bedrohliche inflation in europa

suppenteller / foto: bernhard jenny

die wirkliche inflation findet nicht beim geld statt. es sind andere werte, die uns schneller abhanden kommen, als die konten. es ist die moral.

viele von uns nutzen sogenannte “soziale netzwerke” für den raschen austausch. das ist hype. das ist in. “soziale sicherheit” und “solidarität” scheinen dagegen fast, wie alte geldscheine aus einer anderen zeit, kaum mehr etwas wert zu sein. wenn daran erinnert wird, dass unsere gesellschaft niemand in den ruin entlassen dürfte, so wird von “hängematte” gesprochen, wenn gefordert wird, dass niemand zwangsdeportiert werden darf, so wird von “kriminellen” und “schmarotzern” parliert.

wer kann es noch hören? schulden. krise. euro. rettung. hair cut. bankrott. sparen. kürzung. rating. alles kandidaten für die unwörter des jahres.

wir wissen, alle diese begriffe haben etwas mit europa zu tun. und wir glauben, es geht ums geld. oder um den turbokapitalismus. vielerorts regt sich widerstand, unmut und empörung. viel zu wenig allerdings. und viel zu diffus.

mag sein, dass es ungeduld wäre, immer gleich orientierung und ausrichtung der entwicklungen zu erwarten. und niemand weiss, ob uns das organisierte verbrechen der spekulation nicht noch viel schlimmer an den abgrund oder gar hinab reissen wird.

es wäre allerdings in jedem fall eine “focusfalle”, also das lenken der aufmerksamkeit auf das nicht wirklich wichtige, wenn wir weiter über geld, ob real entwendetes oder gar nicht vorhandenes sprechen.

die grossen gremien der europäischen politik befassen sich derzeit mit dem – zugegeben nicht unwesentlichen – symptom finanzen. viel dringender – und für einen weg aus dem schlamassel unverzichtbar – wäre eine wertediskussion. geschieht diese nicht, wird jeder weitere schritt einer ohne richtungsänderung sein – also richtung abgrund. dann könnte es millionen verlierende und wenige, sehr wenige gewinnende geben. wieviele schritte es bis zum absturz sind, wissen wir nicht.

weder der derzeitige euro noch eine andere oder zukünftige währung wird uns retten können, solange wir nicht wissen, welche werte unsere gesellschaft wirklich verfolgt. scheinbar war dies einmal klarer als heute. der verlust der moral hat uns überhaupt erst dorthin kommen lassen, wo wir derzeit angelangt sind.

es ist die inflation der moral, die es zuerst zu bekämpfen gilt.

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dieser beitrag ist am 16.12.2011 auf nonapartofthegame.eu
erschienen und ist auch unter folgender adresse erreichbar:
http://nonapartofthegame.eu/?p=3235

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Über bernhardjenny

kommunikationsgestalter mein unternehmen: jennycolombo.com blogger, medienkünstler, autor, erwachsenenbildner salzburg - wien

8 Kommentare

  1. Die wahre Focusfalle: eine Wertedebatte.

    In Europa wird gespart. Knallhart. Wen trifft das? Die, die es immer trifft: Die Armen. Warum ist das so? Das ist eine Frage, die man nicht moralisierend und rhetorisch in den Raum stellen, sondern sich nüchtern und objektiv beantworten sollte.

    Eine Wertedebatte ist das genaue Gegenteil. Anstatt sich zu erklären, was die strukturellen Hintergründe von z.B. Armut und Sparprogramm sind, wird die mangelnde Moral der AkteurInnen beklagt. Das System ist somit aus dem Schneider.

    Wer ist denn schon wirklich gegen Solidarität, gegen soziale Sicherheit? Gut finden das doch alle – schließlich ist das ein moralisches Gebot. Warum passiert es dennoch? Das hat etwas mit politischer Ökonomie zu tun.

    Geradezu zynisch ist es, zu fordern, es solle nicht mehr über Geld geredet werden. Die PolitikerInnen wird das freuen: Gerede über Werte beruhigt und kostet nichts. Das Dumme: Mit Werten kann man keine Miete zahlen.

    Es gibt kaum etwas schlimmeres, was die Linke in der Krise tun könnte, als die sich aufdrängenden politökonomischen Fragen in eine Wertedebatte umzuwandeln. Werte und Moral – sie sind der ideologische Kit, der den Kapitalismus zusammenhält.

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  2. Arundhati Roy: „Wir brauchen neue Vorstellungskraft, eine neue Definition von der Bedeutung des Fortschritts, eine neue Definition von Freiheit, Gleichheit, Zivilisation und Glück auf Erden. Die Zeit des uneingeschränkten Individualismus ist vorbei.“

    http://www.zeit.de/2011/51/Interview-Roy

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  3. Eine ganz einfache Lösung unserer Probleme: Weltweite Verankerung in der Verfassung, das man mit Geld kein Geld mehr verdienen kann. Das heißt, Auflösung der Aktien und Wertpapierwirtschaft. Überleitung in Geben, Leihen, Schenken. Weiters begnügen uns wir mit einem Lohnunterschied von max. 1:10 Danke schön!

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  4. @Karl: Meinst du das ernst? Dass man mit Geld Geld verdienen kann, liegt an der Sache selbst: Mit Geld lässt sich die Ware Arbeitskraft kaufen, die über die Potenz verfügt, mehr Wert zu schaffen, als sie selbst kostet. Das lässt sich nicht verbieten, das lässt sich abschaffen – indem man am Privateigentum rüttelt, die Marktwirtschaft abschafft.

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  5. Normal was das ma a Geld mitn orbeitn verdient, owa net mitn Geld. Das ist nähmlich moderne Sklaverei! Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben wäre ein nettes Ideal. Ich verlange für meine Arbeit soviel Geld damit ich leben kann. Ich bezahle für meine Konsumgüter und für das was ich zum Leben brauche soviel das die anderen auch gut leben können.

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  6. martin zehentner

    mit geld kein geld verdienen? dann darf es aber auch kein sparbücherl geben, keinen bausparer udgl.

    aktien sind etwas sehr sinnvolles, weil sie unternehmen ermöglicht, abseits von klassischen krediten und beteiligungsverhältnissen, investitionen zu bekommen.

    wir können uns leicht darauf verständigen, dass wir auswüchse in unserem wirtschaftssystem nicht tolerieren, gesetzlich oder gesellschaftlich ächten. deswegen muss man das kind aber nicht jedesmal mit dem bade ausschütten!

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