel barenboim, steht wie kaum ein anderer schon seit jahrzehnten für die forderung, dass jedes menschenleben gleich viel wert ist, unabhängig von nationalität oder religion. er fordert empathie, dialog und die kompromisslose einhaltung des völkerrechts. seine stimme ist ein moralischer kompass in einer zeit, in der die verrohung und polarisierung zunimmt.
wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass das leid der einen weniger zählt, als das der anderen. wir dürfen nicht zulassen, dass kinder sterben, weil erwachsene den hass nicht überwinden können. jedes menschenleben zählt überall und immer. das ist der maßstab, an dem wir uns messen lassen müssen.
menschenleben ist menschenleben, terror ist terror, kriegsverbrechen ist kriegsverbrechen
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Dieser Blogpost ist am 6.6.2025 in ähnlicher Form auf DERSTANDARD.AT erschienen.
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